Master Luis

Freitags im “Kindergarten” des Hamburger Schachklubs fiel dieser Achtjährige auf. Anstatt sich wie die anderen Kinder von den Betreuern das Einmaleins des Schachs erklären zu lassen, stand der Kleine selbst am Demobrett und zeigte eine klassische Partie. Die Arbeit des Vortragenden ging diesem außergewöhnlichen Kind leicht von der Hand – außer es waren Züge auf der achten Reihe zu absolvieren. So hoch reichten die Arme des Jungen nicht.

Der Junge aus dem Schachkindergarten ist erwachsen geworden: Abschlusstabelle des Masters 2021 in Magdeburg. | via chess24

Mehr als zehn Jahre ist das jetzt her. Für die Macher des HSK um Christian Zickelbein war damals schon klar, dass Luis Engel mit seiner Riesenlust auf und seinem Riesentalent für Schach gefördert werden muss. Felix Meißner nahm sich von Beginn an seiner an, bald kam Karsten Müller dazu. Und Engel fiel dem nationalen Verband auf. Früh wurde er ständiges Mitglied in den Kadern des Deutschen Schachbunds.

Partievorbereitung bei der U10-WM 2012 in Maribor. | Foto via luiswirdweltmeister

Wie die Geschichte des Achtjährigen aus dem Schach-Kindergarten weiterging, ist bekannt. Luis Engel sammelte reihenweise Medaillen bei nationalen und internationalen Meisterschaften, sammelte Elopunkte im Hunderterpack und die dazugehörigen Titel sowieso. Die Normen für den höchsten Titel im Schach, “Großmeister”, erfüllte er als 16-Jähriger binnen drei Monaten. Gäbe es da nicht diesen anderen Wunderknaben, den aus Saulheim, der Hamburger würde als größte Hoffnung des deutschen Schachs in den jungen Jahrgängen einsam über den Dingen stehen.

2020 wollte Luis Engel seine Schachlaufbahn ein weiteres Mal krönen. Bei der U18-Weltmeisterschaft, seinem letzten Jugendturnier, wäre er einer der Favoriten gewesen. Diesen internationalen Wettbewerb hat er schon 2019 im Gespräch mit dieser Seite als ein schachliches Ziel ausgegeben. Dann legte die Pandemie die Welt lahm, die Weltmeisterschaft fiel aus. “Das war extrem bitter”, sagt Felix Meißner, der bis heute als Luis Engels’ engster schachlicher Begleiter fungiert. Aus dem Trainer-Schüler-Verhältnis von einst ist längst eine Freundschaft erwachsen.

2012, als sich der zehnjährige Luis erstmals für eine WM qualifiziert hatte, gründete Meißner das Blog “Luis wird Weltmeister“, auf dem er in unregelmäßiger Reihe von den Turnieren seines Schützlings berichtet. Der Titel des Blogs war damals als Scherz gemeint, nicht als Prophezeiung. 2012 bei der U10-WM in Maribor war Luis einer unter vielen. Aber, wer weiß, vielleicht wäre der Gag wahr geworden, hätte es die U18-WM 2020 gegeben.

Aus dem Trainer-Schüler-Verhältnis ist längst eine Freundschaft erwachsen: Luis Engel und Felix Meißner. | Foto: Deutscher Schachbund

Nachdem die ausgefallen ist, lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prophezeien, dass Luis Engel nie Weltmeister sein wird. Weniger, weil er nicht könnte, mehr, weil er nicht will. Seine Gaben und seine Lebensplanung will der 18-Jährige nicht auf ein Brettspiel fokussieren. Natürlich wird Engel weiter ambitioniert am Brett sitzen, er liebt das Spiel und den Wettkampf viel zu sehr, als dass er damit ohne Not aufhören würde. Aber Priorität hat jetzt das Studium.

Statt Weltmeister ist Luis Engel vor einem Jahr Deutscher Meister geworden. Nichts gegen seinen letztlich zweitplatzierten Konkurrenten Alexander Graf, aber dem Schach hat Luis Engel mit seinem ersten Platz einen Gefallen getan: Supertalent Luis Engel als Deutscher Meister ist vermittelbar, er lässt sich am Schach marginal interessierten Leuten verkaufen, ohne erklären zu müssen, dass beim Schach die Deutsche Meisterschaft eigentlich das Turnier der Meister aus der zweiten Reihe ist. Vielleicht tut in diesem Jahr U16-Weltmeister Frederik Svane dem deutschen Schach denselben Gefallen, bevor hoffentlich im kommenden Jahr das Masters-Meisterschaft-Durcheinander abgeschafft ist.

Was jetzt die “Deutsche Meisterschaft” ist, würde auch als nationales “Kandidatenturnier” funktionieren. Die exklusive Bezeichnung “Deutsche Meisterschaft” wäre dann frei fürs exklusive Turnier der besten deutschen Schachmeister. Nachdem dieser Wettstreit in der Krause-Fenner-Ära durch die Erfindung des “Masters” etabliert worden ist, wäre es an der Zeit, ihn auch namentlich zur Deutschen Meisterschaft aufzuwerten, anstatt auf halbem Weg stehenzubleiben.

Wie Master Luis mit Schwarz einen 2600-GM in gut 20 Zügen abfertigt.

In der jetzt geltenden Gemengelange hat Luis Engel mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft nicht nur dem Schach, auch sich selbst einen Gefallen getan, den nämlich, fürs Masters qualifiziert zu sein. Dort geht es zwar um keinen Titel, dessen Wert sich irgendjemandem ohne lange Erklärung vermitteln ließe, aber den Teilnehmern bietet sich die exklusive Gelegenheit, sich mit den Besten zu messen.

Als habe er nichts zu verlieren

Niemand würde in Frage stellen, dass Luis Engel im Feld der Blübaums, Kollars’ und Svanes eine veritable Ergänzung ist, dass er da reingehört und das Potenzial hat mitzumischen. Aber niemand hätte prophezeit, dass die nominelle Nummer neun Luis Engel so ein Turnier gewinnt, am allerwenigsten er selbst. Luis Engel studiert ja jetzt, Zeit für die Vorbereitung hatte er kaum. “Nicht ganz hinten landen” sei sein Ziel gewesen, erklärte er im Gespräch mit Klaus Bischoff.

Vielleicht hat ihm das Fehlen höchster Erwartungen durchs Turnier geholfen, es mag ihn vor übertriebenem Taktieren bewahrt haben. In der achten Runde, Weiß gegen Rasmus Svane, war der Masters-Titel ja schon greifbar, und ein Remis wäre in diesem Sinne ein solides bis gutes Ergebnis gewesen. Aber Luis Engel spielte, als habe er nichts zu verlieren:

via YouTube

Ob er denn mit der Rochaderegel vertraut sei, erkundigte sich Klaus Bischoff hinterher angesichts dieser Stellung, in der 0-0 statt Tg1 die naheliegende, solide Lösung gewesen war. Luis Engel gestand, er habe nicht beim Rochieren aus Versehen zuerst den Turm angefasst, sondern den Zug Tg1 tatsächlich ausführen wollen. Aber wahrscheinlich sei das geplante Losrennen am Königsflügel mit dem eigenen König auf unsicherem Terrain “viel zu optimistisch” gewesen.

Am Ende stand trotzdem ein voller Punkt und der Gewinn des Masters eine Runde vor Schluss. Natürlich war es für Luis Engel sehr gut und auch ein wenig glücklich gelaufen. Der kampflose Punkt gegen den erkrankten Dmitrij Kollars half ebenso wie der Umstand, dass den blitzgestarteten Georg Meier und Rasmus Svane im Lauf des Wettbewerbs die Puste ausging. Und hätten Alexander Donchenko und Liviu Dieter Nisipeanu mitgespielt, hätte der nominelle Favorit Matthias Blübaum nicht ein wenig erbauliches World-Cup-Abenteuer in den Knochen gehabt…

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Verdienter Sieger! Master Luis wäre in der Weltgeschichte des Sports der erste Gewinner eines Wettbewerbs unter Gleichstarken, der nicht davon profitiert hat, dass es gut gelaufen ist.

Buchautor mit 18: Die Großmeister Luis Engel und Karsten Müller kategorisieren Schachspieler in „Spielertypen“ – und zeigen auf, welches Kraut gegen den jeweiligen Typen gewachsen ist.
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