Alpha Paravyan, Zero Wagner

Dennis Wagner fliegt auf dieser Seite weitgehend unter dem Radar. Das ist ein bisschen schade. Der ehemalige Prinz gehört zur Riege der starken, jungen deutschen Großmeister, und er spielt reihenweise aufregende Partien.

Würden wir hier jede Schachgeschichte machen, die danach schreit, aufgeschrieben zu werden, und nicht aus Zeitgründen nur jede fünfte, dann hätten wir uns zum Beispiel die spektakuläre Schlacht Wagner-Sutovsky, gespielt 2018 auf der Isle of Man, genauer angeguckt. Diese Begegnung stand lange oben auf der Agenda der noch zu kommentierenden Partien, aber hat es nie auf diese Seite geschafft. Ein Versäumnis, das den Schreiber dieser Zeilen immer noch wurmt.

Immerhin gab es ein Video zu Wagner-Aronian von der Isle of Man 2018. Für Kommentare zu Wagner-Sutovsky reichte die Zeit leider nicht, obwohl die Partie Anmerkungen verdient hätte.

Würde Dennis Wagners Schach hier öfter gepriesen, wäre es uns vorgestern leichter gefallen, seine Turniertaktik beim gerade laufenden Aeroflot-Open in Moskau in Frage zu stellen. Nach einem feinen Erstrundensieg mit Schwarz führte der 22-Jährige in der zweiten Runde die weißen Steine gegen 2650-GM Kovalev, den Leser dieser Seite als Gegenspieler von Vincent Keymer kennen.

Wer weiß, was Wagner wurmte

Wenn man bei einem Turnier wie dem Aeroflot-Open etwas reißen will, was muss man dann mit Weiß gegen 2650-GM machen? Genau, sie umhauen, zumindest den einen oder anderen. Wagner kam sogar äußerst komfortabel aus der Eröffnung, beste Voraussetzungen eigentlich.

Für den Beobachter aus der Ferne war kaum zu verstehen, warum er Kovalevs kleinlautes, sehr frühes Remisangebot akzeptierte. Beinahe hätte das zu einem garstigen Tweet oder Facebookeintrag vom Bodensee geführt, aber wir haben es uns dann doch verkniffen. Wer weiß, was Wagner wurmte?

Aus dem Schatten von Rasmus Svane und den anderen Prinzen herauszutreten, ist Dennis Wagner (rechts) nie recht gelungen. || Foto: Karsten Wieland/Dresdner Schachsommer

Wer bei einem Schweizer-System-Turnier mit Weiß gegen einen starken Spieler remis macht, der bekommt in der nächsten Runde wieder einen starken Gegner, allerdings mit Schwarz. So erging es Dennis Wagner. In der dritten Runde saß ihm David Paravyan (22) gegenüber, einer der vielen Vertreter aus dem schier unerschöpflichen Reservoir junger russischer Meisterspieler.

Im Stichkampf Wang Hao geschlagen

Daheim spielt Paravyan mit seinen 2630 Elo nicht einmal die zweite Geige. Und doch kann er es mit jedem aufnehmen. Unlängst hat er das mit Weltklassespielern gespickte Open in Gibraltar gewonnen, dort unter anderem Maxime Vachier-Lagrave hinter sich gelassen. Am Ende des Turniers musste er einen Stichkampf um den ersten Platz bestreiten. Paravyan besiegte den WM-Kandidaten Wang Hao und fuhr um 30.000 Pfund reicher nach Hause.

Beim Gibraltar-Schachfestival ließ David Paravyan unter anderen den WM-Kandidaten Wang Hao hinter sich. | Foto: John Saunders/Gibraltar Chess

Ob Paravyan vor dem Aeroflot Open noch einmal studierte, was Magnus Carlsen von AlphaZero gelernt hat? Der Vormarsch des h-Bauern gegen Königsläuferfinanchettos ist ein wesentliches Motiv aus dem Repertoire der Google-Maschine, das sich nicht nur der Weltmeister zu Eigen gemacht hat. Mittlerweile ist es auch Teil des Repertoirs des jungen Russen.

Und so durfte sich Dennis Wagner anschauen, wie Parvanyan seinen h-Bauern vorschnellen ließ und schon im zehnten Zug auf h6 einpflanzte. 20 Züge später gewann dieser Bauer als entscheidender Helfer eine feine Partie.

(Die Partie zum Nachspielen findest du in der BodenseeBase.)

Paravyan, David (2629) – Wagner, Dennis (2590)
Aeroflot Open, Moskau, 21. Februar 2020

1.d4 Nf6 2. c4 g6 3. h4

Von Michael Basman 1980 erfunden, von dessen Landsmann Simon Williams in den 2000ern diverse Male versucht, musste 3.h4 den ersten Weltklasse-Härtetest im Kandidatenturnier 2016 bestehen: Veselin Topalov ließ es mit Weiß aussehen, als wolle er Anish Giri unmittelbar an die Kehle gehen. Giri ließ 3…c5 4.d5 b5 folgen und hatte keinerlei Probleme.

Unmittelbar nach der Partie erklärten die Fachleute, Giris Spielweise sei die Quasi-Widerlegung von 3.h4: einfach ein Benkö-Gambit daraus machen, in dem weißes h4 wenig Sinn ergibt. Später gesellte sich noch eine weitere Erklärung dazu: Schwarz könne alternativ auch einen günstigen Benoni anstreben, hieß es.

Zumindest Schachfreund Grischuk dürften diese beiden Erklärungen wenig überzeugt haben. Er zieht munter weiter 3.h4, allein 2019 tat er das 7-mal.

3… c5 4. d5 d6

Wagner will lieber in einem Benoni als in einem Benkö nachweisen, dass 3.h4 nicht so toll ist.

(4… b5 5. cxb5 a6 1/2-1/2 (68) Topalov,V (2780)-Giri,A (2793) Moscow 2016)

5. Nc3 Bg7 6. e4 O-O 7. Be2 e6 8. h5 exd5 9. exd5 Re8

35 Vorgänger kennt die ChessBase-Online-Datenbank, in 23 geschah 10.hxg6, in 7 23.Kf1. Von den richtig starken Spielern entscheidet sich hier allein AlphaGrischuk für das aus der Prä-AlphaZero-Perspektive krude erscheinende 10.h6. Allerdings nickt Schachfreund Stockfish zustimmend,
und das bedarf gar nicht einmal der neuen 11er-Version. Sogar Stockfish 7
möchte hier 10.Kf1 nebst 11.h6 spielen.

10. h6 Bh8 11. Bg5 Qb6 12. b3 Ne4 13. Nxe4 Rxe4

Der Ta1 hängt nicht wirklich, z.B. 14.Kf1 wäre möglich, ein erster Effekt des Eindringlings auf h6. Paravyan zieht den Ta1 trotzdem.

14. Rc1 Na6

Eine Neuerung, von Maschinen auf hohen Suchtiefen gefordert, insofern
wahrscheinlich mehr eine Gedächtnis- als eine Denkleistung Wagners.

(14… Nd7 15. Kf1 Re8 16. Rh4 Ne5 1-0 (30) Grischuk,A (2759)-Gelfand,B (2686)
Amsterdam 2019)

15. Rh4

A tempo aufs Brett gestellt, eine klare Ansage Paravyans, dass ihm die Neuerung nicht neu ist. Ob Schwarz jetzt die Türme tauschen sollte? Der Sinn des schwarzen Turms auf der e-Linie ist leicht ersichtlich. Was der weiße Turm auf der geschlossenen h-Linie leistet, ist nicht so klar, insofern wäre es eine Idee, ihn dort stehen zu lassen.

15… Rxh4 16. Bxh4 Bf5 17. Bg4?

Nach fast 40 Minuten gespielt, das erste längere Abtauchen Paravyans, das zu einem taktische Patzer führt. Zum Glück für ihn hat Schwarz eine naheliegende Fortsetzung zur Verfügung, sodass es sich für Wagner so gar nicht anbot, auf die Suche nach versteckten taktischen Tricks zu gehen.

15… Re8+?

(17… Bxg4 18. Qxg4 Nb4 19. Qe2 Nxd5 gewinnt einen Bauern, und, vielleicht wichtiger, der Springer spielt mit. In der Partie wird er bis zum Ende ein wirkungsloser Zuschauer sein)

18. Kf1 Bxg4

(Giftiger wäre 18… Re4, das stiftet ein wenig Unruhe und verhindert vorerst ein Spiel auf ein Tor.)

19. Qxg4

19… f5

Sehnt sich nach Gegenspiel, aber öffnet auch eine Schleuse. Auf e6 klafft jetzt ein Loch, und das für immer.

(Die Alternative war, einfach nur den Laden zusammenzuhalten, die Db6 und Sa6 als Abseitige statt als potenzielle Gegenspieler zu identifizieren und sie zum Schutz vor weißen Einbrüchen gen Zentrum und siebte Reihe zu überführen. Zum Beispiel das traurige 19… Qc7 20. Nf3 Nb8 21. Re1 Rxe1+ 22. Nxe1 Qd7, was den Schwarzen zu einem langen, bitteren Ausharren im Endspiel verurteilen würde, an dessen Ende vielleicht ein halber Punkt stünde.)

20. Qd1 Re4 21. Bg5 Nb4

Konsequent, aber es ist leider nur Scheinaktivität.

22. f3! Re8 23. Qd2 Qc7 24. Nh3

Zug 24, Zeit, den Königsspringer zu entwickeln 😉

24… Qd7

Räumt c7, um den Sb4 zwecks Verteidigung ebendorthin zu überführen.

25. Nf4 b6

Derlei Prophylaxe gibt die sturmreife schwarze Stellung längst nicht mehr her. Schwarz kommt nicht mehr dazu, per …Sb4-a6-c7 das
Loch auf e6 zu flicken.

(25… Na6 26. Qa5 nebst Se6 behagte Schwarz nicht.)

26. Ne6 Na6 27. Re1 Be5 28. a3

Oje. Schwarz kann nichts Konstruktives ziehen.

28… Rc8

(28… Nc7 29. Nxc7 Qxc7 30. f4)

29. f4 Bh8 30. Ng7!

Und Te7 als nächstes. Die totale Infiltration.

30… Bxg7 31. Re7 Qxe7 32. Bxe7 Bxh6 33. Qe3 Nc7 34. Bxd6 Re8 35. Qh3

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2 Kommentare zu „Alpha Paravyan, Zero Wagner

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