Mann der Stunde

Fabiano Caruana ist wieder im Rennen, Alexander Grischuk ist endgültig raus. Das ist die Essenz des ersten Spieltags des Kandidatenturniers nach Wiederaufnahme. Die spektakuläre Schlacht zwischen Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave war die zentrale Begegnung der Runde.

Für Fabiano gab es zwei mögliche Ansätze, die Partie anzugehen. Entweder eine Spielstellung bekommen, zum Beispiel mit einem g3-Sizilianer oder so etwas, um MVL daraus zu überspielen. Oder etwas ganz Konkretes, eine Art Serve and Volley, um MVL direkt wegzuschießen. Offensichtlich hatte er sich dafür entschieden, ihn direkt wegzuschießen – inklusive Figurenopfer mit schon drei Bauern weniger.

Auch wenn es nicht so aussieht: Die Wahl dieser ultrascharfen Variante war die Sicherheitsmethode, um mit einem halben Punkt in der Tasche zu spielen. Caruana wusste, was aufs Brett kommt, er hatte alles vorbereitet und konnte zu keinem Zeitpunkt verlieren.

Überraschend finde ich, dass 16.c3 im Nahschach nie gespielt worden war. Noch überraschender fand ich, dass MVL danach in tiefes Nachdenken versunken ist. Laut Maschine ist 16.c3 einer der einzigen beiden Züge, die nicht klar schlecht sind. Eigentlich müsste er antizipiert haben, dass in dieser Stellung c3 kommen kann.

Am Ende des Wissens?

Natürlich ist der Najdorf-Sizilianer beginnend mit dem fünften weißen Zug eine unheimlich breit ausgefächerte Eröffnung, andererseits spielt MVL das ein Leben lang. Und was die beiden auf dem Brett hatten, war ja eine der Bauernraub-Hauptvarianten. Aber das ist kein ganz neues Phänomen bei MVL: Manchmal scheint er in Stellungen auf sich gestellt zu sein, in denen es kaum möglich ist, dass er dazu keine Datei hat. In Wijk gegen Caruana war das schon so ähnlich gewesen.

Vielleicht hat er aber auch nur noch einmal am Brett geprüft, was er schon wusste. Dazu hatte ich unlängst einen Austausch mit Carlsen-Trainer Peter Heine Nielsen. Magnus versank in der Eröffnung unerwartet ins Grübeln, und ich habe Peter Heine gefragt, ob er etwa schon am Ende seines Wissens angelangt ist. Das war nicht der Fall. Magnus hat unter der intensiven Spannung der Partie sich im Geiste noch einmal alles angeschaut, was er zuvor mit seinem Team analysiert hatte, um vielleicht doch noch andere Ideen zu finden. In der Analyse und Vorbereitung bist du nie so fokussiert wie im Wettkampf am Brett, insofern nutzen Topspieler diesen Zustand, um mit gesteigerter Aufmerksamkeit ihre Erkenntnisse nochmal auf den Prüfstand zu stellen.

Kurze Analyse nach der Partie: Maxime Vachier-Lagrave. | Alle Fotos: Lennart Ootes/FIDE

Unfassbar stark, unabhängig vom Ergebnis, war MVLs Verteidigungsleistung in dieser Partie. Dass er überhaupt dieses Endspiel erreicht und es beinahe gehalten hätte, ganz stark. Eine Superleistung.

Als nur noch jeweils ein Bauer auf einem Flügel übrig war, habe ich ein Remis für das wahrscheinlichste Ergebnis gehalten, auch wenn die Tablebase das anders sah. Ich kann mir sogar vorstellen, dass MVL anfangs dachte, dass er in dieser Konstellation relativ leicht mit einem Remis davonkommt. Aber als Tf3 auf dem Brett stand, wurde nach menschlich-normalsterblichen Maßstäben ersichtlich, in welchen Problemen Schwarz steckt. Weiß kann eindringen, Schwarz bekommt keine Festung gebaut.

Christof Sielecki schaut Kandidatenturnier – und erklärt exklusiv für die Perlen vom Bodensee, was er sieht. | Collage: Franz Jittenmeier

Etwas überrascht war ich, dass Giri Sveschnikow spielt. Und dann, dass Nepo dagegen offen spielt. Wenn du keine besonders tolle, konkrete Idee gegen Sveschnikow hast, ziehst du eigentlich 3.Lb5 – und es sah nicht aus, als habe Nepo eine Idee, die Giri Probleme stellt.

Magnus hat ja Nepomniachtchis frühes Remisangebot kritisiert. Ich fand es auch überraschend, dass er nicht ein bisschen mehr versucht hat. Das Risiko für Weiß ist ja gering. Mit Schwarz hätte ich allerdings auch keine großen Sorgen.

Bumerang Remisangebot?

Das Feld d5 ist in dieser Konstellation eine Art Nullnummer, da passiert meistens nicht viel, außer dass dort abgetauscht wird. Und Schwarz steht ja bereit, … b4 zu ziehen. Unter günstigen Umständen wäre es gut für Weiß, selbst b4 zu ziehen, um den schwarzen b-Bauern auf b5 festzulegen. Nur ist Schwarz hier gut aufgestellt.

Psychologisch könnte das Remisangebot zum Bumerang für Nepo werden, weil es Potenzial hat, ihm die notwendige Härte und den Kampfgeist aufzuweichen. Wenn du schon in der ersten Weißpartie schnell mit einem halben Punkt zufrieden bist, musst du in den folgenden Partien erstmal das Mindset finden, um die Sache kompromisslos durchzufechten.

„Manchmal ist ein Jahr nicht genug“: Ian Nepomniachtchi.

Grischuk spielt gelegentlich Französisch, insofern war seine Wahl keine Sensation. In der Stellung nach 7.Le3 hat Schwarz die Wahl. Grischuk hat sich für eine superforcierte Variante entschieden, die mindestens bis zum 18. Zug bekannt ist.

Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, dass es keine schlaue Wahl war, erst eine überraschende Eröffnung zu spielen und dann forciert ein Endspiel anzusteuern. Aber wenn wir uns die Stellung am Ende dieser langen Sequenz genau anschauen, Schwarz zwar mit Läuferpaar aber ohne Raum, dann sind da einige Ungleichgewichte und noch jede Menge Potenzial in der Stellung. Insofern sehe ich Grischuks Wahl als Kampfansage. Nun hat er zwar sogar noch verloren, aber seine Eröffnungswahl fand ich trotzdem gelungen. Auf Amateurniveau würde das meines Erachtens super punkten, weil dieses …Db6 kein Mensch kennt. Und Weiß muss an der Stelle b2 opfern, alles andere ist Käse.

Kurz vor dem Sieg: Kirill Alekseenko.

Die chinesische Partie kam mir gleich bekannt vor. Ich habe es dann geprüft – und es war so: Diese Partie hatte es genau so schon gegeben.

Weil Ding Liren mit seinen minus zwei ja eigentlich aus dem Rennen ist, stellt sich die Frage, was eigentlich Wang Haos Idee war. Mit einem Weißsieg – wer weiß? Aber wahrscheinlich war es zwischen den beiden Landsleuten, die sich in- und auswendig kennen, keine einfache Situation. Trotzdem, ein wenig mehr Kampf hatte wahrscheinlich nicht nur ich erwartet.

Tabellenstand nach der achten Runde via chess.com.
Die Paarungen der neunten Runde via chess24.

Am heutigen Dienstag um 13 Uhr geht es weiter. Liveübertragung hier.


Spätestens mit seiner Zusammenarbeit mit Magnus Carlsen und dessen Sekundant Peter Heine Nielsen avancierte IM Christof Sielecki zu einem der renommiertesten Schachautoren weltweit. Anfang dieser Woche erschien auf Chessable Sieleckis neuestes Werk über die Pirc-Verteidigung. Exklusiv für die Perlen vom Bodensee begleitet Sielecki das Kandidatenturnier in Jekaterinburg.

Sieleckis erfolgreichstes Eröffnungsbuch, ein 1.e4-Weißrepertoire, das ambitioniert ist, gleichwohl nicht überkompliziert – und das ein Leben lang hält.
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