Feuertaufe fürs Flaggschiff

Mit dem Münchner Unternehmen Millennium schickt sich eine deutsche Firma an, auf dem wachsenden Markt der elektronischen Schachbretter mitzumischen. Die Münchner, bislang ausschließlich Entwickler von Schachcomputern, wollen eine neue Zielgruppe erschließen: Schachspieler, die ihre Onlinepartien am Brett spielen möchten, und Veranstalter von Hybrid-Wettkämpfen. Einen solchen Wettkampf zwischen einem Münchner und einem Berliner Vereinsteam hat Millennium jetzt als ersten Härtetest für sein elektronisches Turnierbrett aus Holz ausgerichtet.

Die Dynamik auf dem Markt der E-Bretter hält an, seitdem das falsche Wunderbrett von Regium die Szene aufgescheucht und einen enormen Bedarf offenbart hat. Aber alle etablierten Hersteller haben festgestellt, dass ein Produkt wie das von Regium präsentierte nicht herstellbar ist, schon gar nicht zu einem vertretbaren Preis. Neue Ideen und Ansätze sind gefragt – und die gibt es, nicht nur bei den Etablierten. Seit Monaten gehen immer neue Schach-Startups mit ihren Crowdfunding-Projekten an die Öffentlichkeit.

$1.7M+ crowdfunding haul puts ChessUp in attack position for production, hiring top talent
Das ChessUp-Brett. | via Bryght Labs

Jeff Wigh, Kopf hinter dem ChessUp-Projekt (siehe oben verlinkter Bericht), wollte ursprünglich moderate 30.000 Dollar einwerben, um seinen Prototyp in ein serienreifes Produkt zu verwandeln. Aus den 30.000 sind an die 2 Millionen geworden. Bis dahin war kein Schachprodukt beim Crowdfunding jemals annähernd so erfolgreich gewesen. Mittlerweile hat ChessUp unter anderem Levon Aronian als Berater und Botschafter gewonnen, und dank der gewaltigen Finanzspritze werden Features eingebaut, die bislang nicht geplant waren. Im Dezember 2021 soll das blinkende Plastikbrett ausgeliefert werden.

Das Phantom-Brett: Optisch ein Traum – weil ein optischer Haken geschickt kaschiert wird. Unterm Brett ist ein Kasten befestigt, der die Mechanik beherbergt. | via indiegogo

Das ästhetische, aus Holz gefertigte „Phantom“-Brett des Entwicklers Carlos Lopez Pendas ist mit seiner klassischen Optik der Gegenentwurf – und genauso erfolgreich. Nur 6.000 Dollar hatte Pendas als Ziel angesetzt – und endete bei 1,9 Millionen. Teil des Erfolgs ist auch hier eine professionell getextete und gestaltete Kickstarter-Kampagne, basierend auf dem immergrünen Feature, das Schachfreunde seit Jahrzehnten fasziniert: selbstziehende Figuren. Auch das Phantom-Brett soll im Dezember 2021 erhältlich sein.

Während ChessUp als Lern- und Trainingswerkzeug konzipiert ist, soll das aus der Regium-Enttäuschung entstandene Phantom ein Brett zum Spielen und Genießen sein. Eine Schummelei konnten sich die Entwickler allerdings nicht verkneifen: Weite Teile der Kampagne kaschieren den Brett-Untersatz, der die Mechanik für die selbstziehenden Figuren enthält.

Dieser unterm Brett befestigte Kasten ist optisch ein Haken und technisch eine potenzielle Achillesferse des Phantoms. Weil Mechanik verschleißt und schließlich kaputtgeht, haben sich Bretter/Schachcomputer mit selbstziehenden Figuren nie durchgesetzt. Einzige Ausnahme: das ruckelig ziehende, klobige, aber offenbar weitgehend zuverlässig arbeitende Square-Off-Brett.

Wer beim Bestellen nicht genau hinguckt, der wird bei der Auslieferung überrascht sein, diesen Kasten für die Mechanik der selbstziehenden Figuren unter seinem Brett zu finden. Andererseits: Wer genau hinguckt, der findet den Entwicklungs- und Entstehungsprozess des Phantom-Brettes transparent dokumentiert. | via hackaday.io

Square Off optisch und technisch deutlich zu verbessern, hatte sich Pendas mit seinem Phantom als Ziel gesetzt. Eine unlängst begonnene Rabatt-Kampagne bei Square Off legt nahe, dass dort befürchtet wird, der Mitbewerber werde sein Ziel erreichen. Jetzt will Square Off noch einmal Umsatz forcieren, bevor das mutmaßlich bessere Konkurrenzprodukt erhältlich ist.

Ob ChessUp, Phantom oder Square Off, eines haben diese drei gemeinsam: Auf einem Vereinsabend, bei einem Hybrid-Wettkampf/in einem Turniersaal hätten sie nichts zu suchen. Diese Bretter sind ausschließlich Spielzeuge für den Heimbedarf.

Den Bedarf des Vereinsspielers und Veranstalters, der das Brett für auch für die Liveübertragung nutzen möchte, hat bislang in erster Linie DGT abgedeckt. Obwohl fast Weltmonopolist, hat auch bei der niederländischen Firma die jüngste Dynamik zu einer Überarbeitung der Produktlinien geführt. Nach beinahe 20 Jahren hat DGT im Oktober 2020 die „nächste Generation“ von Brettern angekündigt.

Neben DGT haben zwei kleine Hersteller Nischen gefunden, vor allem die italienische Manufaktur Certabo. Arkadij Naiditschs Firma „Chess Evolution“ hat ebenfalls ein E-Brett im Sortiment.

Ausgepackt und ausprobiert: Das neue 55er-Turnierbrett von Millennium.

Dass nun auch Millennium Online-Spielern das ersehnte haptische Erlebnis verschaffen möchte, hat Millennium-Chef Thomas Karkosch schon vor über einem Jahr im Gespräch mit dieser Seite angekündigt (siehe oben verlinkter Beitrag). Wenige Monate später pfiffen die Spatzen aus den Schachcomputerforen, dass Millennium etwas Großes plant – im Wortsinn: „Supreme Tournament 55“ heißt das neue Flaggschiffprodukt, ein hölzernes Brett in Turniergröße mit 55 Zentimeter langen Kanten und automatischer Figurenerkennung.

Fokus auf hybrides Schach

81 dimmbare LEDs. | Foto: Perlen vom Bodensee

Der augenfälligste Unterschied zu den DGT-Brettern besteht in den LEDs in den Ecken der Felder, die dem Online- und Hybrid-Spieler volle Konzentration aufs Brett ermöglichen sollen. Das beim Hybrid-Spiel auf einem normalen Brett notwendige Hin- und Hergucken zwischen Brett und Monitor, um nicht den Gegnerzug zu verpassen, entfällt, weil der gegnerische Zug auf dem Brett blinkend angezeigt wird, sobald er ausgeführt ist.

Auch muss der eigene Zug nicht separat am Rechner eingegeben werden. Das Brett erkennt ihn und leitet ihn zur Schachplattform weiter. Auf diese Weise ist hybrides Schach noch einen Schritt näher ans echte Schacherlebnis gerückt.

Als während der Pandemie hybrides Schach aufkam, als internationale Wettbewerbe wie der Mitropa-Cup und die World-Cup-Qualifikation hybrid gespielt wurden (nächstes internationales Hybrid-Turnier: die Jugend-Europameisterschaft im Oktober), hat Millennium sich um eine Anbindung an Tornelo bemüht, das sich mehr und mehr als offizielle Online-Plattform etabliert.

Möglichst von Beginn an sollte das neue elektronische Turnierbrett (ein kleineres aus Plastik ist geplant) Hybridschach-tauglich sein. Der Berliner FIDE-Schiedsrichter und Technikenthusiast Bernhard Riess testete, bis alle Macken behoben waren – vermeintlich.

Was fehlte, war ein Test des 55ers unter Wettkampfbedingungen. Für eine solche Feuertaufe gewannen die Münchner zwei Vereine, den TSV Mariendorf (Berlin) sowie die Schachunion Ebersberg-Grafing (Bayern).

Diese beiden spielten einen Hybrid-Mannschaftskampf an vier Brettern. Die Berliner, beaufsichtigt von Bernhard Riess, saßen in ihrem Vereinsheim vor den 55er-Edelholz-Brettern, die Ebersberger, beaufsichtigt von Schiedsrichter Suhel Abdalla, in der Münchner Zentrale von Millennium, wo der Besprechungsraum zur Schach-Arena umfunktioniert worden war.

Verbunden waren die Bretter via Tornelo. Im parallelen Zoom-Chat verfolgte manche Schiedsrichter- und Computerschachgröße das Geschehen, allen voran Computerschachpionier David Levy und Tornelo-Chef David Cordover.

Nicht zu übersehen: In Berlin zieht Schwarz …b7-b5, in München blinkt b7 und b5. | Foto: Millennium

Das Ergebnis (3,5:0,5 für die Berliner) war zweitrangig, zumindest aus Sicht des Ausrichters, der die Bretter gestellt und den Vergleich organisiert hatte. Wichtigste Erkenntnis für Millennium: Es funktioniert. Technisch verlief der Kampf ohne Zwischenfälle, alle Beteiligten erfreuten sich an der Optik der Bretter und am Handling der Figuren. Die Feuertaufe war bestanden.

https://youtu.be/lEDIS3_eu9A
Hybrider Vergleichskampf Mariendorf vs. Ebersberg, die Partie am ersten Brett.

Obendrein freuten sich die beiden Geschäftsführer Karkosch und Maximilian Hegener über manche Anregung von Spielern und Schiedsrichtern, wie es noch besser ginge. Abdalla etwa regte an, ein Display für die Bedenkzeiten beider Spieler ins Brett zu integrieren. Entfiele auch noch der gelegentliche Blick des Spielers auf die Uhr auf einem separaten Display, es gäbe gar keinen Grund mehr, den Blick vom Brett abzuwenden.

“Läuft”: Der angehende FIDE-Schiedsrichter Suhel Abdalla (r.) mit den Millennium-Geschäftsführern (v.r.) Maximilian Hegener und Thomas Karkosch. | Foto: Perlen vom Bodensee

(Titelfoto: Millennium)

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