Kandidatenturnier 2022 – der Ticker: Nepo vorne, Nakamura stoppt Caruana

WM-Herausforderer gesucht: Acht Weltklassegroßmeister kämpfen bis zum 5. Juli in Madrid um die Chance ihres Lebens. Jeder spielt zweimal gegen jeden, 14 Runden sind zu absolvieren, für Schachverhältnisse eine Langstrecke. Der Sieger des Kandidatenturniers wird voraussichtlich Anfang 2023 Magnus Carlsen zum Match um die Weltmeisterschaft herausfordern. Die Partien beginnen täglich um 15 Uhr. Alle drei Runden wird ein Ruhetag eingelegt.

“Nepomniachtchi mit schnellem Remis, Nakamura schlägt Caruana”:
Bericht zur 8. Runde auf chess.com

“Nepo und Caruana gewinnen einmal mehr”:
Bericht zur 7. Runde auf chess24

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Der Ticker zur zweiten Turnierhälfte.
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via FIDE
Stand nach der achten Runde. | via chess.com

|| Runde 7, 25. Juni

Ianelin Nepolov

■ Jetzt werden Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2005 wach (eine von dreien, die in einem Rundenturnier ausgespielt wurde), die einzige WM der Schachgeschichte, für die mit Judit Polgar eine Frau qualifiziert war. Das Turnier vor 17 Jahren war nach dem ersten Durchgang mehr oder weniger entschieden: Veselin Topalov hatte die Konkurrenz mit 6,5/7 deklassiert. Er konnte den Wettbewerb austrudeln lassen, ohne fürchten zu müssen, dass ihn jemand einholt.

via Wikipedia

Mit seinen 5,5/7 bewegt sich Ian Nepomniachtchi nicht ganz in der Topalov-Liga, aber allemal ist seine Performance (2993!) mehr als erstaunlich – und er setzt seinen einzigen Verfolger Fabiano Caruana gehörig unter Druck. Preisen müssen wir auch Nepos heutigen Gegner für seinen Mut (oder war es Übermut?). Richard Rapport war Nepo in die Vorbereitung gelaufen, hätte mit einem Remis per Zugwiederholung davonkommen können – und entschied sich, dem Remis auszuweichen, obwohl er wusste, dass er sich in der gegnerischen Vorbereitung bewegt. Das Ergebnis bitter für den Ungarn. Für seinen neuerlichen Glanzsieg benötigte Nepo nur eine Stunde Bedenkzeit.

Wahrscheinlich doch eher naiv statt mutig. Aber wegen solcher Entscheidungen ist Rapport einer der spannendsten Spieler im Schachzirkus. Andererseits: Ohne solche Entscheidungen wäre er womöglich noch erfolgreicher.

Die Perlen im Sportradio

■ Der Schreiber dieser Zeilen ist jetzt Schachexperte fürs Radio, genauer: für Sportradio Deuschland. Jeden Samstag kurz nach 9.30 Uhr bietet der Sender seinen Hörern Informationen übers Kandidatenturnier an. Moderator Oliver Faßnacht lässt sich Episoden aus Madrid erzählen, vom knarzenden Boden über die Stuhl-Wahl der Kandidaten bis zu Nepos Thermoskanne, und fragt den sportlichen Stand der Dinge ab. Sendung verpasst? Kein Problem, bitteschön:

Jeden Samstag ab 9.30 Uhr sendet Sportradio Deutschland Schach.

Keymer kommentiert

■ Auf dem deutschen chess.com-Kanal rauscht es wie gehabt. Trotzdem hinhören, es wird instruktiv: Über dem Rauschen kommentiert Vincent Keymer die siebte Runde.

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|| Ruhetag, 24. Juni

Mit Thermoskanne und Svanes Hilfe

■ Hatte nicht FIDE-General Emil Sutovsky gesagt, Ian Nepomniachtchis Thermoskanne mit dem Logo seines russischen Sponsors sei im Spielsaal verboten? Zur sechsten Runde stand sie entgegen Sutovskys Aussage wieder auf Nepos Tisch. Ein paar Zentimeter weiter auf dem Brett hatte der deutsche Großmeister Rasmus Svane seinen Kandidaten-Auftritt. Für seinen Bulldozer-Sieg über Jan-Krzysztof Duda bediente sich der Russe aus dem Eröffnungsrepertoire des deutschen Nationalspielers.

Nicht ganz frei von Wacklern, aber in der Gesamtheit eine Demonstration: Wie Ian Nepomniachtchi (rechts daneben: die verbotene Thermoskanne) Jan-Krzysztof Duda vom Brett fegte.

Rockstars

■ An der Vorstellung, mit Schach Säle zu füllen, hat sich unser Sport jahrzehntelang vergeblich abgearbeitet. Obwohl es nicht klappt, träumen die Schachbundesligisten bis heute davon, Zuschauer in Scharen anzulocken. Nicht zuletzt das Dortmunder Superturnier ist an diesem Traum gescheitert. Nur bedeutet der Umstand, dass mit Schach keine Säle zu füllen sind, nicht, dass niemand zuguckt – im Gegenteil. Als TV-Zuschauersport funktioniert Schach zunehmend gut – und umso besser, wenn sich den Zuschauern eine Identifikationsfigur präsentieren lässt. Im norwegischen Fernsehen ist Schach sogar ein Straßenfeger. Zum Kandidatenturnier lockt der größte chinesische Sportsender CCTV 5 mit jeder Runde eine siebenstellige Zahl von Leuten vor die Bildschirme.

Und doch: Die Chance, die Protagonisten hautnah zu erleben, mit ihnen zu interagieren womöglich, ist etwas Besonderes. Vor jeder Runde des Kandidatenturniers warten dutzende, wenn nicht hunderte Schachfans auf die Ankunft der Stars in der Hoffnung, einen gemeinsamen Moment zu erhaschen.

Vor der Runde die Spieler treffen: Hinterher begeben sich die Fans nach Hause, um am Bildschirm auf dem Twitch- oder YouTube-Kanal ihrer Wahl Kandidatenturnier zu gucken. Mancher kehrt später zurück, um die Großmeister beim Verlassen des Palasts abzupassen.

Nicht alle, aber die Mehrheit der Spieler nimmt dieses Bad in der Menge an, mancher genießt es sogar, Hikaru Nakamura allen voran. Den Bildern nach findet auch Richard Rapport zunehmend Gefallen am Bad in der Menge. Eigentlich ist der Ungar eher scheu, aber der Optik nach kommt er als einziger Teilnehmer dem Rockstar-Appeal am nächsten.

Rockstar Richard. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

|| Runde 6, 23. Juni

Nepo und Fabi!

■ Tja. Kaum lehnen wir uns hier mal weit aus dem Fenster und wagen eine Prognose dergestalt, dass Ian Nepomniachtchi diese Schlagzahl nicht wird halten können – schon legt Nepo sogar noch zu. Nach seinem Bulldozer-Sieg über Jan-Krzysztof Duda behauptet der Russe seinen Status als alleine Führender. Aber Fabiano Caruana bleibt ihm im Nacken. Ein starker, eher technischer Schwarzsieg über Alireza Firouzja führt dazu, dass sich die beiden Führenden jetzt ein wenig vom Feld abgesetzt haben.

Nepo oder Fabi?

■ Oder doch ein anderer? Nach 5 von 14 Runden nehmen wir unter die Lupe, was die Kandidaten bislang gezeigt haben – und trauen uns eine erste Prognose zu. Der Maschinen-Algorithmen-Einschätzung, Ian Nepomniachtchi sei jetzt 43-Prozent-Favorit, das Kandidatenturnier zu gewinnen, können wir partout nicht zustimmen.

Nach fünf Runden die erste sportliche Bestandsaufnahme. Wer wird WM-Herausforderer?

Kandidatenkaffee

■ Wer Schach spielt, kennt das vom Mannschaftskampf: Neben den Getränken steht die Kaffeekasse. Das ist in der Bodenseeliga so – und beim Kandidatenturnier auch, wie sich jetzt offenbart:

Der Aufenthaltsraum der Kandidaten mit Getränkeauswahl. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Nun führt dieses Setup zur Frage, woher die Kandidaten den Euro fürs Getränk nehmen sollen. Die Nakamura-Portemonnaie-Visitation hat ja offenbart, wie gründlich die Schiedsrichter die Spieler auf metallene Mitbringsel filzen. Ob die FIDE vor Turnierbeginn Plastikchips oder Wertbons verkauft hat, die den WM-Kandidaten während des laufenden Wettbewerbs ermöglichen, münzfrei Getränke zu erstehen?

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Die Klagen der WM-Kandidaten über die Qualität des in Thermoskannen bereitstehenden Kaffees waren bis an den Bodensee zu hören. Aus Madrid verlautete am ersten Ruhetag, dass die Veranstalter sich dieses Problems annehmen werden. Der Kandidatenkaffee solle nicht länger von Kantinen- sondern von Gourmetqualität sein, passend zum edlen Ambiente im Palast von Santona.

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Cris Nakamura? Und ist das wirklich ein dem Ambiente angemessenes Gefäß für Heißgetränke? Außerdem: Wegwerfbecher mit Plastikdeckel? Muss das wirklich sein? | via chess..com

Funktioniert hat das offenbar nicht. Es hat ja nicht nur Ian Nepomniachtchi seine Norisnickel-Thermoskanne mit seinem selbstgebrühten Heißgetränk in den Turniersaal geschmuggelt, auch Hikaru Nakamura meidet weiterhin das Buffet im Ruheraum. Stattdessen kauft er seinen Kaffee vor der Runde bei Starbucks. Bzw. lässt kaufen. Zum wiederholten Male erschien er jetzt mit einem Wegwerfbecher, auf dem der Name “Cris” prangte. Das lässt nicht nur Rückschlüsse auf Nakamuras Umweltbewusstsein zu, auch auf seine Begleitung beim Kandidatenturnier. Als Sekundant in Madrid hat Kristoffer “Kris” Littlejohn nicht nur die Aufgabe, an den Eröffnungen seines Chefs zu arbeiten. Offenbar ist er auch dafür zuständig, bei Starbucks Schlange zu stehen.

|| Runde 5, 22. Juni

Erst den König, Fabi!

■ Als Fabiano Caruana rochieren wollte, erst kurz, dann lang, aber beide Male aus Versehen zuerst den Turm anfasste.

Firouzja?

■ Es ist gerade das erste Drittel absolviert, für Prognosen ist es zu früh, aber eines lässt sich schon feststellen: Der kometenhafte Aufstieg von Alireza Firouzja des vergangenen Jahres gerät beim Kandidatenturnier ins Stocken. Nicht Magnus Carlsen, der den 19-Jährigen schon zum kommenden Herausforderer erhoben hat, scheint Recht zu behalten, sondern diejenigen, die feststellen, der Franzose sei noch lange nicht in der 2800-Liga etabliert (siehe dazu auch das Perlen-Interview mit Rustam Kasimdzhanov). Auf dem Saint-Louis-Kanal rätseln heute die Großmeister Alejandro Ramirez und Yasser Seirawan, was mit Firouzja los ist: Fast eine Stunde Bedenkzeit investiert, um eine Stellung zu erreichen, die Firouzjas Gegner Jan-Krzysztof Duda vor einem Jahr beim World Cup schon auf dem Brett hatte. Während Firouzja grübelt, zieht Duda a tempo, und Seirawan stellt fest: “Da stmmt irgendetwas nicht.” Allerdings glauben die Kommentatoren, dass Duda genauso verwirrt ist wie sie – und sich fragt, was auf der anderen Seite des Tisches vor sich geht.

Rise of Kingdoms statt Schach

■ Belagerungsmaschinen entwickeln, Bogenschützen trainieren, Alliierten helfen: Die russische Verteidigung oder die italienische Eröffnung interessieren den Nakamura-Helfer Benjamin Bok während der Partien zumindest phasenweise herzlich wenig. Der niederländische Großmeister ist Teil des wachsenden Teams, das Hikaru Nakamuras Millionenpublikum unterhält, während der Chef in Madrid Schach spielt. Und dieses Millionenpublikum entstammt zu einem wesentlichen Teil der Gaming-Szene. Also wendet sich Bok immer mal wieder vom Schach ab und anderen Spielen zu, “Rise of Kingdoms” zum Beispiel. Immerhin: Die Partie des Chefs in Madrid bleibt eingeblendet, während der Helfer um die virtuelle Weltherrschaft kämpft.

FIDE-Meister und Journalist Holger Schacht hat Benjamin Bok beim Ausflug zu anderen Spielen erwischt. Auf seinem Twitter-Account begleitet und beobachtet Schacht die nationale und internationale Twitch-Szene rund ums Kandidatenturnier.

Zeig’ her deine Scheine

■ Der Dresscode-Ermahnung der FIDE (siehe unten) ist Hikaru Nakamura nachgekommen: Er trägt jetzt ein herzlich unansehnliches blaues Sakko auf blauem Hemd. Aber mit ihm fertig ist die FIDE noch lange nicht. Jetzt muss er womöglich sein Portemonnaie wechseln, um sich nicht fortgesetzten Metalldetektor-Kontrollen ausgesetzt zu sehen. Am Brett (!) unmittelbar vor Beginn der Partie (!) ließ sich ein sogenannter Unparteiischer nicht abwimmeln, bis er nicht den Inhalt von Nakamuras Geldbörse im Detail geprüft hatte. Was Nakamura davon hält, war schon am Brett seinem Gesichtsausdruck anzusehen. Abends auf YouTube hat er dann noch einmal für sein privates Publikum den Inhalt seiner Geldbörse offenbart.

Anish Giri schaut dem Geschehen fassungslos zu – und flüchtet sich in Ironie: “Ich mag, was die FIDE macht”, schrieb Giri auf Twitter. “Der größte Botschafter unseres Spiels trägt jetzt schon ein wirklich cooles Blau-auf-Blau, verdammt stylisch. Jetzt muss er sich eine richtige Montblanc-Brieftasche mit echtem Bargeld anstelle von Plastikkarten kaufen. Weiter so!”

Die verbotene Thermoskanne

Für Sponsor Isal Scheinberg (ehemaliger Hauptanteilseigner von chess.com, der laut Faz seine Anteile an die General-Atlantic-Gruppe verkauft hat) gilt der Dresscode offenbar nicht. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

■ Während Nakamura wegen seiner Verstöße gegen die Dresscode- und Portemonnaie-Ordnung des Schach-Weltverbands mit einer Ermahnung davongekommen ist, hat sich Ian Nepomniachtchi sogar einen “Verweis” (laut FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky) eingehandelt. Es geht um Werbung und Russland. Schon am Samstag hatte Nepo eine Thermoskanne mit dem Logo seines Sponsors Nornickel an den Tisch geschmuggelt (siehe Bild). Nur darf dessen Logo nicht gezeigt werden – auch im Zusammenhang mit der FIDE-Politik, sich von russischen Sponsoren zu trennen, insbesondere solchen, die dem Kreml verbunden sind. Als Peter Heine Nielsen auf Nepos Logo-Verstoß aufmerksam machte, beteuerte sogleich Sutovsky, diese Thermoskanne mit diesem Logo gehe nicht, das werde geahndet.

Wenigstens die Stühle sind ordentlich angezogen: die spieltägliche Sakko-Parade auf den Hochlehnern. | via chess.com

Was allerdings niemandem aufgefallen war: Nepo geht, mutmaßlich seit Tagen, im Palast von Santona mit Nornickel-Logo ein und aus. Er trägt es nämlich auch auf dem Sakko. Bemerkt hat das wahrscheinlich niemand, weil die Spieler in der Madrider Sommerhitze ihre Sakkos über die Stühle hängen, sobald sie am Brett angekommen sind. Angesichts der spieltäglichen Sakko-Parade auf den Hochlehnern hat mancher Beobachter schon amüsiert angemerkt, dass in Wirklichkeit die Drehstühle der Kandidaten die einzigen im Spielsaal sind, die nicht latent gegen den FIDE-Dresscode verstoßen.

Zur fünften Runde wird Ian Nepomniachtchi als erster alleine Führender den Palast von Santona betreten. Ob er wieder sein Nornickel-Sakko tragen wird? | Foto: Stev Bonhage/FIDE

|| Runde 4, 21. Juni

Nepo zum Zweiten?

■ Stell dir vor, Nepo gewinnt schon wieder das Kandidatenturnier, aber Carlsen will nicht wieder gegen ihn spielen. Dieses Szenario ist jetzt wahrscheinlicher geworden. Mit einem Weißsieg über Alireza Firouzja, ein big point, setzt sich Ian Nepomniachtchi als erster alleine Führender an die Spitze des Feldes. HUGE win! Nachspieltipp, allein schon des hübschen Finishs wegen.

https://twitter.com/chesscom/status/1539280793939345408

Keymer zum Zweiten

■ Die gute Nachricht: Auf dem deutschen chess.com-Kanal kommentiert heute zum zweiten Mal Vincent Keymer. Die weniger gute: Der Ton ist etwa so bescheiden wie die Fotoauswahl fürs YouTube-Thumbnail. Es rauscht. Schon wieder!

Firouzja auf dem Teppich

Alireza Firouzja. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

■ Unnahbar, nicht zu erreichen, abgeschottet. Diese Beschreibung traf schon in den vergangenen Monaten auf Alireza Firouzja zu. Und in Madrid setzt sich das so fort. Ulrich Stock in der Zeit: “Hamidreza Firouzja tritt als Patriarch, Manager und Anwalt seines talentierten Sohnes auf. Alireza ist das Kapital der aus dem Iran nach Frankreich emigrierten Familie. Es will behütet sein. El País weiß zu berichten, dass Vater Firouzja vor Turnierbeginn die Organisatoren nach der Lage der Toiletten und der Beschaffenheit des Teppichs im Spielsaal gefragt hat.” Falls die FIDE Vater Firouzja zugesagt hat, der Teppich (und die darunter ausgelegte Pappe) werde dick genug sein, das Knarzen der alten Dielen zu schlucken, dann stellt sich jetzt heraus, dass das nicht stimmt. Trotz aller Mühe, eine Isolierung einzubauen: Wer im Spielsaal hin- und herläuft, der verursacht ein Knarzen. Was Familie Firouzja dazu sagt, ist nicht bekannt.

Die nächsten Covid-Fälle

■ Nachdem der Norweger Jon-Ludvig Hammer bei chess.com wegen einer Covid-Infektion als Moderator ausgefallen ist, hat es nach einer Mitteilung von chesstech jetzt zwei Mitglieder des Organisationsteams erwischt. Auch sie stehen jetzt unter Quarantäne, es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Je mehr Leute sich infizieren, desto mehr kommt die Frage auf: Was passiert, wenn ein Spieler sich den Covid einfängt? Die Antwort finden wir bei der FIDE: DIe Konsequenzen hängen von den Symptomen ab. Wird einer der Kandidaten so krank, dass er nicht spielen kann, scheidet er aus. Bleibt er symptomfrei, bleibt er im Turnier – und absolviert seine Partien so lange in einem separaten Raum, bis ein Test negativ ausfällt. Was passiert, wenn der Gegner sich weigert, separat gegen einen Infizierten zu spielen, steht bei der FIDE nicht.

|| Ruhetag, 20. Juni

Kandidaten in der Klimakrise

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Klimaanlagen für die Kandidaten. | Foto via ChessTech

■ Als vor 500 Jahren im Herzen Madrids der Palast von Santona entstand, hat niemand eine Klimaanlage eingeplant. Und als das Gebäude vor 300 Jahren renoviert wurde, ging es in erster Linie darum, diesen Traum aus Marmor und Mahagoni möglichst pompös aussehen zu lassen. Wie heiß es denjenigen wird, die sich darin aufhalten, spielte keine Rolle (es war allerdings noch nicht abzusehen, dass drei Jahrhunderte Jahre später die Menschen ihren einzigen Planeten bis zur Unbewohnbarkeit aufheizen). Heute jedenfalls, Temperatur in Madrid: etwa 40 Grad, müssen die Mitarbeiter der im Palast beheimateten Handelskammer hoffen, dass ihnen niemand denselben Dresscode aufzwingt wie den temporär im Palast beheimateten Schacharbeitern (siehe Beitrag unter diesem). Obwohl nicht im Bild, erahnen wir die neidischen Blicke aus den Handelskammer-Fenstern, als jetzt am Palast eine Lieferung für das 80 Quadratmeter große, fensterlose Schachbüro im ersten Stock eintraf. Drei Klimaanlagen sollen sicherstellen, dass kein WM-Kandidat in Shorts und T-Shirt zur mehrstündigen Kalkuliertätigkeit antritt.

Dresscode im Hochsommer

■ “Die wollen, dass wir aussehen wie die Leute in der IBM-Zentrale in den 1970ern!”

Hikaru Nakamura, in Jeans und Hemd zur Partie erschienen, erreichte nach erfolgreich absolviertem Abwehrkampf gegen Alireza Firouzja eine Ermahnung des Schach-Weltverbands FIDE: Er möge bitte den Dresscorde einhalten. Nakamura antwortete schriftlich, mutmaßlich in wenig freundlichem Ton. Als er danach sein tägliches Video zur Partie aufgenommen hatte, war des Großmeisters Ärger über die Schlips- und Kragen-Politik noch nicht verraucht. Auf Twitter beklagte er sich darüber, dass ihn die FIDE mit derlei Trivialitäten von der Arbeit abhält:

|| Runde 3, 19. Juni

61 Minuten! Für einen Zug!

■ Was Alireza Firouzja zwischen 18.30 und 19.30 Uhr gemacht hat? Nachgedacht.

Die Schlacht zwischen dem iranischen Franzosen und dem US-Amerikaner Hikaru Nakamura war nicht nur die fesselndste des Spieltags, sie war diejenige mit den größten Ungleichgewichten auf der Uhr. Anfangs war Nakamura in tiefe Eröffnungsvorbereitung Firouzjas geraten. Er musste viel Zeit investieren, um die Partie in der Waage zu halten. Als Nakamura seinen 20. Zug ausführte, waren ihm 30 Minuten für die nächsten 20 geblieben. Bei Firouzja stand derweil ein Vorrat von mehr als 110 Minuten zu Buche. Aber die sollte er brauchen. Nakamura schaffte die Zeitkontrolle und offenbarte mit 41…c3 seine Idee, wie er die Partie trotz der weit vorgerückten weißen Freibauern halten will: Auf dem Damenflügel soll nur der weiße a-Bauer bleiben, sodass sich am Königsflügel der schwarze Springer gegen das weiße Bauernduo opfern kann, und die Stellung würde trotzdem remis sein. 61 Minuten tauchte nun Firouzja ab, bevor er 42.bxc3 spielte. Etwas eingefallen, mit dem sich das schwarze Verteidigungskonzept knacken ließe, war ihm nicht.

Keymer kommentiert

■ Auf dem deutschen chess.com-Kanal kommentiert heute Prag-Sieger Vincent Keymer an der Seite von Steve Berger.

Hochinstruktiv, aber von einem fiesen Rauschen überdeckt. Vincent Keymer ist auch als Kommentator Extraklasse, der Ton auf dem deutschen chess.com-Kanal ist es nicht.

Der erste Covid-Fall

■ Wer gedacht hatte, dieses Kandidatenturnier bleibe vom Coronavirus verschont, weiß es jetzt besser. Jon-Ludvig Hammer, norwegischer Großmeister und Carlsen-Intimus, der für chess.com kommentiert, musste während der zweiten Runde seinen Auftritt im Stream abbrechen. Von einem Schnitt zum nächsten war er plötzlich nicht mehr zu sehen. Den Live-Zuschauern hat chess.com-Chef Daniel Rensch das plötzliche Verschwinden nicht erklärt, aber im Lauf der Nacht eine Erklärung veröffentlicht. Bei chess.com gilt jetzt: bis auf Weiteres nur noch mit Maske.

Ding Liren in der Holzklasse

■ Beim Kandidatenturnier 20/21 in Jekaterinburg meinten es die Ausrichter zu gut mit den Spielerpopos. Die grün-golden-ledernen Wuchtbrummen, auf die sich die Großmeister setzen sollten, waren schlicht zu bequem. Bis auf Maxime Vachier-Lagrave tauschten alle WM-Kandidaten im Lauf des Wettbewerbs ihr Sitzmöbel.

2022 in Madrid stehen acht ansehnliche, aber keinesfalls überkandidelte Drehstühle bereit. Ding Liren findet das immer noch zu bequem. Er hat seinen Stuhl als Ursache für die überraschende Erstrundenniederlage identifiziert. Für die zweite Runde ließ er sich ein einfaches, moderat gepolstertes Holzmodell bringen. Und siehe da: Mit den schwarzen Steinen war der Chinese drauf und dran, Jan Krzysztof Duda den ganzen Punkt abzunehmen.

Stuhl getauscht: Ding Liren in der ersten (links) und der zweiten Runde. | Fotos: Stev Bonhage/FIDE

Wo ist die Maus?

■ Der lustigste Clip des Turniers ist womöglich schon in der zweiten Runde entstanden. Hikaru Nakamura hat sich an die ungewohnten Umstände in Madrid (Schach am Brett!) offenbar noch nicht gewöhnt. Ob er einen Zug ausführen oder für die Zuschauer Pfeile einzeichen wollte, ist nicht überliefert. Sicher ist: Nakamura suchte die Maus. Vergebens.

Im Hotelzimmer nach der Partie war er dann in seinem Element. Nakamura ist der erste Schachspieler in der bald 150-jährigen WM-Geschichte, der das Geschehen direkt nach der Partie für die Zuschauer aus seiner Sicht aufbereitet. Boah, denkt der schnell!

Stock und Löffler, Helden der Bezahlschranke

Umfassend recherchiert, voller Hintergründe und zu Recht hinter der Bezahlschranke: Das ganz große Nakamura-Gedeck an diesem Wochenende bei der FAZ.

■ Warum der Deutsche Schachbund die einzige Schachseite ignoriert, die mit Begeisterung seine Kaderspieler begleitet, hat DSB-Öffentlichkeitsarbeiter Paul Meyer-Dunker unlängst auf Twitter erklärt: Dem DSB passt die (schach)politische Ausrichtung der “Perlen vom Bodensee” nicht. Der Deutsche Fußballbund verbreite ja auch keine Texte der taz, und wenn das systemkritische Blatt noch so begeistert über Fußball schreibe, so Meyer-Dunkers Analogie. Lassen wir das mal so stehen – und erfreuen uns derweil an der unvermindert steigenden Zahl von Multiplikatoren, die sich am Bodensee am besten über Schach informiert fühlen. Nach dem Sportradio Deutschland, wo Moderator Oliver Faßnacht ab sofort wöchentlich mit Perlen-Hilfe durchs Schachgeschehen führt, hat jetzt Deutschlands bester Schachschreiber anlässlich des Kandidatenturniers auf Perlen-Inhalte zurückgegriffen.

Ulrich Stock führt seine Leser auf einer digitalen Sonderseite der “Zeit” durchs Kandidatenturnier und zu den besten Info-Quellen (danke für den Link!) – nur die zahlenden Leser allerdings. Stock schreibt hinter der Bezahlschranke. Selbiges gilt für den anderen besten deutschen Schachschreiber Stefan Löffler. Der hat, ein schwerer Schlag für die Sichtbarkeit unseres Sports, aufgehört, die Schachsparte bei der Deutschen Presseagentur zu betreuen, ist aber weiterhin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig. Dort serviert er zahlenden Lesern an diesem Wochenende das ganz große Nakamura-Gedeck. Ob nun Stock oder Löffler, das (Probe-)Abo lohnt sich für die Lektüre derart hochwertiger Inhalte. Gratis für die Lesenden (aber Spende erwünscht!) und frei von Systemkritik schreibt derweil die taz in ihrer Kolumne “Helden der Bewegung” übers Kandidatenturnier, getragen einzig von der Begeisterung dafür, endlich wieder Ian Nepomniachtchi am Brett zu sehen.

|| Runde 2, 18. Juni

Schach im Radio: Wer spielt da und worum geht’s eigentlich?

■ Kandidatenturnier – die WM-Vorstufe. Das interessiert auch Medien, bei denen Schach ansonsten selten eine Rolle spielt. Das Sportradio Deutschland mit seinem Moderator Oliver Faßnacht zum Beispiel spielt jetzt die Denksportkarte. An jedem Wochenende führt Faßnacht in seiner Sendung “All in” die Zuhörer durchs nationale und internationale Sportgeschehen. Heute hat er mit seinem Gast, dem Schreiber dieser Zeilen, zum ersten Mal den Stand der Dinge beim Kandidatenturnier beleuchtet:

Dieses erste Gespräch war nur der Auftakt. Für die Dauer des Kandidatenturniers werden wir jeweils samstags ab 9.33 Uhr auf Sportradio Deutschland eine halbe Stunde über Schach sprechen.

Die Quoten schwanken

■ Bereits die Ergebnisse der ersten Runde haben die Wettquoten bei den Buchmachern durcheinandergewirbel. Vor Beginn des Turniers galten Fabiano Caruana und Ding Liren beinahe in gleichem Maße als Favoriten. Nach einem Vierzehntel des Wettbewerbs sieht das aus Wettbürosicht schon ganz anders aus: Jetzt liegt Caruana einsam vorne, Ding ist “abgeschmiert”. Das berichtet der Journalist und FIDE-Meister Holger Schacht in seinem Blog.

Drama! (Und eine Ungehörigkeit?)

■ Schon zur zweiten Runde das erste Drama: Hat Hikaru Nakamura von für einen guten Zweck gedachten Spenden profitiert, ohne es publik zu machen? Der kanadische Großmeister Eric Hansen suggerierte das – und bekannte sich schuldig, es eine zeitlang ebenso gehalten zu haben.

Chessable-Chef Geert van der Veelde, als PlayMagnus-Mann eher Oppositioneller als Hikaru-Fan, bohrte sogleich ein wenig weiter in der Wunde:

|| Runde 1, 17. Juni

“Warum er nicht nimmt? Ich verstehe es nicht.”

■ Schachvideos gibt es wie Sand am Meer, das gilt auch fürs Kandidatenturnier mit seinen diversen Livestreams und nachträglichen Analysen. Was fehlt und zunehmend rar wird, sind geschriebene Partiekommentare zum Nachspielen. Aber, eine exzellente Nachricht für Zuschauer, chess.com veröffentlicht wieder eine kommentierte Partie des Tages. Dafür hat das weltgrößte Schachportal keinen Geringeren als US-Großmeister Samuel Shankland gewonnen (Sam Shankland im Interview). Shankland glänzt gleich in der ersten Runde mit seinen instruktiven, ausführlichen Anmerkungen zum Gefecht Ding vs. Nepo. Am Bodensee freuen wir uns schon auf 13 weitere von Shankland kommentierte Partien.

Nepos Bäuchlein

■ Vor dem WM-Match gegen Magnus Carlsen hatte sich Ian Nepomniachtchi einem strikten Fitness-Regiment unterworfen – mit dem bekannten Ergebnis. Zum Kandidatenturnier 2022 sieht Nepo wieder gewohnt moppelig aus. Vielleicht fühlt er sich so komfortabler? In der ersten Partie jedenfalls hatte es den Anschein, als fühle er sich in seinem Element. Schwarzsieg über Ding Liren! Ob das so weitergeht? Es liegt ja der Verdacht nahe, dass das Bäuchlein und die mangelnde Kondition, der Hang zum Einbrechen in der zweiten Turnierhälfte, bei Nepo zusammenhängen.

Ian Nepomniachtchi trägt wieder Bäuchlein. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Supergroßmeister-Sammeltaxi

■ Für Schachverhältnisse ist das Preisgeld beim Kandidatenturnier üppig: 500.000 Dollar wollen unter den acht WM-Kandidaten verteilt werden. Eine Taxifahrt sollte also für jeden drin sein. Die Schachfreunde Teimour Radjabov, Richard Rapport und Ding Liren haben sich trotzdem ein Taxi geteilt. Die drei logieren im “Principal Hotel” im Herzen Madrids (5 Sterne, Einzelzimmer 300 Euro/Nacht), acht Taximinuten vom Spielpalast entfernt. In der Annahme, dass die Ausrichter für die Übernachtung zahlen, wird es nicht die Sparsamkeit gewesen sein, die die drei Supergroßmeister dazu bewogen hat, ein Sammeltaxi zu rufen. Eher sieht es aus, als gehe es bei aller sportlichen Konkurrenz unter den Teilnehmern freundschaftlich zu. Außerdem: Geile Sonnenbrillen!

https://twitter.com/chesscom/status/1537788522484187137

|| Was zuvor geschah

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Kurt Zoht
Kurt Zoht
5 Monate zuvor

Danke u.a. für den Hinweis auf den Stream mit Keymer. Wirklich erstaunlich wie eloquent, kenntnisreich und allgemeinverständlich er auch als Kommentator auftritt.

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor

Ein WM-Turnier gab es ja auch 2007 – oder zählt das für Cnrad Schormann nicht, da der Sieger Anand danach noch ein Match gegen Kramnik spielte für endgültige Rückkehr zum Matchformat? Davor gab es ja auch das “Wiedervereinigungsmatch” Kramnik-Topalov. Und 1948 gab es auch ein WM-Turnier, da der Titel nach Aljechins Tod vakant war – anderes Format: fün Spieler fünfrundig. Bei Rapport-Nepo schienen ja beide vorbereitet, Rapport spielte flott das seltene 9.Db3 und die Neuerung 10.Lxe4. Ging seine Vorbereitung etwa tatsächlich nur bis zum “Qualitätsgewinn” 14.Dxa8, und 14.-Lh3 mit objektiv Remis durch Dauerschach kannte er nicht? Laut Interview rechnete er… Weiterlesen »

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Ingo Althöfer
Ingo Althöfer
5 Monate zuvor

Zu dem Foto mit den sieben Jackets: richtig ansehnlich finde ich die alle nicht. Wäre doch bloß ein Hermann-Löns-Typ im Spielerfeld. Dessen weiße Anzüge waren immer ein Hingucker.