Niclas Huschenbeth: “Plötzlich kam Georgios um die Ecke. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt.”

Die 100.000 ist eine Zahl, die für Niclas Huschenbeths Ehrgeiz steht. Die Zahl seiner Follower auf Youtube soll ins Sechsstellige wachsen, nach Möglichkeit noch in diesem Jahr. Aber es gibt noch eine zweite Zahl, die den Ehrgeiz des Schachspielers Niclas Huschenbeth kennzeichnet: 2650. Auch wenn er sich auf Youtube ein Standbein baut, die Top 100 der Welt und die deutsche Nationalmannschaft hat er weiter im Blick. Das und mehr offenbart der 29-Jährige im Gespräch mit dieser Seite.

Im Angesicht der Weltklasse: Niclas Huschenbeth (im Dress des FC Bayern München) gegen Maxime Vachier-Lagrave. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden.

Niclas, welche Berufsbezeichnung passt am besten auf Dich: Großmeister, Betreiber einer Schachschule oder Streamer?

Ich nenne mich gerne Schachspieler und -trainer.

Und was würde das Finanzamt sagen, gerade für 2020?

Das fällt alles unter die Selbstständigkeit Schach. Wobei ich unterscheide zwischen Spielen und Training geben. Darunter würde ich auch YouTube einordnen. Nach wie vor gilt mein ursprünglicher Gedanke, dass Leute sich nicht nur unterhalten fühlen, sondern auch etwas lernen sollen, wenn sie zuschauen. Deshalb sehe ich mich auch als Trainer bei YouTube, bei meiner Schachschule Chessence sowieso.

Hat sich der Schwerpunkt auf online verlagert?

Ja, durch die Pandemie auf jeden Fall. Ich spiele zwar sehr gerne, bin darüber aber nicht unglücklich. Auf diese Weise konnte ich herausfinden, dass es ein großes Interesse auf YouTube gibt und viele Leute gerne zuschauen und in die Interaktion gehen. Es freut mich zu sehen, wie stark mein Kanal gewachsen ist. Wie viel Zuspruch ich bekommen habe von der Schachgemeinschaft und wie viele Leute sich bedanken, die neu angefangen haben mit Schach oder nach einer längeren Pause wieder zurückgefunden haben.

Wann hast du mit YouTube begonnen?

Ich habe 2012 mit meinem Kanal angefangen, weil ich meine Partieanalysen auf meiner Webseite einbinden wollte. Das plätscherte vor sich hin, bis ich 2014 regelmäßig Videos herausgebracht habe, für eine Zeit lang jeden Tag. Da ist der Kanal gewachsen. Ich habe dann ein paar Sachen gemacht, die im Nachhinein betrachtet ungünstig waren. Zum Beispiel Videos auf Englisch und auf Deutsch aufzunehmen. Manchmal habe ich das vermischt, das war verwirrend für die Leute. Mit Beginn der Pandemie habe ich den Erfolg von Georgios (The Big Greek) gesehen, der seine Videos komplett auf Deutsch macht. Ich dachte okay, dann probiere ich das auch.

Er hat dich rasant überholt, oder?

Ja, das deutete sich damals an, und ich dachte der kommt jetzt um die Ecke, macht das ein halbes Jahr und hat mich gleich überholt. Da hat mich der Ehrgeiz gepackt – und die Neugierde zu sehen, was bei mir geht, wenn ich auf Deutsch umsteige. Ich hatte immer gedacht, es gibt nicht genügend Interesse nur auf Deutsch, nicht genügend Potenzial. Dann habe ich es probiert, und auf einmal ist mein Kanal auch extrem stark gewachsen. Jetzt bin ich bei fast 90.000, die Zahl der Abonnenten hat sich also fast verdreifacht. Ich denke, in diesem Jahr werde ich die 100.000 knacken. Seit einem Jahr erscheinen jeden Tag Videos, das ist natürlich auch ein großer Aufwand. Ich bin froh, dass sich dieser Aufwand auch lohnt.

Das leichte Fach: Papaplatte spielt Schach, Niclas Huschenbeth kann es nicht fassen.

Du hast Moderatoren, die dich unterstützen. Machen die das ehrenamtlich?  

Ja. Gleich zu Beginn haben sich Freiwillige angeboten. Ich bin sehr froh, das sind tolle Jungs, die die mir helfen, dass der Chat immer sauber bleibt, dass keiner Unsinn treibt, dass störende Posts gelöscht werden. Für diese Unterstützung bin ich sehr dankbar. Alleine könnte ich das gar nicht leisten. Neben den Mods gibt es auch Leute die mir helfen, die Thumbnails zu erstellen, die man sieht bevor man auf das Video klickt. Außerdem unterstützen mich Jungs, die die Videos schneiden, die Highlights der Streams zum Beispiel. Spannende Partien kommen dann als einzelne Videos aus. Ich könnte das alles alleine gar nicht wuppen. Ich bin daher sehr dankbar für die vielen Leute, die mich unterstützen und denen gefällt, was ich mache.

Machst du eine Art Controlling oder Erfolgskontrolle, welche Sachen besonders gut ankommen?

Ja, wer meinen Kanal länger verfolgt, kann sehen, wie sich gewisse Dinge verändert haben. Vor allem geht es um die Titel und die Thumbnails. Denn es ist so: Ich kann das qualitativ beste Video machen, aber es bringt nichts, wenn es sich keiner anschaut. Deshalb sind diese beiden Dinge ungeheuer wichtig, um einen Anreiz zu bieten, das Video anzuklicken. Ich schaue auch auf das Feedback der Zuschauer, was The Big Greek und andere machen und probiere auch neue Sachen aus. Jedes meiner Videos wird 8.000 bis 10.000-mal aufgerufen. Das ist eine unglaubliche Zahl, wenn man sich vorstellt, 10.000 Leute schauen sich das Video an und den meisten gefällt es offensichtlich, denn sonst würden sie nicht wiederkommen. Auch bekomme ich viele positive Kommentare und Likes auf meine Videos.

Was macht den Erfolg von Streamern aus, wenn man vergleicht, dass Nakamura jedes Mal 20.000 Zuschauer hat und Gata Kamsky, obwohl er ausgezeichnete Analysen bietet, noch nicht einmal auf eine dreistellige Zahl an Zuschauern kommt?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Nakamura streamt schon länger, er hat bereits damit angefangen, bevor der Streaming-Hype losging. Natürlich ist Nakamura ein Weltklassespieler und bedeutend bekannter als Gata Kamsky. Außerdem ist er jemand, der ein bisschen polarisiert. Was ihn vor allem auszeichnet, ist, dass er unheimlich stark ist, zugleich gut erklären kann, seine Gedanken in Worte fassen. Ihm hat auch seine Kooperation mit Chess.com und anderen Streamern geholfen, die Millionen von Followern hatten. Dadurch ist es zu einem Schneeballeffekt gekommen. Solche Kooperation führen zu einem großen Zugewinn. Dazu kommt diese Konstanz: jeden Tag zu streamen, ist ein unglaublicher Aufwand. Dahinter steckt viel Arbeit.

Bereitest Du Dich auf einen Stream vor?

Nein, das geht einfach los. Nur die Technik muss vorbereitet werden.

Vor der Kamera braucht man Selbstbeherrschung. Achtest Du darauf oder ergibt sich das von selbst?

Nein, da habe ich nichts trainiert, das ist meine Natur. Ich nehme das nicht zu wichtig.

Ist es nicht ärgerlich, wenn Dir Leute wie KugelBuch Konkurrenz machen, die aus Großmeisterperspektive vielleicht gerade mal dem schachlichen Vorschulalter entsprechen? 

Es gibt verschiedene Faktoren, die da eine Rolle spielen. Wie gut jemand Schach spielt, ist nicht unbedingt der wichtigste. Was für viele attraktiv ist, ist wie authentisch jemand ist. KugelBuch ist sehr nahbar, für Leute die sich im selben Boot fühlen. Die dieselben Fehler machen, die Kugelbuch auch macht. Auf diese Weise ist er näher an den Leuten als jemand wie Nakamura oder ich. Außerdem ist er sehr unterhaltsam. KugelBuch hat eine Nische gefunden. Die Zuschauer begleiten ihn auf seiner Reise, wie er versucht die 1700, die 1800 und vielleicht die 1900 auf Lichess zu knacken. Die Leute haben Spaß, sie werden nicht erwarten, viel zu lernen. Die meisten Streamer bei Twitch sind Unterhaltung. Es gibt inzwischen so viele unterschiedliche Streamer, da ist für jeden etwas dabei. Manche mögen diesen Humor lieber, manche etwas anderes. Ich finde es schön, dass es mittlerweile eine solche Vielfalt gibt, so viele Streamer, die ihre Leidenschaft für Schach teilen. Konkurrenz sehe ich da nicht. Wir tragen alle etwas dazu bei, dass Schach wächst und mehr Leute zum Schach oder wieder zum Schach finden.

Fast eine Million Views: Niclas Huschenbeths meistgesehenes Youtube-Video ist ein englisches.

Du strebst an, die 100.000 zu knacken, Georgios schafft es wahrscheinlich noch vor dir. Der Deutsche Schachbund hat im Vergleich 86.000 Mitglieder, das bedeutet jeder von euch hat alleine schon mehr Follower als der Schachbund. Was macht der DSB im Vergleich verkehrt bzw. was könnte er lernen?

Ich glaube nicht, dass ich zu dieser Frage was sagen kann. Ein Teil meiner Follower ist aus dem nicht deutschsprachigen Raum oder dem deutschsprachigen Ausland. Nicht jeder, der online Schach schaut, möchten in einen Verein gehen. Das würde ja bedeuten, es etwas ernsthafter zu betreiben. Insofern kann man meine Followerzahl und die Mitgliederzahl des Schachbunds nicht gleichsetzen. Was der DSB natürlich machen kann – und was er auch angefangen hat – , ist, online aufgestellt zu sein mit einem Streamingangebot. Je mehr Leute von Schach erfahren, ob über ein Streaming oder Video, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest ein kleiner Prozentsatz dieser Leute sagt „ich möchte jetzt in einen Verein gehen und in einer Mannschaft spielen“. Wir können alle dazu beitragen, dass das passiert.

Wäre es denkbar, dass Streamer mit dem DSB zusammenarbeiten?

Ja, ich war ja jetzt zu Gast bei Sebastian Siebrecht auf Schachdeutschland TV, als es darum ging, jeden Kaderspieler vorzustellen. Das war sehr nett.

Wie wird es nach dem Lockdown weitergehen? Wird Schach am Brett wieder mehr Gewicht bekommen?

Das ist eine gute Frage, ich habe noch nicht darüber nachgedacht, noch ist unklar, wann es soweit ist. Ich mag den Status quo derzeit, streame zweimal die Woche und nehme noch weitere Videos auf, wenn ich möchte. So kann ich den Zuschauern immer neuen Content bieten. Aber ich habe darüber hinaus meine anderen Projekte, meine Schachschule chessence und ein neues Projekt, wo ich einen Videokurs mit Schacheröffnungen, speziell einen Najdorf-Kurs machen möchte. Wie ich alles unter einen Hut bringe, wenn es wieder richtige Turniere gibt, werde ich sehen. Aber ein Stream pro Woche ist für mich nicht zu viel verlangt.

Derzeit wird viel online gespielt. Könntest du dir vorstellen, dass sich da auch offizielle Meisterschaften oder Hybridturniere etablieren?

Ich glaube schon, dass sich viel verändert hat durch die Pandemie und wir nicht wieder komplett dahin zurückkehren, wo wir waren. Das zeigt auch das Interesse und die Zuschauerzahlen der Magnus-Carlsen-Tour. Ich persönlich hoffe, dass es wieder mehr Nahschachturniere geben wird. Ich hatte jetzt die Möglichkeit, an einem solchen Hybrid-Turnier teilzunehmen: die Qualifikation zum World Cup. Aber ich habe mich dagegen entschieden, weil es mich nicht so reizt, Stunden vor einem Computer zu sitzen. Ich will meinen Gegner sehen, ihm gegenübersitzen. So wie neulich in Magdeburg bei der Kaderchallenge. Auch wenn das Turnier nicht gut gelaufen ist, es hat mir viel Spaß gemacht, wieder ein Nahschachturnier zu spielen. Es war intensiv und gut.

Noch eine Frage zum Onlinespielen: Cheating ist ein großes Problem. Gibt es eine Lösung, wie gehst du selbst damit um?

Die Algorithmen werden immer besser, um Cheater zu erkennen. Ansonsten ist das Beste, dass die Leute 1000 Kameras aufstellen: hinter sich, vor sich, wo auch immer. Es ist leider so, dass selbst Großmeister geschummelt haben und man daher aufpassen muss, vor allem wenn viel Geld im Spiel ist.

Du bist im besten Schachalter – welche schachlichen Ziele peilst du an?

Ich bin ein leidenschaftlicher Turnierspieler, das habe ich in Magdeburg wieder gespürt. Und ich möchte nach wie vor mein Potenzial ausschöpfen und sehen was möglich ist. Da ist es nach wie vor mein Ziel, unter die Top 100 zu kommen, also eine Elo von 2650 ungefähr, und in die Nationalmannschaft zu kommen. Aber es ist nicht alles diesem Ziel untergeordnet. Ich stelle meine übrigen Projekte nicht zurück, um acht Stunden täglich zu trainieren. So sieht es in der Realität einfach nicht aus. Ich weiß auch noch nicht, wann ich mein nächstes Turnier spielen werde, vielleicht im Herbst in Polen.

Du giltst als sehr gesundheitsbewusst – wie wichtig ist ein gesunder Lebensstil für die Leistungsfähigkeit im Schach?

Eigentlich sollte die Frage besser lauten, wie wichtig ist ein gesunder Lebensstil für das eigene Wohlbefinden und das eigene Glück. Ich habe nicht einen gesunden Lebensstil, weil ich denke, dass es mir hilft, besser Schach zu spielen. Ich denke es kann einen positiven Effekt haben, aber ich achte auf meine Ernährung, weil ich mich gut fühlen möchte.

Wie beurteilst du die Chancen der deutschen Nachwuchsspieler Vincent Keymer, Luis Engel und der Svane-Brüder, in Zukunft als 2700-Supergroßmeister in der Weltspitze mitzuspielen?

Ich kann mir vorstellen, dass Vincent das schafft. Wenn man andere Spitzenspieler wie Matthias Blübaum oder Alexander Donchenko anschaut, die bei 2670 stehen, da fehlt auch nicht mehr so viel. Und ich glaube, Vincent ist stärker, als diese beiden in seinem Alter waren. Vincent spielt auf starken Turnieren, hat mit Peter Leko einen unheimlich guten Trainer, da passt sehr viel. Bei Luis und Frederik weiß ich das nicht, das hängt von vielen Faktoren ab. Auch davon, was die Prioritäten der beiden sind, ob vielleicht doch ein Studium geplant ist oder die volle Konzentration auf Schach.

Du hast auch studiert?

Ja ich habe meinen Bachelor gemacht und werde in diesem Jahr meinen Master machen. Ich finde es auch wichtig, dass man einen Plan B hat.

Gäbe es eine Phase in der Schachgeschichte oder ein Turnier, in dem Du gerne mitgespielt hättest?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann einfach an einem Turnier mit Carlsen, Caruana usw. teilzunehmen. Ein Turnier mit Kasparow oder Karpow wäre auch etwas Feines gewesen.

Hat Nepomniachtchi gegen Carlsen eine Chance?

Die entscheidende Frage ist, wie konstant kann er über den Verlauf des Wettkampfs spielen. Wenn er eine Partie verliert, wie wird er darauf reagieren? Beim Kandidatenturnier hat er jeweils die letzte Partie verloren, was aber nicht mehr relevant war. Wenn er das Level halten kann, dann kann er Carlsen natürlich gefährlich werden. Er und sein Team finden immer wieder interessante Ideen, er hat eine unglaubliche Intuition und Schnelligkeit. Zeit ist da ein wichtiger Faktor, aber natürlich ist Carlsen Favorit.

Schach-Tausendsassa Niclas Huschenbeth ist auch Autor. Über das WM-Match 2018 Carlsen-Caruana hat er ein Buch geschrieben und im Selbstverlag veröffentlicht.

(Titelfoto: Deutscher Schachbund)


Dr. Franz Jürgen Schell, geb. 1961, lebt in Hamburg. Turnierschachspieler 1978-1982 (Ingo-Zahl 95), nur kurzes schachliches Comeback Anfang 2020 wegen Lockdown. Seit April 2020 Online-Spieler. Schreibt sonst auch auf aerzteschach.de

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