Donchenko siegt am Tegernsee: „Schachpause hat mir gutgetan“

Um Haaresbreite hat Matthias Blübaum den deutschen Nummer-eins-Spot in der Live-Rangliste gehalten. Aber den Sieg beim Tegernsee Masters musste er Alexander Donchenko überlassen. Mit 6,5/8 pflügte der 22-Jährige durch das Feld. Am Ende siegte er mit 1,5 Punkten Vorsprung, nachdem es bis zur letzten Runde nach einem Zweikampf zwischen Blübaum und Donchenko ausgesehen hatte.

Abschlusstabelle via chess24
Weltrangliste via 2700chess

Liviu Dieter Nisipeanu musste zwischenzeitlich um seine Zugehörigkeit zu den Top 100 der Welt bangen. Seinen Sieg in der letzten Runde über Matthias Blübaum verdankt der Routinier einem Aussetzer seines Kontrahenten kurz vor der Zeitkontrolle. Jetzt hält er sich mit 2656 Elo in Sichtweite der beiden Youngster vor ihm.

Das Siegertrio vom Tegernsee: (v.l.) Matthias Blübaum, Alexander Donchenko, Liviu Dieter Nisipeanu. | Foto: Sebastian Siebrecht
Nisipeanu-Blübaum nach 40.c4.

Objektiv war das Turmendspiel ausgeglichen, aber Matthias Blübaum fahndete noch nach Gewinnchancen. Nisipeanu führte seinen 40. Zug aus und stand auf. Was dann geschah, schildert Turnierdirektor Sebastian Siebrecht: „Matthias hatte genug Zeit. Lehnte sich zurück und suchte nach einem Gewinnweg. Wenn er bemerkt hätte er habe Zeitnot, hätte er einfach …a4 gespielt und Remis gemacht.“ Nur bemerkte Blübaum nicht, dass seine Zeit abzulaufen drohte – bis es zu spät war. Am Ende stand eine Null: Nisipeanu hatte durch Zeitüberschreitung gewonnen.

Noch am Tag des Turniersiegs war Alexander Donchenko bei Fiona Steil-Antoni in deren Wochenrückblick zu Gast. Den mit Abstand breitesten Raum in diesem Rückblick nahm das Tegernsee Masters ein. Wir haben Auszüge des Gesprächs übersetzt und neu sortiert.

Alexander, Gratulation! Du hast das Tegernsee-Masters gewonnen.

Ja, das fühlt sich großartig an. Es war nicht nur ein sehr starkes Turnier, obendrein war es das einzige starke Turnier in dieser schacharmen Zeit. Es macht mich glücklich, dass ich gut abgeschnitten habe.

6,5 Punkte aus 8 Partien, ein starkes Ergebnis. Bist du zufrieden mit deinem Spiel?

In aller Unbescheidenheit kann ich feststellen, dass die Partien gut waren. Das spiegelt sich im Ergebnis. Vielleicht habe ich an der einen oder anderen Stelle einen halben Punkt liegengelassen. Andererseits habe ich keine Partie noch zum Remis verdorben, wenn ich nahe am Gewinn war.   

Matthias Blübaum lag vor der letzten Runde einen halben Punkt hinter dir, du hattest Schwarz gegen Ashot Parvanyan. Wie bist du die Partie angegangen?

Rechnerisch hätte mir ein Remis zum Turniersieg gereicht, ich hatte die bessere Wertung. Als ich das ausgerechnet hatte, habe ich beschlossen, mich allein auf meine Partie zu konzentrieren. Der Einzige, der mir hätte schaden können, war ich selbst. Darum war ich tatsächlich ein wenig nervös.

Macht es die Aufgabe schwieriger, wenn du vorher weißt, dass ein Remis reicht?

Unter Umständen ja. Diese Partie war so ein Fall. Lange war es sehr unklar und heikel, und ich wusste nicht, auf welches Resultat ich nun spiele. Die Umstände dieser Partie erinnern mich an meine Letztrundenpartie bei der Europameisterschaft 2016 gegen Paco Vallejo. Auch da hätte mir ein Remis gereicht, um mich für den World Cup zu qualifizieren. Aber er wollte weiterspielen, er spielte sehr gut, und ich fand nicht die richtige Einstellung, um mich hartnäckig zu wehren. Am Ende habe ich nach langem Kampf verloren.

Vincent Keymers Auftritt hat auch international viele Beobachter interessiert. Dann schied er aus. Was war passiert?

Das hat mich auch überrascht. Ich kam zur zweiten Runde und sah nur vier Bretter statt fünf. Vincent hatte nach der ersten Runde erfahren, dass er in Quarantäne muss. Turnierdirektor Sebastian Siebrecht hat noch einen Weg gesucht, darum herumzukommen, aber da war nichts zu machen.

Du hast zuletzt trotz Corona recht viel gespielt.

Manche Leute haben noch mehr gespielt als ich. Zwei von denen waren unter den Teilnehmern: Pier Luigi Basso und Leon Luke Medonca haben seit Juni quasi nonstop am Brett gesessen. Ich freue mich, dass es weiterhin Turniere gibt, die unter akzeptablen Bedingungen stattfinden, die mir erlauben, mich auf meine Partie zu fokussieren. Eine Maske würde ich wahrscheinlich als arges Handicap empfinden.

Du hast in Tschechien gespielt, in der Slowakei, das Masters in Magdeburg, in der Bundesliga, unlängst beim Claus-Dieter-Meyer-Memorial in Bremen, jetzt am Tegernsee. Wie unterschieden sich die Turniere hinsichtlich der Corona-Maßnahmen?

In Tschechien und der Slowakei war es entspannt, im Prinzip wie 2019. Bei beiden Turnieren habe ich sehr gut abgeschnitten, womöglich hängt das miteinander zusammen. Es holt dich aus der Corona-Depression, wenn sich die Dinge normal anfühlen. Natürlich weiß ich um das Risiko, aber wenn die Dinge so ablaufen, wie du sie kennst, ist das ein Faktor, der zu deinem Wohlbefinden beiträgt. In Deutschland hat sich das Plexiglasschild zwischen den Spielern als Standard etabliert, und wenn du aufstehst, musst du Maske tragen. So war es jetzt auch am Tegernsee.

Standard-Setup im deutschsprachigen Raum: Alexander Donchenko vor einer leicht verschmierten Plexiglasscheibe. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Stört die Plexiglasscheibe? Wie ist das in Zeitnot?

Neulich habe ich beim Schachfestival Biel das 960-Schnellturnier mitgespielt. Fünf Sekunden Increment! Unter solchen Umständen solltest du darauf achten, dass immer ein wenig Extrazeit auf der Uhr bleibt, weil das Ausführen von Zügen unter der Scheibe nicht so einfach von der Hand geht, besonders das von „langen Zügen“ in die gegnerische Bretthälfte. Insofern würde ich sagen, dass die Scheiben-Lösung sich eher für klassische Partien anbietet.

Und abseits des Brettes?

Mir ist während Turnieren eine soziale Balance wichtig, Begegnungen mit anderen. In Bremen war das schwierig. Am Tegernsee hatten anfangs noch die Restaurants geöffnet, das war ganz normal. Später im Turnier gab es einige Interaktion zwischen den Spielern. Die meisten kannte einander ja, und bei denen, die sich nicht kannten, hat sich das schnell geändert.

Wie geht’s bei dir weiter? Hast du schon Turniere geplant?

Leider nicht. Die Vorschriften werden ja gerade überall wieder strenger, Turniere werden abgesagt. Aber ich schaue mich um.

Du stehst nach Live-Liste jetzt bei 2668 Elo, Nummer 72 in der Welt und knapp hinter Matthias.

Ich hatte ihn ja schon überholt und war für einen Monat die Nummer eins in Deutschland. Das war ein wichtiger Schritt, aber jetzt suche ich andere Herausforderungen und vergleiche mich eher im internationalen Kontext. Ich hoffe, dass die nächsten Turniere gut laufen. Ich will mich Richtung 2700 bewegen.

Wir kennen einander aus der französischen Liga. Dort hat mich stets dein Siegeswille beeindruckt, auch deine intensive Vorbereitung auf Partien. Wo siehst du deine Stärken?

Schwer zu sagen. Die meisten Schachspieler kennen diese Tage, an denen du genau deine Stellung aufs Brett bekommst, an denen es läuft, an denen nichts schiefgehen kann. Jetzt am Tegernsee hatte ich zwei solcher Tage, die Weißsiege gegen Nisipeanu und Basso. Vielleicht spiegeln diese beiden Partien meine Stärken.

Beim Banter-Blitz von chess24 sind deine Auftritte gepriesen worden. Hast du das wahrgenommen? Und wie hat es sich für dich angefühlt?

Am Rande habe ich das wahrgenommen, aber ich habe gar keinen Twitter-Account, mit dem ich solchen Sachen folgen würde. Das Lob bezog sich wahrscheinlich darauf, dass meine Auftritte unterhaltsam für die Zuschauer waren. Freut mich, dass das so ist. Mir hat es auch Spaß gemacht, eine entspannte Veranstaltung, die ein bisschen mit Schach zu tun hat. Geübt oder trainiert hatte ich das nicht. Ich hoffe, dass es zumindest teilweise deswegen gut ankommt, weil ich instruktive Sachen über die Partien zu sagen habe. Allzu oft wird sich das wahrscheinlich nicht wiederholen, dafür fehlt mir die Zeit.

Aber du hast doch keine weiteren Turniere geplant?

Wenn ich sage „Mir fehlt die Zeit“, hat das mit meiner Attitüde zu tun und damit, wie ich mir meine Schachzeit einteile. Banter-Blitz fällt unter Spaß, das ist kein Training. Ich fokussiere mich aber auf Sachen, die mich zu einem besseren Schachspieler machen. Wenn ich zum Beispiel die Wahl hätte, an meinem Najdorf zu arbeiten oder Banter-Blitz zu spielen, würde ich mich für den Najdorf entscheiden. Das macht vielleicht nicht so viel Spaß, wird mir aber bei künftigen Turnieren helfen.

Wie hast du dir die Schachzeit eingeteilt, als gar keine Turniere waren?

Das war schwierig. Ab März war praktisch für vier Monate Leerlauf. In so einer Zeit hätte ich mir ein komplett neues Repertoire bauen können zum Beispiel. Aber es fiel mir schwer, mich auf Schach zu konzentrieren, weil die Ziele fehlten, etwas Greifbares, auf das ich mich hätte vorbereiten können. Also habe ich Schachpause gemacht, wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt. Im Nachhinein erscheint es, als habe mir das gutgetan.

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