Giganten gegenüber: die Rapid-Team-WM in Düsseldorf

Eine derartige Ansammlung von Supergroßmeistern hat es auf deutschem Boden selten gegeben. Die Schacholympiaden 1970 in Siegen und 2008 in Dresden, vielleicht noch die Chess Classics 1994 bis 2010 in Mainz mögen eine ähnliche Zahl von Spitzenkönnern angelockt haben. Der Unterschied zwischen diesen Wettbewerben und der Rapid-Team-WM: 2023 in Düsseldorf waren Ottonormalschachspieler mittendrin, fochten Seite an Seite mit Weltmeistern oder fanden sich am Brett einer Riege von Giganten gegenüber, die sie sonst nur als Zuschauende zu sehen bekommen.

Die Amateure der “Heilbronn Hustlers” bekommen Dubov, Vidit, Rapport sonst allenfalls als Zuschauer zu sehen. In Düsseldorf saßen ihnen diese Ausnahmekönner gegenüber.

Wer sich in der Rheinterrasse unter denen umhörte, die als Teil eines Vereinsteams oder Schach-Freundeskreises dabei waren, nahm ausschließlich Begeisterung wahr. “Momente des Austauschs und der Beobachtung der Weltschachelite haben mich inspiriert und meine Leidenschaft für das Schachspiel neu entfacht”, schrieb etwa Rheinland-Pfalz-Meisterin Lena Mader über ein Erlebnis, “das meinen Horizont erweitert hat”. Auch die mehr als 1.000 Schachfans, die bei freiem Eintritt nur gucken wollten, nicht spielen, waren ganz nahe dran – an den Brettern ebenso wie an Yasser Seirawan, Maurice Ashley und Almira Skripchenko, die vor Publikum live kommentierten.

Ganz nahe dran: Mehr als 1.000 Zuschauer nutzten die Gelegenheit, Anand&Co. über die Schulter zu schauen. | Foto: Lennart Ootes/WR Chess

Die zentrale Figur der Veranstaltung war der Düsseldorfer Unternehmer Wadim Rosenstein, der das Konzept erdacht und die Veranstaltung der FIDE schmackhaft gemacht hatte, damit ein offizieller Weltmeistertitel ausgespielt wird. Angesichts der für sein Team “WR Chess” ausgegebenen “Mission Weltmeisterschaft” erlebte Rosenstein den Wettbewerb angespannter als die meisten anderen Teilnehmer:innen, die das Schachfest in erster Linie genossen. “Stressig” sei es gewesen, sagte Rosenstein, als die Schlachten erfolgreich geschlagen waren.

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Bundes- und WR-Trainer Jan Gustafsson präsentiert seinen Podcastkollegen Laurent Fressinet und Peter Heine Nielsen die WM-Medaille. | via YouTube/Chicken Chess Club

Rosensteins Team ging den Wettbewerb sportlich ambitionierter an als alle anderen Teilnehmer, der Teamchef allen voran: “Wir haben viele Stunden hart gearbeitet”, erklärte Rosenstein. “Ich bin unserem Coach Jan Gustafsson dankbar dafür, dass er mein Schachverständnis verbessert hat.” Gustafsson hat jetzt den Zuhörern seines Chicken-Chess-Podcasts einen Blick hinter die Kulissen der WR-Teamarbeit und des -Teamgeists gewährt (siehe Bild oben).

Ein Dankeschön von Teamchef Wadim Rosenstein: Gegen die armenische Auswahl wackelte “WR Chess”, aber am Ende rettete Vincent Keymer seinem Team ein 3:3, einer von zwei Punkten, die die Favoriten im Lauf des Wettbewerbs abgeben sollten.

Deutschland hat nun drei neue Spieler mit einem Weltmeistertitel: Vincent Keymer, Jan Gustafsson und Wadim Rosenstein. Nach dem Gewinn der “FIDE World Rapid Team Championship” entbrannte zwischen Gustafsson und Rosenstein ein Wettbewerb darum, wer von beiden der meistgesehene Twitter-Influencer ist. Es galt, einen Tweet abzusenden, der öfter gesehen wird als die gut 980.000-mal, die Gustafsson während des WM-Matches Ding vs. Nepo erreicht hatte. Am 1. September gegen 9.45 Uhr knackte Rosensteins “We are world champions!!!” die 1-Million-Marke.

Mehr als eine Million mal gesehen: Rosensteins Weltmeister-Tweet, garniert mit einem Foto von Lennart Ootes.
Christian Glöckler gewann den “Rainer-Niermann-Pokal” für die beste Partie eines Nachwuchsspielers. Den Preis hat Rosenstein benannt nach dem im März gestorbenen, langjährigen Schach-Funktionär und -Macher Rainer Niermann.

Die “FIDE Rapid Team World Championship” wurde spätestens in dem Moment zu einem Wettbewerb mit politischer Komponente, als im Team des “FIDE Management Boards” der Weltschachpräsident und einstige Kremlpolitiker Arkady Dvorkovich auftauchte. Dvorkovich sollte in Düsseldorf seine mutmaßlich erste gewertete Schachpartie spielen.

Die Nicht-Reaktion der FIDE auf Gaffer, Grapscher, Vergewaltiger im Schach, die einem Putin-Erlass folgende und sogleich vom Duma-Vorsitzenden gepriesene FIDE-Anti-Trans-Regel, nicht zuletzt Dvorkovichs öffentlicher Auftritt mit Kreml-Sprecher Peskov: Allen Beteiligten bot sich Einiges an, auf das sie die in Düsseldorf versammelten FIDE-Granden um Dvorkovich, Emil Sutovsky und Nigel Short hätten ansprechen können. Aber das System der Freundschaften, Abhängigkeiten und Gefälligkeiten im Weltschach funktioniert reibungslos.

Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbands, war als Mitglied des Teams des SV Hemer angemeldet. Als sich Dvorkovichs Teilnahme abzeichnete, sagte Langer ab.

Wer nur die Twitterblase verfolgt und womöglich ernsthaft glaubt, es gebe im Schach eine Gegenbewegung zur von russischen Interessen gesteuerten und ihnen dienenden Führung des Weltverbands, der wurde in der Blase eines FIDE-Wettbewerbs eines Besseren belehrt. Selbst in dem Land, dessen Verband als fast einziger weltweit zumindest gelegentlich die Stimme erhebt, streut niemand Sand ins Getriebe. Stattdessen war unter anderem das halbe DSB-Präsidium, Ingrid Lauterbach (Schiedsrichterin) und Jürgen Klüners (Fair Play), offizieller Teil dieses Getriebes, für ihre Dienste vierstellig bezahlt von der FIDE (minus Spesen).

Abseits von allgemeiner Harmonie und Schulterklopfen ergab sich ganz am Ende ein bemerkenswerter, ungeplanter Moment: Der georgische Großmeister Baadur Jobava, ausgerechnet, ließ sich während der Siegerehrung von Maurice Ashley das Mikrofon reichen – und rief “Slava Ukraini!” in den Saal. Zwei beklommenen Sekunden der Stille folgte Applaus. Offenbar hatte Jobava ausgesprochen, was viele nur dachten.


Die knackigsten Kombinationen (und verpassten Gelegenheiten) von der World-Rapid-Team-WM:

Daniel Schaefer (1884) – Alireza Shahsanam (1782)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.27

Ganz leichte Kost zum Auftakt. Schwarz zieht und…?

(Du willst lösen? Klick aufs Brett!)


Nikita Nechitaylo (2116) – Matthias Blübaum (2670)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.26

Leichte Übung, nicht nur für Matthias Blübaum, dessen Team “Germany and friends” es ins Preisgeld schaffte. Schwarz zieht und gewinnt.


Kevin Kesselmeier (2011) – Sava Stoisavljevic (2125)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.28

Klar, dieses Motiv kennen wir natürlich: Weiß zieht und setzt matt.


Melanie Lubbe (2256) – Elisabeth Paehtz (2471)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.28

Im bis ins Endspiel ausgefochtenen Duell der Nationalmannschaftskolleginnen galt es am Ende für Elisabeth Pähtz, noch diese Kleinigkeit zu erledigen: Schwarz zieht und setzt matt.


Hussain Besou (2364) – Jovanka Houska (2340)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.26

48.g6? war ein wenig voreilig vom guten Hussain. Wie hätte ihn Jovanka Houska bestrafen und die Partie drehen können?


Vladimir Kramnik (2753) – Dommaraju Gukesh (2751)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.27

Ein schöner Anlass für Vladimir Kramnik, sich zu beschweren, wie respektlos diese jungen Leute mit ihm umspringen. Schwarz zieht und knockt den Exweltmeister aus.


Vincent Keymer (2701) – Darmen Sadvakasov (2629)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.28

Wäre da nicht diese Fesselung auf der g-Linie, würden wir einfach die schwarze Dame rausknipsen. Was also tun?


Nodirbek Abdusattorov (2725) – Robert Rabiega (2468)
FIDE World Rapid Team-ch 2023 Duesseldorf, 2023.08.28

Nicht offensichtlich, dass das funktioniert, und streng genommen sogar eine theoretische Neuerung: Weiß zieht und gewinnt.


Fotogalerie von Lennart Ootes/WR Chess:


In einer früheren Version dieses Beitrags war nicht erwähnt, dass die in die FIDE-Veranstaltung eingebundenen deutschen Funktionäre von ihrem Honorar ihre Reise-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten bestreiten mussten. Nach einem Hinweis von Ingrid Lauterbach ist diese Information jetzt in den Text eingearbeitet.

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Joschi
Joschi
7 Monate zuvor

Peinlich. Wadim Rosenstein zahlt eine Menge Geld, um sich einen Weltmeistertitel zu kaufen. Wunderbar, wenn das Rheinland Pfalz-Meisterin inspiriert. International verliert der Begriff des Weltmeistertitels allerdings an Wert. Keine klaren Qualifikationskriterien, zusammengekaufte/zusammengewürfelte Mannschaften, Vermischung von Amateuren und Profis. Stell Dir vor, man vernastaltet so etwas im Tennis. – Ein reicher Amateur aus einer Unterliga bildet mit Federer, Djokovic, Alcatraz und meinetewegen Zverev ein Team, tritt (jeweils Mann gegen Mann) gegen ähnliche weitere Teams an und hängt sich am Ende eine Goldmedaille um, deren Design und Herstellung er selbst finanziert hat (aber man spielt einen Satz nicht bis zu 6 Punkten,… Weiterlesen »

acepoint
7 Monate zuvor

«Erst kommt das Fressen, dann die Moral!» (Bertolt Brecht) war meine Quintessenz in der Twitterblase vor mehr als einer Woche. Und auch wenn sowohl einige Antworten in dem Thread dort als auch sonst so in der Öffentlichkeit platzierte Lobhudeleien zu dem Turnier scheinbar alles überstrahlen, es bleibt ein mehr als fader Beigeschmack. Viele vorher schon genannte gute Argument tauchen auch hier auf, werden von den Lobsängern aber ignoriert oder mit im Internet mittlerweile gerne praktizierten, rhetorischen Kniffen weggeredet. In intimeren Runden darauf angesprochen, gibt mir der ein oder andere (teilnehmende) Titelträger recht, mag es aber nachvollziehbar nicht öffentlich tun. Ein… Weiterlesen »

Jim Knopf
Jim Knopf
7 Monate zuvor

Warum die Anwesenheit des FIDE-Präsidenten in Düsseldorf nicht in erster Linie dem Veranstalter zum Vorwurf gemacht wird, sondern stattdessen das DSB-Präsidium kritisiert wird, bleibt das Geheimnis des Autors…

In Anbetracht des anderen Beitrages zur Verschiebung des DSB-Kongresses steht zu befürchten, dass nach der 100-tägigen Schonfrist des neuen Präsidiums auf dieser Seite jetzt wieder business as usual angesagt ist, was den Deutschen Schachbund betrifft.

Alfred Schlya
Alfred Schlya
7 Monate zuvor

Bei der Endrunde der Europa-Mannschaftsmeisterschaft 1961 in Oberhausen war mit Sicherheit eine ebenso bedeutende Anzahl der besten Spieler der Welt vertreten. Die UdSSR, Jugoslawien, Ungarn, CSSR, Spanien und Deutschland waren mit ihren 12 besten Spielern angetreten, darunter alle damaligen Weltmeister!

schachkatze
schachkatze
7 Monate zuvor

DSB Präsidentin Ingrid Lauterbach bekam einen vierstelligen Betrag für ihren Schirieinsatz und weist die Perlen vom Bodensee darauf hin, dass sie für die Reise- und Übernachtungskosten selbst aufkommen musste. Nein, Frau Lauterbach, das Problem geht sehr deutlich über Ihre Reisekosten hinaus. Ich erläutere: FIDE Präsident Dvorkovich feierte am Internationalen Tag des Schachs gemeinsam mit Putin-Sprecher Peskov. Seine Nähe zum Kreml ist allen beim DSB bekannt. (Man recherchiere einfach Dvorkovich im Zusammenhang mit Medvedev, Skolkowo oder Fußball WM 2018.) Es war bereits vor dem Turnier allen Beteiligten klar (auch Frau Lauterbach), dass Dvorkovich in Düsseldorf in besonderem Maße hofiert werden wird.… Weiterlesen »

trackback

[…] oder besser doch nicht? Bei der Team-WM in Düsseldorf gab der DSB ein hin- und hergerissenes Bild ab. Die Schachjugend bittet um Spenden? Im Kontext der […]

Thomas Richter
Thomas Richter
7 Monate zuvor

Baadur Jobava, immer für Überraschungen gut (nicht nur Schachzüge am Brett oder Monitor), wollte sich mit seinem spontanen(?) “Statement” vielleicht auch für einen Vorfall im Februar “rehabilitieren”: damals Cheating-Anschuldigungen und rassistische Tiraden gegen Chinesen sowie wohl Beleidigung des chess.com Turnierleiters. Daraufhin wurde er von chess.com für den Rest des Kalenderjahres für alle Turniere mit Preisgeld gesperrt. Näheres findet man auf Google unter “Jobava racism”. Zu “Jobava sexism” gibt es auch Ergebnisse. Im Februar war es beim Qualifikationsturnier zum Airthings Masters sicher eine spontane Reaktion eines schlechten Verlierers – im Gegensatz zu einem Norweger hat er sich nicht juristisch beraten lassen… Weiterlesen »