Wirbel um das Wunderbrett

Besonders intelligente Menschen haben in der Regel gemeinsam, dass sie ihre Intelligenz nicht ins Schaufenster stellen. Angel Delgado, einer der Köpfe hinter dem Wunderbrett „Regium“, handhabt das anders. Delgados Mitgliedschaft im Superhirnverein „Mensa“ sieht sehr bald jeder, der genauer wissen möchte, wer oder was sich hinter Regium verbirgt. Und auch ansonsten neigt Delgados Truppe dazu, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen, wie es eben geht.

Die Fragen rund um das Wunderbrett sind nicht weniger geworden, stattdessen hat sich eine zentrale Frage dazugesellt, nämlich diese, liebe Wunderbrett-Superhirne: „Wie doof kann man sein?“ Lichess wegen einer Forendebatte mit dem Anwalt drohen? Ernsthaft, Regium?

In den vergangenen Tagen ist es Regium gelungen, die eh schon fragliche Glaubwürdigkeit des jungen Unternehmens noch einmal zu untergraben. Andererseits: Vielleicht werden wir auch gerade Zeuge genialer Schachzüge.

„Weniger als 1000 Dollar“

Regium hat in der verschnarchten Schachszene binnen kürzester Zeit ein enormes Maß an Aufmerksamkeit und Neugierde generiert. Und sich neben Lichess gleich mal mit Branchenprimus chess.com und angelegt, obwohl die neue Firma doch mit beiden zusammenarbeiten will. Jetzt haben beide Statements veröfentlicht, die wenig schmeichelhaft für Regium ausfallen.

Aber diese wenig schmeichelhafte Tendenz könnte ja bald vergessen sein, während der Name Regium in aller Munde bleibt? Bei Glitzerprominenten funktioniert dieses Prinzip, darum begehen sie oft aus Kalkül spektakuläre Dummheiten. Schachfirmen haben das noch nicht getestet.

Die Frage, was das Wunderbrett kosten soll, hat Angel Delgado in einem Gespräch mit einer spanischen Schachcomputerseite beantwortet: weniger als 1.000 Dollar und noch einmal deutlich günstiger für Leute, die die kommende Kickstarter-Kampagne der neuen Firma unterstützen.

Aber warum braucht Regium eigentlich eine Kampagne, um Geld einzusammeln? Das Unternehmen hat Werbung auf chess24 bezahlt, wenig später sein Banner im Stream und Newsletter bei chess.com untergebracht. Mittel scheinen vorhanden zu sein.

Chess.com hat sich erst einmal dankbar aus dem Regium-Werbeetat bedient, später dann genau hingeschaut. Und festgestellt: „Wir konnten nicht verifizieren, was Regium behauptet.“ Das Brett gibt es noch nicht, und ob es die vermeintlichen auf der Website abgebildeten Regium-Mitarbeiter gibt, erscheint mindestens fraglich. Obigen Text fanden alle chess.com-Spieler gestern in ihrem E-Briefkasten.

Tatsächlich wird in der Computerschachszene erzählt, ein in Deutschland nicht ganz unbekannter, dem Schach verbundener Geschäftsmann stehe als Investor hinter Regium. Dieser Seite ist es trotz mehrerer Vorstöße bislang nicht gelungen, diese Erzählung bestätigen (oder dementieren) zu lassen. Insofern wollen wir es nur erwähnt haben, bis auf Weiteres als Gerücht ohne Namen, verbunden mit der Frage nach dem Geschäftsmodell: Was denn nun, Regium? Crowdfunding oder Investor?

Elektromagneten und ihre Strahlung

Wenn stimmt, was wir hören, dann ist es Regium bislang gelungen, ein Brett für die Steckdose zu konstruieren, auf dem sich die Figuren so bewegen, wie es die Videos der Firma zeigen. Wahrscheinlich gibt es auch schon eine rudimentäre App, die das Brett mit dem Handy verbindet. Alles andere, was Regium als Funktionsumfang deklariert, inklusive der Kompatibilität mit den Produkten anderer Anbieter, spiegelt die Wünsche der Entwickler, nicht den Stand ihrer Entwicklung.

Das Regium-Team: Den Herrn oben links gibt es, die Dame unten rechts wahrscheinlich auch. Hinsichtlich der Identität der anderen vier ist sich Schach-Branchenprimus chess.com so unsicher, dass das Unternehmen jetzt einen Extra-Newsletter in Sachen Regium versandte.

Die Regium-Technik unterscheidet sich in einem wesentlichen Teil von der, wie sie Square Off schon zur Serienreife gebracht und nach eigenen Angaben 20.000-mal verkauft hat: Unter der Spielfläche bewegt sich nicht (wie bei Square Off) ein Elektromagnet an einer mechanischen Vorrichtung, um die Figuren zu ziehen, sondern die Figuren auf dem Brett bewegen sich dank dutzender fixer Elektromagneten unter der Oberfläche. Damit entfällt die Mechanik, die Figuren ziehen schneller, das Brett ist weniger anfällig für Störungen.

Nur senden Elektromagneten eine Strahlung aus, die jegliche Eletrotechnik in ihrer Nähe beeinflusst. Ob integrierter Akku, WLAN-Empfänger, Bluetooth, automatische Figurenerkennung in direkter Nachbarschaft zu dutzenden Elektromagneten funktionieren würden, halten Fachleute für äußerst fraglich. Die Magneten abzuschirmen, wäre eine Möglichkeit, aber enorm aufwändig, und sie würde das Brett dicker und schwerer machen. Wahrscheinlich ist, dass Regium für diese Probleme noch keine Lösung hat.

Die Kickstarter-Kampagne soll am Dienstag beginnen.

Einen Akku hat das Brett nicht, wie auch? Es steckt ja voll mit strahlenden Elektromagneten. Zwischen Handy und Brett scheint es einen Austausch zu geben, zumindest zeigen beide die gleiche Stellung. Ansonsten ist das Handy in erster Linie Beiwerk fürs Video ohne Funktion. Schachfreund Delgado legt es mehrere Mal bedeutungsschwanger von links nach rechts und zurück. Mehr macht er damit nicht.

Update, 24.Februar: Jetzt hat auch chess24 die Zusammenarbeit mit Regium vorläufig beendet, nachdem sie sich erst ihren Banter-Blitz-Cup von Regium hatte sponsern lassen. Diesen Text fanden chess24-Mitglieder am 24. Februar in ihrem E-Briefkasten:

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
4 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments