Kader, Keymer, Cupgewinner – eine Rückschau

Julius-Bär-Challenge, Champions League, Kader-Challenge. Es war einiges los in den vergangenen Wochen, unser Taktik-Knecht hat reiche Beute gemacht, und im Weltnetz ist manche Spur des jüngsten Kampfgetümmels auf den 64 Feldern erhalten geblieben, sei es im Bewegtbild, in Form von Taktikaufgaben oder kommentierten Partien. Eine Auswahl:

Keymer,Vincent (2591) – Nihal,Sarin (2620)
Baer Polgar Challenge chess24.com INT (11), 2021.04.10

Ein Duell, das wir in den kommenden Jahren häufig sehen werden: Vincent Keymer gegen Nihal Sarin, ein Mitglied des indischen Wunderknabentrios. Hier hatte der Inder den Deutschen am Schlafittchen, verpasste aber die richtige Fortsetzung.

Schwarz zieht und gewinnt.

(Du willst lösen? Klick aufs Brett.)


GM Kuzubov,Y (2642) – GM Keymer,Vincent (2591)
European Online CC PlayB Tornelo INT, 2021.03.29

Am Ende konnten die Schachfreunde Deizisau doch nicht vermeiden, dass die Öffentlichkeit von ihrer Europacup-Teilnahme erfuhr. Nicht zuletzt wegen der Ausnahmeleistung ihres Ausnahmetalents holte die deutsche Mannschaft den Pokal, und das sprach sich von allein herum.

Schwarz zieht und gewinnt.

Keymer offenbarte im Lauf des Turniers bis dahin ungekannte Zocker- und Schwindelqualitäten. Beispielhaft dafür steht diese Partie gegen den Ukrainer Yuryi Kuzubov, die der junge Deutsche zu drehen vermochte. Wie er das gemacht hat, ist auf Youtube an mehreren Stellen zu sehen. Unter anderem erklärt uns Vincent höchstselbst die Partie:


FM Schneider, Jana (2272) – WIM Muetsch, Annmarie (2266)
DSB Women Squad Challenge Magdeburg GER, 2021.04.08

2.000 Euro, mehr als die vier Co-Sieger des Herren-Turniers, gewann Jana Schneider dank ihres Start-Ziel Siegs bei der Kader-Challenge in Magdeburg. Gegen die einstige U16-Weltmeisterin Annmarie Mütsch kassierte sie eine Niederlage. Mütsch musste mehrere Züge lang auf einem schmalen Taktik-Pfad wandeln, ohne sich auf eine der verlockenden Abzweigungen zu begeben. Ihr gelang das. Dir auch?

Schwarz zieht und gewinnt.


GM Bluebaum, Matthias (2670) – GM Huschenbeth, Niclas (2604)
DSB Squad Challenge 2021 Magdeburg GER, 2021.04.06

Nach seiner Auftaktniederlage gegen Frederik Svane bei der Kader-Challenge kam Matthias Blübaum mit Macht zurück. Nach einer nicht gebotenen Zaghaftigkeit Huschenbeths ausgangs der Eröffnung rollte Blübaum los und war nicht mehr zu stoppen. Dieses ist das Finale einer längst entschiedenen Partie, an deren Ende Huschenbeths König beim verzweifelten Versuch, Gegenspiel zu finden, viel zu tief ins feindliche Lager geraten war. Jetzt muss der schwarze Monarch noch mattgesetzt werden.

Weiß zieht und gewinnt.



GM Donchenko, Alexander (2659) – GM Engel, Luis (2553)
DSB Squad Challenge 2021 Magdeburg GER, 2021.04.06

Was Schwarzspieler gegen Alexander Donchenko vermeiden sollten, ist, in eine katalanische Massage zu geraten. Luis Engel ist es in Magdeburg nicht vollständig gelungen, eine solche Massage zu vermeiden. Aber er kam mit einem halben Punkt davon, weil er hier hintereinander die zwei einzigen Züge fand, die Schwarz mit annähernd gleichen Aussichten in der Partie halten.

Schwarz zieht und lebt.


WGM Heinemann, Josefine (2296) – WGM Lubbe, Melanie (2274)
DSB Women Squad Challenge Magdeburg GER, 2021.04.07

Natürlich steht der schwarze König auf Matt. Andererseits hängt ja erstmal die weiße Dame, das sollte der Schwarzen eine Verschnaufpause verschaffen. Oder?

Weiß zieht und gewinnt.


Heinemann,Josefine (2296) – Sieber,Fiona (2275)
DSB Women Squad Challenge Magdeburg GER (7), 2021.04.11

Masters-Siegerin Fiona Sieber hatte bei der Kader-Challenge einen schweren Stand. Gegen Josefine Heinemann kam sie mit einem halben Punkt davon, weil Heinemann hier einen Elfmeter nicht verwandelte.

Weiß zieht und gewinnt.


Huschenbeth,N (2604) – Fridman,D (2601)
DSB Squad Challenge 2021 Magdeburg GER (7), 2021.04.09

Mit dem Turniersieg hatte Niclas Huschenbeth nichts zu tun, aber mit seinem taktisch geprägten, angriffslustigen Stil war er ein Garant für attraktive Partien, darunter diese gegen Daniel Fridman, den er mit der Schirow-Variante im Vorstoß-Caro-Kann ansprang. Aber nachdem Huschenbeth noch in der Eröffnung den einen oder anderen Elfmeter nicht verwandelt hatte, hätte Fridman hier frühzeitig den Sack zumachen können. Wie?

Schwarz zieht und gewinnt.

Dass die Aufgabe eher eine akademische ist, dass abseits von Computermaßstäben in der menschlichen Meisterpraxis auch der von Fridman gespielte Zug gut genug sein sollte, entnehmen wir dem Partiekommentar auf der DSB-Website (Klick auf einen Zug öffnet das Diagramm zum Nachspielen):

Anhand dieser Partie sei ein letztes Mal auf die von Kevin Högy kommentierten Kader-Partien beim Schachbund verwiesen. Die nachzuspielen, ist ein erhellender Hochgenuss.

Verwiesen sei auch darauf, dass wie beim Masters ein weiteres Mal das Salz in der Suppe jeder Sportberichterstattung fehlte, die “Stimmen zum Spiel”:

Wieder hat unser Schachbund seine besten Spielerinnen und Spieler eine Woche lang versammelt, und wieder hat er es vollbracht, keinen Spieler zu fragen, woran es gelegen hat. Die Hauptdarsteller blieben stumme, seelenlose Zugmaschinen. Niemand weiß, was sie bewegte, wie sie sich fühlten.

Matthias, gleich zu Beginn eine Null gegen den Außenseiter. Woran hat es gelegen?

Frederik, gleich zu Beginn ein Sieg gegen die deutsche Nummer eins. Geht das jetzt so weiter?

Dmitrij, willkommen im 2600er-Club. Ziel erreicht? Eine Zwischenstation?

Daniel, was für eine Aufholjagd. Dabei hatte dein Turnier so bescheiden angefangen.

Was sie wohl geantwortet hätten? Wir werden es nicht erfahren.

Das liegt übrigens nicht nur an unseren Freunden vom Schachbund, die nun nach knapp 150 Jahren der Selbstverwaltung mühsam lernen müssen, was ein Zuschauersport ist und wie man den inszeniert. Das liegt erst recht nicht an Schachdeutschland TV, wo Klaus Bischoff neben all den aufgeregten Twitch-Quatschköpfen auf anderen Kanälen als erfrischender Anachronismus durchgeht.

Heute fühlen sich bitte in erster Linie die eine Woche lang unsichtbaren Zugmaschinen Donchenko und Blübaum in den Hintern getreten. Nach der Partie bei Klaus Bischoff vorbeizuschauen, ist Teil eures Jobs.

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