Falsches Spiel im Schneckenhaus

Als sich vor ein paar Wochen die Deutsche Internetmeisterschaft ankündigte, stand auf dieser Seite „Wir müssen über Cheating reden“. Nun hat das erste Vorrundenturnier einer Meisterschaft mit einem für Online-Verhältnisse unerhört hohen Preisfonds stattgefunden – und wir reden über Cheating. Den Zweitplatzierten hinter dem Sieger Roven Vogel traf ein Bannstrahl, weil er sich unerlaubter Hilfsmittel bedient haben soll.

Erinnert sich jemand an den Rochade-Autor mit dem Pseudonym Claus Carstens? Jenen Herrn, den niemand je am Brett gesehen hatte, und der doch gut genug war, auch die stärksten Schachprogramme in Windeseile von demselben zu fegen? Carstens schreibt und spielt nicht mehr, aber er hat einen Nachfolger.

Der tritt sogar unter Klarnamen auf: Andreas Scheele betreibt eine Website, auf der er erläutert, warum er gegen Menschen seine „wahre Spielstärke“ nicht erreicht, aber gegen Computer umso erfolgreicher ist. Auch im größten deutschen Schachforum ist Enginebesieger Scheele alias „Schachzauberer“ kein Unbekannter. Anders als Carstens wurde er sogar schon am Brett gesehen, Elo: 1720. Bis 2017 war Scheele Mitglied des Berliner Vereins „Berolina Mitte“, für den auch DSB-Chef Marcus Fenner und ein weiterer DSB-Mitarbeiter spielen.

Das FIDE-Profil von „Arena Grand Master“ Scheele: je
mehr Bedenkzeit er hat, desto stärker ist er beim
Onlineschach.

Im Online-Schach ist Scheele erfolgreicher als im Vereinsschach, insbesondere auf der FIDE-Plattform und insbesondere bei Partien mit langer Bedenkzeit und Increment. Die spielt er sogar so erfolgreich, dass ihm die FIDE den höchsten Titel des Online-Schachs verliehen hat. Andreas Scheele ist „AGM“, Arena Grandmaster, das hat ihm der FIDE-Präsident 2018 per Urkunde bestätigt.

Allerdings kennt playchess den AGM-Titel nicht. In Ermangelung einer Alternative hat AGM Scheele „GM“ angeklickt. Die erste Vorrunde zur Deutschen Internetmeisterschaft spielte er als „GM Schachartist“.

Statt DGT-Brett eine Engine?

Dieser GM fiel schon vor der ersten Runde auf, weil er als einziger Teilnehmer sein DGT-Brett angeschlossen hatte. Das ist für Blitzpartien eigentlich ungeeignet, weil das Ziehen der Figuren beider Seiten viel zu viel Zeit kostet. Scheele aber vermochte es, in den meisten Partien seine Gegenspieler nicht nur auf dem Brett, sondern auch auf der Uhr unter Druck zu setzen. Mit 8/9 gegen veritable Widersacher landete er auf Rang zwei – auch dank eines Sieges gegen GM (sic!) Dennis Wagner in der Vorschlussrunde.

Dem Server vorzugaukeln, es sei ein DGT-Brett angeschlossen, ist auch Teil einer Betrugsmethode, um die Anti-Cheating-Maßnahmen zu umgehen. Ein von dieser Seite befragter IT-Experte erläutert, dass sich auf diese Weise das Mousetracking ausschalten lässt. Außerdem müsse am anderen Ende der Schnittstelle ja gar kein DGT-Brett stehen. Denkbar sei auch eine Schachengine, die anstelle eines DGT-Bretts Züge von Server empfängt und sogleich die besten Gegenzüge ausrechnet.

Die „Deutsche Internetmeisterschaft“ ist in erster Linie eine von einem gemeinnützigen Sportverband bezahlte PR-Aktion für die kommerzielle Spielplattform „playchess“. Die war im ersten Jahrzehnt der 2000er eine der größten des Schachs, jetzt ist sie eine von mehreren kleinen hinter chess.com und Lichess. Immerhin, rund 3.500 Euro aus Berlin dürften geholfen haben, dass ein paar Dutzend Monatsabos dazugekommen sind.

Die schwarz-rot-goldene Riege der Gesichtslosen

Offen ist, warum der Schachbund das Marketingbudget einer Schachfirma mitfinanziert. Eine Antwort wäre, weil die „Deutsche Internetmeisterschaft“ Aufmerksamkeit für das Spiel generiert. Eine andere wäre, weil die „Deutsche Internetmeisterschaft“ Aufmerksamkeit für die Spieler generiert, insbesondere für jene schwarz-rot-goldene Riege der Namenlosen, die der Schachbund endlich zu Botschaftern und Identifikationsfiguren machen sollte. Statt dessen macht der Schachbund sie jetzt auch noch zur Riege der Gesichtslosen.

So sieht es aus, wenn jemand einer Veranstaltung Gesichter gibt.

Ein Marketingkonzept ist nicht zu erkennen. Wäre Interesse an dieser Meisterschaft gewünscht, gäbe es einen Preis für den besten Streamer und einen vom Veranstalter moderierten Stream, der Zuschauern erlaubt mitzufiebern. Und hätte in Berlin tatsächlich jemand begriffen, dass unsere Nationalspieler Marken werden müssen, dann wären vorab ihre Gesichter zu sehen gewesen.

Leider scheint auch bei playchess niemand Interesse daran zu haben, die Sache so aufzuziehen, dass Leute Anteil nehmen. Und so, für den Beobachter schwer zu ertragen, haben wir wieder einmal typisch deutsches Schneckenhaus-Schach ohne Außenwirkung.

So sieht es aus, wenn der Schachbund am Werk ist. Kaum zu glauben, aber diese gesichtslose Veranstaltung ist tatsächlich eine Gelegenheit, sich mit Nationalspielern zu messen.

Wir können uns nur ausmalen, wie diese „Deutsche Meisterschaft“ aussähe, würde sie bei chess.com veranstaltet, eine Firma, die davon lebt, dass ankommt und sich herumspricht, was sie tut. Einen vermögenden Schachbund im Hintergrund, der im Zweifel ohne Sinn und Verstand das Geld seiner Mitglieder reinbuttert, hat chess.com nicht.

Ein Exweltmeister, ein Exprinz und ein Nationalspieler ganz vorne. Damit ließe sich arbeiten.

5 1 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
17 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
walter1860Walter Rädler
2 Monate zuvor

DSB-Chef Professor Doktor Marcus Fenner? Habe ich irgendwas verpasst

Krennwurzn
Krennwurzn
2 Monate zuvor

Klar der Professor ist auch Dr. und IS und IO das hast Du vergessen!

Krennwurzn
Krennwurzn
2 Monate zuvor

Der Turniersieger hatte gegen den Schachartisten/Zauberer doppeltes Glück in seiner Partie 26. … Sd3 statt Damentausch und dann Sd3 mit technischer Gewinnstellung für Schwarz und dann wohl der Fingerfehler 50. … Tc7 mit Turmeinsteller statt Tc8 mit Remis und das mit mehr Zeit auf der Uhr als Weiß. [Event „DSIM – Vorrunde 1“] [Site „playchess #643951Emanuel Lask“] [Date „2020.03.07“] [Round „5“] [White „Roven Vogel“] [Black „Schachartist“] [Result „1-0“] [ECO „B27“] [WhiteElo „2320“] [BlackElo „2546“] [PlyCount „101“] [EventDate „2020.03.07“] [EventType „swiss (blitz)“] 1. d4 {4} g6 {1} 2. e4 {4} Bg7 {1} 3. Nf3 {1} c5 {2} 4. c3 {1} Qb6… Weiterlesen »

Krennwurzn
Krennwurzn
2 Monate zuvor

„Denkbar sei auch eine Schachengine, die anstelle eines DGT-Bretts Züge von Server empfängt und sogleich die besten Gegenzüge ausrechnet.“ Nun dürfte der Schachzauberer schon eine Stufe weiter sein und sich bemühen einen für Cheatingerkennungssoftware unverdächtigen Eindruck zu hinterlassen indem er auch schlechte und schlechtere Züge spielt. Wie ich im Artikel https://www.schach-welt.de/BLOG/blog/ist-expandiert dargestellt habe, bemühen sich schon Leute eben solche Zugprofile inkl. Spielerfingerprint zu erstellen – also eine echte GM-Simulation. Interessanterweise ist es gar nicht so leicht Engines schwächer und menschlicher spielen zu lassen, denn daran scheitern auch seriöse Hersteller, die uns schon lange quasi den passenden Trainingspartner zur Verfügung stellen… Weiterlesen »

Reinhard Murina
Reinhard Murina
2 Monate zuvor

„Einen vermögenden Schachbund im Hintergrund, der im Zweifel ohne Sinn und Verstand das Geld seiner Mitglieder reinbuttert“… Guten Tag, es war die 1. Vorrunde, das „richtige“ Turnier ist aus meiner Sicht die 13 Runden CH-System in der Zwischenrunde ! „Persönlich bin ich gespannt ob und wie man die Disqualifikation begründet“… Aus meiner Sicht ist es so, „Jeder positiv auf ein verbotenes Doping-Mittel getestete Sportler hat das Recht auf die Analyse einer B-Probe“ Die A-Probe ist ganz klar positiv, wenn keine B-Probe vom Sportler verlangt wird, was soll der groß begründet werden….. In letzter Zeit sind einige Bericht von Ihnen echt,… Weiterlesen »

Der Tiger von Meppen
Der Tiger von Meppen
2 Monate zuvor

Immerhin hat Chessbase nun erläutert, warum „GM“ Scheele disqualifiziert wurde. Martin Fischer schreibt: „Der Zweitplatzierte, Andreas Scheele, wurde entsprechend den Turnierregeln disqualifiziert, weil eine Überprüfung seiner Partien mit Hilfe unserer Anti-Cheating Software zu meiner Überzeugung, als Turnierleiter bin ich nach den Turnierregeln für diese Entscheidungen zuständig, feststeht, dass er seine Partien mit Hilfe einer Schachsoftware gespielt hat. Ich habe diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen und es steht jedem frei, die Partien, die Bestandteil der beigefügten Datenbank sind, nachzuspielen und sich selbst ein Bild zu machen.“ Ganz konkret warum steht also nicht da (man darf es den Cheatern auch nicht zu… Weiterlesen »

Frank Hoppe
2 Monate zuvor

[quote]Aber die Pokalergebnisse vom letzten Wochenende sind ja auch nicht da….[/quote]Die waren jeweils Samstag und Sonntag kurz nach der Mail vom Turnierleiter online.

Der Tiger von Meppen
Der Tiger von Meppen
2 Monate zuvor
Reply to  Frank Hoppe

Auf der Hauptseite lese ich immer noch „Am gleichen Tag wie die Deutsche Internetmeisterschaft beginnt morgen die Zwischenrunde der Deutschen Pokal-Mannschaftsmeisterschaft.“

Die Ergebnisse habe ich nach einiger Suche auch in den Tiefen der Seite gefunden. Aber es kann doch nicht sein, dass man diese erst suchen muss?!

Reinhard Murina
Reinhard Murina
2 Monate zuvor

Danke, dass Sie darauf geantwortet haben,
Freundliche Grüße
Reinhard Murina

Krennwurzn
Krennwurzn
2 Monate zuvor

Mich ärgert auch was der DSB und CB für Chancen versemmelt haben! Der Fall AS hätte nie einer werden müssen, wenn irgendwer nur ein wenig aufgepasst hätte. Mit der Elozahl sollte er nicht Läufer sondern Dame sein aber dafür fehlen ihm Partieanzahl (und vielleicht auch Login-Tage) und unter dem Klarnamen gibt es einen zweiten Account der auf Rang BAUER ist und das muss wohl ein Admin händisch gesetzt haben – also beim Namen AS hätten die Alarmglocken schrillen müssen. Das Dopingthema ignorieren geht leider nicht, aber gerne schreibe ich darüber wirklich nicht! Ich frage mich warum es vor, während und… Weiterlesen »

acepoint
acepoint
2 Monate zuvor

«Ein Marketingkonzept ist nicht zu erkennen…Leider scheint auch bei playchess niemand Interesse daran zu haben, die Sache so aufzuziehen, dass Leute Anteil nehmen. Und so, für den Beobachter schwer zu ertragen, haben wir wieder einmal typisch deutsches Schneckenhaus-Schach ohne Außenwirkung.»

Erinnert mich ein wenig an das Innovationspotential des ein oder anderen Schachclubs hier in meiner Gegend. Etwas überspitzt ausgedrückt: Das war schon immer so! Das haben wir noch nie anders gemacht! Da könnte ja jeder kommen!

trackback

[…] Beistand, für Kommunikation auch, das war gerade bei der „Internetmeisterschaft“ wieder zu sehen. Ohne Hilfe werden sie demnächst beim 150-jährigen Jubiläum genauso ungelenk dastehen wie jetzt. […]

trackback

[…] Der organisierte Sport generell steht angesichts zu drei Viertel gespielter Serien und Komplettabsagen des Spielbetriebs vor einem Scherbenhaufen, das gilt auch für das Ligaschach. Dem Schach allgemein stehen goldene Wochen bevor: Auf den Schachservern wird es brummen wie nie zuvor, zum Beispiel bei der „Deutschen Internetmeisterschaft„. […]

trackback

[…] Playchess könnten sie auf diesen Zug aufspringen, zumal dort gerade die üppig dotierte Deutsche Internetmeisterschaft läuft, das bestmögliche Vehikel, um fürs Online-Schach zu trommeln. Gäbe es bei ChessBase […]

trackback

[…] nur noch ein Konzept, das die Meisterschaft populär und attraktiv macht (siehe den zweiten Teil dieses Beitrags über die deutsche Internetmeisterschaft). Und wir bräuchten einen Weg, die verlorenen Schafe […]