Voller Selbstvertrauen

An Ausnahmetalenten mangelt es in Indien nicht. Mit dem 18-jährigen Großmeister Arjun Erigaisi ist jetzt eines dieser Talente in den Fokus der Schachöffentlichkeit geraten, das bislang im Schatten von Pragg&Co. stand. Mit 10,5/13 dominierte Erigaisi das Wijk-Kandidatenturnier. Nachdem er sich mit Leichtigkeit für das Wijk-Masters 2023 qualifiziert hatte, ereilte ihn der gewichtigste Ritterschlag, der im indischen Schach zu vergeben ist: „Arjun ist eine unserer größten Hoffnungen“, sagt Ex-Weltmeister Viswanathan Anand.

Erigaisi habe es beim Tata Steel Chess ganz einfach aussehen lassen, so Anand. Erst die notwendigen Siege eingefahren, dann auf solide umgeschaltet. Neben dem gewaltigen schachlichen Potenzial, mit dem er in Indien nicht allein ist, zeichnet Erigaisi laut Anand eine außergewöhnliche mentale Stabilität aus.

10,5/13 in Wijk, neue Nummer vier Indiens: Arjun Erigaisi. | Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess

Aus Wijk kehrt er jetzt mit knapp 30 Elopunkten im Gepäck zurück. Sein Turniersieg hat ihn erstmals in die Top 100 der Welt katapultiert. In der Live-Rangliste belegt er mit 2659,9 Rang 80. Damit ist er die neue Nummer vier Indiens hinter Anand, Vidit, Harikrishna – und vor allen anderen Supertalenten im Riesenland, das Großmeister im Dutzend produziert.

Werbung

Anfang 2018 war Arjun Erigaisi noch ein hoffnungsvolles, aber titelloses Talent, dem bis dahin nicht einmal eine IM-Norm gelungen war. Acht Monate später wurde er Indiens 54. GM. Er hatte nach Einschätzung einiger Wegbegleiter seine größte Schwäche überwunden: mangelndes Selbstvertrauen. Und wenn Anands Einschätzung stimmt, liegt dort, wo einst seine Schwäche war, jetzt seine große Stärke, die Unerschütterlichkeit.

Vor Aronian, Shankland und Pragg

Wären 2018 die Namen Alireza Firouzja, Nodirbek Abdusattorov und Andrey Esipenko bekannter gewesen, vielleicht wäre Erjun Erigaisi international eher aufgefallen. Bei der U16-Schacholympiade 2018 am ersten Brett Indiens holte Erigaisi 2,5/3 gegen dieses Trio. Zu den Siegen über den Usbeken und den Russen kam ein Remis gegen den Iraner, der heute Franzose und die Nummer zwei der Welt ist.

Der Erfolg jetzt in Wijk aan Zee war nicht der erste Triumph, den Arjun bei einer vom indischen Stahlkonzern organisierten Veranstaltung erzielt hat. Im November erst verblüffte der Inder Gegner und Beobachter, als er das „Tata Steel India Rapid“ in Kalkutta gewann – unter anderem vor Levon Aronian, Sam Shankland und Praggnanandhaa.

Arjun Erigaisis Kurzsieg gegen Sam Shankland beim Tata Steel Chess im November in Kalkutta.

Erigaisis neues Selbstvertrauen lässt sich an einem WhatsApp-Austauch mit seinem Coach Srinath Sarayanan vor dem Turnier in Wijk an Zee ablesen:

https://twitter.com/srinathchess/status/1487832753408286723

Den unerhört souveränen Sieg mit 10,5/13, den kaum ein Beobachter erwartet hatte, hatte Erigaisi genau so geplant. In einem Jahr wird er sich im Masters mit der Elite des Sports messen. Nach Einschätzung von Magnus Carlsen zu Recht. Erigaisis Partien seien auf einem ähnlichen Level wie die im höheren Turnier gewesen. „Ich glaube, er wird im nächsten Jahr zeigen wird, dass er in dieses Feld gehört“, so Carlsen.

Viswanathan Anand, Mentor. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga

Bis dahin wird Erigaisi wahrscheinlich indischer Nationalspieler sein. Als nationale Nummer vier sollte er Kandidat für die indische Mannschaft bei der Schacholympiade Ende Juli in Moskau sein. Obendrein stehen im September die Asienspiele an, die zum ersten Mal nach zwölf Jahren wieder Schach ins Programm genommen haben.

Mentor des indischen Teams bei den Asienspielen wird Erigaisis Fürsprecher Anand sein. Der Ex-Weltmeister plant schon für den Wettbewerb, wie er jetzt der Times of India sagte: „Wir können an jedem Brett starke Leute aufstellen, das hilft.“ Als gefährlichsten Konkurrenten sieht Anand China. Auch mit Usbekistan sei zu rechnen.

3 4 votes
Article Rating
Werbung

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

3 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
trackback

[…] vier Partien stehen zu Buche, darunter Siege über den russischen 2700er Andrey Esipenko sowie die indische Schachhoffnung Arjun […]

Chris
Chris
8 Monate zuvor

Wieso chatten die auf English?

Wirkt dadurch auf mich etwas wie ein Fake, auch wenn ich ihn glaube das er sicher ambitioniert angetreten ist … Glaube ich nicht an die 10.5, da könnte ich mir sogar eher die 13 vorstellen um zu sagen ich geh in jedes spiel um zu gewinnen 😉

Max
Max
7 Monate zuvor
Reply to  Chris

Englisch ist in Indien Amtssprache. Es ist absolut nicht ungewöhnlich, dass Inder miteinander Englisch reden.