Kandidatenturnier 2022 – der Ticker: Nepomniachtchi ist WM-Herausforderer 2023, Ding Liren auf Platz zwei

WM-Herausforderer gesucht: Acht Weltklassegroßmeister kämpfen bis zum 5. Juli in Madrid um die Chance ihres Lebens. Jeder spielt zweimal gegen jeden, 14 Runden sind zu absolvieren, für Schachverhältnisse eine Langstrecke. Der Sieger des Kandidatenturniers wird voraussichtlich Anfang 2023 Magnus Carlsen zum Match um die Weltmeisterschaft herausfordern. Die Partien beginnen täglich um 15 Uhr. Alle drei Runden wird ein Ruhetag eingelegt.

“Ding schlägt Nakamura, rückt auf Rang zwei vor”:
Bericht zur 14. Runde auf chess.com

“Nepomniachtchi gewinnt sein zweites Kandidatenturnier”:
Bericht zur 13. Runde auf chess24

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Bild
Ergebnisse der 13. Runde. | via FIDE
Endstand nach 14 Runden. | via chess.com

|| Runde 14, 4. Juli

Da ist das Ding

■ “Move to face the king”, die Trophäe für den Sieger:

Foto: Stev Bonhage/FIDE

Zweiter

■ Platz zwei inklusive Chance auf ein WM-Match: Ding Liren.

9,5/14

■ Das beste Ergebnis, seitdem es dieses Format gibt. Ian Nepomniachtchi beendet das Kandidatenturnier 2022 mit 9,5 Punkten aus 14 Partien.

All-in

■ Ganz einfache Rechnung: Ding Liren schlägt heute Hikaru Nakamura, dann hat er als Zweitplatzierter eine Chance auf ein WM-Match, oder Ding Liren schlägt Hikaru Nakamura nicht, dann ist der US-Amerikaner Zweiter. Nakamura sieht übrigens keine All-in-Partie für seinen Gegner. Auf seinem YouTube-Kanal sagte er gestern Abend, der zweite Platz sei seiner Meinung nach nicht relevant. Offenbar sieht Nakamura keine Chance, dass Carlsen seinen Titel zurückgibt. Wie Ding die Lage beurteilt, ist nicht bekannt. Der Chinese sagt ja bekanntlich deutlich weniger als sein heutiges Gegenüber.

Auftakt der WM-Verhandlungen

■ Jetzt wissen wir, warum Magnus Carlsen das Kandidatenturnier besucht hat. Er war mit Judit Polgar verabredet, um sich eine Tracht Prügel abzuholen, außerdem mit FIDE-Chef Arkady Dvorkovich, um über das WM-Match 2023 zu sprechen. Zusammgefasst geht es darum: Entweder der Modus des WM-Matches wird reformiert, dann überlegt es sich Carlsen noch einmal, oder es bleibt, wie es ist, dann spielt Ian Nepomniachtchi gegen den Zweitplatzierten des Kandidatenturniers um die Weltmeisterschaft. Ein ausführlicher Bericht zur WM-Gemengelage folgt, ein paar Details vorab haben wir schon in diesen Video untergebracht:

Warum Magnus Carlsen in Madrid war – und wie ihn Judit Polgar beim Schach auseinandergeschraubt hat.

Anton!

■ ChessBase hat ihn einst beschuldigt, Fake News zu produzieren. Und als er 2016 dieses Foto veröffentlichte…

…fluteten aufgeregte Proteste seinen Posteingang: Eine Fälschung! Sowas könne er doch nicht verbreiten!

Doch, kann er, die Fälschung ist seine, sein Markenzeichen. Der Foto- und Grafik-Künstler AntonSquaredMe aus Minnesota, Vorname Dan, Nachname unbekannt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit verrückt-konstruierten Schachbildern, deren Witz sich oft erst auf den zweiten Blick offenbart, zum Lachen zu bringen. Manches dieser Werke genießt in der Schachszene heute Kultstatus, der in die Zukunft versetzte Bobby Fischer etwa. Aber dann, wie schade, hörte AntonSquaredMe für einige Jahre auf. Und das führt uns zu einer der besten mit dem Kandidatenturnier verbundenen Nachrichten: AntonSquaredMe ist wieder da!

Reservoire Candidates

Am Bodensee bangen wir, ob Dan aus Minnesota die Schacholympiade begleiten wird. Es wäre zu schade, würde er nicht in Chennai dort weitermachen, wo er in Madrid aufgehört hat. Seinen Zyklus zum Kandidatenturnier hat er jetzt jedenfalls mit einem Knockout beendet (wenn ihm nicht noch etwas zur heutigen Entscheidung um Platz zwei einfällt):

Bild
via @antonsquaredme

|| Runde 13, 3. Juli

Ian!

Richard Rapport hat Nepo einen kämpferischen Sizilianer vorgesetzt, aber recht bald war da nicht mehr viel zu kämpfen. Ian Nepomniachtchi holt den letzten halben Punkt, den er braucht, und steht eine Runde vor Schluss als Sieger des Kandidatenturniers 2022 und WM-Herausforderer 2023 fest. Gratulation!

Den Turniersieg im Fokus: Ian Nepomniachtchi. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Magnus!

■ Vielleicht kribbelt es ja jetzt? Magnus Carlsen schaut beim Kandidatenturnier rein.

Einsichten (nicht nur) zu Nepo

■ Heute wird Ian Nepomniachtchi WM-Herausforderer (höchstwahrscheinlich). Ein guter Zeitpunkt, ein Interview mit einer Frau zu veröffentlichen, die ihn seit Jahren begleitet und ihm als Freundin verbunden ist. Exklusiv-Interview mit Schachfotografin Maria Emelianova heute bei den Perlen!

|| Ruhetag, 2. Juli

Radio-Perlen

■ Immer wieder Samstags um 9.33 Uhr entführt Moderator Oliver Faßnacht beim Sportradio Deutschland seine Hörer in die Welt des Schachs, assistiert vom Schreiber dieser Zeilen. Am heutigen Samstag gab es mehr zu besprechen denn je: eine Dreiviertelstunde Schach (abzüglich der Nachrichten allerdings) im Radio, boah!

|| Runde 12, 1. Juli

Ding 2.0

■ Ob Ding Liren jetzt an die erste Runde zurückdenkt? Hätte er zum Turnierauftakt Nepo geschlagen, und dann wäre alles gelaufen wie bisher, der Chinese stände jetzt auf Platz eins. Aber anders als seinem russischen Widersacher ist es dem 29-Jährigen erst in der zweiten Turnierhälfte gelungen, zur Ding-2.0-Form zu finden. Jetzt, drei Siege am Stück, läuft es so rund, dass Ding Liren seine Partie gegen Fabiano Caruana beinahe verdorben hätte:

32…De5 war von langer Hand geplant. Dass Weiß mit 33.Sf5! eine prächtige Riposte vorbreitet hatte, fiel Ding erst auf, als sie auf dem Brett stand.

Anstatt weiter einen bequemen Vorteil zu verwalten, schaute Ding plötzlich in den Abgrund. Und musste erst einmal überleben, sich dann wieder in die Nähe des Ausgleichs kämpfen, um schließlich, mit Hilfe des Gegenspielers, sogar doch noch zu gewinnen. Ob er heute den vierten Sieg nachlegt?

Drei Siege am Stück, bei Ding Liren läuft es jetzt. Die Partie gegen Fabiano Caruana musste er sogar zweimal gewinnen. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Nepo 2.0

■ Eine eins hier, eine Null dort, und der Drops wäre gelutscht. Heute ist der erste Tag, an dem sich der Turniersieg entscheiden kann. Über all dem Bangen, ob es vielleicht doch noch einem Recken gelingt, den Kampf um den ersten Platz spannend zu machen, auch über den Weissagungen, Nepo werde ja doch wieder einbrechen, ist untergegangen, was für eine fantastische, stabile Leistung Ian Nepomniachtchi von Runde zu Runde in Madrid abliefert. Natürlich ist ihm der eine oder andere Punkt zugeflogen, ein Phänomen, das sich auch bei anderen einstellt, bei denen es gut läuft. Nicht die Gegner, sondern Nepo höchstselbst als der bislang überragende Spieler des Wettbewerbs hat ausgeknipst, was auszuknipsen war, und gehalten, was auf ihn einstürmte. Seine Performance nähert sich jetzt fabelhaften 3000 Elo und sein Live-Rating den 2800. Dass sich dieser Nepo 2.0 ein zweites WM-Match verdient hat, steht schon drei Runden vor Schluss außer Frage. Und es erscheint wahrscheinlich, dass ihm ein Debakel wie Ende 2021 nicht noch einmal widerfahren wird.

Nepo hat jetzt eine neue Thermoskanne für seinen schwarzen Tee, eine politisch unverdächtige ohne Logo.

Respektlos

Alireza Firouzjas “Vorbereitung” auf die Partie gegen Ian Nepomniachtchi mit anschließendem Harakiri spaltet die Gemüter. Die einen sagen, Firouzja könne mit seiner Zeit anstellen, was er will, und Kritik verbiete sich, andere finden seine nächtliche Bullet-Session vor der Partie respektlos gegenüber den Kollegen und dem Sport. In die zweite Kategorie gehört Judit Polgar, die dem 19-Jährigen jetzt eine “verfehlte Einstellung” vorwarf. Polgars Co-Kommentator Jan Gustafsson ergänzte, dass Firouzjas traurige Vorstellung nicht nur für ihn selbst Konsequenzen hat, sondern auch für die Kollegen, die um ein WM-Match kämpfen. Dennoch gab sich Gustafsson nachsichtig: “Er ist jung, lasst ihn Hyperbullet spielen.”

Nicht ausgeschlafen im Selbstzerstörungsmodus: Alireza Firouzja hat mit dem Kandidatenturnier offenbar abgeschlossen. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

|| Runde 11, 30. Juni

Der reichste Schachspieler

■ Trotz des für Schachverhältnisse üppigen Preisfonds’: “Ich verliere hier Geld”, sagt Hikaru Nakamura über seine Teilnahme am Kandidatenturnier. Wahrscheinlich würde er mehr verdienen, ginge er seinem Beruf nach, anstatt in Spanien Turnierschach zu spielen. Andererseits ist das Kandidatenturnier eine Investition: Es beschert ihm und seinen Sponsoren Sichtbarkeit und neue Follower für alles Weitere. Und wie groß ist nun sein Vermögen? 50 Millionen Dollar oder weniger? Sicher ist, Nakamura ist der wohlhabendste aller Weltklassespieler, schreibt Leontxo Garcia, der Nakamura in der Tageszeitung El Pais unter dem Millionärsaspekt beleuchtet:

Bullet bis 5 Uhr morgens

■ Nichts gegen Nepo, aber heute sind wir alle ein bisschen Firouzja. Soll der Kampf um Platz eins noch einmal spannend werden, muss der 19-Jährige den Tabellenführer stürzen. Und genau das hat er vor. Er freue sich auf diese Gelegenheit, hat Alireza Firouzja schon zur Halbzeit des Kandidatenturniers angekündigt. Erstaunlich ist, wie er sich vorbereitet hat: mit einem Bullet-Match gegen WM-Kommentator und Bullet-Spezialisten Daniel Naroditsky.

Das Pensum nach Mitternacht. Schon vor Mitternacht hatte Firouzja 69 Partien gespielt.

Bis nach fünf Uhr morgens hatten sich die beiden ineinander verbissen, dann endete das Match mit dem Kommentator als Sieger. Ob diese Extraschicht Firouzas Ansinnen, den Spitzenreiter zu schlagen, zuträglich war? Magnus Carlsen will das nicht ausschließen. “Zurück zu den Wurzeln”, analysierte der Weltmeister:

Im Live-Kommentar stand zwischen Naroditsky und Robert Hess erst einmal die frühmorgendliche Bullet-Session im Fokus, weniger die Partien der Kandidaten.

https://twitter.com/chesscom/status/1542507167038615555

Sportschau-Schach

■ Die Einschaltquoten der Sportschau sind zuletzt aber sowas von in den Keller gerasselt, das geht so nicht weiter. Wenn im Zuge einer Neuausrichtung des Programms in den kommenden Jahren Schach zum Teil der Sportschau (und/oder anderen Sportsendungen) wird, müssen sich deren Produzenten kein neues Format ausdenken, um für den allgemein Sportinteressierten die Geschichte einer Schachpartie inklusive Ausblick aufs weitere Geschehen in einem Dreiminüter fesselnd zu erzählen. Chess.com hat heute anhand von Nakamura vs. Firouzja vorgemacht, wie das geht. Handwerklich beeindruckend – und TV-tauglich:

https://twitter.com/chesscom/status/1542298020552777728

Für die Schlacht Rapport vs. Ding gibt es eine solche Zusammenfassung nicht, darum hier ein traditionelles Format:

Zwei Siege in Folge, Ding ist wieder mittendrin.

|| Runde 10, 29. Juni

Dreikampf

■ An Magnus Carlsens Rücktritt glaube er nicht, und darum spiele er in Madrid nur um Platz eins, hat Fabiano Caruana am Tag vor Beginn des Kandidatenturniers gesagt. Und er hat sich daran gehalten. Auch in der zehnten Runde wollte Caruana den vollen Punkt erzwingen – und handelte sich eine Null ein. Jetzt ist Ian Nepomniachtchi (1,5 Punkte Vorsprung bei noch 4 Runden) allenfalls theoretisch einzuholen. Und Caruana findet sich plötzlich in einem Dreikampf um den zweiten Platz wieder. Egal, was er glaubt, dieser Platz könnte sehr wohl von großem Wert sein. Gewiss ist Nepomniachtchi derjenige, dessen Gewinn des Kandidatenturniers am ehesten dazu führen wird, dass Carlsen abwinkt. Und dass der Zweite des Kandidatenturniers um die WM spielt.

Rückkehr zu Kandidaten-Matches?

■ Je näher wir dem Ende des Turniers rücken, desto weniger Teilnehmer spielen um das Größte, was es im Schach gibt, für desto mehr Teilnehmer geht es um nichts mehr. Wer WM-Herausforderer wird, entscheidet potenziell eine Partie zwischen jemandem, für den es um alles geht, und jemandem, für den es um nichts mehr geht – ein Problem? Viele Leute sehen das so, darunter der deutsche Schachmeister, Perlen- und Chessable-Autor Christof Sielecki: Wenn nur ein Hauptpreis zu vergeben sei, dann ergebe ein Rundenturnier keinen Sinn, findet Sielecki. Aber was wäre die Alternative? Matches, wie früher? Im Prinzip ja, andererseits führen Matches im Weltklasseschach leicht zu Remisserien, die niemand sehen will und die dem Sport nicht gut tun. Und so stehen wie, wie beim WM-Match, vor der Frage, ob der Modus der richtige ist bzw. wie er zu modifizieren wäre. Die Debatte läuft längst, nicht nur auf Twitter und nicht erst seit Beginn des Kandidatenturniers 2022. Auszüge:

Thermoskanne, das letzte (?) Kapitel

■ “Thermoskanne heizt das Kandidatenturnier auf.” Ein schöner Titel, in der Tat, und chess24-Schreiber Leon Watson verhehlt nicht, dass er sich auch wegen dieser Schlagzeile der Geschichte um Nepo-Sponsor Norilsk Nickel und die Thermoskanne mit dem verbotenen Logo angenommen hat. Leser dieses Tickers kennen die Geschichte freilich schon, aber Watson hat sie jetzt noch einmal zusammenhängend erzählt und ins große Ganze eingeordnet. Kaum hatte er seinen Text veröffentlicht, stellte die britische Regierung den Nickel-Magnaten und Nepo-Unterstützer Vladimir Potanin unter Sanktionen:

Das 100-Prozent-Sakko

■ Bei unserem gestrigen Rechenspielchen, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit das Turnier gewinnt, haben wir einen womöglich entscheidenden Faktor außer Acht gelassen. Das pinke (rote? lachsfarbene?) Sakko von Richard Rapport. Darin hat er bekanntlich eine Bilanz von 100 Prozent erzielt. Die Statistikseite “Pawnalyze” hat nun ausgerechnet, was passieren würde, sollte Rapport seine farbenfrohe Jacke fortan zu jeder Partie tragen. Siehe da, der Ungar, obwohl 2,5 Punkte hintendran, obwohl in der Zeit von Ulrich Stock für seine Ausbeute gescholten, wäre Turnierfavorit.

Allerdings berücksichtigt diese neue Statistik nicht die Möglichkeit, dass auch einer der anderen Teilnehmer sein 100-Prozent-Sakko oder -Hemd bislang zurückgehalten hat. Allemal könnte speziell beim einsam führenden Ian Nepomniachtchi ein Kleiderwechsel anstehen. Entweder Nepo ist bislang zu jeder Partie im selben Hemd angetreten (“never change a winning shirt”) – oder er hat mehrere Exemplare genau dieses Hemds mit nach Madrid gebracht.

|| Ruhetag, 28. Juni

Unruhetag

■ Was sieben der acht Teilnehmer heute machen, ist bekannt. Kraft tanken, ruhen, dazu ein wenig Vorbereitung auf die nächste Partie. Was Hikaru Nakamura heute macht, ist auch bekannt, und wir können ihm zuschauen. Nachdem er in der vergangenen Woche den Titled Tuesday hatte ausfallen lassen, blitzt er am heutigen Dienstag mit.

85 Prozent Turniersiegwahrscheinlichkeit

■ Je bedeutender das Schachturnier, desto größer das Fest für Schachstatistiker. Zu den allseits bekannten Zahlenspiel-Seiten gesellt sich zum Kandidatenturnier eine neu, und die präsentiert, Tusch, Echtzeit-Prognosen, während die Partien noch laufen. Chessassess.com berechnet anhand der aktuellen Stellungsbewertung die Chance der Teilnehmer, das Turnier zu gewinnen. Schachfreund Nepo steht demnach bei jenseits von 85 Prozent. Die Besucher haben obendrein die Möglichkeit, dem Rechenknecht bestimmte Ergebnisse vorzugeben und zu prüfen, wie sich dadurch die Wahrscheinlichkeiten verändern.

Und damit nicht genug. Weil es ja möglich ist, dass 2022 auch ein zweiter Platz fürs WM-Match reicht, hat Entwickler Jonathan Browning nachgelegt. Jetzt kann seine Seite auch Statistiken ausspucken, denen sich entnehmen lässt, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Spieler am Ende auf den ersten beiden Plätzen stehen.

Nepo steht

■ Die zentrale Partie der gestrigen Runde war die einzige unentschiedene. Eigentlich ein weiteres Meisterstück Caruanascher Eröffnungsvorbereitung führte zu großem Vorteil des US-Großmeisters, den dieser nicht verwerten konnte – was mit meisterhafter Gegenwehr des in der Eröffnung auf dem falschen Fuß erwischten Ian Nepomniachtchi zusammenhing. Nach seinen zwischenzeitlichen Wacklern sieht es nun überhaupt nicht mehr danach aus, als könne Nepo der vielerorts prognostizierte Einbruch am Turnierende widerfahren.

Derweil gewann Teimour Radjabov seine erste Turnierpartie in fast drei Jahren gegen den einzigen Spieler, dem Beobachter zutrauten, vielleicht doch noch ganz oben einzugreifen. Hikaru Nakamura ist jetzt raus aus dem Rennen um den ersten Platz.

|| Runde 9, 27. Juni

Ausreißer einfangen: Heute gilt’s

■ Gestern hat die zentrale Partie der Runde die Erwartungen der Zuschauer nicht enttäuscht, im Gegenteil:

Wie Hikaru Nakamura den Ausreißer Fabiano Caruana einfing.

Welche Folgen es nun fürs Turnier hat, dass es Hikaru Nakamura gelungen ist, einen der beiden Ausreißer einzufangen, das klären die beiden Ausreißer heute untereinander. Fabiano Caruana hat Weiß gegen Ian Nepomniachtchi. Gewinnt er, ist das Turnier plötzlich wieder offen, zumal, wenn die Verfolger auch punkten. Gewinnt er nicht, kann das die Basis für einen Start-Ziel-Sieg des Ausreißers Nepo sein. Den anderen bliebe dann nur, auf das notorisch schwache Finish des Russen zu hoffen.

Statistisch sind die Aussichten für Caruana nicht die besten: In elf Turnierpartien ist es ihm bislang nicht einmal gelungen, Nepo zu besiegen. Dazu kommt: Während Caruana die gestrige sechsstündige, letztlich verlorene Abwehrschlacht in den KnochenNeuronen hat, kommt Nepo aus einem Quasi-Ruhetag.

|| Runde 8, 26. Juni

Der rote Richie

■ Ist das nun rot, pink oder lachsfarben? Eigentlich hätte Richard Rapports glänzender Sieg über Jan-Krzysztof Duda als Gesprächsthema des Tages getaugt, stattdessen stand sein Sakko im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er hätte es auf Anraten seiner Frau schon zur siebten Runde tragen sollen – aber das habe er dem Kleidungsstück nicht antun wollen, erklärte Rapport nach der Partie. Woher Familie Rapport die Inspiration für ein derart auffälliges Jacket genommen hat? Wir ahnen es:

Fotos via FIDE/Stev Bonhage, Sebastian Siebrecht

Reich mir die Hand…nicht?!

■ Während Fabiano Caruana mit Schwarz gegen Hikaru Nakamura Chancen sucht, war es Ian Nepomniachtchi mit Weiß gegen einen potenziell hochgefährlichen Gegner ganz recht, die Luft aus der Stellung zu lassen. Der Vollzug des Friedensschlusses fiel ihm und Ding Liren allerdings nicht ganz leicht.

https://twitter.com/chesscom/status/1541059937756930052

Nepo ohne Nickel

■ Das Thermoskannen-Thema scheint jetzt vom Tisch zu sein, und die FIDE scheint ihr Verbot, das Logo von Nepo-Sponsor Nornickel zu zeigen, zur Hälfte des Turniers durchgesetzt zu haben – mit aller Konsequenz. Im offiziellen Foto-Fundus zum Kandidatenturnier verschwand gestern ein Nepo-Porträt, in dem er das Logo auf der Brust trägt. Wenig später erschien an derselben Stelle eine retouschierte Version des Bildes – ohne Logo. Derweil saß Ian Nepomniachtchi ohne Nornickel-Thermoskanne am Brett.

Stev Bonhage!

■ Sicher einer der Höhepunkte der Berichterstattung vom Kandidatenturnier auf dieser Seite: ein Exklusiv-Interview mit dem Mann, der näher an den WM-Kandidaten ist als alle anderen.

Zur Halbzeit zwei Favoriten

■ Zum Abschluss der ersten Turnierhälfte hat ein Doppelsieg der Tabelle ein eindeutiges Bild verliehen: Ian Nepomniachtchi gewann, Fabiano Caruana auch, zwei Siege von sehr unterschiedlicher Natur. Während Richard Rapport mit dem Kopf voran in Nepomniachtchis WM-Vorbereitung rasselte…

Wie Nepo ein weiterer Punkt zuflog.

… musste sich Caruana gegen Teimour Radjabov durch ein heikles, schwieriges Endspiel kämpfen. Hinterher im Studio von chess.com gewährte der US-Großmeister einige Einblicke in das, was ihm während dieses Gefechts durch den Kopf gegangen war – wahrscheinlich mehr, als dem Ottonormalschachspieler im Lauf mehrerer Jahre durch den Kopf geht. Faszinierend!

Wie Caruana Nepo im Nacken blieb.

■ Jetzt werden Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2005 wach (eine von dreien, die in einem Rundenturnier ausgespielt wurde), die einzige WM der Schachgeschichte, für die mit Judit Polgar eine Frau qualifiziert war. Das Turnier vor 17 Jahren war nach dem ersten Durchgang mehr oder weniger entschieden: Veselin Topalov hatte die Konkurrenz mit 6,5/7 deklassiert. Er konnte den Wettbewerb austrudeln lassen, ohne fürchten zu müssen, dass ihn jemand einholt.

via Wikipedia

Mit seinen 5,5/7 bewegt sich Ian Nepomniachtchi nicht ganz in der Topalov-Liga, aber allemal ist seine Performance (2993!) mehr als erstaunlich – und er setzt seinen einzigen Verfolger Fabiano Caruana gehörig unter Druck. Preisen müssen wir auch Nepos heutigen Gegner für seinen Mut (oder war es Übermut?). Richard Rapport war Nepo in die Vorbereitung gelaufen, hätte mit einem Remis per Zugwiederholung davonkommen können – und entschied sich, dem Remis auszuweichen, obwohl er wusste, dass er sich in der gegnerischen Vorbereitung bewegt. Das Ergebnis bitter für den Ungarn. Für seinen neuerlichen Glanzsieg benötigte Nepo nur eine Stunde Bedenkzeit.

Wahrscheinlich doch eher naiv statt mutig. Aber wegen solcher Entscheidungen ist Rapport einer der spannendsten Spieler im Schachzirkus. Andererseits: Ohne solche Entscheidungen wäre er womöglich noch erfolgreicher.

Die Perlen im Sportradio

■ Der Schreiber dieser Zeilen ist jetzt Schachexperte fürs Radio, genauer: für Sportradio Deuschland. Jeden Samstag kurz nach 9.30 Uhr bietet der Sender seinen Hörern Informationen übers Kandidatenturnier an. Moderator Oliver Faßnacht lässt sich Episoden aus Madrid erzählen, vom knarzenden Boden über die Stuhl-Wahl der Kandidaten bis zu Nepos Thermoskanne, und fragt den sportlichen Stand der Dinge ab. Sendung verpasst? Kein Problem, bitteschön:

Jeden Samstag ab 9.30 Uhr sendet Sportradio Deutschland Schach.

Keymer kommentiert

■ Auf dem deutschen chess.com-Kanal rauscht es wie gehabt. Trotzdem hinhören, es wird instruktiv: Über dem Rauschen kommentiert Vincent Keymer die siebte Runde.

|| Der Ticker, Runde 1 bis 7

|| Was zuvor geschah

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vonundausdemWalde
vonundausdemWalde
3 Monate zuvor

Mit Verlaub, die “Systemfrage” nach dem passenden Format wird doch jetzt nur gestellt, weil der falsche vorne liegt.Würde Firouzja mit 1,5 führen, käme diese Diskussion nicht auf. PHN braucht mittlerweile wahrscheinlich einen neuen Tisch, weil er aufgrunde der Führung von Nepo schon so oft in die Tischkante gebissen hat. Wenn Carlsen gegen Nepo nicht antritt, “droht” dem Westen jetzt sogar noch ein Match Nepo-Ding. Das ist dann wahrscheinlich der Worstcase für die, die Schach nicht ohne politische Brille betrachten können. Objektiv wäre es schachlich aber sehr interessant. Wie Thomas Richter richtig geschrieben hat, machen es Kandidatenmatches nicht unbedingt interessanter und… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor

“Rückkehr zu Kandidaten-Matches? … Viele Leute sehen das so …. Die Debatte läuft längst, nicht nur auf Twitter” Wo noch, und wer sind die “vielen Leute”? Auf Twitter zähle ich maximal drei, wobei sich nur der vor allem in Deutschland bekannte IM Sielecki eindeutig festlegt – die beiden anderen sind “NoJoke” (wer ist das denn?) und JonathanTisdall (durchschnittlicher GM). Man kann das trotzdem “analysieren”: Ich bin ja alt genug, um mich an lange Kandidatenmatches mit u.a. Robert Hübner zu erinnern. Das wäre die eine Möglichkeit – mindestens acht Partien in Viertelfinale, Halbfinale und Finale. Das kann man dann kaum in… Weiterlesen »

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Gerald
Gerald
3 Monate zuvor

Bitte nicht Nepo gegen Carlsen. Nepo hat schon immer den Ruf, nicht durchhalten zu können und ganz ehrlich, gerade rettet er sich über die Zielline. Gegen Carlsen wird das wieder nicht funktionieren, weil der sich nicht wie Ding in Runde 1 klassieren lässt.

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor
Reply to  Gerald

Das Leben ist kein Wunschkonzert: der Sieger des Kandidatenturniers qualifiziert sich für ein WM-Match – wenn es der aus subjektiver Sicht falsche Spieler ist, hilft bitten oder beten auch nicht. Dass Carlsen lieber gegen den Letzten im Kandidatenturnier spielen würde ist ein anderes Thema. Was heißt “rettet er sich über die Ziellinie”? Seit 2013 hat niemand “beide Hälften des Kandidatenturniers gewonnen”, ein bei Halbzeit führender Spieler schaltete immer einen Gang zurück – maximal +1 in der zweiten Hälfte des Turniers. Erst recht, wenn der Konkurrent bei Halbzeit danach schwächelt – war bisher auch oft bis immer der Fall. Generell war… Weiterlesen »

Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler
2 Monate zuvor
Reply to  Thomas Richter

Was genau ist der Sinn der abschließenden Frage?

Im buchstäblichen Sinne sicher: nein.
Im metaphorischen Sinne: keiner weiß es, die Zukunft wird es möglicherweise zeigen, vielleicht aber auch nicht.

Was ist der Sinn solcher “Fragen”?

Thomas Richter
Thomas Richter
2 Monate zuvor

Naja, es war eher ein “Stilmittel” – “rhetorische Frage” trifft es wohl nicht. Aronian machte das 2013, 2014 und 2016 – irgendwann war es nicht mehr überraschend, und bei seinem (vorerst) letzten Kandidatenturnier spielte er von Anfang an schlecht bzw. erfolglos. Bei Caruana war es, im Vergleich zu seinen früheren Kandidatenturnieren, überraschend. Das hätte man eher Nepomniachtchi zugetraut – zu seinem vorigen Triumph hieß es ja “es lag nur oder jedenfalls auch an der langen Halbzeitpause”. Vielleicht auch “weil er sich selbst kennt” oder entsprechende Tipps bekam hat er diesmal in der zweiten Hälfte nichts mehr riskiert – musste auch… Weiterlesen »