In Sitges im Rampenlicht

Vor dem 19. Zug seiner Weißpartie gegen Matthias Dann stand Dmitrij Kollars vor der Qual der Wahl (siehe Diagramm). Auf a7 einen Bauern schlagen (mit Schach!) und den schwarzen König seines Schutzwalls berauben? Auf d6 einen Oktopus einpflanzen (mit Schach!), auf dass er die Koordination des Schwarzen behindert? Schwierig? Ja, für uns Normalsterbliche durchaus. Großmeister Kollars traf mit leichter Hand die richtige, beste und obendrein äußerst instruktive Entscheidung (siehe Video) und fuhr zügig einen schnellen Sieg ein, einen von sechs beim Sunway-Schachfestival in Sitges.

https://youtu.be/Xu0ReNM-L_w

Fünf Tage danach, am Abend des Donnerstags, 23. Dezember, war Dmitrij Kollars ganz nah dran, sich vorzeitig das perfekte Weihnachtsgeschenk zu machen. Mit 8 Punkten aus 10 Partien hatte der 22-Jährige aus Bremen (der in der Bundesliga für die SF Deizisau spielt) den geteilten ersten Platz in Katalonien belegt. Nun galt es, im Blitz-Stechen gegen die anderen drei Erstplatzierten auszuwürfeln, wer als Turniersieger in die Annalen des Sunway-Festivals eingeht. Kollars kam ins Finale, verlor dort aber das Mini-Match gegen den usbekischen Wunderknaben Nodirbek Abdusattorov mit 0,5:1,5.

Stechen in Sitges: Nach einen zehnrundigen Turnier absolvierten die Erstplatzierten unter freiem Himmel ein mehrstündiges Play-off, an dessen Ende sich im Finale Nodirbek Abdusattorov und Dmitrij Kollars gegenübersaßen. | Foto via Sunway Sitges

Auch den zweiten Platz darf Kollars als Riesenerfolg werten. Die zehn Turnierpartien hat der angehende Nationalspieler mit einer Performance jenseits der 2700 absolviert. Zu einem schönen vierstelligen Preisgeld kommt ein Elo-Gewinn von knapp 13 Punkten. Damit sitzt Kollars jetzt den in der deutschen Rangliste noch ganz knapp vor ihm platzierten Schachfreunden Svane, Donchenko und Blübaum im Nacken.

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Kollars’ beste Partie in Sitges war wahrscheinlich dieses taktische Feuerwerk gegen den großmeisterlichen belgischen Wunderknaben Daniel Dardha (16):

Kollars war nicht der einzige erfolgreiche Vertreter der deutschen Delegation in Katalonien. An dieser Stelle muss zuerst IM Matthias Dann von der OSG Baden-Baden genannt werden.

Zuerst hatten wir sogar Glück... - Schachfreunde Berlin
Matthias Dann. | Foto: GrenkeChess

Mit einem sehenswerten Schlussrundensieg über GM Alexander Fier (Elo 2572) katapultierte sich der 30-Jährige auf 7,5 Punkte und Platz elf unter 280 Teilnehmern.

Fiona Sieber konnte ihre zu Beginn vorgelegte Schlagzahl nicht ganz halten. Ihre beste Partie war dieser schlau herausgespielte Schwarzsieg über die nominell favorisierte Deysi Cori:

Immerhin, sechs Punkte bei einer 2350-Performance bescheren der auf unter 2250 gefallenen Sieber ein kleines Eloplus und geben Anlass zur Hoffnung, dass es nun wieder aufwärts geht.

In die andere Richtung ist die deutsche Nummer zwei Josefine Heinemann unterwegs. Ihre Ambition war nicht zuletzt in der Partie gegen den nominellen Turnierfavoriten Anton Korobov nicht zu übersehen…

https://youtu.be/StZRTI8-0KA

…abr letztlich repräsentieren ihre sechs Punkte eine 2264-Performance und ein weiteres eher mäßiges Turnier in der Vorweihnachtszeit.

Das Sunway-Schachfestival im Perlen-Thread.

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Peter der 2.
6 Monate zuvor

Ja,
Gratulation an Dmitrij!

Sehr gutes Turnier und superspannendes Finale, welches ich auf twitch mit verfolgt habe. In der letzten Blitzpartie haben beide Kontrahenten alles gezeigt und sich beiderseits keine Fehler erlaubt.
Klar ist Dmitrij auf dem Weg in die Nationalmannschaft.

Eine kleine Bemerkung zu “Sieber ein kleines Eloplus”

Nach chess-results hat sie 44,8 Punkte gut gemacht, klein finde ich das nicht.

Tim Krause
Tim Krause
6 Monate zuvor

Die zwei Gegner <1800 verzerren den Gegnerschnitt und damit die Performance. Nach 9 Runden dürfte sie eine WGM-Norm erzielt haben, da dafür der Erstrundengegner mit 2000 gewertet wird.

Kommentator
Kommentator
6 Monate zuvor
Reply to  Tim Krause

Alternativ könnte sie für Normenzwecke auch den Erstrundensieg streichen lassen und die Rating floor-Regel für den Drittrundengegner in Anspruch nehmen – das Ergebnis ist das selbe: Für eine neunrundige WGM-Norm reicht es, nicht jedoch für eine zehnrundige WGM-Norm oder eine IM-Norm.

Thomas Richter
Thomas Richter
5 Monate zuvor
Reply to  Tim Krause

Conrad Schormann hat vielleicht auch nicht auf dem (nicht vorhandenen/nicht verwendeten) Zettel, dass Fiona Sieber noch K-Faktor 20 hat. Das gilt so lange, bis sie mal 2400 erreicht. Elo +45 bedeutet demnach “nur” 2,25 Punkte mehr als erwartet – zwei “Pflichtsiege” gegen <1800 und 4/8 gegen im Schnitt 2429. Mit K-Faktor 20 ist es eben einfacher, Elo im mittleren zweistelligen Bereich (oder noch mehr) zu gewinnen oder zu verlieren. Im September (DSB Rising Stars IM-Turnier) hatte Fiona Sieber das in die umgekehrte Richtung “bewiesen”. Zu Josefine Heinemann: ebenfalls 6/10 aber deutlich schwächere Gegner (bis auf Korobov alles im Bereich 2100-2200).… Weiterlesen »

Last edited 5 Monate zuvor by Thomas Richter
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[…] in Hannover, Performance 2555. Mal kehrt er mit 4,5/10 von einem Open zurück wie jetzt aus Sitges, Performance […]

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[…] Hintergrund: Der im Höhenflug befindliche, angehende Nationalspieler Dmitrij Kollars, unlängst Co-Sieger in Sitges mit Schnellschach-Weltmeister Abdusattorov, muss mit Position sieben im Deizisauer Kader Vorlieb […]