Keymer siegt, Prieb rockt

Vincent Keymer hat den Titled Tuesday gewonnen. Mit neun Punkten aus zehn Partien belegte der 15-Jährige aus Saulheim den geteilten ersten Platz. Seine einzige Niederlage ereilte ihn gegen einen anderen 15-Jährigen, Nodirbek Abdusattorov aus Usbekistan, mit Elo 2626 die Nummer eins der U16-Weltrangliste, den Leser dieser Seite unter anderem anhand dieser kommentierten Partie kennen.

Die Namen der anderen drei Spieler, die sich mit Vincent Keymer den ersten Platz teilen, lassen erahnen, wie stark auch dieser Titled Tuesday besetzt war: neben besagtem Abdusattorov erzielten WM-Kandidat Ian Nepomniachtchi (Russland) sowie Blitz-Spezialist Andrew Tang (USA) neun Punkte. Auch im geschlagenen Feld ein Who is Who des internationalen Schachs. WM-Kandidat Anish Giri zum Beispiel endete mit acht Punkte auf Rang elf.

Abdusattorov (ChessWarrior), Nepomniachtchi (lachesisQ) und Andrew Tang (penguingm) teilen sich den ersten Platz mit Vincent Keymer.

Keymer war nicht der einzige Deutsche, der bei diesem Edel-Blitzturnier ordentlich mitmischte. Rasmus Svane zum Beispiel erzielte ebenfalls acht Punkte, Platz 18. Georg Meier und Alexander Donchenko, jeweils 7/10, landeten gerade noch in den Top 50 des gut 600-köpfigen Feldes, das sich traditionell ausschließlich aus Titelträgern zusammensetzt.

Aber Svanes, Meiers oder Donchenkos Turnier verblassen angesichts der Vorstellung, die CM Robert Prieb ablieferte. Nach einer Niederlage in der sechsten Runde hatte er bei 3,5/6 gestanden, und nichts deutete darauf hin, dass heute an dieser Stelle von Robert Prieb zu reden sein würde. Zumal ja in der siebten Runde mit Aleksandra Goryachkina keine Geringere als die Vize-Weltmeisterin auf den 14-Jährigen wartete, der für die SG Bochum 1931 in der Verbandsklasse spielt.

Sollte sein Profilfoto bei chess.com Robert Prieb zeigen, ist das Foto 14 Jahre alt …
… und deutlich älter als dieses, das Prieb im „Schach rockt“-T-Shirt ebenfalls noch jünger zeigt, als er mittlerweile ist. | Foto: Gustaf Mossakowski/Deutsche Schachjugend.

Mit den schwarzen Steinen überspielte der junge Mann, Elo 1918, DWZ 1912, die kommende Gigantin des Frauenschachs. Goryachkina, Elo 2582, musste nur einmal danebengreifen, danach stand ein für Prieb günstiges Endspiel auf dem Brett, und das zog der 14-Jährige durch, bis die Russin in einem hoffnungslosen Turmendspiel die Waffen streckte. Danach gewann er noch einmal, dann wieder. Vor der letzten Runde standen 6,5/9 zu Buche – und es wartete wieder ein Großmeister: Eldar Gasanov, Elo 2481, aus der Ukraine.

Prieb hatte Weiß, nach zwölf Zügen stand es so:

Schwarz hat ordentliche Aussichten, sich mittelfristig über die zerdepperte weiße Struktur herzumachen, aber erst einmal brennt es auf b7, und darum galt es, zum Beispiel per 12… Dc7 ein kleines Brötchen zu backen.

Gasanov zog stattdessen 12…Sf6?, doch nach 13.Dxb7 ist guter Rat schon teuer. Am relativ besten wäre, per 13…0-0 eine Figur zu geben: 14. Dxc6 Tab8 droht Damenfang per …Tfc8, außerdem hängt c3, und Schwarz behält gewisse Gegenchancen. Stattdessen schlug auch Gasanov zu: 13…Dxc3+ 14.Ld2 Dxa1+ 15.Ke2 Sd4+ 16.Kd3.

Weiß hat einen Turm weniger, einen König auf Wanderschaft, nur eine aktive Figur – und steht auf Gewinn! Eine Klippe musste Prieb noch umschiffen, diese nämlich:

Eine gewonnene Stellung muss ja bekanntlich erstmal gewonnen werden, und dafür muss Weiß hier den einzigen Gewinnzug finden, 21.Tb1+-. Danach steckt der schwarze König in einer tödlichen Zwickmühle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Die gesamte Partie zum Nachspielen in der BodenseeBase.

Mit 7,5/10 belegte Robert Prieb am Ende Rang 31, in der Tabelle umrahmt von Großmeistern. Hinter dem in Paderborn lebenden Bochumer einordnen mussten sich der Brite Gawain Jones, der Inder Nihal Sarin, der Russe Andrei Esipenko und diverse andere Größen des Schachsports.

Verkehrte Welt: Nakamura auf Lichess, Carlsen auf chess.com

Alle Teilnehmer rückten potenziell einen Platz nach oben, weil ausnahmsweise Hikaru Nakamura nicht mitspielte. Der Amerikaner regiert mit seinem 3200+-Rating das Blitzschach auf chess.com, hat den mittlerweile im Wochentakt ausgetragenen Titled Tuesday häufiger gewonnen als jeder andere, aber war an diesem Dienstag verhindert. Nakamura spielte auf Lichess, wo beim neuen, von Maurice Ashley ersonnenen Format „Clutch Chess“ die vier besten US-Großmeister (Caruana, So, Nakamura, Dominguez) um 100.000 Dollar und den Turniersieg spielen.

Stattdessen tauchte am Dienstag zum ersten Mal seit Ewigkeiten Magnus Carlsen auf chess.com auf. Der Zwist seiner Play-Magnus-Gruppe mit chess.com und Hikaru Nakamura ist in den vergangenen Tagen eher eskaliert, anstatt abzuflauen. Unter anderem hat sich Carlsen öffentlich darüber beklagt, dass Hikaru Nakamura auf seinem Twitch-Kanal chess.com-Übertragungen von chess24-Veranstaltungen zeigt – und dafür einigen Gegenwind bekommen.

Der Turnierspieler a.D. Nakamura ist mittlerweile in der Gaming-Szene etabliert und hat diese im Rücken. Und so musste sich der Schachweltmeister nach diesem Tweet von Gamern fragen lassen, wie er denn „den bekanntesten Schachspieler der Welt“ öffentlich so angehen könne. Hikaru sei schließlich derjenige, der das Spiel populär mache.

Höchststand: 3156. Die Partie nach dieser verlor Carlsen und schloss mit einem Rating von 3143 seinen Account. Nakamura binnen einer Sitzung zu überholen, gelang ihm nicht.

Davon wenig amüsiert, legte Magnus Carlsen auf dem Twitch-Kanal seines Vereins Offerspill SK eine siebenstündige Blitz-Session auf chess.com ein, eine Retourkutsche in zweierlei Hinsicht. Carlsen ließ es auf seinem Bildschirm aussehen, als spiele er auf chess24, und er hatte sich vorgenommen, Nakamura vom Blitz-Rating-Thron auf der größten Plattform zu stoßen. Das gelang fast, aber nicht ganz. Bis 3156 spielte Carlsen per Drei-Minuten-Blitz seinen mittlerweile geschlossenen Account hoch, dann verlor er eine Partie gegen kanadischen GM Eric Hansen – und hörte auf.

5 1 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
3 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments