Der Doppel-Bongcloud

Für die K.o.-Endrunde waren Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura schon qualifiziert, als sie in der 15. und letzten Partie der Vorrunde des Magnus Carlsen Invitational aufeinandertrafen. Dass beide unter solchen Umständen mit einem schnellen Remis die Vorrunde austrudeln lassen und Kraft für alles Weitere sparen, würde unter normalen Umständen nicht weiter beachtet werden. Aber Carlsen begann die Partie mit 1.e4 e5 2.Ke2. Nakamura kugelte sich vor Kichern, dann zog er 2… Ke7.

Ein Bongcloud, ein Doppel-Bongcloud sogar! Und das zum ersten Mal in einem Superturnier.

Doppel-Bongcloud zwischen Carlsen und Nakamura. Klick auf “Play” startet das Video.

War das nun ein wunderbarer Spaß fürs Publikum in einer sportlich wertlosen Partie? War das der endgültige Niedergang unseres edlen Spiels? Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich die Meinungen. Sicher ist, dass keine Partie der Vorrunde in den Sozialen Medien mehr Aufmerksamkeit bekam als dieses sechszügige Remis zwischen den beiden vermeintlich besten Online-Schnellschach-Spielern der Welt.

Werbung

Perlen-Autor Jan Jettel fehlten die Worte, seine Enttäuschung auszudrücken:

Wahrscheinlich wäre Jan Gustafsson auf seiner Seite. Der kann die „Meme-Eröffnungen“ nicht mehr sehen, lustig findet er sie lange nicht mehr.

Was Jan Gustafsson von Meme-Eröffnungen hält.

Wäre 2.Ke2 ein Zug gewesen, um die hohe Quote der regulären Kurzremisen am letzten Tag der Vorrunde zu überdecken, um eine Debatte über einen womöglich nicht zuende gedachten Modus zu verhindern, er hätte trefflich funktioniert.

„Es gab so viele schnelle Berlin-Remisen, da wollte ich zeigen, dass man auch anders remis machen kann“, sagte der Weltmeister. „Es war nur ein kleiner Spaß.“ Und geredet wurde eben nur über diesen Spaß und nicht über einen überaus friedfertigen letzten Vorrundentag, der sich mit einem anderen Modus hätte verhindern lassen.


Nachdem vor einigen Monaten Hikaru Nakamura im St. Louis Rapid und Blitz gegen Jeffery Xiong mit 1.e4 e5 2.Ke2 den Bongcloud auf höchster Ebene eingeführt (und gewonnen) hatte, sprach Carlsen hinterher mit dem norwegischen Journalisten und Großmeister Jonathan Tisdall darüber:

Magnus, Was denkst du über Nakamuras Bongcloud gegen Xiong?

Das war okay. Schachzüge sind Schachzüge, nicht mehr. Um Respekt oder fehlenden Respekt vor dem Spiel ging es da nicht.  

Und Respekt vor dem Gegner?

Ich finde diese ganze Diskussion einfach nicht sehr interessant. Wenn jemand gegen dich 2.Ke2 spielt, dann spielst du entweder 2… Ke7 und sagst, du willst den angebotenen Vorteil nicht nehmen und eine Partie unter gleichen Voraussetzungen spielen. Oder du versuchst dein Bestes, um zu gewinnen. Von mangelndem Respekt vor dem Gegner zu sprechen, finde ich viel zu dramatisch. Bei den Online-Turnieren sollte es ein wenig Raum für Show geben. Aber es müssen keine Schlagzeilen daraus entstehen.

Was denken die Organisatoren?

Ein wichtiger Aspekt ist, wie es nach 2.Ke2 weitergeht. Hikarus Absicht war eindeutig: Ich spiele 1. e4, ich spiele 2. Ke2, und danach spiele ich eine normale Partie. Wenn du also denkst, dass du gut genug bist, um 1. e4 2. Ke2 zu spielen und deinen Gegner zu schlagen, dann mach es halt. Ich sehe das Problem nicht.

Es sah fast so aus, als hätte Hikaru so gespielt, weil seine Twitch-Follower dafür gestimmt hatten.

Hikaru sieht sich in erster Linie als Streamer, nicht als Schachspieler. In diesem Sinne ist seine Wahl nicht nur verständlich, sondern auch vollkommen rational.

Was denkst du über Hikarus Popularisierung des Schachs per Streaming?

Für ihn ist das eine gute Sache, für das Schach ebenso. Allerdings glaube ich, dass nicht jeder zusätzliche Zuschauer für das Schach gut ist. Als Schachspieler sollten wir nicht das vergessen, was wir in erster Linie tun wollen, nämlich gutes Schach spielen. Hikaru hat jetzt nicht nur als Förderer des Spiels, auch als Spieler Erfolg. Ich sehe das positiv.


Acht Spieler sind beim Magnus Carlsen Invitational 2021 ausgeschieden, acht haben die K.o.-Phase erreicht, allen voran Turniernamensgeber Magnus Carlsen und Anish Giri, die als Führende in den letzten Tag gegangen waren. Beide blieben oben, tauschten aber die Plätze. Carlsen gewann die Vorrunde.

WM-Kandidat Ian Nepomniachtchi hatte den Montag als Elfter begonnen. Er beendete ihn nach einer starken Vorstellung als Fünfter. Leidtragender seines Endspurts war Daniil Dubov, der im Lauf des Montags aus den Top Acht rutschte. Die knappste Qualifikation gelang Levon Aronian, der als Achter gerade noch ins K.o.-Finale einzog – und sich nun mit Magnus Carlsen auseinandersetzen darf. Außerdem qualifiziert: Wesley So und Hikaru Nakamura sowie Alireza Firouzja und Maxime Vachier-Lagrave ..

„Wesley So schlagen“, antwortete Carlsen auf die Frage, was er dieses Mal anders machen will als in den Turnieren zuvor. Bislang hat Carlsen zwar jede Vorrunde gewonnen, aber noch kein Turnier. Beim Skilling Open wie beim Opera Euro Rapid hatte So Carlsen aus dem Wettbewerb gekegelt.

Heute geht es weiter. Die Matches:

  • Carlsen – Aronian
  • Nakamura – Nepomniachtchi
  • So – Firouzja
  • Giri – Vachier-Lagrave

Liveübertragung ab 16.30 Uhr hier.

Bericht zum Abschluss der Vorrunde auf chess24.
Bericht zum Abschluss der Vorrunde auf chess.com.

3.8 5 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
6 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
Jan Jettel
8 Monate zuvor

Es ist erstaunlich, aber ich wurde auf Twitter noch nie so hart angegangen, als für meinen Tweet, der am Anfang des Artikels zitiert wird. Viele Fans oder die, die sich dafür halten, scheinen nicht die geringste Kritik an ihren Idolen auszuhalten…

chesshans
chesshans
8 Monate zuvor

Naja, ein bisschen Spass muss sein, Schach soll in diesem Format auch unterhalten. Zwei Nerd-Bemerkungen: Nach 3… Ke8 hätten sie weiter im NoCastling-Modus weiterspielen können und nach 5. .. Ke8 ist es noch keine dreifache Stellungswiederholung, da das Rochaderecht verloren gegangen ist, somit ist erst nach 6. .. Ke7 dreimal die gleiche Stellung auf dem Brett.

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Ja, ein noch schnelleres Remis wäre 1.Sf3 Sf6 2.Sg1 Sg8 3.Sh3 Sa6 4.Sg1 Sb8 voilá – beide dürf(t)en noch rochieren, also ist das dreifache Stellungswiederholung. So konnten sie auch nach 5.-Ke8 noch NoCastling-Schach spielen. Das schnellstmögliche Patt kennt wohl nicht jeder auswendig.

trackback

[…] Schachfreunde Carlsen und Nakamura haben auf dieser Spielwiese jetzt den Doppel-Bongcloud aufgeführt. Damit bekamen sie Riesenaufmerksamkeit, einerseits. Andererseits war das Gezeter im traditionell […]

trackback

[…] den einen oder anderen Eröffnungsspaß einzubauen. Nachdem er unlängst bei der Carlsen-Tour den Bongcloud zur Aufführung gebracht hatte, hat nun „Der Grieche“ (wenn diese […]