Mit Giri, mit Esipenko, ohne Firouzja

Anish Giri bei einem neuen Verein, Andrey Esipenko neu in der Liga. Das sind zwei der großen Namen, die bei einer Durchsicht der Bundesliga-Kader der kommenden Saison auffallen. Ein dritter fällt auf – weil er fehlt: Alireza Firouzja hat sich aus dem Kader des Bundesliga-Aufsteigers Münchener SC 1836 verabschiedet. Ein kurzer Flirt mit der OSG Baden-Baden führte nicht dazu, dass der iranische Franzose nun den Rekordmeister verstärkt.

Den mit Abstand stärksten Kader unterhält der Titelverteidiger trotzdem. Nachdem Wolfgang Grenke sowie Sven Noppes die Grenke AG verlassen hatten, war die Frage aufgekommen, ob und wie es nun weitergeht mit dem Schach-Engagement des Leasing-Konzerns. OSG-Vorsitzender Patrick Bittner kündigte daraufhin an, seine Edelriege noch zu verstärken und zu verjüngen.

Anish Giri (l.) bei einem neuen Verein, Andrey Esipenko (r.) neu in der Liga, Alireza Firouzja trotz Flirts mit Baden-Baden nicht dabei. | Fotos: FIDE(2)/Norway Chess

Dafür wäre die neue Nummer zwei der Welt der ideale Kandidat gewesen. Bittner bestätigt auf Anfrage, dass es kurz vor Ende der Meldefrist Kontakt mit Firouzja gab. „Zu kurzfristig“ sei das gewesen. Aber für kommende Jahre will Bittner nicht ausschließen, den 18-jährigen WM-Kandidaten zum Teil der Truppe zu machen.

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Ein solcher ist jetzt Anish Giri, der als unter 30-jähriger WM-Kandidat ebenfalls ins Baden-Badener Beuteschema passt. Seit 2015 für die SG Solingen gemeldet, hat Giri sei Jahren nicht in der Bundesliga gespielt. Das wird sich nun aller Voraussicht nach ändern. „Giri wird spielen“, sagt Bittner.

Zwei weitere Neuzugänge stehen auf der Liste: Alexander Donchenko und Georg Meier, bislang im Team der SF Deizisau, wechseln vom einem Grenke-Team zum anderen. Bei Donchenko hängt das mit seiner schachlichen Ambition zusammen. In Baden-Baden wird er sich an jedem Spieltag in einem Team mit und umgeben von Weltklassespielern wiederfinden. Der Gießener hofft, davon zu profitieren. Bei Georg Meier haben laut Bittner praktische Gründe den Wechsel ausgelöst. Der großmeisterliche Mitarbeiter der Grenke AG wohnt in unmittelbarer Nähe des Baden-Badener Spiellokals.

Die einstigen Deizisauer Georg Meier (l.) und Alexander Donchenko sind jetzt Mannschaftskameraden in Baden-Baden. | Foto: Arne Jachmann/DSB

Wer soll die Baden-Badener schlagen? Diese Frage wird auch über der kommenden Saison stehen. Zuletzt war der SV Hockenheim drauf und dran, den Serienmeister zu stürzen, aber die Hockenheimer haben sich nun aus der Liga zurückgezogen. Gleichwohl offenbart die Meldeliste den einen oder anderen Kandidaten, der dem Platzhirsch an einem guten Tag zusetzen kann.

Mit einem bemerkenswerten Kader geht der SK Doppelbauer Turm Kiel in die kommende Saison. Das erste Kieler Brett verwaltet Andrey Esipenko, Elo 2714. Um den kommenden Mann des russischen Schachs ist international gerade eine Debatte entbrannt, weil dessen Förderer finden, er hätte einen Freiplatz für den Grand Prix und damit eine Chance aufs Kandidatenturnier 2022 bekommen müssen.

In Kiel dürfte um Esipenko keine Debatte entbrennen. Wenn er denn spielt, ist es egal, welche Geschütze andere Mannschaften auffahren. Esipenko wird mindestens auf Augenhöhe sein. Am dritten Brett der Kieler sehen wir Anton Demchenko, den amtierenden Europameister, und am vierten mit Hans Moke Niemann einen der potenziell kommenden Leute des US-amerikanischen Schachs, außerdem einen Social-Media-Star des Schachs.

https://youtu.be/mVyF4QkNaLY
Der Neu-Kieler Hans Moke Niemann und sein ganz heißer Kandidat auf den “Schwindel des Jahres 2022”.

Bis zu 10.000 Dollar monatlich hat Niemann laut CNN mit seinem Twitch-Kanal verdient – und es hätte mehr sein können. Aber Niemann hat jetzt ein für Schachverhältnisse gigantisches Sponsorenangebot abgelehnt, das ihm eine mehr als komfortable Existenz als Online-Schachspieler gesichert hätte. Nicht am Bildschirm, am Brett will Niemann so gut werden, wie es eben geht. Und so hat er die Maus beseite gelegt und sich Ende 2021 auf Turnierreise rund um den Globus begeben.

Die Reihe der bemerkenswerten Leute im Kieler Kader geht weiter. Am achten Brett gemeldet ist Jonas Buhl Bjerre, die mit Abstand größte Hoffnung des dänischen Schachs. Weiter unten, an 13, sehen wir mit dem Polen Pawel Teclaf (Elo 2542) den mutmaßlich stärksten IM der Welt – und den bekanntesten: Als Teclaf jetzt bei er Blitz-WM vor laufender Kamera vom Stuhl fiel, ging bald der Videoclip dieses Missgeschicks um die Welt. Der polnische Nationalspieler nahm es mit Humor: „Sieht aus, als sei ich jetzt berühmt.“

https://twitter.com/TarjeiJS/status/1476472700419940355

Nicht chancenlos sollten auch der SC Viernheim sein, der in der vergangenen Saison bis kurz vor Schluss den Baden-Badenern und Hockenheimern im Nacken saß. Viernheim geht mit einer kaum veränderten Mannschaft in die neue Saison, einmal mehr angeführt vom aserbaidschanischen Weltklassespieler Shakhriyar Mamedyarov.

Drauf und dran, Baden-Baden mindestens einen Punkt abzunehmen, war 2021 bei der Endrunde in Berlin der spätere Vizemeister SF Deizisau. Das „Konzept“ (laut Sven Noppes), in Deizisau vor allem deutsche Spieler zu beschäftigen, gilt nach dem Wechsel von Donchenko und Meier offenbar nicht mehr.

Aber die erste Mannschaft der SF Deizisau erfüllt jetzt für den herausragenden deutschen Spieler eine wichtige Funktion: An zwei (hinter Peter Leko) gemeldet, ist sichergestellt, dass Vincent Keymer im Lauf der kommenden Saison Gegner vorgesetzt bekommt, an denen er wachsen kann. Selbiges gilt für Matthias Blübaum an drei. Erstaunlich vor diesem Hintergrund: Der im Höhenflug befindliche, angehende Nationalspieler Dmitrij Kollars, unlängst Co-Sieger in Sitges mit Schnellschach-Weltmeister Abdusattorov, muss mit Position sieben im Deizisauer Kader Vorlieb nehmen.

Düsseldorfer Legendentrio

Den Zuschauerpreis in der Schachbundesliga verdient sich Jahr für Jahr der Hamburger SK, dessen erste Mannschaft bislang die einzige unter den 16 Bundesligisten war, deren Spieler nach außen wahrnehmbare Begeisterung und Anteilnahme im Verein auslösen. Sportlich werden die Hamburger voraussichtlich mit einem Platz im Mittelfeld Vorlieb nehmen müssen. Der Kader enthält neben dem Zugang von GM Gabor Papp eine bemerkenswerte Personalie: U16-Weltmeister Frederik Svane ist jetzt Bundesligaspieler – an der Seite seines Bruders Rasmus.

Wie sich der Neu-Hamburger und Neu-IM Frederik Svane die erste GM-Norm sicherte.

Leute, die nicht nur an Spieltagen gerne Schach verfolgen, müssen sich nicht länger auf Hamburg fokussieren. Die Bundesliga hält zwei weitere spannende Neuzugänge bereit, die Aufsteiger Düsseldorfer SK und Münchener SC 1836, die ihre Spieler in den Sozialen Medien durchs Jahr begleiten und sie dem Publikum vorstellen. Und was für Spieler! Mit den Großmeistern Jan Timman (70), Ulf Andersson (70) und Anatoly Vaisser (72) bereichern die Düsseldorfer die Liga um ein Trio lebender Legenden des Sports.

Noch mehr als der Düsseldorfer sei der Twitter-Account der (auf ihrer Homepage arg gestrigen) Münchner empfohlen, die in der zurückliegenden Zweitligasaison auf zwei Stützen der iranischen Nationalmannschaft zurückgreifen konnten. Amin Tabatabaei ist erhalten geblieben, statt WM-Kandidat Alireza Firouzja spielt nun Parham Maghsoodloo. Firouzja war nicht zu halten. Die Gespräche seien mühsam gewesen, letztlich sei die Zeit davongelaufen, und der Neu-Franzose habe bekundet, nicht mehr für München spielen zu wollen, berichtet SC-Vorsitzender Michael Reiss auf Anfrage.

Der lokale Konkurrent des ältesten Sportvereins Bayerns repräsentiert die größte Marke unter den Bundesligisten: der FC Bayern München, einer von zwei Vereinen aus der Liga, die Leute kennen, ohne sich je mit der Schachbundesliga beschäftigt zu haben. Der FC Bayern sei seiner „Linie treu geblieben, die Mannschaft mit tendenziell jüngeren Spielern zu verstärken, die auch persönlich gut ins Team passen“, sagt Bayern-Schach-Chef Jörg Wengler auf Anfrage.

https://youtu.be/FlgQvENes1Q
Ob den Bayern ein neuerlicher Sieg über Baden-Baden gelingt? Nominell betrachtet, ist das sehr unwahrscheinlich, aber das war es in der vergangenen Saison auch.

Diese Linie gibt den Bayern-Schachspielern jetzt einen spanischen Touch: Tegernsee-Sieger Jaime Santos Latasa, Miguel Santos Ruiz sowie Alvar Alonso Rosell bilden das spanische Trio im der Bayern-Mannschaft, die wie im Vorjahr von Niclas Huschenbeth angeführt wird.

Der SV Werder Bremen ist der zweite Schachbundesligist, dessen Vereinsname nicht nur Fachleuten bekannt ist. Wie die Bayern gehen die Bremer mit einem kaum veränderten Kader in die neue Saison – und mit einem Vorsatz: Die jungen Leute sollen nicht die Meldeliste auffüllen, sondern spielen.

Jari Reuker und Collin Colbow können auf weitere Bundesligaeinsätze im Werder-Dress spekulieren – und Lara Schulze auf ihre ersten. Die junge Neu-Bremerin wird neben Josephine Heinemann (Viernheim) die zweite Frau sein, die in der kommenden Saison in der Männergesellschaft Schachbundesliga mitmischt. (Elisabeth Pähtz ist zur unterklassigen SV Sterkrade-Nord gewechselt.)

Europameisterin ist sie schon, hier kommentiert Lara Schulze exklusiv für die Perlen eine Partie aus der Europameisterschaft. In diesem Jahr wird Lara Schulze Bundesligaspielerin werden.
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von und aus dem Walde
von und aus dem Walde
5 Monate zuvor

Mal etwas Statistik: Von 345 gemeldeten Spielern haben 159 (45%) GER in der Spalte Nation stehen. Unter den ersten Acht im Kader sind es nur noch 26 Deutsche (20,6%). Deutsche U20 Spieler (m+w, Jahrgang 2002 und jünger) sind es 27. Davon kann man aber getrost eine Handvoll abziehen, die nie eine realistische Einsatzchance haben. Schachspielerinnen sind es insgesamt 6, davon immerhin 4 U20. Mannschaften mit den wenigsten deutschen Spielern im Kader sind München 36 (4), Kiel und Baden-Baden (jeweils 5). Die meisten deutschen Spieler meldeten Tegel (19), Dresden (16) und Aachen (13). Viel geändert hat sich durch das Lippenbekenntnis “Förderung… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor

Man kann dabei für den Münchener SC erwähnen, dass die beiden Jugendbretter Patrik-Robert Maruntis (Rumäne) und Maria Tsakona (Griechin) in München und Umgebung wohnen – ob sie dann eingesetzt werden, ist ein anderes Thema. Und auch drei Österreicher im Kader (Neuzugang Domink Horvath U20) kann man vielleicht ebenso “akzeptieren” wie aus Berlin oder Hamburg “importierte” Spieler.

Kommentator
Kommentator
5 Monate zuvor

“Schachspielerinnen sind es insgesamt 6”. Nichts für ungut, aber ich zähle 10 (davon 5 U20), nämlich je zwei bei Düsseldorf (Inna Agrest, Eva Rudolph) und Viernheim (Josefine Heinemann und Annmarie Mütsch) und je eine bei Baden-Baden (Hou Yifan), Bremen (Lara Schulze), Dresden (Filiz Osmanodja), Deizisau (Vesna Misanovic), Solingen (Luisa Bashylina) und München 1836 (Maria Tsakona).

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Die Frage ist natürlich, wer auch spielt. Speziell die Jugendbretter werden bei vielen Vereinen wohl gemeldet damit man zwei zusätzliche Spieler hat, die man im Notfall – aber nur dann – einsetzen kann. Bild der letzten Saison dabei: Werder Bremen hat junge deutsche Spieler regelmäßig eingesetzt. Das galt erst recht für Kiel: 11+9 Partien für Ashot Parvanyan und Jakob Leon Pajeken. Vorne haben sie natürlich eine bunt gemischte “bemerkenswerte” Truppe – auch der einzige Deutsche Igor Khenkin hat schon für diverse andere Vereine gespielt und ist keinesfalls Kieler. Josefine Heinemann spielte dagegen letzte Saison zwei Partien für Viernheim, Annmarie Mütsch… Weiterlesen »

Schachus
Schachus
5 Monate zuvor
Reply to  Thomas Richter

da haben Sie in einem Fall nicht richtig nachgezählt, Annmarie Mütsch spielte drei Partien

von und aus dem Walde
von und aus dem Walde
5 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Ich beziehe mich in meinem Beitrag ausdrücklich auf deutsche Spieler und Spielerinnen. Bei den Schachspielerinnen habe ich es nicht extra noch einmal dazu geschrieben. Sie haben recht es gibt mehr als 6, wenn man die Spielerinnen anderer Nationen mitzählt.Unter deutscher Flagge sind es:Luisa Bashylina, Josefine Heinemann, Annmarie Mütsch, Eva Rudolph, Lara Schulze, Filiz Osmanodja.

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor

Maghsoodloo war letzte Saison nicht im Zweitliga-Kader des Münchener SC, erst nun übernimmt er Brett 2 von Firouzja (Spitzenbrett weiterhin Gawain Jones). Der erste deutsche Spieler ist Maximilian Berchtenbreiter, an 10 gemeldet. Was genau sind eigentlich nun die “Teilnahmevoraussetzungen”, Stichpunkt “Förderung in Deutschland ausgebildeter Talente”? In einem Artikel auf der Bundesliga-Homepage (Autor Conrad Schormann) steht (lediglich), dass sie mit 21-12 Stimmen bei 3 Enthaltungen beschlossen wurden. Wer die bei 16 Vereinen 36 Abstimmenden waren würde mich interessieren, der Inhalt würde mich auch interessieren. Reicht es, solche Spieler zu melden (bei Baden-Baden wäre der erste Brett 13 Donchenko), oder müssen sie… Weiterlesen »

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
5 Monate zuvor

Naja für den normal sterblichen insider sind die Namen der internationalen Schachszene kaum geläufig, also weiterhin uninteressant für Otto-Normalschachspieler.
Und wenn selbst Schachspieler wie Otto-Normalo sich nicht mehr für den “deutschen” Spitzensport und Mannschaftsmeisterschaft interessiert, wie soll sich die breite Öffentlichkeit interessieren.
Von unseren 595 Bezirksmitgliedern kenn ich mindestens 450-500 persönlich.
Man kann weiter feststellen es gibt wieder einen Deutschen-Mannschaftsmeister ohne deutsche Beteiligung.
Das neue Leitbild der 1.Bundesliga hat eh kaum einer von der Basis ernst genommen in Bezug auf Förderung.