„Es geht noch nicht ohne Jörg Schulz“: Michael S. Langer im Interview

Wenn die Klassenlehrerin die ewigen Streithähne auseinandersetzt, hat sie für den Moment Ruhe. Das Problem gelöst hat sie nicht. Spätestens bei der nächsten Gruppenarbeit, umso mehr bei der nächsten Klassenfahrt beginnt der Zank von neuem.

Schachbund und Schachjugend sind gerade mit einer Gruppenarbeit zum Thema „DSJ e.V.“ beschäftigt, um die anstehende Klassenfahrt zum Kongress nach Magdeburg vorzubereiten. Diesen Prozess bestimmt der unverändert gärende „Fall Schulz„. Die mit diesem Fall verknüpften Probleme hat die vieldebattierte Entlassung des DSJ-Geschäftsführers Jörg Schulz nicht gelöst, sie hat sie nur in eine andere Konstellation überführt. Schulz führt wie zuvor die Geschäfte der DSJ, ehrenamtlich und von einem Büro aus, das er selbst bezahlt.

Jörg Schulz. | Foto: Schachjugend

Im Jahr ihres 50-jährigen Bestehens hat die DSJ jetzt in Freiburg ihre Jugendversammlung abgehalten. Die dort versammelten Delegierten, die etwa ein Drittel des organisierten Schachs in Deutschland repräsentieren, priesen mehrheitlich den ungebrochenen Einsatz‘ Schulz für das Jugendschach. Beschlossen wurde, diesen Einsatz zu unterstützen. In welcher Form, ist noch offen.

Ein Vertreter einer „Erwachsenenorganisation“ des deutschen Schachs hat die Versammlung verfolgt und sich an mancher Stelle eingebracht: Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbands. Wir haben mit Langer über seine in Freiburg gesammelten Eindrücke gesprochen.

Michael Langer (rechts) mit Sebastian Siebrecht, als dessen „Faszination Schach“ jetzt in Braunschweig gastierte. | Fotos (2): Faszination Schach

Ein paar Kilometer weiter, und du hättest am Ufer des Bodensees gestanden. Was führt dich nach Baden?

Das Thema Jugendschach interessiert und begleitet mich seit langem. Ich war ja mal Vorsitzender einer Schachjugend. Gerade in dieser schwierigen Zeit erschien es mir wichtig, die DSJ-Versammlung zu besuchen.

„In dieser schwierigen Zeit“?

Die Personalie „Jörg Schulz“ haben wir im November im Hauptausschuss ausführlich und emotional debattiert. Daraus entstand eine Strukturdebatte mit dem Ergebnis, dass die DSJ eigenständig werden soll, damit sie machen kann, was sie will, ohne dass ein anderer dafür haftet …

… „machen, was sie will“? Die DSJ will Jörg Schulz weiterbeschäftigen, weil nach Auffassung des Vorstands seine Erfahrung und sein Wissen zumindest mittelfristig unverzichtbar sind. Und es zeichnet sich ab, dass schon an dieser Willenserklärung alles scheitern kann, bevor es begonnen hat.

Ich habe ohnehin Bedenken, ob die DSJ den Schritt in die Eigenständigkeit schafft. Dafür braucht sie eine Zweidrittelmehrheit im Kongress, das ist ein Brett. Und zwischendurch vernehme ich immer wieder, dass Landesverbände ihre Zustimmung zur Eigenständigkeit von der Personalie Jörg Schulz abhängig machen wollen.

Erpressung!

So weit würde ich nicht gehen. Aber das Präsidium weiß schon um seine Karten, die es auf der Hand hält.

Die Berliner Dauerbaustelle. | Foto: Deutscher Schachbund

Wie bewertest du mit ein paar Monaten Abstand die Entlassung von Jörg Schulz?

Die für diese Entlassung öffentlich angeführten  Gründe halte ich weiterhin für nicht ausreichend, um eine für das deutsche Schach derart gefährliche Entwicklung auszulösen .

Ein „aktives Begleiten“ des nun eingeleiteten Prozesses, das der DSB angekündigt hatte, stellt seitens der DSJ niemand fest. Eher ein Blockieren.

Die laut Hauptausschuss angestrebte „partnerschaftliche Zusammenarbeit“ mit runden Tischen, Einrichtung von Arbeitsgruppen und so weiter hat nicht stattgefunden. Alle bisher geleistete Arbeit lag meines Wissens ausschließlich bei der DSJ. Dort müssen Jacob Roggon und Rainer Niermann eine Herkulesaufgabe bewältigen. Eine Satzungsänderung dieser Größenordnung in dieser Zeit, das ist Arbeit ohne Ende. Das Präsidium lässt sich die Ergebnisse dieser Arbeit zuschicken …

Jacob Roggon erläutert in Freiburg, worum es geht. | Foto: Schachjugend

… um dann zu sagen „Geht so nicht, bitte noch einmal“.

Der Präsident schreibt zwar, dass sie den Prozess begleiten, aber diese Begleitung besteht in erster Linie darin, rote Linien zu markieren, die die DSJ nicht überschreiten darf. „Dann muss das von den Ländern genehmigt werden“, ist ein von mir oft gehörter Satz.

Wahrscheinlich ist es dem Schachbund recht, wie es ist: die DSJ stört nicht weiter, so lange sie mit sich selbst beschäftigt ist, und Marcus Fenner muss nicht länger die Anwesenheit von Jörg Schulz ertragen. Sie haben jetzt ihre Ruhe, und wenn nebenbei das Jugendschach den Bach runtergeht, sagt der DSB einfach, dass das doch nicht seine Schuld ist.

Zu Motiven des Präsidiums kann ich nichts sagen.

Eine rote Linie ist „Sitz im Präsidium“. Meines Wissens fordert ihn die DSJ, der DSB lehnt das ab.

Wie sich das auflösen lässt, sehe ich noch nicht. Aber ich habe dazu eine klare Meinung. Der Sitz der Jugend im Präsidium ist bitter notwendig. In fast allen Landesverbänden hat sie einen, natürlich auch in Niedersachsen. Und es ist doch offensichtlich. Die fast 30.000 Jugendlichen repräsentieren etwa ein Drittel des deutschen Schachs. Natürlich müssen sie im Präsidium von Leuten vertreten werden, denen sie vertrauen.

Jörg Schulz hat sich auf eigene Kosten ein Büro gemietet und arbeitet von dort aus ehrenamtlich für die DSJ. Angenommen, die DSJ wird zum eingetragenen Verein, wie wird das räumlich gelöst? Fenner und Schulz in einem Büro geht nicht, einerseits. Andererseits hat Ullrich Krause lange für einen flexiblen Personalpool unter einem Dach geworben.

Es scheint, das war einmal. Nach meiner Erkenntnis will der DSB um jeden Preis eine Trennung der Räumlichkeiten. Für mich stellen sich da finanzielle Fragen und Fragen der Zuordnung. Es gibt ja noch andere Angestellte außer Jörg Schulz, die hauptsächlich für die DSJ tätig sind. In dieser und anderen Angelegenheiten wäre es wichtig, zumindest eine Position des DSB-Präsidiums zu kennen. Wir hatten jetzt eine Telefonkonferenz mit einem Vertreter der Präsidiumsinteressen, Jugend (Jacob und Rainer), Ländern, in der ich genau darauf bestanden habe. Immer nur auszuweichen, ist nicht konstruktiv. Dem Prozess wäre ja schon geholfen, wenn wir wenigstens wüssten, worüber wir reden.

Nach der Eskalation schien die DSJ unmittelbar in eine Schockstarre zu fallen. Wie erleben eigentlich die vielen ehrenamtlichen Helfer der DSJ die Situation?

Der Angriff auf Jörg Schulz war auch ein Angriff auf motivierte Arbeiter für das Schach. Diesen Aspekt haben viele Beteiligte meines Erachtens viel zu wenig beachtet. Wertvolle, gute Leute haben den Spaß an der Arbeit verloren, und plötzlich mussten sie Sachen machen, die sie davon abhielten, das zu tun, was sie wollen: sich fürs Schach einsetzen. Die Vielfalt professionell organisierter Veranstaltungen der DSJ, die Deutsche Jugendmeisterschaft als Paradebeispiel, ist deswegen bedroht. Und es läuft, jetzt noch verstärkt durch die Coronakrise, die Zeit davon, die Jugendstruktur am Leben zu erhalten.

Paradeturnier der DSJ mit mehr als 1.000 Beteiligten: Die Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften. | Foto: Schachjugend

Für die Finanzen der Deutschen Jugendmeisterschaft bürgte zuletzt der DSJ-Vorsitzende Malte Ibs als Privatmann. Dieses Risiko hat er nur auf sich genommen, weil er Jörg Schulz vertraut. Wäre Schulz weg, würde er nicht bürgen, und das Paradeturnier stünde in Frage.

Malte Ibs. | Foto: Schachjugend

Das habe ich mir jetzt in Freiburg so bestätigen lassen. Generell geht es noch nicht ohne Jörg Schulz, sein Wissen und sein Netzwerk. Wir brauchen einen ruhigen, geordneten Übergang für die kommenden Jahre. Und die DSJ braucht einen Ansprechpartner, dem sie vertraut. Jemanden, der weiß, was die DSJ und die Landesjugenden bewegt. Vor diesem Hintergrund halte ich es für extrem unglücklich, dass weder Vertreter des Präsidiums und auch kein anderer Landesvertreter zu Gast waren, um den Dialog zu suchen und die Atmosphäre so einer Veranstaltung aufzunehmen.

War dein Besuch in Freiburg der Auftakt deiner Wahlkampftour für den Kongress 2021? DSB-Präsident Langer?

Nein.

Deine Kritik an Ullrich Krause lässt mich vermuten, dass du ihn für den falschen Mann in dieser Position hältst.

Mich hat mancher der jüngeren Exkurse unseres Präsidiums negativ überrascht. Ich fände es besser, die Menschen mitzunehmen, anstatt von einem Konflikt zum nächsten zu steuern, und das ziemlich laut. Teile des Präsidiums wirken auf mich wie ein Gremium, das aus Prinzip immer Recht hat. Eine andere Grundhaltung wäre dienlich. Ich selbst bin in meinen verschiedenen Rollen und Aufgaben in Niedersachsen gut aufgehoben und überhaupt nicht im Wahlkampf. Inhaltliche Überzeugung und die Sorge um unsere gemeinsame Sache haben mich nach Freiburg geführt.

„Jugendschach begleitet mich seit langem“: Michael S. Langer am Brett.
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