Am Turnierbrett, aber online: Start der ersten Hybrid-Liga mit zwei Bundesligisten

Nur Heimspiele – an jedem Spieltag für jede Mannschaft. Keine Anreise, keine Rückfahrt. Gespielt wird online, aber die Akteure sitzen nicht einsam vor dem Bildschirm, sondern im Kreis ihrer Vereinskameraden und -kameradinnen am Turnierbrett aus Holz.

Hybrid-Schach macht es möglich. Am Mittwoch, dem 9. März 2022, beginnt die weltweit erste Hybrid-Liga auf den elektronischen Turnierbrettern des Münchner Unternehmens Millennium. Sechs Mannschaften sind dabei, darunter zwei Bundesligisten und ein Landeskader, der wahrscheinlich sogar einen ehemaligen Weltmeister in den Wettkampf schicken wird.

Livepartien ab 18.30 Uhr auf Tornelo

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„Hybrid“, darunter verstehen wir eine Kombination von zwei Dingen, ein Automobil etwa, das mit Strom und Benzin fahren kann. Beim Schach bedeutet „hybrid“, online und doch im Kreise seiner Freunde oder Mitstreiter zu spielen. Im Zuge der Pandemie hat sich hybrides Schach rasant verbreitet, und das bis auf höchste Leistungsebenen. Die Qualifikation für den World Cup 2021 ist hybrid gespielt worden, die Jugend-Europameisterschaft auch, sogar die deutschen Nationalmannschaften haben beim Mitropa-Cup schon hybrid gespielt.

Hybrid gespielte World-Cup-Qualifikation mit Vincent Keymer: Den Spielern stand frei, ein herkömmliches Brett zu benutzen, die meisten machten davon Gebrauch – aber nicht immer. Das Hin- und Hergucken zwischen Brett und Bildschirm lenkte zu sehr ab. Dieses Problem gibt es dank des „Supreme Tournament 55“ nun nicht mehr. Die gegnerischen Züge werden auf dem Brett angezeigt, der Spieler kann sich durchgängig auf seine Partie fokussieren. | Foto: Deutscher Schachbund

Obwohl sich die neue Spielform schnell verbreitete, wollte beim hybriden Schach bislang kein Turnierschachgefühl aufkommen: Wer ein Brett neben dem Bildschirm aufbaute, der war trotzdem gezwungen, zwischen Bildschirm und Brett hin- und herzugucken, um nicht den Zug des Gegners zu verpassen.

Das elektronische Turnierbrett von Millennium beendet diesen Missstand. Das Supreme Tournament 55 erhebt die Notlösung Hybrid-Schach zur Alternative, es ist der bislang fehlende Baustein, der es Spielern und Spielerinnen ermöglicht, sich beim hybriden Schach aufs Brett zu fokussieren. Wenn der Gegner zieht, wo immer er sich befindet, zeigen die Leuchtdioden auf dem Millennium-Brett den Zug unmittelbar an. Und der eigene Zug wird, sobald ausgeführt, unmittelbar auf dem Brett des Gegners angezeigt.

Jürgen Brustkern, Teil des Berliner Teams, beim Wettkampf zwischen einer Berliner Auswahl und der ECU-Spitze, die sich in Thessaloniki versammelt hatte. | Foto: Bernhard Riess

„Ist das turniertauglich?“ Das war die erste Frage, vor der die Millennium-Geschäftsführer Max Hegener und Thomas Karkosch mit ihrem Team standen. Die etablierte Turnierplattform Tornelo kam mit ins Boot, außerdem der technikaffine Berliner Schiedsrichter Bernhard Riess. Eine ganze Reihe von Praxistests, zuletzt mit einem Match zwischen dem ECU-Vorstand in Thessaloniki und einer Berliner Auswahl, haben gezeigt: Hybrides Turnierschach unter Wettbewerbsbedingungen mit dem Supreme Tournament 55 funktioniert. Wer einmal eine hybride Turnierpartie auf dem „55er“ gespielt hat, der will mehr davon.

Um die neue Spielform zu etablieren, haben sich Hegener und Karkosch schon während der Testphase um Kontakte zu Verbänden und Vereinen bemüht. Das unmittelbare Ziel: eine Liga gründen, in der sich Vereine aus dem deutschsprachigen Raum auf den Millennium-Brettern unter Turnierbedingungen miteinander messen. Mittelfristig soll die Liga größer werden – mit internationaler Beteiligung und mehr Vereinen.

„Das große Interesse hat mich sehr gefreut“, sagt Hegener, der angesichts der vielen Anfragen bald eine Warteliste für künftige Saisons anlegen musste. Bei der Premiere sind sechs Mannschaften dabei:

  • TSV Mariendorf 1897 Berlin
  • SV Werder Bremen (Spielgemeinschaft mit Bremerhaven)
  • Niedersächsischer Schachverband
  • Schachfreunde Berlin
  • Schachclub ML Kastellaun
  • Schachfreunde Pattonville
Jonathan Carlstedt, Coach des Schachbundesligisten SV Werder Bremen, wird womöglich die eine oder andere Partie in der Hybrid-Liga spielen. | Foto: Andreas Burblies/SV Werder Bremen

Allen sechs teilnehmenden Mannschaften hat Millennium leihweise einen Satz elektronische Turnierbretter zur Verfügung gestellt. Gespielt wird zwei- bis dreiwöchentlich jeder gegen jeden, beginnend am Mittwoch, 9. März. Anfang Mai soll diese erste Saison beendet sein. Als Spieltag angesetzt ist jeweils der Mittwoch, 18.30 Uhr, aber den Mannschaften steht frei, sich auf einen anderen Tag derselben Woche zu einigen. Pattonville und Mariendorf machen am ersten Tag davon Gebrauch, die beiden haben ihr Auftaktmatch verschoben.

Gespielt wird über die Plattform Tornelo, wo auch Zuschauer online die Partien verfolgen können. Bedenkzeit: 90 Minuten plus 30 Sekunden/Zug, eine Bedenkzeit, die die Liga für Elo und/oder DWZ auswertbar macht. Für künftige Saisons ist geplant, die Partien fürs Rating zu werten.

Für die Mannschaften geht es neben der sportlichen Herausforderung erst einmal darum, sich mit der neuen Spielform vertraut zu machen. „Unser Kader soll bunt gemischt werden, Spitzenleute aber auch jugendliche Nachwuchsspieler“, sagt Tim Pfrengle, Sprecher des SC ML Kastellaun aus der Pfalz. Die Kastellauner wollen möglichst jedem, der Interesse hat, die Möglichkeit zu spielen bieten.“ Um im ersten Match gegen den Bundesligisten SF Berlin nicht unterzugehen, will Kastellaun so stark wie möglich aufstellen, „aber im Verlauf der Saison kann das ganz anders aussehen“, so Pfrengle.

Ähnlich wie Kastellauner wird es laut Teamchef Jens Kardoeus auch Werder Bremen halten. Profis würden nicht zum Einsatz kommen, aber Jonathan Carlstedt, Coach der Bundesligatruppe und festangestellter Schachtrainer bei Werder Bremen, stehe für Einsätze bereit. Noch stärkere Leute harren in Niedersachsen ihres Einsatzes. Der Niedersächsische Schachverband bestreitet den Wettbewerb mit seinem Leistungskader – und mit dessen Coach. Exweltmeister Rustam Kasimdzhanov hat unlängst schon angekündigt, dass er demnächst zum ersten Mal hybrid spielt – in der Millennium-Liga.

Der einstige Caruana-Coach Rustam Kasimdzhanov (r.) trainiert den niedersächsischen Landeskader. In der Millennium-Liga wird er ihn als Spieler anführen. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

(Titelfoto: Theo Heinze)

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Gerhard Lorscheid
Gerhard Lorscheid
6 Monate zuvor

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier einen Markt gibt. Hybrid ist eine technische Lösung um das Bescheißen bei längeren Bedenkzeiten durch je einen Schiri zu vermeiden. Wird nur minimale Anhänger finden. Das Problem ist, dass bei Hybrid Turnieren keine Atmosphäre aufkommt. Wurde mir von Spielern bestätigt, die es schon versucht haben. Ich brauche nicht den Zigarrenrauch im Gesicht wie früher, will meinen Gegner aber live sehen. Die Mephisto Bretter waren lange eine Ausrede um sich nicht mit einem Computer beschäftigen zu müssen. Heuer kommt da sowieso niemand mehr vorbei und deshalb haben sich die Bretter überlebt. Beim Handling,… Weiterlesen »

Walter Rädler
Walter Rädler
6 Monate zuvor

Ich wünsche der Turnierserie alles Gute! Experimente finde ich immer gut.

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
6 Monate zuvor

Kastellaun liegt natürlich nicht in der Pfalz, sondern im Hunsrück. nvm.