Großaktionär Gustafsson

Zwei der großen Player auf dem Schachmarkt machen fortan gemeinsame Sache. Am gestrigen Freitag wurde bekannt, dass Magnus Carlsens App-Unternehmen Play Magnus den Mitbewerber Chess24 übernimmt. Nach einem Bericht der norwegischen Wirtschaftszeitung Dagens Næringsliv wird der chess24-Mitinhaber Jan Gustafsson das neue Gemeinschaftsprojekt anführen. „Play Magnus“ und „Chess24“ sollen getrennte Marken bleiben.

Angekündigt hatte sich dieser seit Monaten in der Schwebe befindliche Deal seit langem. Mehrfach war zuletzt Magnus Carlsen bei chess24 aufgetreten, beim großen Interview nach dem WM-Match etwa oder, um gegen chess24-Mitglieder zu blitzen. Mit der Übernahme erweitern beide Marken ihr Portfolio um Inhalte, die ihnen alleine fehlen würden.

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Zuletzt saßen sie immer häufiger gemeinsam vor der chess24-Kamera. Jetzt verbinden Jan Gustafsson und Magnus Carlsen die von ihnen gegründeten Unternehmen.

„Play Magnus“ dominiert mit seinen nach eigenen Angaben fünf Millionen Mal heruntergeladenen Trainings- und Spiel-Apps das Smartphone-Schach, jetzt machen die Norweger den Schritt ins Internet in Richtung vollwertige Schachplattform. Chess24, mit Abstand Marktführer in Sachen Schach-Live-Übertragungen, profitiert von den Trainingsinhalten der Norweger, speziell denen für Anfänger – und deren Expertise in Sachen Design und Technik. Bei seiner Gründung vor fünf Jahren sah Chess24 noch schick aus, mittlerweile ist es in die Jahre gekommen.

Gustafsson/Guzman gehören 38 Prozent der Aktien

Magnus Carlsen hat das börsennotierte Play Magnus 2014 mit eigenem Geld und dem einiger norwegischer Investoren gegründet. Nach der jüngsten Kapitalerhöhung und dem Zusammengehen mit Chess24 taxiert der Vorstandsvorsitzende und erste große Investor Anders Brandt den Gesamtwert des neuen Unternehmens auf etwa 30 Millionen Euro. Magnus Carlsen und sein Vater halten etwa ein Viertel der Aktien. Größter Aktionär ist fortan die Holdinggesellschaft der chess24-Gründer Jan Gustafsson und Enrique Guzman, der 38 Prozent der Aktien gehören.

Was PlayMagnus-CEO und -Mitgründerin Kate Murphy in Zukunft tun wird, darüber wurde bislang nichts bekannt. Unabhängig von ihrem Schicksal ist Jan Gustafsson an der Spitze des operativen Geschäfts der vereinten Schachfirma aufgrund seiner engen Verbindungen ins Carlsen-Lager eine logische Besetzung. Gustafsson ist mit dem Weltmeister befreundet, mit einer dessen Jugendfreundinnen liiert, hat Carlsen mehrfach als Sekundant beim Schach zugearbeitet und ihn immer wieder für chess24 vor die Live-Kamera bekommen. So wie Magnus Carlsen das öffentliche Gesicht seines Unternehmens war, war es Gustafsson für chess24, das etwa zur gleichen Zeit entstand wie Play Magnus, allerdings unter anderen Umständen.

Die Poker-Goldgrube ausgeschöpft

Als Anfang der 2000er-Jahre Poker eine Goldgrube war, waren einige Schachspieler schlau genug, aus dieser Grube zu schöpfen – auch Jan Gustafsson. Wenige Schachspieler waren noch schlauer: Sie ließen Poker spielen. Einer von denen war der aus Bolivien stammende, bis dahin eher im Immobiliengeschäft beheimatete Guzman, der 2007 „Pokerstrategy“ mitgegründet hatte, eine Kombination aus Pokerschule und -affiliate und geschäftlich ein Riesenerfolg. Glücksspiel-Software-Produzent Playtech kaufte Pokerstrategy (und dessen damals schon sechs Millionen Pokerschüler) 2013 für gut 38 Millionen Euro.

2013/2014 war die Poker-Goldgrube längst ausgeschöpft. Wahrscheinlich fragten sich Gustafsson und Guzman unabhängig voneinander, was nun zu tun ist. Dann begegneten sie einander in Hamburg, wie chess24 jetzt berichtete. Gustafsson berichtete von seinem Plan, Schachvideos zu machen, und Guzman überzeugte ihn, das ganz große Rad zu drehen: die beste Schachvideo-Firma der Welt gründen. Wenig später wurde in Gibraltar chess24 geboren.

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So berichtete der „Gibraltar Chronicle“ im Juli 2014 über die chess24-Gründung: Enrique Guzman in der Mitte, eingerahmt vom Gibraltar-Schach-Festival-Macher Stuart Conquest und einem gewissen „GM Yan Gufstanson“, den Fachleute ohne Schwierigkeiten als GM Matthias Wahls identifizieren. Der war zuvor bei Pokerstrategy mit im Boot gewesen und zeigte sich nun an Guzmans neuestem Projekt interessiert.

3 Kommentare zu „Großaktionär Gustafsson

  1. Das erklärt, warum Magnus Carlsen in letzter Zeit einen großen Bogen um chess.com gemacht hat. In Sachen Benutzeroberfläche reichen aber beide Konkurrenten meines Erachtens nicht an Lichess (was hoffentlich niemals verkauft werden wird) heran.

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