Keine Sponsoren, Ende des Abenteuers: Ötigheim zieht zurück

Der SC Ötigheim zieht sich aus der Schachbundesliga zurück. Das bestätigte Vereinsvorstand und Teamchef Marcus Wormuth auf Anfrage. Der Grund für den Rückzug: „keinerlei Sponsoren“.

Zur Saison 2023/24 war der Club aus dem baden-württembergischen 5.000-Einwohner-Ort in die höchste deutsche und weltweit stärkste Schachliga aufgestiegen. Finanziert von „vor allem privaten Geldgebern“, wie Wormuth in einem Interview sagte, war Ötigheim früh in der Saison aller Abstiegssorgen ledig.

Abenteuer Bundesliga: Vor dem Match gegen den SC Viernheim lichtete Teamchef Marcus Wormuth seine Ötigheimer Mannschaft mit der Nummer eins der Gegner ab. | Foto: Angelika Valkova

Nun zeigt sich, dass trotz des nominellen Klassenerhalts das Abenteuer Bundesliga ein einmaliges war. Dem Vernehmen nach fehlt ein mittlerer fünfstelliger Betrag, um eine weitere Saison sicherzustellen. Voraussichtlich wird der Club seine erste Mannschaft komplett aus dem Spielbetrieb zurückziehen.

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Für den als Tabellen-13. nominell abgestiegenen SV Mülheim-Nord dürfte der Rückzug der Ötigheimer den Klassenerhalt bedeuten. Schon während der Saison in einem Interview für den YouTube-Kanal des SC Viernheim hatte Spitzenspieler David Navara angedeutet, dass es das limitierte Budget in Mülheim schwierig macht, stets in der Wunschaufstellung anzutreten.

Diese Beschränkung war am letzten Spieltag in Mülheim zu besichtigen: Das Team brauchte gegen Ötigheim einen Punkt, um sicher drinzubleiben, trat aber ohne seine ersten acht Spieler an (Navara, Nguyen, Dardha, Fridman…). Mülheim unterlag 3,5:4,5 und wurde 13.

Die Aufstellung sei der finanziellen Situation geschuldet gewesen, erklärt Vereinsvorsitzender Michael Stadel auf Anfrage. „Dass Ötigheim über einen Rückzug nachdenkt, haben wir am Sonntag nach dem Wettkampf erfahren.“

Generell bedeutet Wettkampf in der Schachbundesliga auch Wettkampf darum, das Budget fürs Einfliegen von Elo besser als die Konkurrenz zu balancieren, so, dass es möglichst viele und vor allem die wichtigen Punkte erzielt: nominell in die Vollen gehen, wenn es zählt, zurückhaltend aufstellen, wenn es eh reicht oder eh hoffnungslos ist. Ähnlich wie ein Fernschachspieler, der zwischen besten Enginezügen abwägt, trägt der Teamchef/Mäzen zum Erfolg oder Misserfolg bei, indem er entscheidet, wen aus dem Kader er zu welcher Gelegenheit nominiert.

Den neuen Deutschen Meister SC Viernheim unterscheidet von den anderen Bundesligisten, dass es dort auch ein Budget für Vereinsmarketing und Öffentlichkeitsarbeit gibt. Daraus soll extern wie intern Sichtbarkeit und Identifikation mit der Sache entstehen.

Das Budget für Einsätze von Profis sei in der Saison 2023/24 gestaffelt gewesen, erklärte d-fine-Mitgründer Markus von Rothkirch am Rande des Saisonfinales in Hannover. Durchgehend das bestmögliche Team an die Bretter zu schicken, war in Viernheim zu Saisonbeginn nur eine Option. Solange die Mannschaft um die Meisterschaft spielte, sei der Sponsor im Sinne dieses erklärten Ziels willens gewesen, von Spieltag zu Spieltag nachzulegen.

Anderswo im Profisport wäre es nicht erwähnenswert, im vom Mäzenatentum geprägten Schach repräsentiert es den Gegenentwurf zu allen anderen Bundesligisten: Um intern wie extern Identifikation mit der Sache zu erzeugen, nehmen die Supergroßmeister in Viernheim vor den Bundesligakämpfen am Blitzturnier beim Vereinsabend teil, und sie sind angehalten, nach den Bundesligakämpfen der Welt mitzuteilen, dass sie für den SC Viernheim und dessen Sponsor gespielt haben.

Gegen welche 15 Mitbewerber die Deutschen Meister aus Viernheim 2024/25 ihren Titel verteidigen, steht fest, sollte nicht kurzfristig am Stichtag 1. Mai noch ein Verein zurückziehen oder auf den Aufstieg verzichten. Der SC Ötigheim, der SC Remagen-Sinzig, die MSA Zugzwang und der HSK Lister Turm verlassen die Liga. Der Düsseldorfer SK, der FC St. Pauli, der Münchener SC 1836 und die SF Bad Mergentheim kommen als Aufsteiger aus den vier zweiten Bundesligen dazu.

Schachfans können sich auf die attraktivste Bundesliga jemals freuen. Mit dem FC St. Pauli kommt eine der stärksten Marken des deutschen Sports nach oben, mit dem Düsseldorfer SK die stärkste Vereinsmannschaft der Welt und mit dem Münchener SC einer der traditionsreichsten Sportclubs, der älteste Bayerns gar. Oben wird es erstmals einen Dreikampf um den Titel geben, unten wird halb Schachdeutschland dem FC St. Pauli die Daumen drücken.

Dass dieses Geschenk in der Schachbundesligaverwaltung Aufbruchstimmung oder gar einen Neuanfang auslöst, ist eher nicht zu erwarten. „Das Publikum“ verwechseln die meisten Verantwortlichen der Bundesligisten traditionell mit den paar Leuten, die am Spieltag in die Spiellokale kommen. Das eigentliche Publikum, die 99 Prozent an den Bildschirmen, wird kaum bedient. Niemanden stört, dass es kein Schachbundesliga-TV gibt, und über die Idee, Spieltage versetzt auszutragen, damit es mehr und öfter Bundesliga zu sehen gibt, ist nie auch nur gesprochen worden.  

Als Zuschauersport für Livepublikum funktioniert Schach nur, wenn es in ein Ereignis eingebettet wird. An den trotz (oder wegen?) freien Eintritts kaum besuchten regulären Bundesligakämpfen ist das ebenso gut zu zeigen wie an der ausverkauften Zentralrunde im Februar in Viernheim. Ob die Bundesligisten diesen „Königsweg“ (FAZ) eines oder, besser, mehrerer zentraler Schachfeste 2024/25 erneut beschreiten, ist offen.

Dahinter steckt unter anderem, dass es ein Zugpferd gab, das frühzeitig angespannt war, um der Sache Ereignischarakter zu verleihen. Text in der FAZ für Abonnenten.

Monatelang stand aus Augsburg das Angebot im Raum, in der kommenden Saison eine zentrale Bundesligaveranstaltung auszurichten, ohne dass daraus etwas Konkretes geworden wäre. Mittlerweile gilt das Angebot nicht mehr. Johannes Pitl, Vorsitzender des SK Göggingen, teilt auf Anfrage mit, er habe Schachbundesligapräsident Markus Schäfer am 5. April abgesagt.

Seit einem halben Jahr fungiert Michael S. Langer als Ligaberater in Marketingdingen. In erster Linie will er der sich selbst gestellten Aufgabe nachgehen, die drei Spitzenteams der kommenden Spielzeit an einen Tisch zu bringen, um Weichen für die attraktivste Saison jemals zu stellen. Dass dieses Vorhaben zu etwas Greifbarem geführt hat, war bislang nicht zu vernehmen.

Mehr oder weniger sicher ist bislang nur, dass Viernheim keine zentrale Runde ausrichten wird. Knapp ein Drittel der gut 150 Mitglieder im Februar 2024 als Helfer:innen einzuspannen, sei ein Kraftakt am Rande der Belastungsgrenze gewesen. „Gerne wieder, aber nicht sofort“, lautet bislang der Tenor aus Viernheim. Mehr oder weniger sicher ist auch, dass zwei der drei Topmatches 24/25 in Baden-Baden ausgetragen werden. Die Baden-Badener waren zwar sportlich stets vorne, hatten zuletzt aber eher das Nachsehen beim Ausrichten der Spitzenpaarungen. Das soll in der kommenden Saison kompensiert werden.


Wenige Tage nach Erscheinen dieses Beitrags verzichtete Zweitligameister Münchener SC 1836 auf den Bundesligaaufstieg.


In einer ersten Version dieses Beitrags hieß es, das Angebot einer Zentralveranstaltung in Augsburg stehe im Raum. Das war nicht korrekt, das Angebot ist seit Anfang April zurückgezogen. Der Text ist entsprechend aktualisiert.

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[…] zieht aus der 1. BL zurück- siehe z.B. bei den Bodenseeperlen. Dadurch steigt Mühlheim nicht […]

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
18 Tage zuvor

Expertenfrage
Können/dürfen 2te Mannschaften aus der neuen 2.Liga in die 1.Liga aufsteigen und der Verein 2 Mannschaften in der 1.Liga am Start haben.
Wo kann man die Regularien nachlesen.

joschi
joschi
12 Tage zuvor

Stell Dir vor es ist Bundesliga und keiner geht hin …

Thomas Richter
Thomas Richter
19 Tage zuvor

Doch noch eine Änderung: der Münchener SC verzichtet laut Bundesliga-Ergebnisdienst des DSB auf den Aufstieg, davon profitiert der SV Deggendorf.

Thomas Richter
Thomas Richter
19 Tage zuvor

Zu Viernheim: Größter Unterschied zu anderen Vereinen ist anscheinend, dass das Budget erfolgsabhängig und bei anhaltendem Erfolg quasi unbegrenzt ist. Letzte Saison hing es also davon ab, wann das Match gegen Baden-Baden stattfindet (war erst recht spät in der Saison) und wie es ausgeht? Nächste Saison könnte interessant werden: Baden-Baden und Viernheim könnten Reisepartner werden. Vielleicht wird es aber auch Viernheim/Bad Mergentheim und Baden-Baden/Deizisau – wäre etwas künstlich aber würde einige Probleme oder Kuriositäten vermeiden. Dass ein Ägypter auf X formerly Twitter schreibt “Ich bin stolz auf meinen deutschen Verein” und auch brav den Sponsor erwähnt, ist das wirklich soooo… Weiterlesen »