„Es juckte mich wieder in den Fingern“: Pavel Eljanov im Gespräch

Ohne Pavel Eljanov und einige andere Stars ist die Ukraine in Batumi bei der Europameisterschaft angetreten. Nach zwei Kantersiegen in Runde sieben und acht, einer davon gegen Deutschland, sah es trotzdem danach aus, als würden die Ukrainer auch ohne die ehemalige Nummer sechs der Welt das Turnier gewinnen.

Pavel Eljanov hat vom Tegernsee aus mitgefiebert, wo er an der Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaft teilnimmt. Während in Batumi die neunte und letzte Runde der Europameisterschaft lief, haben wir ihn zum Schachgespräch getroffen. Dass seine Jungs in der letzten Runde gegen Kroatien stolpern und hinter Russland „nur“ Silber gewinnen würden, war da noch nicht abzusehen.

Pavel Eljanov war die Nummer sechs der Welt, aber zuletzt unzufrieden mit seinen Ergebnissen: „Ich kann viel besser spielen.“ Bei den OIBM am Tegernsee liegt er nach sieben von neun Runden auf dem geteilten ersten Platz. (Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus)

Das ukrainische Schach hat dem deutschen gestern bei der Europameisterschaft einen Dämpfer versetzt. 18 Matches war die deutsche Nationalmannschaft ungeschlagen, dann kam die Ukraine.

Sieht aus, als seien meine Landsleute nicht zu stoppen. Zumindest sind sie jetzt Favorit. Aber es ist noch nicht vorbei. Besonders beeindruckt hat mich Vladimir Onischuk, der zum ersten Mal Nationalmannschaft spielt. Offensichtlich fehlen ihm Erfahrung und Vorbereitung, aber das kompensiert er fantastisch. Was er an Erfindungsreichtum einbringt, toll. Dazu die Nervenstärke. Die Entdeckung des Turniers.

Wie kann es sich die Ukraine leisten, jemanden wie dich nicht im Team zu haben?

Einige starke Spieler fehlen, ich bin nicht der einzige: Kryvoruchko, Korobov, Ponomariov… Jeder von uns hat einen vollen Kalender und aus individuellen Gründen entschieden, dieses Mal auszusetzen. Und ich bin auch nicht unglücklich damit, stattdessen hier zu sein, ein wunderbarer Ort, um Schach zu spielen.

Turnierdirektor Sebastian Siebrecht wollte dich schon 2018 gewinnen.

Da hatte ich leider andere Verpflichtungen und habe gesagt „Vielleicht nächstes Mal“. Dieses Jahr habe ich vor allem andere gecoacht und trainiert. Zum Beispiel habe ich den Muzychuk-Schwestern beim Kandidatenturnier geholfen…

Anna (links) und Maria Muzychuk im Interview während des Frauen-Kandidatenturniers, bei dem die Schwestern in der ersten Runde gegeneinander spielen mussten. (Foto: FIDE)

…mit denen arbeitest du schon einige Zeit zusammen.

Als Maria 2016 das WM-Match gegen Hou Yifan gespielt hat, war ich an ihrer Seite, diese Verbindung ist geblieben. Generell habe ich dieses Jahr mehr als jemals zuvor als Trainer gearbeitet. Vielleicht juckte es mich deswegen in den Fingern, noch ein schönes Turnier zu finden. Es fühlte sich für mich an, als habe ich nicht genug gespielt. Vor ein paar Wochen habe ich Sebastian gefragt, ob er noch interessiert ist.

Ist das Teil eines Plans, mehr Trainer zu sein, weniger Spieler?

Das ist einfach passiert. Vielleicht spielt eine Rolle, dass ich zuletzt mit meinen Ergebnissen am Brett unzufrieden war. Die Europameisterschaft dieses Jahr war eines der schlechtesten Turniere meines Lebens. Da kam es mir entgegen, etwas anderes machen zu können. Aber es gibt keinen Plan, jetzt Trainer zu werden. Ich kann viel stärker spielen als zuletzt und werde versuchen, wieder auf mein altes Level zu kommen.

2017 im A-Turnier von Wijk an Zee gegen den Weltmeister. 2020 wird Eljanov dort wieder spielen, aber im B-Turnier, dem womöglich stärksten jemals, an dem voraussichtlich auch Vincent Keymer teilnehmen wird. (Foto: Tata Steel Chess)

Du warst Nummer sechs der Welt, bist 2015 ins World-Cup-Halbfinale vorgestoßen und hast regelmäßig Elite-Turniere gespielt.

„Regelmäßig“ würde ich nicht sagen. Ein paar Elite-Turniere habe ich gespielt. Um auf diesem Level gegen derart begabte Widersacher mitzuhalten, brauchst du einen Coach, ein Team hinter dir. Ohne totalen Fokus auf die Sache und Unterstützung von außen wird es schwierig, das ist ein Handicap. Und mit Handicap gegen die Weltklasse spielen, funktioniert auf Dauer nicht.

Hier stehst du nach sieben Runden auf dem geteilten ersten Platz. Zufrieden?

Eljanov-Sandipan, OIBM 2019

Schon, ja. Gestern habe ich eine schöne Partie gespielt, das war auch etwas für die Zuschauer. Mein Gegner hatte zwei Damen, konnte aber nichts machen: Es wurde matt. So etwas hast du nicht alle Tage auf dem Brett. Und auch abseits des Schachs gefällt es mir hier. Ich gehe jeden Tag wandern, die Natur ist wunderbar, der Ort sehr schön. Es erinnert mich hier ein wenig an Österreich, wo ich Boris Gelfand geholfen habe, sich auf sein WM-Match 2012 gegen Visvanthan Anand vorzubereiten. Dort hat es mir ähnlich gut gefallen wie hier.

Was steht als nächstes auf dem Programm?

Erstmal nach Hause. Anfang 2020 werde ich Wijk an Zee spielen, im B-Turnier, womöglich dem stärksten B-Turnier, das es je gab. Nominell werde ich dort vielleicht Nummer fünf sein.

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