Henning Geibel und die Schachverwaltung

In unregelmäßigen Abständen versendet der einstige Bundesbankdirektor Henning Geibel einen Rundbrief an etwa 200 Empfänger, darunter der Schreiber dieser Zeilen. Wir haben Geibel unlängst gefragt, ob er die Zahl seiner Leser nicht vervielfachen möchte. Das ließe sich leicht bewerkstelligen, indem wir seine Rundbriefe in Form einer Kolumne auf dieser Seite gießen.

Henning Geibel möchte kein Kolumnist werden, sich nicht in die wachsende Riege der Autoren dieser Seite einreihen. Aber er teilt mit, dass seine Rundschreiben natürlich von jedem veröffentlicht werden dürfen. Kaum war Geibels Schachbrief vom 27. Mai verschickt, stand er schon bei unseren Freunden vom Schach-Ticker. Dort steht er gut, an dieser Stelle ein paar Anmerkungen, vielleicht die eine oder andere Antwort auf Geibels Fragen.

Liebe Schachfreunde in nah und fern! 

Zugegeben – es passiert zur Zeit nicht viel und man braucht sich deshalb nicht zu wundern, dass man vom DSB fast nichts mehr hört und sieht.

Im Schach passiert mehr denn je, nur eben nicht in kohlenstofflicher Form auf und an den Brettern, die uns so lieb sind. Zum Beispiel entwickelt sich rasant ein offener Spielbetrieb. Zweimal wöchentlich spielen 4000 Schachfreunde in fast 40 Ligen um Meisterschaft und Aufstieg. Zahllose Schachfreunde entdecken abseits der traditionellen Vereinsstrukturen unser Spiel, manche entdecken es neu, und sie finden nun ohne jegliche Hürde, ohne Anmeldeformular und Teilnahmegebühr Gruppen von Gleichgesinnten, Turniere und Mannschaftswettbewerbe, die sie willkommen heißen.

Derweil überbietet sich die nationale ebenso wie die Weltpresse mit Berichten über den Corona-Schachboom. Vergangene Woche war das Schachbusiness ein großes Thema im Wall Street Journal, in der New York Times, in Forbes, Publikationen, die einem Bundesbankdirektor wahrscheinlich nicht fremd sind.

Dieses ist die Zeit, sich zu wundern, warum wir vom DSB nichts hören. Unser Schachbund mit seinen Landesverbänden befindet sich auf direktem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Bevor nicht ein Kraut gegen Corona gewachsen ist, wird es keine Mannschaftskämpfe geben, keine Ligen, wie wir sie kennen, nur den freien Spielbetrieb online und den Vereinsabend unter freiem Himmel oder per Videokonferenz. Dafür brauchen wir keinen Schachbund, dafür müssen wir keine Beiträge abführen.

Wie viele Aktive bleiben, wie viele Vereine sterben?

Daniel Hendrich, einst Spielleiter im Schachverband Rheinland-Pfalz, ist wahrscheinlich nicht der einzige, der einen Mitgliederrückgang von bis zu 20 Prozent prognostiziert – plus diejenigen, die zwar im Verein bleiben, aber nicht spielen, bis das Anti-Corona-Kraut gewachsen ist.

Wie viele Aktive bleiben dem DSB erhalten? Wie viele Vereine werden sterben? Die Bedrohung ist ebenso wenig von der Hand zu weisen wie die Chance, die uns der Online-Schachboom auf dem Silbertablett serviert hat.

Der DSB sollte seit dem Abbruch der Saison um seine Existenz kämpfen, sie zumindest rechtfertigen. Seitens unserer Schachverwaltung waren Ideenreichtum, Elan und offensive Kommunikation nie so nötig wie jetzt, um sich

  • ein einladendes Antlitz zu geben
  • die vielen neuen Schachfreunde da draußen für sich zu gewinnen
  • die vielen neuen Schachfreunde da draußen den Vereinen zuzuführen
  • neue Konzepte für Schach unter dem Dach des DSB zu entwickeln
  • den Vereinen diese Konzepte zugänglich zu machen
  • den Profis unter den Kaderspielern Existenzhilfe zu leisten

Bei einem edel besetzten, internationalen Workshop unserer Partnerseite ChessTech am Dienstag sind genau diese Dinge erörtert und Lösungen für Verbände aufgezeigt worden, unter anderem von FIDE-Marketingchef David Llada. Teilnehmer aus der Führungsriege des Deutschen Schachbunds und seiner Landesverbände: null. Stattdessen debattierte aus Deutschland Lars Drygajlo, Öffentlichkeitsrefent der Deutschen Schachjugend, obwohl die gerade mit ihrem 50-jährigen Jubiläum arg beschäftigt ist.

Der Meisterschaftsgipfel im August steht immer noch als Mammutveranstaltung im Kalender. Niemand weiß, ob die Veranstaltung in der geplanten Form stattfinden wird oder ob der große Gipfel in kleine Gipfelchen aufgeteilt werden muss,  um dem Etikett „Großveranstaltung“ auszuweichen. Immerhin wollen rd. 1.000 Spieler und Spielerinnen an den verschiedenen Turnieren teilnehmen – sie wüssten sicher recht gerne irgendwann einmal, woran sie sind …

Geibels süffisante Anmerkung „… wüssten gerne, woran sie sind“ zum Meisterschaftsgipfel ist unfair. Niemand weiß, woran er ist, Geibel stellt das selbst fest, und es gilt auch für diejenigen, die den Gipfel organisieren. Bundesturnierdirektor Gregor Johann hat im aktuellen Schachmagazin 64 ein Interview gegeben, das die allgemeine Ungewissheit transparent macht.

Aus dem Schach-Buschfunk ist zu hören, dass der Kongress als solcher stattfinden soll, aber es wird wahrscheinlich eher eine Versammlung von 100 Schachverwaltern auf Distanz als ein Treffen von 1000 Schachspielern von Angesicht zu Angesicht.

Namensartikel unserer führenden Schachfunktionäre sind selten wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Von Ullrich Krause und Boris Bruhn liest man sehr gelegentlich etwas. „

Einer der zahllosen handwerklichen Fehler des DSB-Öffentlichkeitschefs Marcus Fenner war, Beiträge auf der Website des DSB zu anonymisieren, anstatt sie gezielt zu personalisieren. Webmaster Frank Hoppe mit seinem Riesenarchiv müsste eine Kolumne über deutsche Schachgeschichte bekommen, in der er sich alle paar Wochen nach Herzenslust austoben darf. Der Bundestrainer sollte regelmäßig über seine Arbeit mit den National- und Kaderspielern berichten. Die Spieler sollten auf der DSB-Website ein Blog führen, in dem sie von ihren Turnieren erzählen. Stattdessen schreiben sie für ChessBase Produktrezensionen.

Offensichtlich muss sich der Präsident eines nationalen Sportverbands regelmäßig zu Wort melden, um seinen 90.000 Schäfchen aufzuzeigen, welche Weichen er stellt, in welche Richtung die Reise geht. Nachdem wir das an dieser Stelle zwei Jahre lang gepredigt haben, passiert es jetzt. Leider auf unsägliche Weise.

Am 5. März hat sich Krause zur Entwicklung der Mitgliederzahl auf der DSB-Seite öffentlich geäußert. Diese Mitgliederzahl kennzeichnet seit Jahren, dass dank der Arbeit der Schachjugend und des Schulschachs immer mehr Kinder und Jugendliche zum Schach finden, diese den Vereinen aber wegbrechen, sobald sie das Erwachsenenalter erreichen. Die Zahl der Erwachsenen ist seit Jahren konstant, die der Kinder und Jugendlichen steigt.

So sieht beim DSB eine Steigerung um 2,8 Prozent binnen vier Jahren aus. Dass die Zahl der Erwachsenen seit Jahren stagniert, dass immer mehr Kinder und Jugendliche dem organisierten Schach verlorengehen, wird nicht erwähnt und schon gar nicht analysiert.

Beim Pressesprecher des Schachbunds haben wir schon vor Wochen gefragt, ob es eine Idee gibt, wie wir aus dieser Falle herauskommen, wie das organisierte Schach junge Leute halten kann. Eine Antwort haben wir nicht bekommen. Präsident Krause ist eine differenzierte Betrachtung der Mitgliederzahl fremd, er begnügte sich am 5. März damit, sich über ein 1,3-prozentiges Wachstum zu freuen.

Tatsächlich gelingt es seinem DSB im Bericht über dieses der Jugend zu verdankende Wachstum, die Schachjugend nicht einmal zu erwähnen. Von einer seriösen Analyse der Mitgliederentwicklung ist das tendenziöse Machwerk auf der DSB-Seite etwa so weit entfernt wie ein Fisch vom Fahrradfahren.

Ausführlich gepriesen werden die Verdienste des Krauseschen Landesverbands Schleswig-Holstein – ausgerechnet. Dieser Landesverband hat seine Jugend von seinem demnächst zu feiernden 75-jährigen Jubiläum ausgeschlossen. Die Jugendorganisation hatte das intransparente Verfahren rund um den Fall Schulz kritisiert. Ullrich Krause, Projektleiter der Jubiläumsfeier, empfand das als lästerlich. Sogleich teilte er den Jugendlichen mit, er sehe nun keine Basis mehr für gemeinsame Arbeit an den Jubiläumsfeierlichkeiten. Wenn bald 75 Jahre Schach in Schleswig-Holstein gefeiert werden, bleiben Krause und die anderen alten Leute unter sich.

Strukturreform! Machen!

Knapp zwei Wochen später meldete sich Krause mit einem eigenen Beitrag zur Deutschen Internetmeisterschaft zu Wort. Der endet mit einem ausführlichen Lamento darüber, warum beim Schachbund immer alles so lange dauert, ob nun Internetmeisterschaft oder DWZ-Lizenz, und einem vorsichtigen Hinweis, diese Langsamkeit der Entscheidungswege „vielleicht bei der für 2021 angedachten Strukturreform zu berücksichtigen“.

Ein Präsident, der vorangehen und im Sinne des Schachs tatsächlich etwas ändern möchte, würde diese Strukturreform einfordern und jetzt schon Ideen entwickeln, anstatt eine Strukturreform „vielleicht anzudenken“. Zwischen den Zeilen lässt sich herauslesen, dass Krause zwar gerne das Feigenblatt desjenigen trägt, der etwas verändern möchte, in Wirklichkeit aber zufrieden mit dem Status Quo und seiner darin einbetonierten Spitzenposition ist.

Eine neue Struktur würde die Macht des Krause-Präsidiums gefährden. Fenner und Krause haben gezielt die Landesverbände gleichgeschaltet oder ruhiggestellt, um in Ruhe regieren zu können und sich nicht mit den Anliegen der 90.000 befassen zu müssen. Würden bei einer Strukturreform diese 90.000 oder ihre Vereine direkt beim DSB angedockt und die Landesverbände sich selbst überlassen, bekämen wir von jetzt auf gleich einen handlungsfähigen, von Ideenvielfalt geprägten DSB. Aber eben auch einen, bei dem der Präsident nicht jetzt schon absehen kann, dass ihn das Stimmvieh beim kommenden Kongress im Amt bestätigt, sollte das nötig werden.

Die Schachverwaltung bei der Arbeit. | Foto: Arne Jachmann/Deutscher Schachbund

Von der für den Sport und damit das wichtigste Aufgabengebiet zuständigen Vizepräsidentin Olga Birkholz habe ich leider noch keinen einzigen Artikel gelesen, ebenso wie von dem für die Finanzen  des DSB zuständigen Herrn Dr. Weyer. Dieser könnte doch beispielsweise mal berichten, wieviel Geld der DSB seit Beginn der Causa Jordan und anderen Rechtsstreitigkeiten inzwischen für Anwälte und Gerichte ausgegeben hat und künftig noch auszugeben gedenkt.“

Der Stand vor einem Jahr war, dass der Schachbund im Geld schwimmt, aber keinen Plan hat, was damit zu tun ist. Stattdessen stehen im Verbandsprogramm mehrere Pläne, wie sich noch mehr Geld anhäufen lässt, siehe dieses Interview. Daran hat sich dem Vernehmen nach nichts geändert.

Trotzdem wird unser oberster Kassenwart Hans-Jürgen Weyer von mancher roten Zahl berichten, nicht nur die von Geibel erwähnten mutmaßlich fünfstelligen Anwalts- und Gerichtskosten in Sachen Jordan. Seit Marcus Fenners Amtsantritt mussten (inklusive Jörg Schulz, mehr dazu weiter unten) drei Leute gehen, alle drei nehmen ein Geldgeschenk zum Abschied mit. Sollte Schulz tatsächlich gehen, bricht fünfstelliges Fördergeld für seine Stelle weg. Dazu kommt, dass die DSJ eine separate Geschäftsstelle bekommen soll, damit sie nicht weiter stört. Auch die muss bezahlt werden. Zu hören ist, dass der Meisterschaftsgipfel, der eigentlich als Produkt beworben und verkauft werden soll, bei seiner ersten Auflage eine teure Angelegenheit war. Angesichts solcher Posten verblasst die mutmaßlich vierstellige Summe, die der DSB jedes Jahr ohne Sinn und Verstand an Mark Zuckerberg überweist, anstatt damit die dringend notwendige Content- und Sportmarketing-Fortbildung für Mitarbeiter zu finanzieren. Oder gar den dringend notwendigen Marketingdirektor einzustellen.

Hinsichtlich Olga Birkholz ist der offizielle Stand dieser:

Im Protokoll des Hautpausschusses 2019 steht gefühlt ein halbes Dutzend Mal, dass ja eigentlich Klaus Deventer gewählt ist, nicht Olga Birkholz, ein Kennzeichen, welch anhaltende Erschütterung der Abgang des heimlichen Steuermanns ausgelöst hat.

Kein Teamplayer?

Wir haben sie gefragt, ob sie das so stehen lassen will. Sie hat durchblicken lassen, dass ihre Sicht der Dinge eine andere ist und um konkrete Fragen gebeten. Die würde sie dann beantworten. Die konkreten Fragen hat sie bekommen – und sie nicht beantwortet. Wir verzichten an dieser Stelle darauf, Birkholz‘ Perspektive aus der Sicht Dritter wiederzugeben. Vielleicht äußert sie sich ja noch, dann kommt sie hier zu Wort.

Drei Viertel des Präsidiums des DSB: (v.l.) Boris Bruhn, Ullrich Krause, Olga Birkholz. Wie das fehlende Viertel Hans-Jürgen Weyer aussieht, wissen wir nicht. | Foto: Deutscher Schachbund

Auch von der Abnabelung der Deutschen Schachjugend liest man nichts Neues.

Der Deutschen Schachjugend ist im Konflikt mit Fenner/Krause eine Reihe von Schäbigkeiten widerfahren. Die hätten sich trefflich für eine Kampagne in eigener Sache verwenden lassen, aber die DSJ-Führungsriege hat beschlossen, jegliche Gemeinheit stillschweigend hinzunehmen, um gemeinsam mit Fenner/Krause konstruktiv am Ziel DSJ e.V. arbeiten zu können. Ob diese Vorgehensweise die richtige war, wird sich beim Kongress zeigen. Allemal ist sie der Grund dafür, warum wir nichts hören.

Nicht endgültig geklärt erscheint die Personalie Jörg Schulz. Seitens des DSB besteht die Absicht, ihn wie geplant zum 30. Juni 2020 gehen zu lassen, seitens der DSJ der Wunsch, ihn zu halten (siehe dieses Interview). Wir fragen am heutigen Mittwoch beim Pressesprecher des DSB sowie beim Öffentlichkeitsreferenten der DSJ nach, was der Stand in dieser Angelegenheit ist.

Ein Kennzeichen der gegenwärtigen Öffentlichkeitsarbeit ist, dass die DSB-Führungsriege die Welt in Gut und Böse unterteilt hat. Mit den Bösen wird prinzipiell nicht gesprochen, das gilt für diese Seite wie für Tageszeitungen aus Ländern mit bösen Schach-Landespräsidenten, Niedersachsen etwa, was dazu führt, dass in Hannover solche Absätze in 200.000-facher Druckauflage erscheinen. Wenn hingegen die am Rande der Linksradikalität operierende „Junge Welt“ aus Berlin anruft, lässt sich der DSB-Geschäftsführer gerne zitieren.

Präsident Ullrich Krause hatte schon vor seinem Amtsantritt moniert, dass die Öffentlichkeitsarbeit des DSB zu wünschen übrig lässt und dringend verbesserungsbedürftig ist. Nun ist er schon rund drei Jahre im Amt – getan hat sich aber leider auf diesem Felde noch nichts Nennenswertes.

Angesichts der Menge an für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Menschen wäre die Konstellation eine günstige. Man müsste diese Menschen machen lassen, dann würde sich etwas tun.

Mit Boris Bruhn als Vizepräsident Verbandsentwicklung haben wir ein für Öffentlichkeitsarbeit zuständiges Präsidiumsmitglied. Zu seinem Amtsantritt dachte Bruhn tatsächlich, er sei für Dinge wie den Internetauftritt des DSB zuständig. Als Marcus Fenner dieses Feld an sich riss, hat Bruhn nicht darum gekämpft, sondern sich andere, weniger kritische Felder gesucht.

Mit Thomas Cieslik haben wir einen für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Referenten. Der hatte auf Vereinsebene Öffentlichkeitsarbeit gemacht, nun begann der Ruhestand, und er wollte mehr Zeit ins Schach geben. Aber Cieslik hat kein Interesse daran, darum zu kämpfen, etwas tun zu dürfen, und darum steht er nun als Öffentlichkeitsreferent ohne Aufgabe da. Cieslik hat noch andere Hobbys als Schach, hilft er halt denen.

Mit Arne Jachmann hat der DSB einen Pressesprecher – der noch nie zur Presse gesprochen hat. Über Dritte hören wir, dass Jachmann sich zwar hat ernennen lassen, aber mittlerweile gar nicht mehr Pressesprecher sein möchte. Er erfährt ja nichts, darf aus eigenem Antrieb über nichts reden, er darf, heißt es, nicht einmal ohne Genehmigung seines Chefs DSB-Präsidiumsmitglieder kontaktieren.

Boris Bruhn Mitte 2019, als er noch dachte, er sei für den Internetauftritt des DSB zuständig.
1.9 13 votes
Article Rating
12 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments