Corona als Chance für den Verein: Wie sich die Schachfreunde Pfullingen neu erfinden

Wie gewinnen wir all die neuen Schachfreunde da draußen für unseren Verein? Diese Frage markiert die zentrale Herausforderung, vor der das organisierte Schach steht. Die SF Pfullingen haben eine Antwort gefunden. Für ein erstes Hobbyturnier hat der Verein aus der 20.000-Einwohner-Stadt jetzt an die 40 Hobbyspieler gewonnen, an die 40 potenzielle Neuzugänge.

Die Pfullinger erliegen nicht dem im Schach verbreiteten Irrglauben, es reiche, ein isoliertes Angebot zu machen, und dann kämen (und blieben) Leute von alleine. Kontinuierlich wollen die Pfullinger denen, die in und um Pfullingen das Schachspiel (wieder)entdeckt haben, Angebote machen und die Attraktivität ihres Vereins aufzeigen. Und das führt sie zur zweiten zentralen Frage, vor der das organisierte Schach steht: Wie machen wir unsere Vereine für erwachsene Anfänger attraktiv?

Hinter der Hobbyturnier-Initiative stehen der Pfullinger Spielleiter Dieter Einwiller sowie Jugendwart und Webmaster Martin Schubert. Wir haben mit den beiden darüber gesprochen, wie sich ihr Verein neu erfindet.

Martin, Dieter, Breitensport und Geselligkeit sind für euch kein Neuland.

Martin Schubert. | Fotos: privat

Martin: Deswegen habe ich den Verein vor etwa zehn Jahren gefunden, als ich von Mannheim nach Pfullingen gewechselt bin. Ich sah, was es hier gibt: Wanderwochenende, Freizeitpokal, Angebote über das Schach hinaus. Das hat mich sofort angesprochen. Als Verein sind wir mehr als Leute, die nur Schach spielen. Wir sind Freunde und gute Bekannte, die gerne gemeinsam Dinge unternehmen.

Wie habt ihr die Corona-Monate erlebt?

Dieter: Wir spielen in einer Schule, die stand ab Mitte März nicht mehr zur Verfügung. Über eine Kooperation mit dem örtlichen Schützenverein, dem wir über unseren Freizeitpokal verbunden sind, haben wir für die Sommermonate eine Alternative gefunden, das Schützenhaus. Aber dort gab es eher sporadische Treffen, keinen regulären Spielabend.  

Wahrscheinlich habt ihr wie alle anderen in erster Linie online gespielt.

Dieter: Schon im März hat Martin unser Lichess-Team gegründet. Anfangs haben wir dort normale Turniere veranstaltet. Nach den Sommerferien haben wir einen Online-Spielabend am Donnerstag eingerichtet. Wenn er wieder möglich ist, wird freitags der reguläre Spielabend dazukommen.

Dieter Einwiller spielt Lf4 gegen das Damengambit.

Das Online-Angebot wird bleiben?

Dieter: Mein Ziel ist, dass wir ein hybrider Verein werden, der Präsenz- und Online-Angebote vorhält und diese miteinander verbindet. Auf diese Weise wollen wir auch entferntere Mitglieder ansprechen und einbinden. Interessant in diesem Zusammenhang: Wir hatten gestern eine Beitrittsanfrage einer Dame aus Sachsen-Anhalt. Unsere Vereinsmeisterschaft wird zwischenzeitlich auch in einer Online Version mit Schnellschachbedenkzeit ausgetragen. Bei der DSOL, der Online-Liga des Deutschen Schachbundes, sind wir mit drei Mannschaften vertreten.

Martin: Wir überlegen auch, inwieweit ein hybrides Modell für die Jugend interessant sein könnte. Unser Jugendtraining haben wir erst im November auf online umgestellt, seitdem haben wir wöchentliches Training in Kleingruppen angeboten. Das hat sehr gut funktioniert, warum sollten wir damit aufhören? Wir könnten Online-Trainingsangebote ja in Kooperation mit anderen Vereinen beibehalten, und freitags beim Vereinsabend spielen unsere Jugendlichen untereinander. Wie genau wir das handhaben, wird die Zukunft zeigen.

Was ist mit den Senioren? Von anderen Vereinen höre ich, dass es während der Corona-Monate oft nicht ganz einfach war, sie für neue Angebote zu gewinnen.

Dieter: Die meisten organisierten Spieler trauern in erster Linie dem Schach nach, wie sie es kennen. Viele von denen akzeptieren die hybride Welt, weil es gerade nicht anders geht, sehen darin aber kein Zukunftsmodell. Aber mancher hat auch eine Entwicklung durchgemacht. Einer unserer Schachfreunde, Mitte 50, hat Onlineschach anfangs prinzipiell abgelehnt, jetzt macht er doch mit.

Schachfreunde Pfullingen

Der 1955 gegründete Verein zählt etwa 100 Mitglieder, die in fünf Mannschaften am regulären Spielbetrieb teilnehmen. Eine ambitionierte erste Mannschaft und aktive Jugendarbeit zeichnen den Verein ebenso aus wie seine Breitensportangebote: Beim „Freizeitpokal“ der SF Pfullingen wetteifern die Schachfreunde im Minigolf, Schießen, Mutscheln, Darts und Bowling um den ersten Rang in der Jahreswertung.

Schachfreunde Pfullingen

Der 1955 gegründete Verein zählt etwa 100 Mitglieder, die in fünf Mannschaften am regulären Spielbetrieb teilnehmen. Eine ambitionierte erste Mannschaft und aktive Jugendarbeit zeichnen den Verein ebenso aus wie seine Breitensportangebote: Beim „Freizeitpokal“ der SF Pfullingen wetteifern die Schachfreunde im Minigolf, Schießen, Mutscheln, Darts und Bowling um den ersten Rang in der Jahreswertung.

Offenbart die Pandemie einen Generationenkonflikt im Vereinsschach?

Dieter: Ich sehe zwei Schachwelten, die online und die am Brett mit ihrer Vereinsstruktur. Es liegt an uns, Verbindungen zwischen beiden zu knüpfen. Natürlich sind die Spieler online tendenziell jünger, aber das ist nicht generell so. Über das Onlineschach haben wir Leute gefunden, die früher Schach gespielt und es jetzt wiederentdeckt haben, zum Beispiel durch die Netflix-Serie „Das Damengambit“. Unsere Idee war, die Welt des Vereinsschachs und die des Online-Schachs miteinander zu verbinden …

… und daraus entstand das Hobbyturnier?

Dieter: Das wollten wir regional anbieten, wir sind ja auch ein regionaler Verein. Deshalb haben wir gesagt „Pfullingen und Umgebung“. Und es hat funktioniert. 42 Teilnehmer, nur ganz wenige davon Vereinsmitglieder, und 36 davon neu registriert in unserem Lichess-Team.

Wie habt ihr das bekannt gemacht?

Dieter: Über die lokale und regionale Presse. Hobbyspieler erreicht man ja nicht über die Schachkanäle. Ich kenne einen Redakteur vom Reutlinger Generalanzeiger ganz gut, dort ist im Regionalteil am Beispiel der SF Pfullingen ein Bericht über die Herausforderungen erschienen, denen sich Schachvereine jetzt stellen müssen. „Neue Wege gehen“ war in etwa der Tenor des Artikels. Es ist uns auch gelungen, in anderen Zeitungen unterzukommen, und dann sprach es sich herum. Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert hat.

Martin: Als der Artikel im Generalanzeiger erschien, hatten wir mehr als 100 Zugriffe auf die Vereinshomepage. Das ist eine Menge für unsere Verhältnisse.

Bericht im Reutlinger Generalanzeiger.

Habt ihr Soziale Medien eingesetzt?

Martin: Bei den „Perlen vom Bodensee“ stand sinngemäß, lieber einen Kanal richtig bespielen als fünf Kanäle, von denen man nichts versteht, mehr schlecht als recht. Daran halten wir uns. Unsere Homepage haben wir vor einiger Zeit neu gemacht, moderner, bedienerfreundlicher, sodass unsere Mitglieder einfacher Artikel einstellen können. Ich kümmere mich darum, dass wir dort regelmäßig neue Inhalte präsentieren. Jetzt kam die Offensive über klassische Medien dazu. Bei Sozialen Medien sind wir eher zurückhaltend. Untereinander kommunizieren und organisieren wir aber in mehreren WhatsApp-Gruppen.

Sind aus dem ersten Hobbyturnier schon Anfragen erwachsen, bei euch einzutreten?

Dieter: Anfragen gibt es mehrere: von Jugendlichen wie von erwachsenen Hobbyspielern, die genauer wissen möchten, wie es bei uns läuft, was wir anbieten, was das kostet. Ein Beitrittsformular habe ich schon versandt. Aber ich würde nicht erwarten, dass Leute sich sofort an feste Strukturen binden wollen, und ich möchte niemanden verschrecken. Erst einmal soll den neuen Schachfreunden attraktiv erscheinen, was wir tun. Sie sollen sehen, dass wir uns um sie kümmern.

Angebote für Hobbyspieler zu schaffen, ist eine der großen Herausforderungen, vor denen Vereine jetzt stehen. Wie zeigt Ihr, dass ihr euch kümmert?

Dieter: Für den Anfang haben wir Großmeister Ilja Zaragatski für zwei Trainingsabende gebucht, einen für stärkere, einen für schwächere Spieler. An dem für schwächere Spieler in der kommenden Woche dürfen die 42 aus dem Hobbyturnier teilnehmen. So bieten wir ihnen die Gelegenheit, in ein Schachtraining hineinzuschnuppern und einen Schachgroßmeister zu erleben. In der Woche danach werden wir das zweite Hobbyturnier veranstalten.

Martin: Eine Herausforderung wird sein, alle Teilnehmer des ersten Turniers zu erreichen. Wir haben noch nicht von allen die Kontaktdaten, und einige sind noch nicht allzu aktiv auf Lichess. Jeder von ihnen wird angeschrieben, hoffentlich kommt die Botschaft an. An der Stelle sehe ich einen Lerneffekt für uns: Wir müssen sicherstellen, die Leute erreichen zu können. Idealerweise bekommen wir möglichst früh Informationen, für welche Art von Angeboten sich unsere Hobbyspieler begeistern, sodass wir Anhaltspunkte haben. Wir sehen das Interesse, aber wir müssen noch genauer herausfinden, was zieht und was wir als Verein tun können.

„Offen für neue Entwicklungen“, „Dienstleister für alle Schachspieler“, „richtet sich an aktuellen Veränderungen aus“: Hätte die Schachverwaltung in den vergangenen 18 Jahren ihr seit 2002 geltendes Leitbild zur Grundlage ihres Handelns gemacht, wäre sie seit zwei Jahren nicht in erster Linie mit sich selbst beschäftigt, die Coronakrise hätte 2020 nicht einen unbeweglichen, gestaltungsfeindlichen Tanker getroffen, sondern eine Organisation, die umsteuern kann, wenn Herausforderungen und Chancen das gebieten. Nun müssen unsere Vereine wie die Schachfreunde Pfullingen die Impulse senden, an denen sich andere orientieren können.

Zwei Hobbyturniere, ein GM-Training, super. Aber wie stellt Ihr Kontinuität her?

Dieter: Mir schwebt eine Jahreswertung unserer Hobbyturniere vor, ein weiterer Anreiz für Interessenten teilzunehmen. Aber wir sind da offen, wir fangen ja gerade erst mit vorsichtigen Schritten an. Mitte Januar ist Vorstandssitzung, auch die online, und da werden wir darüber diskutieren müssen, wie wir uns aufstellen und was wir anbieten.

Wie steht es um die Attitüde des Gesamtvereins? „Wir müssen uns neu erfinden“ ist ja ein Brocken, den nicht jeder einfach so schluckt.

Dieter: Im Vergleich sehe ich uns da weit vorne. Zumindest in Württemberg ist mir kein anderer Verein bekannt, der gezielt versucht, für neue Schachfreunde aus der Online-Welt Angebote zu machen. Auch unser Verband sucht bislang  in der klassischen analogen Welt den Weg nach draußen. Er macht zwar Online-Angebote, aber nur Situatives, nichts Strukturiertes, und vor allem nur Sachen, die als Corona-Überbrückung für Vereine und ihre Mitglieder gedacht sind. Aber das mag sich ändern. Ich stehe mit dem Württembergischen Verband in Kontakt. Die sind sehr interessiert daran, Erfahrungsberichte aus Pfullingen zu bekommen.

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