Brückenbau im Hunsrück

Der Brückenbau ist beim Schach alles andere als ein unbekanntes Thema. Wer das Spiel lernt, dem wird eher früher als später das gleichnamige Prinzip im Turmendspiel begegnen, fälschlicherweise benannt nach dem spanischen Schachfreund Luis Ramírez de Lucena. Der ist zwar Autor des erste Schachbuchs, erschienen 1497, nur kommen darin die Lucena-Stellung und besagtes Prinzip gar nicht vor. In der Schachliteratur findet sich der Brückenbau zum ersten Mal 1634 in einem Werk des italienischen Schachfreunds Alessandro Salvio.

Fast 140 Jahre liegen zwischen diesen beiden Werken, und fast 400 Jahre nach Erscheinen des zweiten müssen wir immer noch lernen, was drinsteht. Und wenn die Lucena-Stellung eingesickert ist, steht gleich das nächste Elementar-Endspiel an: Die Philidor-Stellung, die Schachfreund François-André Danican Philidor gut 100 Jahre nach der Lucena-Stellung beschrieben hat. Das offenbart die gewaltigen Zeitkorridore, mit denen wir beim Schach arbeiten.

500 Jahre nach Lucenas Tod hat der Präsentator dieses Videos immer noch nicht gemerkt, dass Schachfreund Lucena Spanier war, nicht Italiener. Aber vielleicht erklärt er ja wenigstens das Prinzip des Brückenbaus im Turmendspiel richtig?

Und das entlarvt die ungeduldige Nörgelei von Leuten, die partout nicht einsehen wollen, dass sich nach Inkrafttreten des DSB-Leitbilds 19 Jahre lang niemand dafür interessierte, welche Leitlinien fürs Handeln drinstehen, geschweige denn sich daran hält. Was sind schon 19 Jahre im großen Schachkontext? Oder die Nörgelei von Leuten, die es falsch fanden, dass der 200. Geburtstag des großen Adolf Anderssen vollständig ignoriert wurde, weil die einjährigen Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag des gewiss nicht minder großen Emanuel Lakser keine weiteren Geburtstagsfeiern zuließen. Oder die Nörgelei von Leuten, die nicht verstehen, warum 2020 niemand das 150-jährige Jubiläum des ersten Superturniers der Schachgeschichte erwähnt, geschweige denn gefeiert hat.

Gemach, Schachfreunde! Der nächste Geburtstag kommt bestimmt. Bald wird der gute Adolf 300 Jahre alt, bald jährt sich das Baden-Badener Turnier zum 200. Mal, und dann feiern wir. Alles zu seiner Zeit.

Vor solchen zeitlichen Dimensionen verblasst ein Brückenbau in der Pfalz, der angesichts prognostizierter Kosten von einer halben Milliarde Euro und einer prognostizierten Dauer von neun Jahren offiziell als Mammutprojekt gilt. 2016 haben die Bauarbeiten begonnen, 2025 sollen sie beendet sein. Neun Jahre, für Schachverhältnisse ein Wimpernschlag.

Betroffen von diesem Brückenbau ist die Autobahn 61, eine der großen Verkehrsadern im Westen und Südwesten unserer Republik. Konkret geht es um die Strecke zwischen der Anschlussstelle Rheinböllen und der Tank- und Rastanlage Hunsrück. Dort stehen seit mehr als 50 Jahren die Pfädchensgrabenbrücke und die Tiefenbachtalbrücke. Beide müssen dringend erneuert werden, und die Fahrbahn darauf sollte sechs- statt vierspurig sein.

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Bröckelt: Die Tiefenbachtalbrücke. | via autobahn.de

Brückenbauspezialisten aus aller Welt haben am Rande der Baustelle eine temporäre Heimat gefunden, in erster Linie Leute, die technische Berufe ausüben, der Schalungs- und Bautechniker Marnus Malan aus Südafrika zum Beispiel. Er lebt jetzt mit seiner Familie in Seibersbach. Und er ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass unter Technikern und Ingenieuren Schachspieler überrepräsentiert sind. Kein Wunder also, dass zwischen der Anschlussstelle Rheinböllen und der Tank- und Rastanlage Hunsrück das Schachspiel blüht. Tatsächlich hat sich beim Brückenbau im Hunsrück eine Schachgruppe gefunden.

Zufällig ist ganz in der Nähe einer der modernsten, lebendigsten deutschen Schachvereine beheimatet, der Schachclub ML Kastellaun. Marnus Malan ist schon eingetreten – und mehr als das: Sein Filius Jan-Willem Malan wird im kommenden Monat für Kastellaun bei den Rheinland-Pfalz-Meisterschaften der Jugend antreten.

Bevor Jan-Willem zur Rheinland-Pfalz-Meisterschaft fährt, wollte sich die Schachgruppe von der Autobahnbaustelle mit der Jugend des SC ML Kastellaun messen. Wie das abgelaufen ist und was passiert, wenn sich eine Spaßmannschaft mit einer bestens ausgebildeten Jugendauswahl misst, darüber wollen wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens ausbreiten. Es lässt sich auf der Homepage der Kastellauner nachlesen. Nur so viel: Eine Revanche fürs nächste Jahr ist vereinbart, und die Autobahnbrückenbauer haben gelobt, bis dahin eifrig zu trainieren.

Marnus Malan (links) gegen Michael Fettig aus der Kastellauner U10. | via SC ML Kastellaun

Eines sollte allerdings explizit erwähnt werden. Die beteiligten Firmen, deren Mitarbeiter sich am Brett mit den Kastellaunern maßen, haben einen veritablen Betrag für die Kastellauner Jugendarbeit gespendet:

GVN Gesellschaft für Vertrags- und Nachtragsmanagement GmbH
Heitkamp Industrial Solutions GmbH
Deutsche Doka Schalungstechnik GmbH

Bestimmt ergeben sich im Deutschen Schach demnächst Bauarbeiten. Seit Jahren schon müsste die Mauer zwischen Jugend und Erwachsenenverband abgerissen werden, stattdessen brauchen wir eine gut gepflasterte Einfallschneise für Ideen und Engagement. Wir empfehlen, oben genannte Firmen mit den Arbeiten zu beauftragen.

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