Die rote Riege

Kaum war unser erster Bundesliga-Rückblick veröffentlicht, ging schon die erste Beschwerde ein: Die ruhmreichen Bayern aus München und ihr ehrenwerter sechster Platz bei der Meisterschaftsrunde 2020 seien nicht ausreichend gewürdigt worden.

Die Sache mit dem „reinen Amateurteam“ lassen wir mal unkommentiert so stehen 😉 Aber wir nehmen den Hinweis zum Anlass festzustellen, dass sich nicht nur die Bayern so gar nicht für Berichterstattung aufdrängten. Die mediale Unsichtbarkeit haben sie mit fast allen anderen Bundesliga-Vereinen gemein. Immerhin ist ihnen nicht ausgerechnet zur Meisterschaft die Homepage ausgefallen, aber Anreize, Bayern-Heldengeschichten zu verbreiten, haben sie nicht ausgesandt.

Schade eigentlich, es hätte die eine oder andere Geschichte zu präsentieren gegeben. Zum Beispiel die tragische von Niclas Huschenbeths Kampfgeist, der ihn eine Friedensofferte des einstigen Vizeweltmeisters Gata Kamsky ausschlagen ließ. Oder die, wie die rote Bayernriege zwar nicht sportlich, aber optisch das Bundesliga-Finale geprägt hat.

Die rote Riege gibt dem späteren Vizemeister aus Viernheim zu denken. | Foto: Christian Bossert
https://twitter.com/howlingmadbenji/status/1307229275494514697

In Ermangelung anderer Schachturniere hat die internationale Schachgemeinde in der vergangenen Woche intensiver die deutsche Bundesliga verfolgt als je zuvor. Auf Twitter führte das zu der einen oder anderen verwunderten Anmerkung von Schachfans: Wie kann man so viele Weltstars versammeln, ein Turnier so toll organisieren – und dann so wenig daraus machen? Tja. „Und das seit 13 Jahren“, könnten wir hinzufügen, hätten wir das nicht längst getan und versucht aufzuzeigen, warum es ist, wie es ist.

Die Weltmarke FC Bayern jedenfalls ist hinsichtlich ihres Wiedererkennungswerts das mit weitem Abstand größte Pfund unter dem Bundesligadach. Die Münchner Schachabteilung hat sogar einen Haus- und Hoffotografen, der selbst die fünfte Mannschaft großartig in Szene setzt. Würde dem tweetenden Schachfreund benji bei seinem Streifzügen durch die Social-Media-Schachszene mehr Bayern-Schach begegnen, er wäre wahrscheinlich ähnlich begeistert …

… wie von Erwin L’Amis Kurzsieg über Fabiano Caruana, der nicht nur dem Ergebnis nach spektakulärsten Partie der fünf Schachtage in Karlsruhe.

GM L’Ami,E (2620) – GM Caruana, Fabiano (2835)
ch-Schachbundesliga
2020 Karlsruhe GER

Kannst du rechnen wie Erwin? Schachfreund L’Ami (SG Solingen) hatte schon ausgeklügelt, dass 13…e3 den Schwarzen nicht retten würde. Als der Zug dann auf dem Brett stand, musste er nur noch herunterspielen, was er längst ausgerechnet hatte.

Weiß zieht und gewinnt, wie geht es weiter?
(Du willst lösen? Klick aufs Brett.)

Natürlich nimmt der sehenswerte Erfolg des Niederländers über den Weltranglistenzweiten im deutschsprachigen Bundesliga-Nachklapp bei chess.com einen zentralen Raum ein. Großmeister Dejan Bojkov hat sie kommentiert:

Die andere zentrale Partie ist diejenige, die über die Meisterschaft entschied. Bojkov erklärt, wie es Arkadij Naiditsch letztlich gelang, seinen König in einen sicheren Hafen zu überführen und seinen Baden-Badenern den Titel zu sichern.

Einen anderen Fokus setzt in Diensten der Bundesliga der führende Endspielexperte auf dem Planeten Erde, Großmeister Karsten Müller. Der Hamburger durchforstet nach jedem regulären Spieltag die Partien nach instruktiven Endspielen. Selbiges hat er jetzt mit dem Meisterschaftsturnier getan – und reiche Beute gemacht:

Endspiel-Weisheiten mit Karsten Müller I

Endspiel-Weisheiten mit Karsten Müller II

(Titelfoto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden)

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