Aber das sind doch Ehrenamtliche! Die kannst du doch nicht kritisieren!

Anfang dieser Woche reichte es, einen Stecker zu ziehen, das hatte sofort einen Dominoeffekt zur Folge. Mehr als 100 deutsche Schachwebsites waren außer Funktion, darunter die meistbesuchte und potenziell wertvollste.

Nun sind alle Seiten wieder erreichbar. An der Fragilität des Systems ändert das nichts. Weder hat der Schachbund Zugriff auf die Daten seiner Mitglieder, wenn ein Mensch in Württemberg das nicht will, noch kann er etwas retten, wenn in Württemberg der Stecker gezogen wird.

Entgegen der Ankündigung von Präsident Ullrich Krause soll die Neuentwicklung von DeWIS nicht ausgeschrieben sein. Das sagt jemand, über dessen Schreibtisch eine solche Ausschreibung laufen müsste. Unsere Anfrage beim Pressesprecher des Schachbunds, was in dieser Angelegenheit der Stand der Dinge ist, bleibt unbeantwortet.

„Läuft doch“: Seit gestern kann sich wieder jeder davon überzeugen, dass Liviu Dieter Nisipeanu mit einer DWZ von 2656 auf Rang 60 der höchstplatzierte deutsche Spieler in der DWZ-Rangliste ist. | Foto: FIDE

Nachdem nun jahrelang eine rechtlich fragwürdige und praktisch instabile Konstruktion am Leben erhalten wurde, drängt die Angelegenheit umso mehr, da in diesem Sommer der Wartungsvertrag ausläuft. Dann ist niemand mehr zuständig, und wehe dem deutschen Schach, es zieht wieder jemand den Stecker.

Auf der Funktionärsebene in Bund und Ländern wird das Problem schlicht nicht verstanden. Nur so konnte es geschehen, dass der DSB seine Mitgliederdaten weggegeben, sich ein wackeliges Wertungssystem zum Freundschaftspreis angeschafft hat und diese Konstruktion laufen ließ, während die Präsidien kamen und gingen.

„Wir machen erstmal so weiter“

Nicht nur auf Seiten des DSB und der meisten Landesverbände verstehen die Funktionäre ihre IT-Probleme nicht. Die Schachbundesliga betreibt eine Website, die einst sehr gut gemeint und darum viel zu komplex geraten war. Die Fehlerchen darauf häufen sich mit jedem Spieltag, die Seite steht kurz vor dem Kollaps, auch dort läuft der Wartungsvertrag aus. Der dazugehörige Beschluss der jüngsten Bundesligaversammlung: „Wir machen erstmal so weiter.“

Neben technischem Verstand fehlt die Einsicht, dass sich das Schach in erheblichem und zunehmendem Maße online abspielt. Da sollte das deutsche Schach glänzen. Stattdessen ist es peinlich. Online steht nicht dort auf der Agenda, wohin es gehört: ganz oben.

Schon vor fünf Jahren war es dringend an der Zeit für einen Rundumschlag. Statt vieler, mehrheitlich hingewurschtelter Online-Inseln bräuchte das deutsche Schach, vom DSB über die Länder, von der Jugend bis zum Spielbetrieb, ein einheitliches Dach, eine Wiedererkennbarkeit, von der alle profitieren. Und ein zentrales Datensystem, mit dem alle einfach (und rechtssicher!) arbeiten, Inhalte verwenden und teilen können. Weniger Leute könnten mit weniger Arbeit mehr erledigen, wäre das nicht toll?

Es ist auch nicht so, dass den Funktionären nie jemand allgemeinverständlich erklärt hätte, was das nun wieder soll:

Die Notwendigkeit zu erkennen, die Erkenntnis in ein Konzept zu gießen und die Sache dann zielführend anzugehen, wäre Aufgabe des DSB gewesen. Nur der hat die Kapazität und die Mittel, so einen Befreiungsschlag im Sinne aller und im Sinne unseres Spiels anzugehen.

Ein Befreiungsschlag in Sachen IT und Kommunikation würde voraussetzen, dass a) das Problem verstanden und b) erkannt wird, dass es manchmal ohne Hilfe nicht geht. Sich selbst verwalten können sie beim DSB ganz toll. Für IT bräuchten sie dringend professionellen Beistand, für Kommunikation auch, das war gerade bei der „Internetmeisterschaft“ wieder zu sehen. Ohne Hilfe werden sie demnächst beim 150-jährigen Jubiläum genauso ungelenk dastehen wie jetzt.  

Ein zusammengeklempnertes Monster. Und es lebt!

Die IT-Ebene des Problems mag der aktuelle Präsident verstehen, aber von der daraus abzuleitenden Erkenntnis ist er ebenso wie seine Vorgänger meilenweit entfernt. Professionalität ist nicht erwünscht, siehe dieses Interview. Im übrigen würde Krause wahrscheinlich bestreiten, dass der DSB ein Kommunikationsproblem hat, doof dasteht gar. Sein Geschäftsführer erweckt ja zuverlässig den Eindruck, er könne alles, Kommunikation inklusive. Wenn Marcus Fenner der Selbstwahrnehmung nach auch noch IT-Experte ist, wäre das nicht erstaunlich. Sein Präsidium würde ihm das sofort glauben.

Gelegentlich bedarf es einer Operation am offenen Herzen, aber das Monster lebt immer noch.

Das immer wieder vorgebrachte Totschlagargument „Aber das sind doch Ehrenamtliche! Die darfst du nicht kritisieren!“ greift bei solchen Angelegenheiten nicht. Dem Ehrenamtlichen sei der eine oder andere Murks zugestanden, klar. Aber nur bis zu dem Punkt, an dem der Ehrenamtliche das Ende seiner Möglichkeiten erreicht und sich doch der Erkenntnis verweigert, dass er Hilfe braucht.

Teil des Problems ist etwas eigentlich Gutes, nämlich der Umstand, dass sie beim DSB mit dem Webmaster einen Wunderwerker haben, der das über Jahrzehnte zusammengeklempnerte Monster irgendwie am Laufen hält, es als sein Kind betrachtet gar. Dass dieses Kind lebt, ist eine veritable IT-medizinische Leistung, die aber die Verantwortlichen davon abhält, sich dem Problem zu stellen und den überfälligen Schnitt zu vollziehen. „Es läuft ja“, können sie sich vormachen.

Einzige Idee: Kosmetik für den Murks

Vor fünf Jahren war es schon höchste Eisenbahn. Jetzt ist es zehn nach zwölf, das System kollabiert. Anstatt an die Substanz zu gehen, etwas Neues, Vernetztes aufzusetzen, das allen dient, scheint der Schachbund aus dem Kollaps die Erkenntnis abzuleiten, dass es auf der eigenen Insel Zeit für Kosmetik ist. Zumindest der Murks darauf soll nicht so auffallen. Alle anderen: egal.

Der DSB soll eine Agentur beauftragt haben, die DSB-Website neu zu gestalten. Die heutige Bitte dieser Seite an den Pressesprecher des Schachbunds, diese Information zu bestätigen und den Stand der Dinge offenzulegen, wurde bislang nicht beantwortet.

Dass die DSB-Website neu muss, dass sie Gesichter braucht, dass der Ballast weg muss und stattdessen die Zugpferde auf die Startseite, das ist alles nicht neu, wie sich diesem eineinhalb Jahre alten Foto eines Entwurfs entnehmen lässt. | Foto: Perlen vom Bodensee

Es heißt, der Auftrag gelte in erster Linie der Optik der DSB-Seite. Von einer zentralen Datenstruktur ist nicht die Rede, schon gar nicht von der Idee, etwas zu erschaffen, das dem deutschen Schach nützen soll anstatt dem Schachbund.

Unsere Daten bleiben erst einmal in Württemberg, die Landesverbands- und Spielbetriebsseiten bleiben so individuell schrecklich, wie sie sind. Immerhin, die verpassten Chancen und Kommunikationsdesaster auf der DSB-Website werden demnächst hübsch aussehen.

Es ist übrigens auch nicht so, dass niemals jemand allgemeinverständlich erklärt hätte, warum man eigentlich eine Website hat und was man damit alles erreichen kann, wenn man weiß, was man tut.

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