Die Blase des nicht organisierten Schachs anstechen

385 Mannschaften, 3000 Spieler und ein Favorit. Die Schachfreunde Deizisau werden in der zweiten Auflage der Deutschen Schach-Online-Liga (DSOL) mit einer Mannschaft antreten, die auch als Nationalmannschaft durchgehen würde: Alexander Donchenko, Matthias Blübaum, Georg Meier und Vincent Keymer werden für die Baden-Badener Dependance an den virtuellen Brettern sitzen.

Während ihre Kollegen aus Baden-Baden sich in dieser Hinsicht bedeckt halten, haben die Deizisauer nach anfänglichem Zögern offenbar Gefallen daran gefunden, mit ihrer Ansammlung nationaler und internationaler Stars die Online-Ligen aufzumischen. Nachdem sie im Juni die Quarantäne-Bundesligen eingestiegen waren und in Liga 12 beginnen mussten, wuchs der Gedanke, die „perfekte Story“ (Sven Noppes) zu schreiben – der Durchmarsch von Liga 12 zum Meistertitel.

Siebrecht, der große Kommunikator

Nicht nur die Donchenkos, Blübaums, Keymers halfen mit, dass der Durchmarsch gelang. Auch die einstigen Vizeweltmeister Gata Kamsky und Peter Leko aus dem Deizisauer Bundesliga-Team trugen zum Marsch durch die Ligen bei. Freilich hat außerhalb von Deizisau in Ermangelung jeglichen Storytellings rund um das Superteam niemand etwas von der perfekten Story mitbekommen.

Nun in der DSOL wird der eine oder andere Mensch von den Erfolgen der Schachfreunde aus dem Schwäbischen erfahren, ob sie wollen oder nicht. Dafür bürgt der größte Kommunikator des deutschen Schachs, Sebastian Siebrecht, wahrscheinlich der bestmögliche Kandidat, um die im organisierten Schach verankerte Schneckenhaus- und Graben-Mentalität aufzubrechen.

„Alle Infos zur Sendung“. Außer der Info, wo die Sendung zu sehen ist 😂 Hoffen wir mal, dass das nicht versteckt wird,…

Gepostet von Perlen vom Bodensee am Dienstag, 5. Januar 2021

Unser Schachbund plant, seine Online-Liga mit Live-Shows zu begleiten, moderiert von Siebrecht. Teil dieser Shows wird sein, Vereine vorzustellen. „Das Feedback darauf war sehr positiv“, sagt Siebrecht auf Anfrage dieser Seite. Einige hätten sich gemeldet. Welcher Verein als erster ins Scheinwerferlicht gestellt wird, stehe noch nicht fest. „Die Bewerbungsfrist läuft ja noch.“

Siebrecht hat jetzt auf Anfrage dieser Seite bestätigt, dass die DSOL-Show der Auftakt des „offiziellen deutschen Schachkanals“ sein wird – ein Projekt, dass das organisierte Schach im Sinne der Vereine und im Sinne des DSB-Leitbilds dort sichtbar macht, wo die große Mehrheit der Schachspieler ist: auf Twitch und Youtube. Berlins Vizepräsident Paul Meier-Dunker hatte dieses Gemeinschaftsprojekt mit den Landesverbänden im Gespräch mit dieser Seite unlängst angekündigt.

DSOL-Match als Hybrid-Wettkampf beim SV Berolina-Mitte. Am „Brett“ Uwe Sabrowski, hinten Jens Rennspieß, die beiden Spielleiter des Berliner Vereins. | Foto: Frank Hoppe/SV Berolina Mitte

Ein Ziel eines solchen Kanals soll sein, die Trennung zwischen der Blase des organisierten Schachs und der des Online-Hobbyschachs aufzuweichen. Unzählige Menschen haben im Lauf der vergangenen Monate das Schachspiel für sich (wieder)entdeckt, viele folgen einem der zahlreichen Schachkanäle im Netz. Nun gilt es, ihnen bewusst zu machen, dass sich Schach organisiert spielen lässt. Und dass Schachvereine auch für Nicht-Experten attraktive Angebote bereithalten, siehe Schachfreunde Pfullingen.

In der Blase des organisierten Schachs bestätigen die neuen Zahlen die große Akzeptanz der Online-Liga. Nachdem zum Auftakt im vergangenen Jahr 240 Mannschaften mit 1800 Spielern teilgenommen hatten, ist der Zulauf nun gewaltig gestiegen. Offiziell steht die Teilnehmerzahl bei 2977, aber die Vereine können noch nachmelden, sodass zum Saisonstart am 18. Januar voraussichtlich eine „3“ vorne stehen wird.

3000 Spieler, fast 400 Mannschaften – wird der Server das aushalten? Beim freitäglichen ChessBase-Firmenturnier mit Videochat läuft alles glatt. | Screenshot via ChessBase

Nun drücken wir die Daumen, dass am 18. und 22. Januar der Kaltstart ohne Generalprobe gelingt. ChessBase-Chef Matthias Wüllenweber hat im Gespräch mit dieser Seite schon angekündigt, seinen Playchess-Server so zu überarbeiten, dass der Aufwand für die Mannschaftsführer kleiner wird, dass die technischen Probleme, die die erste Serie überschattet hatten, wegfallen – und dass das Spielerlebnis dank integrierten Videochats authentischer wird:

Einige Anhaltspunkte, woran noch zu arbeiten ist, lieferten den ChessBase-Machern die Deutsche Jugend-Online-Vereinsmeisterschaft, die Ende des Jahres online ausgespielt wurde. Die Deutsche Schachjugend hatte das Turnier auf dem Playchess-Server angesetzt, konnte auf diese Weise von ChessBase gestiftete Preise ausschreiben – aber erlebte speziell in der U12 ein Technik-Desaster inklusive hunderter Kinder im Chat, die dort unentwegt bekundeten, sie würden lieber bei Lichess spielen. Das U12-Turnier wurde schließlich abgebrochen. In der U16, U20w und U20 lief es nach Angaben der DSJ „nahezu problemlos“.

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