Endlich Inhalte

Sprengstoff war ja vorhanden. Die im Arbeitskreis der Landesverbände gärende Causa Meyer-Dunker drohte auf den Kongress des Schachbunds überzugreifen, und dann hätten sie, um diesen widerborstigen Gesellen aus Berlin loszuwerden, wieder stundenlang über das gestritten, was den gemeinen, traditionell geprägten Schachfunktionär am ehesten in Wallung bringt: Satzungs- und Ordnungsfragen.

Stattdessen: Schach! Es war nicht nur der “beste Kongress seit langem” (Ullrich Krause), es war zumindest in der Geschichte dieser Seite (erster Beitrag am 14. Oktober 2017) der erste, bei dem keine ohne Not selbstgemachte Katastrophe im Raum stand, es war der erste, bei dem über Inhalte geredet wurde statt über Paragrafen.

Die Delegierten bei der Arbeit zum Wohle des Schachs. | Foto: Deutscher Schachbund

Am Vorabend tagten traditionell die Präsidenten der Landesverbände. Die AKLV-intern in seitenlangen E-Mails erörterte Drohung aus unter anderem NRW und Bayern, den AKLV zu verlassen, wenn Paul Meyer-Dunker bleibt, erwies sich als Sturm im Wasserglas. Meyer-Dunker kam, sah, kündigte an zu bleiben – und niemand ging. Stattdessen verewigten die versammelten Landespräsidenten im Protokoll ihren Ärger darüber, dass außerhalb des AKLV über den AKLV geredet, sogar darüber berichtet wird, namentlich auf dieser Seite. Außerdem beschlossen sie, ihrem Dasein als in der DSB-Satzung verankertes Organ ein Ende zu bereiten.

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Ausgerechnet Michael S. Langer hat jetzt den Auftrag, das Streichen des AKLV aus der Satzung des Schachbunds formal zu vollziehen. Ist das vollbracht (zum nächsten Kongress voraussichtlich), wäre der AKLV wieder ein privat tagender Club, dessen Mitglieder nach Belieben Leute ausschließen oder aufnehmen können. Bis dahin wird Paul Meyer-Dunker seinen Kollegen aus den Ländern erklären, was das Schach vom eSport lernen kann.

Der Kongress in Tweets:

Zwei Neuerungen in einem: Der Kongress lief auf Schachdeutschland TV, und die Delegierten konnten jetzt elektronisch abstimmen.
Endlich, ein Glück. Vorbei sind die Zeiten, in denen Marcus Fenner Mark Zuckerberg mit der Geldgießkanne für Reichweite bezahlte und seinem Präsidenten diesen Unsinn als “Fortschritte auf Facebook” verkaufte, was dieser gerne glaubte und seinen Delegierten genauso weitergab, die dann in guter Tradition den Unsinn nicht hinterfragten, während der Schreiber dieser Zeilen im Angesicht des anhaltenden Laienschauspiels ein ums andere Mal hyperventilierend in die Luft ging. Mit Arne Jachmann, Kevin Högy, Frank Hoppe und neuerdings Paul Meyer-Dunker sitzen jetzt Leute am Ruder, die mutmaßlich schon von organischer Reichweite gehört haben und versuchen, dem DSB eben diese im Sinne unseres Sports und seiner Sportler aufzubauen. In diesem Fall trifft Lob und Dank von Schachblogger Ullrich Krause die Richtigen. Und auch Marcus Fenner hat Grund zur Freude, er bekommt ja jetzt zunehmend, wonach er seit Beginn seiner Amtszeit verlangt: mehr Untergebene.

Gleich eine ganze Reihe von Leuten ist plötzlich damit beschäftigt, unserem DSB das zu geben, was an dieser Stelle angemahnt und eingefordert wird, seitdem es diese Seite gibt: ein offenes, freundliches Antlitz. Ullrich Krause lag jetzt goldrichtig, seinem “Team Öffentlichkeitsarbeit” Lob und Dank für die Kehrtwende in der Außendarstellung zu zollen, der Applaus der Delegierten war verdient. Die in diesem Zusammenhang offensichtliche Frage, zumal vor dem Hintergrund der Vergangenheit auf diesem Schleudersitz, stellte in guter DSB-Tradition kein Delegierter: Was ist eigentlich mit der Chefin der DSB-Öffentlichkeitsarbeit?

Intermezzo beendet: Anna Maria Mondry, ehemalige Referentin für Öffentlichkeitsarbeit.

Die Antwort: Es gibt sie nicht mehr. Seit ihrer Wahl zur Referentin für Öffentlichkeitsarbeit war Anna Maria Mondry nicht in Erscheinung getreten, auch beim Kongress in Magdeburg fehlte sie, berufsbedingt, wie sie auf Anfrage dieser Seite mitteilt. Wäre sie dagewesen, hätte sie ihren Rücktritt verkünden können. “Aus persönlichen Gründen” lege sie das Amt nieder, sagt Mondry.

Beim DSB ist das offenbar noch nicht angekommen. Auf die Frage nach ihrem Status und ihrer Unsichtbarkeit teilt der Schachbund mit: “Die Aufgabe der Öffentlichkeitsreferentin ist die Mitwirkung an der Konzeptionierung der Öffentlichkeitsarbeit sowie die Mitwirkung an der Kommission für Breiten- und Freizeitsport. Dafür muss sie nicht zwangsläufig in der Öffentlichkeit auftreten. Ansonsten gilt weiterhin, was Ullrich Krause auf dem Kongress gesagt hat.”

Nach beinahe zehn Jahren eines kontinuierlich wachsenden Kassenbestands wird dieser Umstand sowie der daraus folgende Handlungsbedarf nun nicht mehr geleugnet (vorbehaltlich einer Einlassung des neuen DSB-Finanzministers zu diesem Thema) – im Gegenteil. Jetzt bekommen wir sogar einen Plan, wie das viele Geld auf dem Konto zu investieren ist.

Lutz Rott-Ebbinghaus hatte sich aus eigenem Antrieb für das Amt des DSB-Finanzministers beworben. Beim Kongress trat er konstruktiv und vorwärtsgewandt auf. So weit, so gut, trotzdem wirft diese Personalie Fragen auf – die, offenbar eine Tradition, beim Kongress niemand gestellt hat.

Als vor zwei Jahren die DSJ per Petition den Rauswurf von Jörg Schulz zu verhindern versuchte, diagnostizierte der einstige DSJ-Vorsitzende Rott-Ebbinghaus speziell bei Ullrich Krause und Marcus Fenner fehlendes Format (und hatte auch zur Rolle des Landesverbände einiges zu sagen):

So steht es seit zwei Jahren im Raum.

Wir haben bei Rott-Ebbinghaus nachgefragt:

“… Nun werden Sie Teil der Führungsriege, mit der Sie seinerzeit ins Gericht gegangen sind. Gesagt haben Sie dazu in Ihrer Kongress-Ansprache nichts.
Wie bewerten Sie heute die damaligen Vorgänge? Hat sich Ihr Urteil über die damals Handelnden geändert?”

Diese Anfrage beim DSB-Vizepräsident Finanzen blieb unbeantwortet.

Der DSB hat ein Gespräch mit Rott-Ebbinghaus veröffentlicht und teilt mit:

“Die Kandidatur von Lutz Rott-Ebbinghaus wurde von Beginn an von Ullrich Krause begrüßt und unterstützt. Der neue Vizepräsident Finanzen wurde anschließend mit ~90% Zustimmung in sein neues Amt gewählt. Daran lässt sich erkennen, dass die Zusammenarbeit bereits vor der Wahl gut und vertrauensvoll war und es ist geplant, genauso fortzusetzen.”

Betriebsgeheimnis Schachgipfel. Darüber darf nicht einmal das höchste deutsche Schachgremium Genaues wissen.
Versuch einer Bestandsaufnahme und einer Analyse der Zukunft des Schachgipfels – inklusive einer Antwort auf die Frage, welche Zahl eigentlich unterm Strich steht.
Tatsächlich bringt DSJ-Chef Niklas Rickmann eine Qualität ein, die der Schachjugend bislang fehlte. Er hält den Delegierten beim DSB genau die Vorträge, die sie gerne hören wollen (…”solide Finanzen…”), und im Gegenzug fühlt sich keiner der Delegierten veranlasst, sich in Vorträge über die DSJ zu ergehen. Diese neue, dank Rickmann eingekehrte Ruhe an der Schnittstelle DSB/DSJ könnten die eigentlichen DSJ-Macher nutzen, um sich nun wieder dem Jugendschach zuzuwenden. Aber die Tendenz ist eine ganz andere, stattdessen droht die DSJ unter Rickmann zu zerbrechen, der Fall Schulz und die Konterrevolution der Buchhalter wirken nach. Nachdem jetzt die Nationale Spielleiterin Kristin Wodzinski hingeschmissen hat (“…Politik und Machenschaften statt Inhalte…will mich in diesem Umfeld nicht mehr engagieren…”), steht ein Rücktritt mehrerer Vorstandsmitglieder im Raum.
Es wäre noch schneller gegangen, wäre Versammlungsleiter Ingo Thorn nicht derart berauscht von seiner Wichtigkeit gewesen und obendrein getrieben vom Verlangen, Ullrich Krause und Marcus Fenner in Schutz zu nehmen – obwohl die niemand angegriffen hat.
Für die Handelnden beim Schachbund ist der Umgang mit Open-Source-Projekten nichts Neues. Während Ullrich Krause und Marcus Fenner regelmäßig auf Lichess spielen, setzt der Schachbund beim Streamen auf Schachdeutschland TV auf die Open Broadcaster Software (OBS). Aber wenn es ans Kerngeschäft der Schachverwaltung geht, das Verwalten, dann soll es lieber ordentlich Geld kosten, in diesem Fall an die 200.000 Euro, verteilt über fünf Jahre. Die gute Nachricht: die Schnittstelle zu schach.in soll in jedem Fall bestehen bleiben.
Twitter-Quote der Delegierten: 100 Prozent. Nur in Berlin.
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Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Monat zuvor

Exemplarisch für den behäbigen Tanker DSB ist der Antrag Nr. 6.1. Den hatte Bundesturnierdirektor Gregor Johann gestellt, um künftig eine flexible Teilnehmerzahl (statt bis zu 40) für die Deutschen Schnellschachmeisterschaften (TO H7.1) zu ermöglichen. Dass darüber ein Bundeskongress abstimmen musste, ist irrwitzig. Keine Frage, Ordnung muss sein, übertriebene Ordnung führt indes zu Pedanterie und beschränkt die Handlungsfreiheit der verantwortlichen Funktionäre. Allein die Tatsache, dass frisch gewählte Funktionär*innen nach kurzer Zeit zurücktreten können, bringt die vermeintlich heile Welt durcheinander. Neben der Satzung gibt es im DSB 19 unterschiedliche Ordnungen. Je mehr reglementiert ist, desto größer ist die Verpflichtung, sich daran zu… Weiterlesen »

Michael Gruber
Michael Gruber
1 Monat zuvor

Wo es keine Ordnungen mehr gibt, wird es Unordnung geben. Jeder macht was er will. Vor vielen Jahren hat in einem Verband der Spielleiter alle Regelungen von Meisterschaften aus den Turnierordnungen entfernt/entfernen lassen. “Alles regelt zukünftig die Ausschreibung” war seine Vorgabe. Bloß, in den Ausschreibungen stand nichts. So wurde vor Ort entschieden mit welcher Bedenkzeit, welcher Rundenzahl und welchem Modus gespielt wird. Wurde in dem einen Jahr die Meisterschaft so gespielt, sah sie im nächsten Jahr schon wieder ganz anders aus. Inzwischen wurde das aber wieder rückgängig gemacht. Der Deutsche liebt halt Ordnung und Regelung.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Monat zuvor
Reply to  Michael Gruber

Bist du nicht Österreicher? Dort hält sich nicht einmal der Kanzler an Ordnungen! – Dein Beispiel lasse ich nicht gelten. Ordnung muss sein, das habe ich ausdrücklich geschrieben. Es bricht aber weder Chaos noch Anarchie aus, wenn Spielleiter flexibel reagieren. Ich kann dir zig Beispiele nennen, wo sich diese vernünftigerweise über Turnierordnungen hinweggesetzt haben, obwohl sie das eigentlich nicht durften. Natürlich muss rechtzeitig vor Turnierbeginn klar sein, unter welchen Bedingungen gespielt wird. Sich indes an Bedingungen zu klammern, die womöglich nicht mehr zeitgemäß sind und darauf zu warten, dass der nächste Kongress eine Modifizierung absegnet, ist keine intelligente Handlungsweise.

Michael
Michael
1 Monat zuvor

Wenn der Kongress

Endlich Inhalte

lieferte, warum werden im Artikel nur Personalfragen und nicht die Inhalte widergegeben?

Walter Rädler
Walter Rädler
1 Monat zuvor
Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Das Nachtreten von Querulanten wie Herrn Meier sollte man nicht ernster nehmen als unbedingt nötig. Der DSB kann froh sein, dass er ihn endlich los ist.

Last edited 1 Monat zuvor by Daniel Hendrich
acepoint
acepoint
1 Monat zuvor

Ich hab den Artikel auch nicht gelesen, weil Bezahlschranke.

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor
Reply to  acepoint

Unseriöse Quellen (und dazu gehört die Springerpresse) sollte man eigentlich auch ohne Bezahlschranke ignorieren…

trackback

[…] Für dritte/vierte Ligen sind die Länder zuständig, nicht der DSB mit seiner Bundesspielkommission. Und die Chefs der Länder sitzen im Arbeitskreis der Landesverbände, dem AKLV. Im Gegensatz zum Schachbundesliga e.V. ist beim AKLV der Grund seiner Existenz nicht klar definiert. Als Folge einer Sinnkrise befindet er sich gerade in Auflösung. […]

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Monat zuvor

So interessiert und engagiert die Delegierten in die Kamera schauen, sollte man meinen der Schachsport wird neu erfunden.

Walter Rädler
Walter Rädler
1 Monat zuvor

Die Vizepräsidentin Finanzen, (eine absolute Überfliegerin aus dem Bankenwesen) nach kürzester Zeit aus persönlichen Gründen zurückgetreten, die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit nach kürzester Zeit zurückgetreten, Olga Birkholz war auch nicht da, wo sind die Frauen hin?

Philip
Philip
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Hatte denn jemals jemand ernsthaft den Gedanken, das organisierte Schach in diesen Bundeskreisen sei frauenfreundlich?

Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

No Woman, No Cry. Frei übersetzt: „Nein, weine nicht, Frau, die Schachmänner sind lieber unter sich.“ Übrigens fand ich die Rolle von Ingo Thorn bemerkenswert. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er der DSB-Präsident sei. Merke: Eloquenz ist verführerisch!

schwichtd
schwichtd
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Manchmal hinterlassen einige Menschen den Eindruck, dass sie nur ihren Lebenslauf “aufhübschen” möchten.

In meinen Augen hat das damals schon der von Weizsäcker getan. Chef des Deutschen Schachbundes. Großer Name, in großer Funktion, eines großen Verbandes. Am Ende nichts erreicht, nichts investiert und bei Schwierigkeiten den schnellen Exit gesucht. Kann ich ihm aber nicht Übel nehmen, wenn man bedenkt, dass anstatt des erwartenden schmucken Titels mitsamt sozialen Anlässen und Konferenzen, man plötzlich mittendrin im Mafia-Sumpf namens FIDE steht.

Also nichts für ungut.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Auf Shopping-Tour:-).