Doppelsieg für Grenke

Am Wochenende nach dem Bekanntwerden von Wolfgang Grenkes Ausscheiden aus seinem Unternehmen haben zwei Grenke-Teams Titel gewonnen. Das Quartett der SF Deizisau kehrte als Deutscher Pokalsieger aus Weyhe (liegt in Niedersachsen, gehört schachlich zu Bremen) zurück. In einem reinen Grenke-Finale setzte sich Deizisau 2,5:1,5 gegen die OSG Baden-Baden durch. Bischwiller hat derweil die französische Mannschaftsmeisterschaft gewonnen. Der Schachverein aus der Stadt im Elsass, keine 50 Kilometer von Baden-Baden entfernt, wird von der dort ansässigen Grenke-Dependance unterstützt.

Die französische Meistermannschaft 2021 aus Bischwiller mit (v.l.) Arkadij Naiditsch und Markus Ragger. | Foto: FFE

Wie die meisten anderen nationalen Top-Ligen spielt die französische ihre Meisterschaft am Stück: 12 Mannschaften, 11 Runden. Zur deutschen Bundesliga gibt es weitere Unterschiede, etwa den, dass die Brettreihenfolge frei ist. Oder dass pro Mannschaft eine Frau spielen muss. Und natürlich den, dass die Liga nicht ganz so stark ist. Neben den Profiteams wie Bischwiller sind reine Amateurteams Teil der Meisterschaftsrunde.

In diesem Jahr versammelten sich die Teams ab dem 24. Juni in Chalon-En-Champagne. Aus deutschsprachiger Sicht war mancher bekannte Akteur dabei. Markus Ragger etwa, Österreichs Nummer eins, der für Bischwiller 8,5/11 holte und mit nun 2686 Elo (plus 6) wieder Richtung 2700 schielt.

Oder dieser:

Wie schon in der Bundesliga-Meisterschaftsrunde 2020, als er den Baden-Badenern den Titel sicherte, trug Arkadij Naiditsch nun mit 8,5/10 maßgeblich zum Titelgewinn von Bischwiller bei. Seine sportliche Krise scheint überwunden. 14 Elo gewann er dazu, aber davon, bester Deutscher in der Weltrangliste zu sein, ist er mit seinen 2663 gleichwohl noch ein Stückchen entfernt.

Das hängt mit Matthias Blübaums Auftritt in Frankreich zusammen.

https://youtu.be/u_J0QKe3tyw
“Le Blü” spielt gar kein Französisch, stattdessen ein feines Caro-Kann.

Der Mathestudent aus Bielefeld in Diensten von Mulhouse Philidor erzielte 8/11 und steht nun bei 2674. Eine ähnliche, womöglich noch bessere Performance war von Blübaums Mannschaftskollegen Andreas Heimann zu erwarten. Mit einem Schwarzsieg über den 2021er-WM-Kandidaten Kirill Alekseenko startete Heimann ins Turnier, ließ dann aber nach.

Rustam Kasimdzhanov in der französischen Liga, wo ihm Eloi Relange, neu gewählter Präsident des französischen Verbands, half, aus 20 möglichen Eröffnungszügen einen guten auszuwählen. | Foto: FFE

Doppelt im Einsatz war der einstige FIDE-Weltmeister und heutige Caruana-Sekundant Rustam Kasimdzhanov. Seine 2800+-Performance in der französischen Liga (für Vandoeuvre Échecs) ließ für den Pokal hoffen, wo “Kasim” das erste Brett der Baden-Badener verwaltete. Dort allerdings sollte im Finale Kasimdzhanovs Niederlage gegen Alexander Donchenko den Ausschlag geben.

https://youtu.be/609o2GwVne0
Matchwinner mit einem Schwarzsieg über den Ex-Weltmeister: Alexander Donchenko.

Der Vergleich der Grenke-Schwestermannschaften hätte leicht andersherum ausgehen können. Am vierten Brett schien Baden-Badens einstiger Bullet-Champion Roland Schmaltz einem sicheren Sieg gegen Zdenko Kozul entgegenzusegeln – und erlitt Schiffbruch. Die Partie wurde remis.

Ähnlich erging es Baden-Badens Jan Gustafsson am zweiten Brett im Duell der Generationen gegen Vincent Keymer:

Der alte Löwe hat noch Zähne. Aber das Zubeißen fällt ihm schwer.

Der 16-jährige Hoffnungsträger des deutschen Schachs lehnte zwar ein frühes Remisangebot ab, hatte aber keine rechte Idee, wie es weitergehen solle. Dann konnte er sich aus nächster Nähe davon überzeugen, dass Carlsen-Zuarbeiter Gustafsson seinen Ruf als Eröffnungskoryphäe zurecht trägt. Und dass er auch ein tadelloses Mittelspiel zu führen versteht.

Mit Weiß kam Keymer gegen die präzise Spielanlage Gustafssons auf keinen grünen Zweig, schlimmer noch, die weiße Stellung schien von Zug zu Zug schlechter zu werden. Obendrein war der vergeblich nach Plänen und einer harmonischen Aufstellung fahndende Keymer schon im 20. Zug in Zeitnot.

Gustafsson hatte mehrere Gelegenheiten, sich für eine beeindruckend geführte Partie mit einem vollen Punkt zu belohnen. All die ließ er verstreichen. Letztlich erlaubte er Keymer, sich in ein trauriges, aber haltbares Turmendspiel zu retten. Das endete nach 80 Zügen unentschieden.

Nach dem überraschenden Gewinn des Europapokals haben die SF Deizisau nun den zweiten Pokal binnen kurzer Zeit gewonnen. Die Gelgenheit, bei der Bundesliga-Endrunde im Oktober in Berlin einen dritten zu gewinnen, ist eher theoretischer Natur. Zwar liegt Deizisau bei sieben noch zu spielenden Begegnungen nur drei Punkte hinter Titelverteidiger Baden-Baden, aber zumindest einer Baden-Badener Mannschaft in Bestbesetzung (MVL, Anand, Rapport, Svidler, Wojtaszek, Adams, Naiditsch …) dürfte schwer beizukommen sein.

3.9 8 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
4 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments