„Alle vier sind heiß auf Wettkampf“: Sebastian Siebrecht und das Ringen ums Tegernsee Masters

Während am Bodensee diese Zeilen entstehen, kämpft am Tegernsee Sebastian Siebrecht um „sein“ Turnier. Mit dem gestrigen Corona-Beschluss von Bund und Ländern sind Restaurants geschlossen, Amateursport ist verboten, Hotels dürfen keine Touristen aufnehmen. Kann unter diesen Umständen am Samstag das „Tegernsee Masters“ beginnen?

Ja, kann es. „Gerettet!“, verkündete am Donnerstagnachmittag Turnierdirektor Siebrecht nach einem Tag der Krisensitzungen. Schon frühmorgens hatte er sich optimistisch gegeben, nachdem die lokale Politik und die Marketingagentur des Tegernseer Tals grünes Licht gegeben hatten. Am Nachmittag stand dann fest: Das Tegernsee Masters findet statt.

Schachlich wird es ein Leckerbissen, nach dem Masters in Magdeburg das zweite Turnier, in dem die Top 3 der deutschen Eloliste ihren Dreikampf um die Spitzenposition im direkten Aufeinandertreffen fortsetzen – und das, ein Bonbon, auch im Aufeinandertreffen mit Vincent Keymer.

Schon beim Masters in Magdeburg hatte es seitens des DSB die Überlegung gegeben, diese Konstellation möglich zu machen, indem der in Ungnade gefallene Georg Meier aus dem Turnier gestrichen und stattdessen Vincent Keymer dazugenommen wird. Mehr als ein zaghafter Vorstoß wurde aus dieser Überlegung nicht. Nun am Tegernsee werden wir zum ersten Mal diese vier im direkten Vergleich sehen.

Nach DWZ treffen am Tegernsee sogar die deutschen Top 4 aufeinander. Während Vincent Keymer seinen Elo erst noch über 2600 hieven will, ist ihm das mit seiner Deutschen Wertungszahl längst gelungen. | Montage: Franz Jittenmeier

Das folgende Gespräch mit Sebastian Siebrecht haben wir bereits am Anfang der Woche geführt:

Sebastian, vor einem Jahr haben wir uns am Tegernsee voneinander verabschiedet und sind wahrscheinlich beide davon ausgegangen, dass wir uns bei der Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaft 2020 wiedersehen.

In die abgesagte OIBM 2020 haben wir wahrscheinlich mehr Arbeit gesteckt als in diejenigen davor, die stattgefunden haben. Es wurden so viele Konzepte geschrieben, so viele Absprachen getroffen. Das ganze Team, von der Tegernseer Tal Tourismus bis zu den Schiedsrichtern, hat unheimlich viel investiert, damit wir vom Gesundheitsamt eine Zusage bekommen. Und am Ende hieß es von Seiten der Politik trotzdem: „Nicht durchführbar.“ Bitter.

Wenige Tage nach der Absage hast du „Breaking News“ verkündet: Es gibt doch ein Turnier, nur anders.

Für die OIBM hatte ich ja Zusagen der besten deutschen Spieler vorliegen. Blübaum, Donchenko, Nisipeanu, Keymer in einem Turnier. „Wer weiß, wann ich die wieder kriege?“, habe ich mich gefragt. Und dann von vorne angefangen. Erst habe ich über ein starkes Normturnier mit 50 Spielern im Schweizer System nachgedacht, aber dann wurde es noch eine Nummer kleiner, zumindest der Teilnehmerzahl nach.

Ein Rundenturnier mit zehn Spielern: das erste „Tegernsee Masters“.

Am liebsten hätte ich dazu noch ein IM-Turnier für die besten Talente organisiert, ein Turnier für die lokalen Stars und als Spitzengruppe das GM-Turnier, aber das war nicht zu stemmen.  Also habe ich mich auf das GM-Turnier konzentriert. Das sollte so stark wie möglich werden mit einem möglichst hohen Eloschnitt und hungrigen Teilnehmern.

GM Sebastian Siebrecht. | Fotomontage: Franz Jittenmeier.

Damit Normen möglich sind?

Auch, GM-Norm-Chancen für die drei Youngster sind mir sehr wichtig. Aber besonders habe ich natürlich unsere Topspieler im Blick. Toll wäre, wenn wir Vincent über 2600 kriegen, er ist ja nahe dran, und er hat in Biel und in der Bundesliga gezeigt, dass er auf 2600+-Level spielen kann. Jetzt bekommt er einen Gegnerschnitt nahe 2600 vorgesetzt, da kann er den nächsten Schritt machen. Und die anderen drei, Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Liviu Dieter Nisipeanu, sollen die Chance haben, sich Richtung 2700 zu bewegen. Speziell Matthias (2672 Elo, Anm. d. Red.) hat dieses Ziel ja schon fast vor Augen. Und wenn Matthias nicht vorneweg marschiert, dann haben die anderen beiden am Tegernsee dank des hohen Gegnerschnitts die Chance, ihm den Nummer-eins-Spot wegzunehmen.

War es schwierig, die vier ins neue Turnier zu bekommen?

Überhaupt nicht. Es stand noch gar kein Preisfonds und dergleichen fest, da signalisierten schon alle, dass sie spielen würden. Es war nur jedem wichtig, einen möglichst guten Gegnerschnitt zu bekommen. Alle sind unheimlich heiß, Schach zu spielen und Wettkampf zu erleben.

Gilt das auch für den fünften Deutschen im Bunde, Ashot Parvanyan?

Für den erst recht. Ashot ist 18, macht gerade ein Schachjahr – und das ist wegen Corona nicht so einfach. Er hatte sich von sich aus angeboten zu spielen, hat gar nicht nach Konditionen gefragt. Wenn ich sehe, dass Leute so investiert sind, dann komme ich ihnen gerne entgegen. Außerdem ist er DSB-Kaderspieler, auch ein Faktor. Jetzt hat er die Chance, am Tegernsee eine GM-Norm zu machen. Aber leicht wird das nicht, wenn ich mir anschaue, mit wem er sich auseinandersetzen muss.

GM-Norm für Ashot Parvanyan? „Leicht wird das nicht“, sagt Sebastian Siebrecht. | Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus

Die Hälfte des Feldes besteht aus DSB-Kaderspielern. Bekommst du dafür Unterstützung?

Du kannst dir vorstellen, wie klein in diesen Zeiten das Budget ist. Als ich eine Chance gesehen habe, dass das Turnier stattfinden könnte, habe ich natürlich sofort den Schachbund kontaktiert. Das Turnier ist ja speziell auf die deutschen Spitzenspieler ausgerichtet, und der DSB, nahm ich an, sollte Interesse daran haben, dass seine Spitzenspieler Wettkämpfe bekommen. Marcus Fenner war für meine Anfrage offen, er hat sich dann mit Bundestrainer Dorian Rogozenco, Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky und Präsident Ullrich Krause abgestimmt. Jetzt übernimmt der DSB die Kosten für die Kaderspieler. Für diese großartige Unterstützung bin ich sehr dankbar. Auch für die Unterstützung von ChessBase übrigens. Klaus Bischoff wird die Partien im Internet live kommentieren.

Wer sind die Ausländer im Turnier?

GM Alexander Fier, ein alter Freund von mir, hat neulich in Bremen gespielt, er ist eh in Deutschland, es lag nahe, ihn einzuladen. GM Mateusz Bartel aus Polen kommt auf eigene Kosten, der wollte einfach nur Schach spielen, und mit seinen 2638 ist er super für den Eloschnitt. Also war er gesetzt. GM Pier Luigi Basso aus Italien, Elo 2570, war ein ähnlicher Fall.

„Will so schnell wie möglich Großmeister werden„: Leon Luke Medonca, 14 Jahre alt, hat seine erste Norm gerade gemacht. | Foto: Basil Sylvester Pinto

Dazu zwei Youngster.

Leon Luke Medonca aus Indien, 14 Jahre alt, ist seit März mit seinem Vater in Europa gestrandet wegen Corona, eine irre Geschichte. Jetzt kommt er an den Tegernsee. Leon Luke hat gerade in Budapest seine erste GM-Norm gemacht. Daniel Dardha, ein 15-jähriger Belgier, kommt ebenfalls mit der ersten GM-Norm im Gepäck, die hat er gerade in Frankreich gewonnen.

Hoffentlich hat niemand das Virus im Gepäck.

Alle Ausländer machen vor Turnierbeginn einen Test, wir wollen kein Risiko eingehen. Das gilt auch für die Partien. Wir werden mit Plexiglasscheiben spielen, vielleicht auch mit Maskenpflicht während der Partien, das steht noch nicht fest.

Sportlich ist so gar kein Fallobst dabei. Eine GM-Norm in diesem Feld, das wird hart. Und wer soll das Turnier eigentlich gewinnen?

Ich bin tatsächlich schon gefragt worden, warum ich nicht ein paar schwächere Spieler eingeladen habe, um die Chancen für andere Teilnehmer zu erhöhen.

Nichts da, wir wollen sie kämpfen sehen.

Genau. Alles andere wäre gegen meine Denke. Ich gönne jedem den Erfolg, aber ich will, dass jeder für den Erfolg am Brett maximal hart arbeiten muss. Mir schwebt ein harter, aber eben auch fairer Wettbewerb vor. Wenn ein alternder Großmeister und potenzieller Punktelieferant wie ich mit von der Partie wäre, das würde sich falsch anfühlen. Ich will Spieler, die frisch sind, ehrgeizig, und bereit, ihr Bestes abzurufen. Das kann natürlich dazu führen, dass am Ende ein Jugendlicher wie Ashot oder Daniel mit einem Punkt aus neun Partien dasteht. Aber dann war es hoffentlich eine wertvolle Lektion.

Der alternde Großmeister und Punktelieferant Siebrecht hat neulich ein Turnier gewonnen.

„Spiele jetzt mit Lesebrille“: Sebastian Siebrecht am Brett. | Foto: Schachfestival Arco

Ja, das Festival Scacchistico Internazionale Città di Arco. Dort hatte ich vor zehn Jahren teilgenommen, quasi das letzte Turnier, bevor ich eine lange Turnierschachpause eingelegt habe. Und jetzt habe ich es tatsächlich gewonnen und sogar eine Legende wie Oleg Romanishin besiegt.

Spielst du wieder ambitioniert?

Jedenfalls spiele ich wieder. Seit dem 15. März darf ich ja keinerlei Veranstaltungen mehr ausrichten, ich war sechs Monate fast durchgehend zu Hause. Also hat mir meine Frau frei gegeben, ich durfte Schach spielen fahren (lacht). Das erste Turnier ging ordentlich nach hinten los. Das fing schon damit an, dass ich erst am Brett und beim Mitschreiben gemerkt habe, dass ich eine Brille brauche. Jetzt spiele ich mit Lesebrille. Ich hab‘ dann noch ein paar Turniere nachgelegt, in Magdeburg war ich auch dabei, jetzt stehe ich wieder im Saft. Aber nun bin ich erstmal Organisator, und danach ist nicht abzusehen, dass es überhaupt Turniere gibt.

Inwieweit ist die Krise eine Bedrohung für dich? „Faszination Schach“ und alles andere, was du anbietest, geht ja gerade nicht.

Ich habe mein Leben lang fleißig gearbeitet. Aber wenn du ein halbes Jahr lang vom Ersparten leben musst, kommt irgendwann der Punkt, an dem das nicht mehr lustig ist. Ich schränke mich ein – und entwickele neue Modelle für den Fall, dass das noch bis ins nächste Jahr so weitergeht. Ich habe zwar schon Buchungen für Veranstaltungen im nächsten Frühjahr, aber wenn ich mir die derzeitige Lage anschaue, bin ich skeptisch, ob daraus etwas wird.

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