„Magnus wird den Titel noch eine Weile halten“ – Vincent Keymers Biel-Bilanz

Am Ende wurden es 3,5 Punkte aus 7 Partien, Performance 2671. Unterm Strich steht für Vincent Keymer ein sehr ordentliches GM-Turnier in Biel. Und es hätte noch besser laufen können, wäre ihm ihn in der letzten Runde mit Schwarz gegen Romain Edouard nicht dieser Lapsus unterlaufen:

Eigentlich war alles super bei Schwarz. Bis …Tad8 galt: Der vermeintliche Schwächling auf f7/f6 hilft, einen Monsterspringer auf e5 einzubetonieren, außerdem gibt er Perspektive auf der g-Linie. Weiß dagegen muss höllisch aufpassen, nicht auf beiden Flügeln unter Druck zu geraten. 27…Tad8? sah aus, wie der normalste Zug der Welt, um die letzte nicht mitspielende Figur einzubeziehen und den Eindringling auf d6 zu befragen. 28.Txa6 oder Txf6 sind verboten wegen …Sd3. Aber leider scheitert der normalste Zug der Welt taktisch: 28.Txd8 Txd8 29.Db6 und Schwarz verliert Material und die Partie.

Nachlassende Konzentration mit dem Turnierende vor Augen? Schade jedenfalls, die Partie war bis dahin eine gelungene gewesen. Aber nun stehen in der Bilanz eben auch null Punkte aus drei Schwarzpartien, Anlass für eine Analyse. Mancher Beobachter wird nicht müde festzustellen, dass Vincent mit seinem Festhalten am (Najdorf-)Sizilianer nicht gut beraten sei.

Seien wir gespannt auf das nächste Turnier. Welches das sein mag, siehe unten, weiß Vincent selbst noch nicht. Beim German Masters demnächst in Magdeburg wird er jedenfalls nicht mit von der Partie sein. Keymer war als Teilnehmer vorgesehen, sagte aber schon vor Pandemiebeginn ab, um Schule und die (mittlerweile verschobene) Europa-Einzelmeisterschaft unter einen Hut bringen zu können. Die Online-Olympiade hat er ebenfalls abgesagt. Dort werden Luis Engel und Roven Vogel den U20-Spot für Deutschland besetzen.

In Biel stand Vincent Keymer abseits der Partien mehrfach vor der Kamera, unter anderem zum Kurz-Interview nach der letzten Runde. Wir haben aus den Videos das Bemerkenswerteste herausgefiltert und übersetzt.

Vierter Platz. Bist du zufrieden?

Ja, ich war an acht gesetzt, insofern kann ich damit wirklich zufrieden sein. Klar, das Blitzturnier ist nicht so gut gelaufen, aber insgesamt war das schon sehr in Ordnung. Es gibt mir auch ein gutes Gefühl zu sehen, dass ich noch normales, klassisches Schach spielen kann.

Blitzpartie Anton-Keymer. Hier übersah der Spanier eine schöne Taktik, die ihm unmittelbar die Partie gewonnen hätte. Siehst du, was Anton übersah? Ein Klick aufs Brett führt dich zur Lösung.

Wie wichtig ist das Turnier für dich?

Es nimmt einen hohen Stellenwert ein, allein schon, weil ich dieses Jahr erstmals im GM-Turnier gespielt habe. Das ist etwas komplett anderes als das Open. Dazu kommt die gegenwärtige Ausnahmesituation. Vielleicht ist Biel das stärkste Turnier, das bis Ende des Jahres stattfindet. Das macht meine Teilnahme nochmal bedeutender für mich. Hier wusste ich, dass ich spielen werde, über allen anderen Turnieren stehen Fragezeichen.

Hast du dich sicher gefühlt?

Ich hatte keine Bedenken. Die Sicherheitsregeln waren hervorragend.

Was sind deine weiteren Pläne?

Die Europa-Einzelmeisterschaft wäre schön – wenn sie denn stattfindet. Dasselbe gilt für die Rapid- und Blitz-WM. Niemand weiß, wie es in den kommenden Monaten weitergeht. Sollte es starke Turniere geben, werde ich versuchen teilzunehmen …

… die Online-Olympiade?

Da spiele ich nicht mit.

Also als Nächstes wieder den Titled Tuesday?

Mal sehen, vielleicht. Online-Turniere gibt es jedenfalls Woche für Woche reichlich.  

Wer wird der nächste Weltmeister und wann?

Erst einmal gehe ich davon aus, dass Magnus den Titel noch eine Weile halten wird. Ding Liren habe ich immer für sehr stark gehalten, aber sein Problem könnte sein, dass ihm Magnus im Weg steht, bis es zu spät ist. Also wahrscheinlich einer aus der jüngeren Generation. Alireza Firouzja mit seinem Wahnsinnsrating ist natürlich ein Kandidat, außerdem einige von den noch jüngeren Spielern meines Jahrgangs. Nihal Sarin, Praggnanandhaa, Abdusattorov und so weiter. Ich könnte noch mehr aufzählen, es gibt so viele gute Spieler.

Mit Weiß ein Killer: Vincent Keymer | Foto via Schachfestival Biel
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