Lübecks Leistungsträger

Leider gibt es keine Statistik über die besten Einzelergebnisse in den Quarantäneligen. Wenn wir uns die vergangenen Spieltage anschauen, dann glänzte in der Bundesliga oft Hamburgs Rasmus Svane, der nicht selten gegen stärkste Gegnerschaft binnen zwei Stunden um die 70 Punkte einsammelt und Performances nahe 2800 erzielt.

Wenn wir uns den jüngsten Spieltag anschauen, den 26., dann sehen wir in der Bundesliga eine extrastarke Einzelleistung. 85 Punkte erspielte Georg Meier in Diensten des Düsseldorfer SK 1914/25, Performance 2842. Boah. Diese außergewöhnliche Leistung ist mit einem Kuriosum verknüpft. Trotz ihres Zugpferdes aus Baden-Baden (weder die OSG aus Baden-Baden, wo Meier arbeitet, noch die SF Deizisau, Meiers Verein, beteiligen sich an der Quarantäneliga, schade) müssen die Düsseldorfer absteigen.

Von der Bundesliga begeben wir uns ins Mittelfeld der Ligahierarchie, in Liga 5C nämlich, und sehen eine Einzelleistung, die die beiden erwähnten verblassen lässt:

Ganz oben in Liga fünf der Bochumer Schachverein 02, ganz unten Team Huschi, das ohne Huschi spielte. Wer wissen will, wofür „VdSF“ steht, besucht die Homepage der VdSF Bonn. Und wer sehen will, wie ein Sportverein seine einzige aktive Abteilung auf der Vereinswebsite unsichtbar und kaum auffindbar macht, der schaut beim TSV Kareth-Lappersdorf vorbei.

Erstaunliche 101 Punkte sammelte Schachfreund „chessfis„. Eine dreistellige Punktzahl ist selbst beim Drei-Minuten-Blitz binnen zwei Stunden kaum zu schaffen, also haben wir genauer hingeguckt, wer dieser Schachfreund ist und wie er das gemacht hat.

Hinter chessfis verbirgt sich Frederik Svane, der jüngere Bruder von Rasmus. Dessen Werdegang verfolgt der schleswig-holsteinische Schach-Chronist Henning Geibel seit längerem. Geibel teilt mit:

„Frederik und seine Zwillingsschwester Freja waren schon sehr früh schachlich aktiv. Sie waren damals im Gefolge ihrer Eltern, die ihren älteren Bruder zu den Turnieren brachten und dort betreuten. Schon im Jahr 2010, d.h. mit 6 Jahren, spielte Frederik erstmals beim Politiken Cup mit und erreichte mit 2,5 Punkten aus acht Partien eine ELO-Performance von 1562. Ende des Jahres 2010 spielte er in Travemünde sein 2. ELO-Turnier, holte dort 2,5 Punkte aus 7 Partien und ereichte damit seine erste ELO-Zahl von 1699 – für einen 6jährigen ganz erstaunlich. Er war damals mit Abstand der jüngste deutsche Spieler mit einer ELO-Zahl und nach meiner Erinnerung sogar der jüngste Europäer. 

Inzwischen ist Frederik 16 Jahre alt, steht mit einer ELO-Zahl von 2421 bereits auf Platz 114 der deutschen ELO-Rangliste und ist der höchstnotierte Spieler ohne Titel. Ende vergangenen Jahres hat er in Aarhus seine erste IM-Norm erzielt. Wir Schleswig-Holsteiner waren überzeugt, dass er in diesem Jahr die beiden noch fehlenden Normen schaffen würde, aber bekanntlich hat Corona einen Strich durch diese Pläne gemacht. Sollte es in diesem Jahr noch zu einer Jugend-WM kommen, wäre Frederik sicher dabei und hätte dort beste Chancen auf seine 2. Norm.“

Rasmus‘ und Frederiks Vater Troels Svane ist ein 2800er. Allerdings am Cello, nicht am Schachbrett.

101 Punkte schaffte Frederik, weil er den Berserk-Modus von Lichess-Arenen ausreizte. Während sich für den Normalsterblichen schon Drei-Minuten-Blitz wie Bullet anfühlt, „berserkte“ Svane in 39 von 41 seiner Partien: Er spielte mit 1,5 Minuten Bedenkzeit, was Siege zwar schwieriger, aber auch wertvoller macht. Und so holte der 16-Jährige ein Drittel aller Punkte seines Lübecker SV von 1873, doppelt so viele wie deren zweitbester Mann Ullrich Krause. Diese beiden Zugpferde machten den Offline-Zweitligisten aus dem hohen Norden zum Quarantäne-Viertligisten.

Lübecks Leistungsträger: Frederik Svane und Ullrich Krause erzielten zusammen fast die Hälfte der Punkte ihres Teams. | Foto: Johanneum Lübeck

Womöglich hatten sich die Gebrüder Svane abgesprochen? Auch Rasmus berserkte sich vier Ligen höher durch die Bundesliga – nur sind dort die Gegner von anderem Kaliber. In die Nähe einer dreistelligen Punktzahl kam er nicht.

Und sonst? In Stuttgart wundert sich der Webmaster, warum seine Stuttgarter Schachfreunde 1879 hier unlängst als „mächtig“ bezeichnet wurden. Allzu große Verwirrung hat das zum Glück nicht ausgelöst, vielleicht war es sogar Ansporn? Jedenfalls sind die Stuttgarter eines von drei Teams, denen am 26. Spieltag das ersehnte Kunststück gelang, durchs Nadelöhr dritte Liga zu schlüpfen. Bravo und viel Erfolg in Liga zwei!

Die mächtigen Bayern haben derweil die siebte Liga rasiert. Angeführt von Blitzspezialist IM Andreas Schenk alias Ragadingdong holten die Spieler des FC Bayern München fast doppelt so viele Punkte wie die zweitplatzierten Schächer vom SV Dicker Turm Esslingen.

Leider offenbarte sich uns keine Quarantäneliga-Episode rund um den Viertligisten SV Hellern. Darum sei die vorzügliche Heimseite dieses Vereins aus Osnabrück hier einfach so erwähnt. Zwei Mitglieder füllen die Seite mit Inhalten, Stephan und Otto. Ersterer hält die Welt über Erfolge und Misserfolge des Vereins in den Quarantäneligen auf dem Laufenden, Letzterer sieht das große Ganze. Ottos Ausführungen nicht nur zum Schach-Spielbetrieb in Deutschland sind lesenswert.

Als Vater Svane (rechts) dieses zeitlose Werk einspielte, war Frederik noch gar nicht geboren.

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Elwetritsche
Elwetritsche
8 Tage zuvor

Zuerst einmal danke für die engmaschige Berichterstattung zur Quarantäne-Liga! Es erhöht die Freude am Mitspielen nicht unwesentlich, wenn man hier mit Hintergrundinfos gefüttert wird. Sodann zwei ganz egoistische Wünsche: 1) Ein Beitrag zum Thema „Wie premoved man richtig? Tipps, Tricks und Tragödien“. 2) Bei Gelegenheit einige Details zu den turniertaktischen Besonderheiten des Arena-Modus (mit Stimmen aus den Top-Mannschaften). Bei Punkt 2) denke ich z.B. daran, dass es für Schweizer System Turniere typisch ist, in der letzten Runde eine Reihe von inhaltsleeren Kurzremisen (besonders an den vorderen Brettern) zu erzeugen, während der Arena Modus dazu führt, dass kurz vor Schluss Spieler… Weiterlesen »

Felix Hampel
7 Tage zuvor

Der liest hier auch immer gerne mit, ist in letzter Zeit aber bedauerlich inaktiv beim Schreiben von eigenen Berichten. Aber es klingt doch so, als sollte mal wieder was passieren! Immerhin haben wir es auch mal wieder in Liga 1 aufs Podium geschafft!

Felix Hampel
6 Tage zuvor

Das kann ich gerne tun!
Etwas zurück zum Artikel: gegen den jüngeren Svane hatte ich bei meiner letzten Norddeutschen Blitzeinzelmeisterschaft gespielt. Damals hatte er noch etwas weniger Elo (<2300), in einem Angriff zerstörte er mich aber ziemlich schnell. Zu einem Rematch hier in der Liga würde ich garantiert nicht nein sagen!

Elwetritsche
Elwetritsche
6 Tage zuvor
Reply to  Felix Hampel

Wunderbar! Ich freue mich schon…

Claus Seyfried
8 Tage zuvor

Viele tolle Informationen. Man ahnt ja gar nicht, was da alles vor sich geht und wer alles dabei ist! In unserer Liga 3B war das eine ganz enge Kiste. Mit einem Endspurt á la Dieter Baumann konnte das Nadelöhr durchstoßen werden. https://www.stuttgarter-schachfreunde.de/?content=/news_details/2020/745/745.html

Claus Seyfried
7 Tage zuvor

Der Schachverband Württemberg freut sich über Jens Hirneises Erfolg mit den Rochade-Quarantäneligen mit mittlerweile 4.000 Beteiligten jeden Donnerstag- und Sonntagabend und hat Jens mit eine Ehrung des Schachverbands bedacht: https://www.svw.info/referate/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit/15409-bronzene-ehrennadel-fuer-jens-hirneise