Schach streamen: Was du wissen musst

Schach auf Twitch und Youtube gewinnt rasant Zuschauer. Immer mehr Schachspieler eröffnen Kanäle. Fiona Steil-Antoni hat längst einen. Die vielsprachige Luxemburgerin ist seit Jahren eines der Gesichter des internationalen Schachs. Mal kommentiert die 31-Jährige im Auftrag von Veranstaltern große Turniere, das Grenke Classic zum Beispiel oder zuletzt den Nations Cup, mal ist sie auf ihrem eigenen Twitch-Kanal zu sehen.

Im Sinne all derer, die jetzt versuchen, einen Schach-Kanal aufzuziehen, haben wir Fiona gefragt, wie das geht und was zu beachten ist.

Fiona Steil-Antoni mit Simon Williams in Reykjavik. | Foto: privat

Wie es begann

Mein Freund Simon Williams war einer der ersten, der Schach gestreamt hat. Bevor ich meinen eigenen Twitch-Account eröffnete, war Anfang 2016 schon zu Gast auf Simons Kanal. Später in diesem Jahr qualifizierte sich mein englisches Team Cheddleton für den European Club Cup in Novi Sad, aber leider fehlten die Mittel teilzunehmen. Also habe ich eine Spendenkampagne gestartet: eine Gofundme-Seite eingerichtet und einen Twitch-Kanal gestartet, um damit die Kampagne zu flankieren. Alle Spieler des Teams sind in den Streams aufgetreten, alle Spenden dienten dem Ziel, nach Novi Sad zu fahren. Auf der Gofundme-Seite und auf Twitch haben wir den Sponsoren/Spendern kleine Extras angeboten – wir haben ihnen beispielsweise signierte Postkarten aus Novi Sad geschickt. Es war eine erfolgreiche Kampagne. “

Auf Twitch etabliert

Nach der Novi-Sad-Kampagne habe ich ungefähr ein Jahr lang nicht gestreamt. Schade, denn ich musste ziemlich von vorne anfangen und hatte nicht viel, worauf ich aufbauen konnte. Als ich neu anfing und regelmäßig streamte, wurde ich schnell zum Twitch-Affiliate. Schwierig war, Zeit für regelmäßiges Streaming zu finden, da ich so viel unterwegs war. Ein regelmäßiger Zeitplan sowie eine Mindestanzahl von Zuschauern sind jedoch erforderlich, damit dich Twitch zum Partner macht. Und das ist der Meilenstein, den jeder Streamer zu erreichen versucht. Ich bin im Oktober 2018 dort angekommen.

Heutzutage ist es wohl einfacher, das zu schaffen, Schach hat einen viel prominenteren Platz in der Streaming-Szene. Es gibt so viel mehr Leute, die zuschauen, und große Schachserver, die mit Twitch zusammenarbeiten, helfen den Streamern. Als ich (endlich) den Partnerstatus erlangte, war das so ähnlich, als hätte ich alle GM-Normen erfüllt – mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass Twitch die Bewerbung ablehnen kann, selbst wenn du alle Normen gemacht hast. Mir ist das bei meiner ersten Bewerbung tatsächlich passiert.“

Das nötige Setup

Am Anfang war mein Setup amateurhaft: mein normaler Laptop, ein einzelner Bildschirm. Stell dir das vor: du spielst Schach, folgst dem Chat und kümmerst dich um die Streaming-Software – alles auf einem Bildschirm. Das war nicht nur für mich anstrengend, obendrein war es keine schöne Erfahrung für die Zuschauer. Zwei Bildschirme müssen mindestens sein: einer zum Spielen bzw. für alles, was die Zuschauer sehen, und einer für den Chat, die Software und alles andere, was ich gerade brauche. Als ich mich entschied, die Sache ambitioniert anzugehen, habe ich mir einen Desktop gekauft, zwei Bildschirme, eine anständige Kamera und ein Mikrofon.

Mein Desktop wurde übrigens von der Twitch-Community finanziert. Ich hatte ein Spendenziel von 1.000 Euro gesetzt, und dann kam diese anonyme Person vorbei und spendete 500 Euro auf einmal, toll! Das gesamte Setup, das ich heute benutze, hat mich rund 1.500 Euro gekostet. Viel Geld, klar, aber keine verrückte Summe.“

Energie und Leidenschaft

Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Mit Streaming habe ich ein Tool gefunden, mit dem ich mit Freunden sowie mit Menschen aus der ganzen Welt interagieren kann, die ich sonst nicht getroffen hätte. Das Community-Element rund um die Schachkanäle gefällt mir sehr.

Auszeiten sind auch wichtig, höre auf deinen Körper und deinen Geist. Jeder Streamer fühlt sich gelegentlich etwas ausgebrannt. Wenn ich das fühle, finde ich es wichtig, eine Pause zu machen, um wieder aufzuladen. Ansonsten würden die Zuschauer merken, dass ihnen etwas fehlt, was ihnen an meinem Kanal gefällt. Authentische Leidenschaft und Energie machen erfolgreiche Twitch-Kanäle aus, und das kannst du beides nicht vortäuschen. Wenn du gerade keine Freude am Streamen hast, solltest du es nicht erzwingen.“

„Meine Zuschauer müssen wissen, wann ich online bin“: Fionas Zeitplan.

Zeitplan und Organisation

In den frühen Tagen war nicht viel geplant. Ich bin einfach live gegangen, wann immer ich Lust dazu hatte, ohne viel Ahnung davon, was ich tun würde. Meistens habe ich Schach gespielt, Turniere mit den Zuschauern, aber ich habe auch viele Stunden damit verbracht, nur mit den Zuschauern zu chatten oder zum Beispiel Fotos zu zeigen. Heutzutage wird es immer wichtiger, das Programm zu planen und den Plan einzuhalten. Es gibt ja so viele andere, die auch streamen. Meine Zuschauer müssen wissen, wann ich online bin, darum stecke ich viel Zeit und Mühe in die Planung. Ich benutze sogar einen Kalender, zum ersten Mal in meinem Leben! Was für eine Show möchte ich machen und wann? Wer wird mein Gast sein? Fragen wie diese müssen beantwortet werden, bevor ich meinen Zeitplan veröffentliche.

Menschen wollen einbezogen werden. Neulich zum Beispiel war ich zur „Streamers Battle“ bei Lichess eingeladen. Der Namen fürs Team, „Fiona’s Fight Club“, geht auf einen Vorschlag der Zuschauer zurück. Und ich war begeistert, wie viele sofort eingetreten sind. So ähnlich ist es neulich beim Team Battle zwischen meinen und Simons Abonnenten gelaufen, das wir live kommentiert haben.  Wir hatten eine großartige Dynamik im Chat. Noch einmal: Menschen mögen es, beteiligt zu sein. Events wie diese beiden machen es mir leichter, Leidenschaft und Energie einzubringen.“

Streaming, ein Job?

Derzeit würde ich sagen, dass ich ein Teilzeit-Streamer bin. Es ist immer noch schwierig, nur vom Streaming zu leben. Meine 200 Abonnenten entsprechen Einnahmen von ungefähr 500 Euro im Monat. Dazu kommen natürlich die Spenden und andere Kleinigkeiten, aber das ändert nichts daran, dass sich aus dem Streaming für mich kaum ein Vollzeitgehalt ergibt. Auf der anderen Seite gibt es viele andere Vorteile. Das Streaming ist eng mit allen Social-Media-Aktivitäten und meiner Marke „Fionchetta“ im Allgemeinen verbunden, was wiederum zu Kommentar-Jobs oder anderen Projekten und Angeboten führen kann. Alles geht Hand in Hand. Ich weiß noch nicht, wie ich all diese Aspekte kombiniere, um das Beste daraus zu machen.“


Streaming-Webinar mit Fiona Steil-Antoni: Wie funktioniert Twitch – einen Kanal aufsetzen, Follower gewinnen, Geld verdienen.

Veranstalter: ChessTech. Donnerstag, 28. Mai, Teilnahmegebühr: 10 Euro. Für Abonnenten des ChessTech-Newsletters und Mitglieder der Association of Chess Professionals: 5 Euro.

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