Das Wunderbrett: Zu gut, um wahr zu sein?

Für jeden, der ein bisschen genauer hinschaute, war es offensichtlich: Hier will jemand mit Hochglanzversprechungen das schnelle Geld machen und nebenbei ein paar E-Mail-Adressen einsammeln, um sie dem meistbietenden Werbemail-Versender zu verkaufen. Seriös ist das nicht.

Es wäre ja auch zu schön. Ein richtiges Turnierbrett, auf dem sich die Figuren wie von Geisterhand bewegen. Blitzschnell, ohne Ruckeln, ohne schnarrende Mechanik. Unterstützt von allen Plattformen, von chess.com über ChessBase, chess24 bis Lichess. Auch geeignet zur Turnierübertragung, kompatibel mit DGT-Uhren. Sogar einen Prototypen des Wunderwerks gab es schon, zu besichtigen in diesem Video:

„Will ich haben! Sofort!“, ruft da bei weitem nicht nur der Schreiber dieser Zeilen. In diversen Schachforen brachen sogleich Debatten darüber aus, was von diesem Wunderwerk zu halten ist. Die Leute schauten genauer hin.

Zwei „Schachspieler“, die kein Schachspieler kannte

Und zweifelten erst einmal an, dass dieses Video echt ist. Ist es nicht viel eher einer Grafikwerkstatt entsprungen? Nach jedem Zug zieht sich die Hand aus dem Bild zurück, Schatten gibt es nicht. Das Brett ist unfassbar flach angesichts der Elektromagneten und Elektronik, die sich darin verbergen müssten. Zum Schluss noch die euphorischen Testimonials zweier „Schachspieler“, die kein Schachspieler je gesehen hatte.

Und es geht ja noch weiter. Wer sich die vermeintliche Firma Regium genauer anschaut, der findet eine Briefkastenadresse in Florida und die Firma „HighTech Dynamics“ aus Florida, die in den USA die Produktion abwickeln soll. Wer nach den Köpfen der Regium-Marke fahndet, angeblich führende Köpfe in ihrem jeweiligen Gebiet, der findet bestenfalls Vages. Berufliche Spuren haben diese vermeintlichen Superhirne nicht hinterlassen, es ist nicht einmal sicher, ob es sie gibt.

„Betrug, gefälscht, gibt es nicht“

Dann behauptet die Firma auch noch, den Banter-Blitz-Cup von chess24 zu sponsern – eine Firma wohlgemerkt, die keine Einnahmen hat und doch erst einmal versuchen will, per Crowdfunding die Serienproduktion ihrer vermeintlichen Erfindung möglich zu machen. Wie können die etwas sponsern, bevor sie Geld verdienen? Chess24 schwieg sich dazu aus.

Klarer Fall: ein Fake.

Schließlich trat mit Lichess-Vater Thibault Duplessis eine kommerzkritische Schachinstanz auf den Plan. Auch auf dessen Seite Lichess waren die Regium-Spekulationen ausgebrochen. „Die Sache ist Betrug, das Video gefälscht, und das Produkt gibt es nicht“, verkündete der Franzose. Ende der Debatte.

Lichess-Vater Thibault Duplessis im Forum seiner Seite.

An dieser Stelle wäre auch die Geschichte zu Ende. Doch wenige Tage später mischte sich die höchste Instanz ein, die wir im Schach haben: der Weltmeister. Magnus Carlsen spielte (und gewann) sein Match um den Einzug ins Achtelfinale des Banter-Blitz-Cups gegen den aserbaidschanischen Großmeister Rauf Mamedov. Über dem Kopf des Weltmeisters ein Logo: „Regium, automatic chess e-board“.

Nanu, was ist das?

Chess24 hat sich bis heute nicht zu seiner Partnerschaft mit Regium geäußert. Aber wir dürfen annehmen, dass Magnus Carlsens Firma ihren Boss nicht länger als eine Stunde mit dem Logo einer betrügerischen Fake-Firma auftreten lässt. Mit dem Match Carlsens gewann die Regium-Sache wieder Glaubwürdigkeit, auf Seiten potenzieller Kunden keimte Hoffnung auf, dass es dieses Wunderbrett tatsächlich bald gibt.

Noch ein paar Tage später ein zweites Video aus dem Hause Regium, gezielt so inszeniert, dass der Fake-Verdacht erlischt:

Nun also doch? Am 25. Februar wissen wir voraussichtlich mehr. Laut der Website soll an diesem Tag die Kickstarter-Crowdfunding-Kampagne beginnen. Passiert das tatsächlich, können wir davon ausgehen, dass die Sache real ist. „Kickstarter“ ist die größte internationale Crowdfunding-Plattform mit einwandfreiem Ruf, bekannt dafür, Projekte genau zu prüfen, bevor sie sie auf ihre Website durchwinkt. Gleichwohl gibt es natürlich keine Garantie, dass das Projekt funktioniert, dass es realistisch ist gar. Viele scheitern.

Mit „Square Off“ gibt es ja schon ein erschwingliches Brett mit selbstziehenden Figuren, das erste dieser Art, das die Kunden positiv aufgenommen haben. Es funktioniert zuverlässig und sieht in allen Varianten sogar ansprechend aus. Nach eigenen Angaben hat Square Off davon trotz anfänglicher Lieferschwierigkeiten 20.000 Einheiten verkauft, ein Zeichen, dass es für solche Produkte einen Markt gibt. Gerade läuft eine zweite Finanzierungsrunde, um neue Square-Off-Bretter auf den Markt zu bringen.

Das Square-Off-Brett funktioniert, die Kunden lieben es, wie die Amazon-Bewertungen zeigen. Derzeit läuft eine Finanzierungsrunde, um einen neue Charge Square-Off-Produkte auf den Markt bringen zu können.

Das Regium-Produkt aus obigen Videos repräsentiert eine ganz andere Liga. Keine beweglichen Teile, lautlos und schnell ziehende Figuren, Turniergröße, Kompatibilität mit allen Plattformen, automatische Figurenerkennung. Viel, viel besser als Square Off, Schachspielers Traum. Sollte es sich tatsächlich irgendwann materialisieren und für einen dreistelligen Betrag zu haben sein, es würde bestimmt ein Erfolg. Aber noch ist völlig unklar, was das Wunderbrett kosten soll.

Konkurrenz macht müde Entwickler munter

Nicht nur die Square-Off-Macher dürfen sich angegriffen fühlen, auch die niederländische Firma DGT („Digital Game Technology“). Die hat vor mehr als 20 Jahren erstmals ihre elektronischen Bretter präsentiert. Die sind mittlerweile bei allen großen Turnieren Standard und DGT Weltmonopolist für elektronische Schachbretter. Wenn Regium Wirklichkeit wird, würde sich das ändern.

Gut so. Konkurrenz belebt das Geschäft, macht müde Entwickler munter und beschert dem Kunden bessere Preise. Thibault Duplessis hat höchstselbst so eine Entwicklung ausgelöst. Es ist ja gerade ein paar Jahre her, da stand chess.com als Fast-Monopolist in Sachen Online-Schach da. Die ChessBase-Plattform und der ICC waren keine ernsthafte Konkurrenz mehr, nachdem deren Besitzer jahrelang verschlafen hatten, ihre Position auszubauen oder zumindest zu pflegen.

Bei jedem großen Turnier werden DGT-Bretter und -Uhren verwendet. Jetzt darf sich die niederländische Firma angegriffen fühlen. (Schon gehört? Jegliche DGT-Produkte, Bretter, Uhren, Schachcomputer, gibt es für Leser dieser Seite hier zehn Prozent günstiger. Einfach beim Bestellen den Code „Perlenrabatt4you“ eingeben.) || Foto: DGT

Und so konnte sich chess.com auf seiner Spitzenposition ausruhen, ohne sich ums Produkt zu kümmern. Der Rubel rollte ja auch so, trotz einer mit Werbung überfrachteten, funktional limitierten und wenig übersichtlichen Plattform.

Warten auf den 25. Februar

Dann kam Lichess, schlank und praktisch, gratis noch dazu. Lichess gebar eine innovative Funktion nach der anderen, damit trieb es den Branchenprimus vor sich her.  Heute können wir chess.com wieder guten Gewissens als eine Option fürs Online-Schach empfehlen. Vor ein paar Jahren hätten wir das nicht können, chess.com war ein fürchterliches Kommerzmonster.

Das sind Square Off und DGT gewiss nicht. Aber wer weiß, was für tolle Entwicklungen diese beiden noch gebären, wenn ihnen plötzlich ein Konkurrent Druck macht? Womöglich werden wir das im Lauf der kommenden Monate und Jahre herausfinden.

Jetzt gucken wir erst einmal, was am 25. Februar passiert.

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