Caissa, komm in Quarantäne

Um die Entstehung des Schachspiels ranken sich allerlei Mythen. Eine Geschichte geht so, dass sich der römische Kriegsgott Mars eines schönen Frühlingstages (bestimmt war es im Frühling, denn Märchen-Liebesgeschichten beginnen fast immer im Frühling 🙂 ) in eine verführerische Nymphe mit dem Namen Caissa verliebte und sie zu erobern versuchte.

Als die Auserwählte sein Interesse nicht erwiderte, tat der Kriegsgott, was viele in so einer Situation machen würden: Er bat einen Freund um Rat. Seinem Kumpel Apoll, dem Gott der Medizin, schüttete Mars bei einem geselligen Herrenabend sein Herz aus und berichtete von seinem Liebeskummer. Vermutlich bei einigen Kelchen Wein (medizinisch notwendig!) analysierten sie die Lage:

Mars: „Ich muss sie unbedingt mit irgendetwas beeindrucken! Apoll, du kennst Caissa doch auch – was hat sie für Vorlieben, was sind ihre Hobbys?“  

Apoll: „Nun – man sagt, dass sie in die Zukunft sehen kann. Außerdem ist sie bekannt dafür, gute Strategien entwickeln zu können.“

Mars: „Eine gute Strategie entwickeln – genau das würde mir jetzt auch helfen! Sag mal, lieber Apoll, könntest du für mich nicht ein irgendein schlaues Spiel erfinden, wo es auf genau diese Dinge ankommt – in die Zukunft sehen und gute Strategien entwickeln? Im Idealfall kreierst du es als Mischung aus Sport und Kunst – und baust am besten noch ein bisschen Krieg mit ein, damit sie mir auch wirklich abnimmt, dass das Spiel von mir ist. Ich will möglichst viele ihrer Sinne ansprechen und immerhin bist du doch nicht nur der Gott der Medizin, sondern auch der der Künste und des Sports. Also genau mein Mann!“

Apoll war erfand kurzerhand das Schachspiel. Er gab es seinem Kumpel Mars, dieser wiederum bot es Caissa als Liebesgabe dar.

Der Name des Kriegsgottes prangte einst auf der Brust von Diego Armando Maradona vom SSC Neapel, der sich bei zumindest einer Gelegenheit neben seinen feinen Füßen auch auf die Hand Gottes verlassen konnte.

Mars war für gewöhnlich ein erfolgsverwöhnter Gott, dem vieles scheinbar mühelos zuflog. Nicht nur der gleichnamige Rote Planet ist nach ihm benannt, auch die Worte „martialisch“ (etwas mit einem eindeutig kriegerischen Zusammenhang) – oder mein Vorname „Martin“. Mars ist der Namensgeber eines hier nicht genannten Schokoriegels, der einen – wie ich es als 80er-Jahre-Fernsehkind gelernt habe – mobil macht bei Arbeit, Sport und Spiel. Ist Schach nicht alles gleichzeitig?

Johannes der Täufer und der Trojanische Krieg

Ob der Kriegsgott mit seinem Werben und dem Geschenk bei Caissa Erfolg hatte, ob die spröde Nymphe das geniale Spiel überhaupt richtig würdigte, oder bloß achtlos zur Kenntnis nahm, ist nicht überliefert. Da aber in der gesamten Mythologie keine Liebelei oder gar Beziehung zwischen Mars und einer gewissen Caissa („Caissa / Who the f… is Caissa?“) bekannt ist, war es vermutlich nicht so. Sei’s drum. Immerhin erblickte dank Mars‘ Anbandelstrategie unser wunderbares Schachspiel das Licht der Welt. Laut dieser Version der Geschichte zumindest.  

Schachgöttin Caissa, wie sie der Künstler Domenico Maria Fratto (1699-1763) sah.

Vielleicht hätte Mars sich statt der Zuhilfenahme des Kumpels einfach auf seine Talente und Stärken besinnen sollen, Brutalität nämlich und das gute alte Kriegführen. In der Bibel gibt es als passendes Beispiel für ein derartiges Balzverhalten die Geschichte von der Ermordung Johannes des Täufers, den sein Landesherr Herodes Antipas durch einen Henker enthaupten ließ, einfach nur, weil eine Frau, auf die Herodes Antipas abgefahren ist, es so wünschte. Auch der zehn Jahre dauernde trojanische Krieg, von dem viele ja nur das berühmte Ende mit der Story vom Pferd kennen, wurde ursprünglich wegen Liebeswirren um die schöne Helena angezettelt. 

Vermutlich ist die Figur der Nymphe „Caissa“ tatsächlich eher eine neuzeitliche Erfindung, da das Schachspiel im vorchristlichen Europa noch gar nicht bekannt war. Der Name „Caissa“ taucht erstmals im gleichnamigen Gedicht von William Jones aus dem Jahr 1763 auf. Aus diesem Gedicht stammt übrigens auch die geschilderte Geschichte mit Mars und Apoll. 

„Scacchia Ludus“ von 1525.

Zu seinem Gedicht inspiriert wurde Jones wiederum wohl von einem Werk von Marcus Hieronymus Vida aus dem Jahr 1525 mit dem Namen „Scacchia Iudus“, in dem eine Nymphe mit dem Namen „Scacchis“ mitmachen darf. Streicht man das letzte „s“, so hat man die italienische Bezeichnung für „Schach“. Und „Caissa“ und „Chess“ klingen ja ebenfalls nicht unähnlich, sie könnten aus derselben Wortfamilie stammen.

Aus der Göttin wurde eine Metapher

In den seltensten Fällen hat es in berühmten Liebesgeschichten – weder erfundenen noch echten – zum Erfolg geführt, wenn jemand einen Helfer und dessen Talente für sich selbst eingespannt hat, um Eindruck zu schinden und ein Herz zu erobern. Tragikomödien dieser Art, in denen stattdessen ein Dritter ohne Herzverrenkungen, Liebespräsente oder gar Helfer höchstselbst die „Ernte“ einfährt, sprich die Herzdame erobert, sind für das Publikum zeitlos unterhaltsam. Das Versdrama „Cyrano de Bergerac“ ist durch Verfilmungen bekannt geworden, ein neueres Beispiel wäre „Monsieur Pierre geht online“, eine französische Filmkomödie mit Pierre Richard aus dem Jahr 2017. 

Pierre Richard ist nicht mehr blond, hat aber noch schwarze Schuhe. In dieser erfrischenden Komödie glänzt er als virtueller Verführer.

Heutzutage wird „Caissa“ eher als Metapher verwendet – zum Beispiel, wenn von einem „Liebling Caissas“, also einem starken und erfolgreichen Schachspieler die Rede ist, oder wenn wieder einmal jemand „von Caissa mit Blindheit geschlagen wurde“, also gepatzt hat. Bei der ersten Computerschachweltmeisterschaft im Jahr 1974 gewann ein sowjetisches Schachprogramm mit dem Namen „Kaissa“ den Titel. Viele Schachvereine tragen die „Caissa“ im Namen.   

Viele Schachvereine tragen die „Caissa“ im Namen, zum Beispiel der SV Caissa Wolfenbüttel.

Um zum Balzverhalten des Kriegsgottes Mars zurückzukommen: Nicht nur in der Welt der alten Römergötter, auch im aktuellen, coronageprägten Frühling 2020 ist es gar nicht so leicht, einer (oder einem) Auserwählten näher zu kommen oder überhaupt auf geeignete Kandidaten zu stoßen. Die klassischen Kennenlern-Begegnungsstätten sind vielerorts geschlossen.

Wo trifft man neue Leute? Im Supermarkt, mit Maske und meist in Eile, mögen wir einander gar nicht so richtig tief in die Augen schauen. Und wenn man sich außerdem nie im Leben in die Menschenmenge einer „Hygiene-Demo“ begeben würde? Als Schachspieler hat man ja immerhin noch die auf der Bodensee-Plattform bereits an anderer Stelle näher beleuchtete Schachspieler-Dating-App zur Verfügung. Ob sich dort tatsächlich jemals ein Paar gefunden hat und längerfristig zusammengeblieben ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die WM 2018 war die erste in der Schachgeschichte, bei deren Präsentation eine Vagina eine prominente Rolle spielte. Das hing mit Werbepartner „Pure“ zusammen, dessen Geschäftsmodell darin besteht, Menschen bar jeglichen Anbandelns, jeglicher Romantik unmittelbar zum Austausch von Körperflüssigkeiten zusammenzuführen.

Wer die ersten Hürden des Zueinanderfindens überwunden hat und auf seine persönliche Caissa gestoßen ist, kann sich in der Kennenlern-Phase momentan oft nicht zu den üblichen Dingen verabreden – Minigolf hat zu, ebenso der Tretbootverleih, und auch ins Kino oder in eine Cocktailbar kann man nicht gehen. Übrig bleibt der zeitlos bewährte Spaziergang, aber auch der nur bei tauglichem Wetter.

Das oben genannte Caissa-Gedicht von William Jones aus dem Jahr 1763 war mir übrigens in seiner schieren Wucht zu ausufernd, um es hier einzubauen (außerdem habe ich den schachgeschichtlich relevanten Teil daraus ja ohnehin bereits nacherzählt), weshalb ich aus der Sicht eines Zuhausebleibers noch ein eigenes, zeitgenössisches Caissa-Gedicht verfasst habe, welches ich zum Abschluss präsentieren will.

Caissa 2020

Caissa, komm in Quarantäne!
Anderswo ist eh nichts los;
Übern See ziehn wenig Schwäne,
Clubs sind dicht und zu die Zoos;
Selbst die Einkaufsmeilen dämmern,
Menschenmengen meidet man;
Lass uns auf die Schachuhr hämmern –
Ich zieh nach und du fängst an!

Caissa, komm in Quarantäne,
Find dich ein bei mir zuhaus.
Zeig der bösen Welt die Zähne,
Rott mit mir das Virus aus!
Meine Spielfiguren warten –
Und das Brett, das uns befreit.
Mein Balkon wird hier zum Garten,
Für das schönste Spiel zu zweit. 


Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de


Sexy, lustig und voll mit Schachspielern auf Partnersuche: Jovanka Houskas (Schach-)Roman „The Mating Game„.

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