Der Regium-Effekt: Jetzt entwickelt DGT ein Wunderbrett

Das Wunderbrett von Regium wird ein Wunschtraum bleiben. Aber während nun die mit Ungereimtheiten gespickte Regium-Kampagne den Bach runtergeht, während abzusehen ist, dass wir von dieser Firma nicht wieder hören werden, wird anderswo tatsächlich an einem Wunderbrett gearbeitet. DGT will wahr machen, was Regium angekündigt hat. Im Prinzip zumindest.

Das Schachbusiness ist beherrscht von Quasi-Monopolisten, die auf ihren Feldern niemand vor sich hertreibt, die niemand zu Ideen und Entwicklungen zwingt. Darum hatten wir schon in unserer ersten Berichterstattung zum Wunderbrett von Regium angemerkt, dass Wettbewerb fruchtbar wäre. Nun hat sich herausgestellt, dass allein das Auftauchen eines potenziellen Wettbewerbers Kräfte freisetzt, selbst wenn dieser potenzielle Wettbewerber noch gar kein Produkt hat.

DGT-Chef Hans Pees (Mitte) hätte gerne ein Wunderbrett im Portfolio. Nachdem Regium mit seinem Schachspieler-Wunschtraum an die Öffentlichkeit gegangen war, hat Pees seine Entwickler darauf angesetzt, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Die New-in-Chess-Macher Remmelt Otten (links) und Dirk Jan Ten Geuzendam (rechts) haben sich derweil ebenso wie chess.com und chess24 aus dem Regium-Werbeetat bedient, ohne genau hinzuschauen, für was und mit wem da eigentlich geworben wird (siehe Tweet weiter unten). | Foto: Amruta Mokal/ChessBase India

Kaum hatte Regium der Welt sein Wunderbrett per Video vorgeführt (tatsächlich gesehen hat es noch niemand), steckten bei DGT die Entwickler die Köpfe zusammen, um auszuloten, ob es so etwas tatsächlich geben kann. Und ob nicht auch die niederländische Firma so ein Brett entwickeln und zu einem vertretbaren Preis vertreiben könnte. Einen Markt dafür gäbe es, das zeigt die anfängliche Begeisterung, die Regium ausgelöst hat.

Hinter den Kulissen der DGT-Entwicklung

Auch in diversen Computerschach-Foren wurde debattiert und gerechnet. Nach unserer Wahrnehmung sind sich alle Technik-Fachleute einig, dass ein Schachbrett wie das von Regium annoncierte, flach, aus Holz und mit einer umfassenden Funktionsvielfalt, nicht zu bauen ist. Aber das wesentliche Prinzip ist gar nicht so verkehrt. Ein Schachbrett ohne Mechanik, unterlegt mit Elektromagneten, auf dem sich die Figuren bewegen, das müsste machbar sein.

Screenshot: Regium

Auf Anfrage gewährte uns DGT-Partner Benjamin Aldag (Topschach) einen Blick hinter die Kulissen der DGT-Entwicklung. Wir haben Versuche und erste Konstruktionen gesehen (zeigen dürfen wir sie leider nicht) und können mit Sicherheit sagen: DGT arbeitet an so einem Brett.

Etwa so sähen Elektromagneten unter einen Schachfeld tatsächlich aus. Womöglich müssten sie noch höher/stärker sein, um Figuren anschieben zu können. Und sie würden jegliche Elektronik in der Nähe empfindlich stören. Ein Problem.

Was daraus wird und in welchem Zeitrahmen, wir werden es sehen. Das wissen wahrscheinlich nicht einmal die Entwickler selbst. Allemal haben sie ein klares Ziel vor Augen: Ein Brett mit selbstziehenden Figuren, mit dem sich online zumindest Schnell-, vielleicht sogar Blitzpartien spielen lassen. Dafür taugt das mechanische SquareOff-Brett nämlich allenfalls bedingt: zu langsam.

Hätte es Regium nicht gegeben, wer weiß, ob bei DGT jemals jemand von alleine darauf gekommen wäre zu versuchen, das Portfolio um ein derartiges, ganz neues Produkt zu erweitern.

Hätte es Regium nicht gegeben, hätte Lichess nicht so bald eine öffentliche Schnittstelle zu seiner Plattform zur Verfügung gestellt, die es Entwicklern möglich macht, ihre Wunderbretter mit Lichess zu verbinden und gewertete Schnellpartien zu spielen. Mit SquareOff zum Beispiel war das bis zu dieser Woche nicht möglich, jetzt geht es. Nun sollen sich andere Entwickler aufgerufen fühlen, Wunderbretter zu konstruieren und sie mit Lichess zu testen.

Hätte es Regium nicht gegeben, hätte SquareOff nicht plötzlich einen Gebrauchtverkauf seiner Bretter aus dem Boden gestampft. Bis gestern galten die SquareOff-Geräte als ausverkauft, auch auf Amazon war keines zu bekommen. Heute, welch Wunder, gibt es plötzlich wieder welche, zum Vorzugspreis von 249 Dollar sogar, mit leichten Gebrauchsspuren zwar, dafür mit sechsmonatiger Garantie.

Die spanische Schach-Scharlatenerie

Diese Impulse sind nicht die einzigen positive Effekte, die die spanische Schachscharlatanerie ausgelöst hat. Sie hat auch zum lustigsten Schachvideo seit langem geführt, eine Parodie auf das erste Regium-Video. (Wer das nicht kennt, sollte es sich anschauen, bevor er das hier verlinkte Video anklickt.)

Beobachtern hat die Regium-Affäre Einblicke in das Schachbusiness erlaubt. Dass das neu formierte Chess24 unter Druck steht, seine frei zugänglichen Videokanäle zu monetarisieren, hatte sich lange vor dem Auftauchen des Wunderbretts offenbart. Sobald Magnus Carlsen für einige Zeit vor der Kamera sitzt, wird seit einigen Monaten jede derartige Show in ihre Einzelteile zerlegt. Mit solchen Schachschnipseln flutet die Schachfirma Youtube, um die Zahl der gesehenen Videos zu erhöhen.

Chess24 auf der eigenen Plattform in der Kritik

Längere Sequenzen gibt es nur noch vom Banter-Blitz-Cup, der als Werbeplattform etabliert werden soll. Dort scheinen die Sponsoren zumindest nicht Schlange zu stehen. Nachdem mit Opera ein veritabler Partner gefunden war, kamen zwei dazu, die eher nach kurzem Dienstweg als nach gezielter Akquise riechen. Der Broker JFD – und Regium. Ersterer dürfte über das chess24-Partnerunternehmen Tradimo ins Boot geraten sein.

Auch der deutsche Großmeister Alexander Donchenko fand sich beim Banter-Blitz-Cup in direkter Nachbarschaft zu einem Regium-Logo wieder.

Über Regium wird in der Computerschachszene erzählt, die Spanier hätten schon im Lauf des vergangenen Jahres einen Investor gesucht und seien bei jemandem fündig geworden, der auch an chess24 Anteile hält. Der Investor habe allerdings nach einiger Zeit die Reißleine gezogen, als Regium keinen funktionierenden Prototypen präsentieren konnte.

Diese Erzählung haben wir nicht verifizieren können, aber sie suggeriert eine Nähe zu chess24, die plausibel machen würde, warum chess24 zu Beginn lange vor chess.com als Erster das Regium-Logo präsentierte und sich nun als Letzter so zögerlich aus der Angelegenheit zurückgezogen hat. Deswegen steht die Firma jetzt auch auf der eigenen Plattform massiv in der Kritik.

Chess.com hat sich wie chess24 erst einmal aus dem Regium-Werbeetat bedient, aber dann schneller und transparenter einen Schnitt vollzogen, als sich die Ungereimtheiten häuften. Und chess.com hat, anders als der Mitbewerber, die Aufklärungsarbeit von Lichess und deren Usern zumindest erwähnt. Die überzogen kommerzkritische Attitüde von Lichess-Anführer Thibault Duplessis und seiner Gefolgschaft mag ja oft anstrengend sein, aber in diesem Fall hat sie Menschen vor finanziellem Schaden bewahrt.

Anfangs ein Ansturm auf die Regium-Kampagne

Eindeutig lässt es sich immer noch nicht sagen, aber eine überwältigende Zahl von Indizien spricht dafür, dass das Projekt Regium darauf angelegt war, auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter den großen Reibach zu machen. Dazu wird es nun nicht kommen, niemand wird sein Geld in einer Firma versenken, die im Februar 2020 keinen Prototypen zeigen kann und doch verspricht, schon im November 2020 ein Produkt auszuliefern, das zu gut ist, um wahr zu sein.

Anfangs sah es aus, als würde Regium einen mittleren sechsstelligen Betrag einsammeln.

Die Regium-Kickstarter-Kampagne lief anfangs so heiß, dass es aussah, als würde Regium binnen zwei Wochen einen mittleren sechsstelligen Betrag einsammeln. Es waren nicht die Mitteilungen von chess.com und chess24, sondern allein Lichess-User, deren fortgesetzte Warnungen in den Kickstarter-Kommentaren unbedarfte Investoren dazu brachte, sich den Laden und seine Kampagne erst einmal genau anzuschauen, bevor sie ihr Portemonnaie öffnen. Das führte zu dem Effekt, dass mehr und mehr Unterstützer ihre Mittel zurückzogen. Das Minimum-Ziel von 50.000 Dollar wird Regium nicht erreichen.

3 Kommentare zu „Der Regium-Effekt: Jetzt entwickelt DGT ein Wunderbrett

  1. Lieber Herr Schurmann, ich bin erschüttert, dass Sie so einen oberflächlich recherchierten Artikel platzieren, der Ihrem Werbepartner Aldag/Topschach eine Plattform bietet, um abstruse Gerüchte in die Welt zu setzen und sich als eine Art Premiumpartner der Firma DGT zu präsentieren. Im übrigen halte ich die Headline „Die spanische Schach-Scharlatenerie“ für respektlos gegenüber den spanischen Schachfreunden, zumal mittlerweile allseits bekannt ist, dass die „Firma“ Regium über Tampa/Florida Ihr Unwesen treibt und dort deren Hoster sitzt. Ich würde empfehlen, sich die Zeit zu nehmen und die mehreren tausend Einträge in den verschiedenen Foren selbst durchzuarbeiten und sich nicht auf Zuflüsterer zu verlassen, die zudem im engen geschäftlichen Kontakt zu Konkurrenzherstellern stehen.

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