Großmeister mit 14: Wie Vincent Keymer sich die dritte Norm holte

Großmeister mit 14, das gab es in Deutschland noch nie. Mit einem Remis in der neunten Runde des Grand Swiss auf der Isle of Man hat sich Vincent Keymer dreieinhalb Wochen vor seinem 15. Geburtstag den Großmeister-Titel gesichert.

Die erste Norm war ihm beim Grenke-Open 2018 gelungen, das er sensationell gewann und sich damit für das Grenke Classic 2019 qualifizierte. Wenig später in Dänemark legte er gleich die zweite von drei notwendigen Normen nach. Aber nach dem Grenke Classic, seinem ersten Kräftemessen mit der Weltklasse in einem Rundenturnier, geriet ein wenig Sand ins Getriebe – der sich am Samstag, 19. Oktober 2019, in Schnee von gestern verwandelte.

Großmeister Vincent Keymer während der entscheidenden neunten Partie beim Grand Swiss auf der Isle of Man. (Foto: John Saunders/Isle of Man Chess)

Vincents Weg zur dritten Norm:

Runde 1: Weiß gegen Yuriy Kryvoruchko (Ukraine, 2669) – remis

Erstmal reinkommen ins Turnier. Nach einem mehr als schlecht gelaufenen Open in Italien war klar, dass Vincent nicht strotzend vor Selbstvertrauen auf der Isle of Man antreten würde. Und nun erwarteten ihn voraussichtlich elf Vertreter der 2650+-Riege am Stück.

Gegen Kryvoruchko wählte Vincent ein Abspiel des Lf4-Damengambits, das häufig zu marginalem weißen Vorteil in Form eines Isolani auf Seiten des Schwarzen führt.

Aus dieser immer noch theoretischen Stellung ist die Luft längst nicht raus. Mit 16. Db4 oder 16. b4 hält Weiß die Stellung reichhaltig und belässt das Potenzial für Komplikationen auf dem Brett. Vincent entschied sich für 16.Dh4 nebst Damentausch, ein Zug, der endgültig signalisiert, dass Weiß in erster Linie mit einem halben Punkt in der Tasche spielen möchte. Und den bekam er.

Runde 2: Schwarz gegen Ivan Saric (Kroatien, 2667) – remis

Für Beobachter schwierig zu verstehen am schlanken, aber tiefen Schwarzrepertoire Keymers ist, dass sich Weiß aussuchen darf, was für eine Partie er spielen möchte. Spielt Weiß 1.e4, wird es ein Najdorf und ein messerscharfer Kampf. Spielt Weiß 1.d4, wird es ein Semi-Tarrasch, strategische Feinkost, aber taktisch-dynamisch viel weniger verwickelt.

Saric spielte 1.e4, und 17 Züge später standen Rochaden zu verschiedenen Seiten auf dem Brett.

Der Otto-Normal-Schachspieler lernt, dass sich in dieser Konstellation beide Seiten auf den gegnerischen König stürzen. Wer zuerst kommt, der gewinnt. Den Bauernwall vor dem eigenen König gilt es intakt zu halten, um dem Gegner keine Angriffsmarken zu schaffen: Einfache Regel: Wo der Gegner angreift, machen wir keine Bauernzüge.

Welcher Otto-Normal-Schachspieler würde hier nicht schnell und ohne großes Nachdenken 17… a5 ziehen (was ein ordentlicher Zug wäre)?

Wer genauer hinschaut, der sieht, dass weißes f2-f4 in der Luft liegt, was dem Schwarzen arg zu schaffen machen würde. Vielleicht käme danach f4-f5-f6, vielleicht könnte Weiß günstig die lange Diagonale öffnen und das schwarze Zentrum zerbröseln lassen. Außerdem: Wäre die f-Linie offen – der aktuell wirkungs- und beschäftigungslose Tf8 würde auf Anhieb ein gewichtiges Wort mitreden.

17…f6. Darauf muss man erstmal kommen. Und der Zug war offenbar so gut, dass sich Weiß drei Züge später genötigt sah, eine Qualität ins Geschäft zu stecken, um das Spiel gegen den schwarzen Monarchen fortsetzen zu können.

Was nicht heißt, dass Schwarz hier Vorteil hat. Nach 20…Lxd1 ist die Lage reichlich unklar, Schwarz leidet unter schwachen weißen Feldern und einem König, der auf der Diagonale a2-g8 sowie auf der h-Linie ganz schnell im Kreuzfeuer stehen kann. Weiß hat Kompensation, aber nicht mehr als das.

Und darauf muss sich der Schwarze einlassen, auch wenn es gefährlich aussehen mag. Keymer gefiel diese Aussicht aber so gar nicht, er spielte stattdessen 20… Lxh3, und das ist ein Fehler. Nun steht Weiß in der Tat besser, weil der schwarze König gefährdeter ist als der weiße.

Hier hätte Saric mit 27.Dg2 und Vetrippelung auf der g-Linie den Sack schon zumachen können. Allerdings muss er dafür sehen, dass nach 27…Lc5 28.Txg6! am Ende einer Computervariante mit mancher Verzweigung Weiß gewinnt, und das mag bei knapper Bedenkzeit eine unmenschliche Aufgabe sein. Saric spielte das einfachere  27.Txg6, den zweitbesten Zug, der zwar weißen Vorteil sichert, aber eben noch lange nicht den Gewinn.

Und so vermochte der junge Deutsche den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nach 47…Te3! gefolgt von …T4e4 sichern die prächtig koordinierten schwarzen Figuren dem Nachziehenden genug Spiel gegen den weißen König, um die Chose zu halten. Nochmal gut gegangen.

Runde 3: Weiß gegen Sanan Sjugirov (Russland, 2662) – 1:0

Ein Meisterstück! Ja, Sjugirov experimentierte in der Eröffnung, aber nicht in einem Maße, dass es ihn Kopf und Kragen kostet. Und dann musste der Kalmücke hilflos zuschauen, wie ihn Keymer erst strategisch überspielt und dann taktisch jeden sich bietenden Kniff mitnimmt.

Wenn es ganz einfach aussieht, dann ist es großes Schach. Und das war hier der Fall.

Runde 4: Schwarz gegen Pavel Eljanov (Ukraine, 2663) – remis

Mal gucken, ob er sich perfekt auskennt. Wenn ja, dann wird es halt remis, wenn nein, dann kriegt er Probleme. Das war die Attitüde mit der Pavel Eljanov die Partie gegen Vincent Keymer anging, in der er dessen Kenntnisse im Semi-Tarrasch abfragte.

Die Idee des auf 2600+-Level noch nicht gespielten 16. Te3 wurde offenbar, als 21.Tf3 auf dem Brett stand.

Sxh6 liegt in der Luft, und es scheint, als müsse Schwarz nun rund um seinen König manch taktisches Problem lösen. Ist auch so, ist aber nicht schlimm, wenn der Schwarze sich perfekt auskennt. 21… Lxd5! lässt die Luft aus der Stellung, nicht unmittelbar, aber binnen der nächsten Züge. Nur muss man das zuvor mit dem Rechner und/oder dem Leko angeschaut haben, um es aus dem Ärmel schütteln zu können.

Eljanov konnte Keymer keine Wissenslücke nachweisen. Zwölf Züge später reichten sich die Kontrahenten die Hände.

Runde 5: Weiß gegen Peter Leko (Ungarn, 2670) – remis

Um als Schachspieler zu wachsen, soll Vincent Keymer gegen möglichst starke Gegner alles auskämpfen. Ein Konzept, das Leko Keymer auferlegt hat, das aber nicht zu gelten scheint, wenn der Wunderknabe es mit seinem Coach zu tun bekommt.

Der Abtausch-Slawe birgt einiges Gift und lässt sich durchaus als Waffe einsetzen. Aber eben auch als Remiseröffnung für Weiße, die nicht viel wollen.

Wir können Keymer und Leko nicht vorwerfen, dass sie nicht einige Züge gespielt hätten, bis ins Endspiel sogar. Aber bei allem, was nach 3.cxd5 kam, war beiderseits schwerlich eine Gewinnabsicht zu erkennen.

Runde 6: Schwarz gegen Quang Liem Le (Vietnam, 2708) – 1:0

Dieses Los roch nach Strafe für die  Partie zuvor. Schwarz gegen den mehr als 2700 Elo schweren US-Vietnamesen, zumindest auf dem Papier ein dicker Brocken, und auf dem Brett ein weiterer Sizilianer.

Als Weiß 17.f4 gezogen hatte, sah das zwar nach Bauernsturm gegen Keymers König aus, doch in erster Linie überdehnt sich der Weiße. Es müssen nur ein, zwei Linien aufgehen, dann wird Weiß all das entblößte Terrain nicht kontrollieren können – und sich eher einen Konter einfangen, als eine erfolgreiche Mattattacke zu setzen.

Die e-Linie ist ganz offen, die c-Linie halb. Jetzt einen Turm nach e8, den Läufer nach d6, vielleicht sogar den Springer nach e4, und Weiß wäre in erster Linie mit Löcherstopfen und Ladenzusammenhalten beschäftigt. Computer lieben die schwarze Stellung – was sich leider in dem Moment änderte, in dem Schwarz 22…Se6 zog.

Mit 26…Sc5 und 27…Se4 reparierte Keymer seine Springerstellung, aber in der Zwischenzeit hatte sich auf b6 stabil ein weißer Läufer eingenistet, dessen schwarzer Kollege auf b4 wirkungslos herumsteht. Und nicht zuletzt kostet das Springereinpflanzen auf e4 ja einen Bauern auf eben diesem Feld…

…nur darf Schwarz weiterhin dagegen spielen, dass sich Weiß am Königsflügel überdehnt hat. Boris Gelfand lehrt uns, dass Schwerfiguren die besten Waffen gegen überdehnte Strukturen sind, weil sich mit ihnen so trefflich kontern lässt. Und wenn nur noch solche auf dem Brett sind…

Tatsächlich ging aber die schwarze Position nach und nach den Bach runter, Weiß gelang es, sich auf der siebten Reihe auszubreiten, und am Ende stand die erste „Null“ des Turniers.

Die Leistung gleichwohl weiterhin großmeisterlich: 50 Prozent gegen einen Gegnerschnitt näher an 2700 als an 2600.

Runde 7: Weiß gegen Alexander Motylev (Russland, 2651) – remis

Sind sie stark oder schwach, die hängenden Bauern c5/d5? Diese oft gestellte schachstrategische Gretchenfrage ließ sich nach Vincents 19.Db5! leicht beantworten. Sie sind schwach und unbeweglich, und dazu kommt nach …Dxb5 axb5 noch eine Schwäche auf a7

Schwarz verteidigte sich zäh. Dem Russen gelang es, die Partie ins typische Turmendspiel 4 versus 3 Bauern auf einem Flügel zu lenken. Und das ist gegen Großmeister nicht zu gewinnen. Vincent versuchte es pflichtgemäß, aber mehr als ein Remis aus der Position der Stärke war nicht drin.

Runde 8: Schwarz gegen Sandro Mareco (Argentinien, 2634) – 1:0

Wieder eine wilde Najdorf-Schlacht mit Königen auf entgegengesetzten Flügeln, die so oder so hätte ausgehen können.

Am Ende ging sie leider so aus. Wahrscheinlich hatte Keymer in der Vorausberechnung den raffinierten taktischen Schuss 29.f5! übersehen. Die Idee ist, mit der Dame auf den schwarzen Feldern am Königsflügel einzudringen, ohne dass Schwarz per …e5 die lange Diagonale schließen kann, und dagegen ist Schwarz machtlos. Nach 28…exf5 29.Dd2 nebst Dd4 gewinnt Weiß. Vincent versuchte 28…Tf3, kämpfte noch für fast 20 Züge, aber letztlich auf verlorenem Posten.

Runde 9: Schwarz gegen V. Zvjanginsev (Russland, 2644) – remis

Und so würde, wie vor einem Jahr auf der Isle of Man, in der neunten Runde noch ein halber Punkt reinkommen müssen, um die finale GM-Norm unter Dach und Fach zu bringen. Das Unterfangen gelang, Vincent Keymer ist seit Samstag, 19. Oktober Großmeister.

Wir erwarten zu dieser Partie noch ein Video, das hier verlinkt wird, sobald es online ist. Bis dahin empfehlen wir, bei unseren Freunden von der Schachbundesliga vorbeizuschauen. Dort findet der Leser Kommentare zur Partie von Vincent höchstselbst.

5 Kommentare zu „Großmeister mit 14: Wie Vincent Keymer sich die dritte Norm holte

  1. „Vincent Keymer ist seit Samstag, 19. Oktober Großmeister.“ Nana, Großmeister ist er erst, wenn ihm der Titel durch die FIDE offiziell zugesprochen wird, auch wenn das reine „Formsache“ sein mag.

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