“Wie Indiana Jones” – die Jagd nach dem besten Bild: Maria Emelianova, Fotografin beim Kandidatenturnier

Während auf den Brettern die Schachpartien laufen, läuft im Kopf von Maria Emelianova eine andere Partie. Auch dort geht es um Ziele und Pläne und die Frage, ob und wie sie sich verwirklichen lassen. Allerdings soll am Ende nicht ein “Matt” stehen, sondern das bestmögliche Schachfoto, idealerweise eines, das das Publikum so noch nicht gesehen hat.

Für den Branchenprimus und Turniersponsor chess.com fotografiert Emelianova seit Beginn das Kandidatenturnier. Vom FIDE-Fotografen Stev Bonhage, mit dem wir unlängst über das Eintauchen eines Neulings in die Eliteschachszene gesprochen haben, unterscheidet sie, dass sie seit vielen Jahren den Schachtross rund um den Globus begleitet. Emelianova kennt alle Spitzenspieler recht gut, mit manchen ist sie befreundet. Und sie kann besser als andere beurteilen, was in den Eloriesen vor sich geht.

“Wie ein Springer auf dem Schachbrett”: Maria Emelianova bei der Arbeit, die beim Kandidatenturnier auch darin besteht, knarzende Stellen des jahrhundertealten Holzbodens ja nicht zu betreten. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Darum sprechen wir heute zuerst über das Kandidatenturnier, was sie dort erlebt, wie sie den angehenden WM-Herausforderer Ian Nepomniachtchi einschätzt. Im zweiten Teil des Gesprächs, den wir demnächst veröffentlichen, geht es mehr um Maria selbst. Die in Jekaterinburg geborene Russin hat sich vehement gegen den Überfall Russlands auf die Ukraine ausgesprochen – und ist nun zur Heimatlosen geworden. Würde sie nach Russland zurückkehren, müsste sie fürchten, hinter Schloss und Riegel zu landen.

Werbung

Maria, eigentlich bist du Turnierfotografin für chess.com, aber ich habe dich während des Kandidatenturniers auf Hikaru Nakamuras Twitch-Kanal gesehen.

Maria Emelianova | Chess Celebrities - Chess.com
Maria Emelianova. | via chess.com

Ja, an einem Tag, das war eine Ausnahme. Nach den jüngsten Entwicklungen in den USA haben wir einen Wohltätigkeitsstream organisiert. Es ging um das Recht von Frauen auf Abtreibung, ein wichtiges Thema nicht nur in den USA. Auch Hikaru war das ein Anliegen, also haben wir es möglich gemacht.

Was verbindet dich mit Hikaru?

Ich kenne alle Spieler recht gut, ich begleite sie ja schon seit Jahren. Speziell unter den mit chess.com verbundenen Streamern ist in den Monaten der Pandemie die Verbindung besonders eng geworden. Für mich als Streamerin (mit mehr als 20.000 Followern auf Twitch, Anm. d. Red.) ist es eine Riesenehre, Teil von Hikarus Team zu sein, eines Teams, das so viele Menschen erreicht.   

Und das für den guten Zweck erkleckliche Summen einwerben kann.

Wir haben 135.000 Dollar Spenden für die Ukraine gesammelt! Ich hätte mir nie erträumt, Teil von so etwas Großem zu sein. Aber als das Thema Ende Februar nach dem Überfall auf die Ukraine anstand, hat Hikaru sofort gesagt: „Ja, lasst uns helfen, wir machen das.“

Von Beruf bist du Fotojournalistin mit dem Spezialgebiet Schach. Beim Kandidatenturnier bist du eine der ganz wenigen Privilegierten, die nicht nach fünf Minuten den Spielsaal verlassen müssen.

Dieses ist tatsächlich das erste Kandidatenturnier, bei dem diese Regel für mich nicht gilt. Ich kann Fotos während der Zeitnot machen, den Handschlag am Ende der Partie einfangen, ich kann auch einfach nur im Spielsaal sitzen und zuschauen. Großartig! Das Kandidatenturnier ist mein Lieblingsturnier, und ich habe die Möglichkeit, durchgehend ganz nahe dran zu sein.

Darfst du dich während der Partien zwischen den Tischen bewegen?

Wenn ich unbedingt wollte, wäre das möglich, aber ich will niemandem auf die Pelle rücken. Der Raum ist begrenzt, dazu das Knarzen des Bodens. Ich bewege mich jetzt schon wie Indiana Jones durch den Spielsaal. Mittlerweile kenne ich die Spots, die nicht knarzen, und ich springe von einem zum anderen wie ein Springer auf dem Schachbrett, um Geräusche zu vermeiden.

Bei der WM in Dubai warst du nicht so nahe dran.

Das war extrem. Wir konnten nur von außerhalb des Glases fotografieren und nur von unten, weil wir ja nicht den zahlenden Zuschauern die Sicht verdecken durften. Wir haben auf dem Boden gesessen oder gekniet. Und dann kam die sechste Partie, Stunde um Stunde um Stunde. Alle Kollegen sind gegangen, ich bin geblieben, um auf den entscheidenden Moment zu warten. Und ich habe den Handschlag am Ende der sechsten Partie fotografiert. 

FIDE WM Partie 6: Carlsen gewinnt die längste WM Partie der Geschichte -  Chess.com
“…und ich habe den Handschlag fotografiert”: WM 2021 in Dubai, das Ende der sechsten Partie. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Ziel erreicht.

Ich gehe ja nicht unvorbereitet in den Spielsaal, sondern mit einer klaren Idee, was ich machen will. Ich kenne die Paarungen, weiß um ihre Bedeutung, und habe eine klare Vorstellung von Motiven, die ich zeigen will. Es hilft, im richtigen Moment bereit zu sein, wenn du von Beginn an einen Plan hast, was du festhalten möchtest.

Welche Momente versuchst du festzuhalten?

Das ist wie eine Jagd. Neue Emotionen zu finden oder entscheidende Situationen abzupassen, sehe ich als Herausforderung. Spieler schauen einander zum Beispiel selten in die Augen. Ich versuche, Momente abzupassen, in denen einer dem anderen den „Stare“ gibt. Handschläge. Momente der Freude. Oder Ausdrücke, die damit in Verbindung stehen, dass sich jemand in seiner Stellung gerade sehr wohl oder miserabel fühlt. Letzteres fällt mir natürlich schwerer, ich fühle ja mit einem Spieler, wenn der gerade frustriert ist.

“Ich fühle ja mit einem Spieler, wenn der gerade frustriert ist”. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Im Lauf der Jahre bist du zum festen Teil des Spitzenschach-Zirkels geworden. Du hast den World Cup fotografiert, die WM, jetzt bist du beim wichtigsten Turnier überhaupt ganz nahe dran.

Dahinzukommen, war eine Entwicklung, das hat viel mit Vertrauen zu tun. Die Spieler müssen sich trotz meiner Anwesenheit und meiner Nähe komfortabel fühlen, das passiert nicht von heute auf morgen. Sie müssen wissen, dass ich niemanden aus Versehen anrempeln werde, dass mir nichts runterfällt, dass ich nicht rede oder dass mein Telefon nicht plötzlich klingelt. Weil seitens der Spieler und der Schiedsrichter das Vertrauen zu mir gewachsen ist, kann ich jetzt fürs Publikum entscheidende Momente aus der Nähe festhalten. Dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, ist eine Leitlinie für mich. Eine Ablenkung meinerseits kann einen Spieler die Partie kosten, das darf nicht passieren. Ein paar rote Linien überschreite ich nicht, um die Spieler nicht zu stören, auch wenn mich das das eine oder andere Foto kostet.

Hat sich jemals jemand beschwert?

Einmal, Hikaru beim London Classic vor fünf Jahren. Ich hatte nicht gemerkt, dass sich die Lichter über der Bühne in meinem Objektiv spiegeln. Der Lichtstrahl aus meiner Kamera blendete ihn, er hat deswegen den Schiedsrichter gerufen. Nach diesem Vorfall habe ich technisch aufgerüstet und dafür gesorgt, dass so etwas nicht wieder passieren kann.

“Hikaru hat den Schiedsrichter gerufen.” | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Dein bekanntestes Bild zeigt den ukrainischen Großmeister Anton Korobov, aufgenommen auf der Isle of Man.

Das Bild habe ich immer parat, weil ich so oft darauf angesprochen werde. Ich habe schon oft gehört, das Foto müsse gestellt gewesen sein. War es aber nicht. Anton hat gar nicht gemerkt, dass er fotografiert wird, ich war weit von ihm entfernt.

Wie ist das Bild entstanden?

Ich war schon vorher an seinem Brett vorbeigegangen und hatte gesehen, dass einiges los war. Es fühlte sich bereits an, als könne ein Moment entstehen, den festzuhalten sich lohnt. Aber ich bin erstmal weitergegangen, weil ich Magnus fotografieren wollte. Bei dem war nicht viel zu sehen, und ich ging zurück. In dem Moment machte Antons Gegner einen Zug. Das Foto zeigt, wie Anton darauf reagiert hat.

“Anton hat nicht gemerkt, dass er fotografiert wird.” | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Als Motive beim Kandidatenturnier sind Hikaru und Nepo wahrscheinlich konkurrenzlos.

Absolut. Wer als Fotograf neu beim Schach ist, macht hunderte Bilder von diesen beiden, den Emotionen, die sie offenbaren, auch den Pokerfaces, die sie zu jedem Zug ihrer Gegner aufsetzen. Ich habe das auch gemacht, aber mittlerweile widme ich mich mehr den Spielern, die weniger Emotionen und Mimik anbieten. Ding oder Radjabov zum Beispiel. Von diesen beiden ein Bild zu machen, das es so noch nicht gab, ist eine Herausforderung.

Sportlich scheint Nepo in Madrid konkurrenzlos zu sein.

Er ist jetzt frei von diesem Druck, Magnus Carlsen zu besiegen. Vor dem Match in Dubai hatten viele Leute Ian sogar als Favoriten gesehen, als denjenigen Spieler auf der Welt, der Carlsen am ehesten in Schwierigkeiten bringen kann. Dieser Druck hat schwer auf ihm gelastet. Schau dir an, wie es hier in Madrid dem gepriesenen Shootingstar Alireza Firouzja ergeht, das ist ganz ähnlich. Alireza hat zwar gesagt, dass sich das ganze Lob von Magnus nicht auf sein Spiel auswirkt, aber das glaube ich ihm nicht. Er wollte es nur nicht zugeben. Für Nepo ist die Herausforderung in Madrid eine andere: zu zeigen, dass er eben doch Weltspitze ist. Und das gelingt ihm recht gut bislang. Wenn Ian jetzt noch einmal die Chance bekommt, um die Weltmeisterschaft zu spielen, wenn dann wegen des Matches 2021 niemand etwas von ihm erwartet – das wird ihm helfen, sich auf sein Schach zu fokussieren. So wie hier.

“Pokerface nach jeden Zug des Gegners”. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Nepo dürfte in Madrid derjenige sein, der am meisten mit nichtschachlichen Themen konfrontiert ist. Unter anderem wird er dafür kritisiert, dass er sich nicht vom russischen Verband losgesagt hat.

Die Konkurrenz im russischen Schach ist groß. Ian war lange einer von vielen, er stand lange im Schatten von anderen. Er hat hart gearbeitet, zuletzt härter denn je, und einige Jahre gebraucht, bis er der unangefochten beste russische Schachspieler war. Jetzt ist er es – und darf nicht unter der Flagge des Landes spielen, in dem er der Beste ist. Ich kann nicht für ihn sprechen, aber ich bin mir sicher, das nagt an ihm.

In der Debatte um seine Sponsoren bist du auf Twitter für ihn in die Bresche gesprungen.

Wir sind befreundet, ich habe ihn und seine Freundin schon oft in Moskau besucht. Insofern kenne ich Ians Sicht der gegenwärtigen Situation. Außerdem weiß ich, wie wichtig Schach für ihn ist – und die Möglichkeit, Schach zu spielen. Daraus ergibt sich ein Konflikt, Ian befindet sich einer sehr schwierigen Lage. Er hat längst finanzielle Einschnitte in Kauf genommen, indem er Vereinbarungen mit Unterstützern aufgelöst hat, die in kritischen Momenten für ihn da gewesen sind. Professionell und psychologisch ist es gerade heikel für ihn. Ich finde es scheinheilig, wenn jetzt debattiert wird, welches Logo auf seiner Thermoskanne zu sehen ist. Seine Thermoskanne mit Tee ans Brett zu bringen, ist einfach nur ein Ritual für Ian, das ihm hilft, sich zu fokussieren. Schachspieler sind abergläubisch. Sie spielen an so vielen Orten in so vielen Umgebungen, umgeben von unterschiedlichen Leuten, darum schaffen sie sich diese Rituale, an denen sie festhalten, egal, wo sie sind.

Als es auf Twitter um den Stand der Beziehung zwischen Nepomniachtchi und der Putin-Flashmob-Firma Sima-Land ging, sprang Maria Emelianova für ihren Freund in die Bresche.

Was dem einen die Thermoskanne ist dem anderen…?

Der Starbucks-Kaffee! Hikaru hat in einem Interview gesagt, wenn die Partievorbereitung nicht sehr konkret und potenziell entscheidend ist, dann würde er lieber vergessen, was er vorbereitet hat, als auf seinen Kaffeebecher zu verzichten. Dings Stuhl ist ein anderes Beispiel. Er sagt, er brauche einen Stuhl, der sich nicht bewegt. In einem Drehstuhl fühlt er sich nicht komfortabel. Darum wählt er stets ein Modell ohne Rollen. Ich nehme an, dass Ding daheim auch in so einem Stuhl an seinem Schach arbeitet. Darum will er im Wettbewerb ein vertrautes Sitzgefühl.

Auf Nakamuras Starbucks-Bechern steht “Cris” aka “Kris Littlejohn”, Nakamuras Sekundant. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Eine Auswahl von Fotos, die Maria Emelianova für chess.com beim Kandidatenturnier 2022 gemacht hat:


Wird fortgesetzt. Im zweiten Teil: “Würde ich nach Russland zurückkehren, käme ich ins Gefängnis.” – Maria Emelianova über ihre plötzliche Heimatlosigkeit nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.

4.6 20 votes
Article Rating
Werbung

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

2 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
trackback

[…] “Wie Indiana Jones” – die Jagd nach dem besten Bild: Maria Emelianova, Fotografin … […]

Roland Schmitt
Roland Schmitt
1 Monat zuvor

Sehr schöner, instruktiver Bericht / Interview! Maria Emelianova macht ihren Job richtig gut, einfach super-professionell!

Last edited 1 Monat zuvor by Roland Schmitt