Willkommen in Steinitz‘ Stadion

Jetzt hat auch der Österreichische Schachbund seine Internetmeisterschaft. Im Prinzip sogar die gleiche, die der Deutsche Schachbund veranstaltet. Die österreichische Ausschreibung ist fast deckungsgleich mit der deutschen. Ein Unterschied: Es ist kein „Premium“-Account bei Playchess notwendig, um mitzuspielen. Die erste von vier Vorrunden wird am 11. April im „Steinitz-Stadion“ auf dem ChessBase-Server ausgespielt.

Unerhört schnell haben unsere Nachbarn im Süden ihre Meisterschaft durch die Instanzen gepeitscht. Ende März erreichte die Landespräsidenten unvorbereitet die Botschaft, sie mögen bis Anfang April der bereits organisierten Meisterschaft zustimmen. In solchen Zeitfenstern zu arbeiten, ist ungewohnt, nicht nur im Alpenland.

In Deutschland wäre dieses Tempo sogar undenkbar. Gerade erst haben in den E-Mail-Zirkeln der deutschen Verbandsoberen zwei Landesverbände bekundet, sie wollten jetzt monatelang gar nichts mehr tun, um erst einmal diese Virussache auszusitzen. Dass gerade das deutsche Jugendschach mit seinen 30.000 Mitspielern den Bach runtergeht, scheint dort keine Unruhe auszulösen. Dass Schach außerhalb der Verbandsstrukturen boomt wie nie, scheint dort nicht als einmalige Riesenchance wahrgenommen zu werden.

Die Tendenz, dass die Schachjugend Leute zum Schach bringt, die nach dem Eintritt ins Erwachsenenalter dem DSB verlorengehen, hat sich auch nach 2015 nicht geändert. Neulich haben sie sich beim DSB so sehr über die tolle Grundlagenarbeit ihrer Schachjugend gefreut, dass sie über all dem Jubel vergessen haben, diese seit Jahrzehnten bedenkliche Tendenz zu erwähnen. Wir werden das bei nächster Gelegenheit noch einmal genauer beleuchten.

Dem organisierten deutschen Schach brechen seit Jahrzehnten die 21- bis 40-Jährigen weg (unsere Anfrage beim Pressesprecher des Deutschen Schachbunds, ob es eine Idee gibt, dem zu begegnen, wurde nicht beantwortet). Wir dürfen annehmen, dass das in Österreich genauso ist. Wer sich im Berufsleben etabliert, eine Familie gründet, der macht Abstriche beim Hobby. Natürlich spielen die 21- bis 40-Jährigen weiter Schach, aber eben ungeregelt dort, wo in diesen Corona-Wochen auch die Vereinsspieler sind: im Internet.

Eine Internetmeisterschaft wäre ein Werkzeug, um diese verlorenen Schafe einzufangen. Gut, dass es diese Meisterschaft gibt, hier wie dort. Jetzt bräuchten wir, hier wie dort, nur noch ein Konzept, das die Meisterschaft populär und attraktiv macht (siehe den zweiten Teil dieses Beitrags über die deutsche Internetmeisterschaft). Und wir bräuchten einen Weg, die verlorenen Schafe mitspielen zu lassen, sie an den Verband zu binden, ohne dass sie einem Verein beitreten müssten.

Klar, man kann monatelang ergebnislos in irgendwelchen Gremien über Für und Wider einer DWZ-Lizenz debattieren. Oder man kann es einfach machen.

Wird unser deutscher Schachpräsident nachts aus dem Tiefschlaf geweckt, dann schreckt er hoch und sagt „DWZ-Lizenz„. So sehr bewegt ihn dieses Projekt, so oft hat er seinen Verwaltungsbeamten zu erklären versucht, wofür das gut ist, dafür nämlich, besagte verlorene Schafe einzufangen.

Die Internetmeisterschaft ließe sich, auch in Österreich, mit so einer Lizenz trefflich flankieren: Erwirb für kleines Geld deine Lizenz, und du darfst bei der Internetmeisterschaft mitspielen, ohne im Verein zu sein. Vielleicht sogar gegen Nationalspieler.

Die deutsche Lizenz bleibt wohl eingemottet

Dinge, die neu sind und so noch nie gemacht wurden, scheitern beim Schach oft aus Prinzip, oft auch daran, dass die Funktionäre nicht verstehen, worum es geht (siehe dieses Beispiel). Im Fall der DWZ-Lizenz ist es wieder Letzteres. Natürlich müsste so eine Lizenz signifikant günstiger sein als ein Vereinsbeitrag. Ullrich Krause schwebten 24 Euro/Jahr vor, als er Ende 2018 beim Hauptausschuss für sein Steckenpferdprojekt warb.

Aus der Riege der Schachverwalter tönte ihm entgegen: „Wir finden 72 Euro angemessen“ – ganz schön doof und fehlgeleitet noch dazu. Sinn und Zweck der Schachverwaltung ist, Leute mit attraktiven Angeboten zum Schach zu bringen, nicht, Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen.

Will die Lizenz, bekommt sie nicht: DSB-Präsident Ullrich Krause. | Foto: Schachbund

Und wer hindert eigentlich den nächstbesten Dorfverein daran, anstelle einer DWZ-Lizenz eine extragünstige Mitgliedschaft für Auswärtige anzubieten? Beim SC Überlingen kostet selbst eine reguläre Mitgliedschaft deutlich weniger als diese 72 Euro.

Erst neulich hat Krause wieder für seine Lizenz getrommelt, aber zu erwähnen vergessen, ob er sie beim kommenden Kongress erneut auf die Agenda setzen wird. Wir haben beim Pressesprecher des Deutschen Schachbunds angefragt, ob die DWZ-Lizenz aus der Schublade geholt werden soll. Eine Antwort haben wir nicht bekommen. Aus dem Schach-Buschfunk hören wir derweil, dass sie trotz präsidialem Lizenzgetrommel wohl eingemottet bleibt.

Die ÖSB-Elo-Lizenz?

Angesichts der erstaunlichen Geschwindigkeit, mit der unsere österreichischen Freunde ihre Internetmeisterschaft aus dem Boden gestampft und durchgewunken haben, ist ihnen zuzutrauen, in aller Schnelle noch eine Ösi-Elo-Lizenz zu erfinden, um mit der Internetmeisterschaft Nicht-Vereinsspieler für ihren Verband zu gewinnen. Sinnvoll wäre das, bevor ein österreichischer Verein dem Beispiel des Münchner Clubs folgt, der die DWZ-Lizenz in Form einer vergünstigten Vereinsmitgliedschaft längst anbietet.

So könnte es aussehen: Liebe Freunde vom Österreichischen Schachbund, gerne dürft ihr einander in euren Funktionärszirkeln in der Einschätzung bestätigen, diese Seite sei das Werk von verirrten Querulanten, und gelesen werde sie auch nicht. Das ist okay, die Funktionäre in Deutschland erzählen einander dasselbe. Wichtig ist, dass das Schach vorankommt, und dafür muss das eine oder andere gemacht werden, was hier steht. Eure Kollegen in Deutschland machen das. Sie haben hier gelesen und verstanden, dass die Internetmeisterschaft ein Logo und Gesichter braucht, dass die Chance, gegen Nationalspieler anzutreten, ein Faktor und dass Livestreaming ein Multiplikator ist. Am Bodensee sind wir tatsächlich entzückt über die zuletzt steile Lernkurve und neue Agilität unserer Freunde in Berlin. Aber wir haben nur begrenzt Lust, das für die Österreicher jetzt alles noch einmal von vorne zu erklären. | Fotomontage: Franz Jittenmeier

Dann wäre da noch das Konzept „Die Meisterschaft attraktiv machen“. In Österreich wäre das viel leichter umzusetzen als bei uns Piefkes. Österreich hat einen Spitzenspieler, einen 2700er, einen nationalen Superstar des Schachs. Den vor die Flinte ans Brett zu bekommen: ein Traum für jeden Vereinsspieler – und für jeden Hobbyspieler ein Grund mehr, die ÖSB-Elo-Lizenz zu erwerben.

Offensichtlich sollte es dem Verband ein Anliegen sein, seinen Superstar für die Vorrunden zu gewinnen, und das frühzeitig. Von Beginn an soll das Turnier mit Markus Raggers Gesicht verbunden sein, und es soll schon auf der Ausschreibung stehen: „Deine Chance, gegen unsere Nummer eins zu spielen.“ Das wäre attraktiv.

„Was wollen wir mit den Turnier erreichen?“

Wenn das Turnier beginnt, würde Markus Ragger für den ÖSB seine Partien streamen. Dann würde so ein Turnier auch Zuschauer locken, und der ÖSB-Youtube-Kanal würde nicht ewig bei 155 Abonnenten stehenbleiben, sondern ein wenig Reichweite aufbauen, mit der sich künftig arbeiten ließe.

Als sich andeutete, dass nun auch Österreich eine Internetmeisterschaft bekommt, haben wir im österreichischen Schach-Buschfunk ein wenig mitgehört – und hatten erwartet, dass die Entscheider von Beginn an über die essenziellen Fragen sprechen: „Was wollen wir mit dem Turnier erreichen?“ „Wie machen wir es attraktiv?“ „Was bekommen wir für den mittleren vierstelligen Betrag, den es kostet?“

Stattdessen sprachen sie über – Armbanduhren.

Modell „Grandmaster“. Der Hersteller Jaques Lemans ist dem österreichischen Schachsport seit einiger Zeit als Sponsor verbunden. Diese Verbundenheit gipfelte jetzt in der Entwicklung und Produktion der Jubiläumsuhr für den ÖSB.

Der österreichische Schachbund hat im Jahr seines 100-jährigen Bestehens einen Satz Schach-Armbanduhren vom Hersteller Jaques Lemans bekommen, Modell „Grandmaster“. Wenige Dutzend Exemplare dieses Sondermodells gibt es, einige sind schon verteilt. Nun hatte der ÖSB geplant, den zwölf Finalisten der live zu spielenden Internetmeisterschaft jeweils eine dieser Uhren zu schenken.

Dieses Vorhaben löste mehr als alles andere eine Kontroverse aus – und die einzige Änderung in der vorläufigen Ausschreibung, die ÖSB-Generalsekretär Walter Kastner seinen Landesfürsten hatte zukommen lassen. In der jetzt veröffentlichten Ausschreibung ist von Uhren für die Finalisten keine Rede mehr.

Als verdienter Funktionär hat unser Freund „Transparency Theo“, wie wir ihn am Bodensee neckisch nennen, natürlich längst eine Jubiläumsuhr aus Österreich. Uns ist der Generalsekretär des Europäischen Verbands schon vor Jahren wegen seines Wikipediaeintrags aufgefallen, der, wenn sein segensreiches Schaffen so weitergeht, bald eine Heiligsprechung notieren wird. Das Gerücht, er habe diesen Eintrag selbst verfasst, halten wir für wenig plausibel. | Foto: ECU/ÖSB

Am 11. April beginnen die Vorrunden der Österreichischen Internetmeisterschaft. Bis dahin ist in der ÖSB-Zentrale Zeit für ein wenig Lektüre.
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