Bundesliga: der Elefant im Raum

Sollen hochklassige Vereine verpflichtet werden, den Nachwuchs zu fördern und auf in Deutschland ausgebildete Spieler zu setzen? Falls die Bundesliga in diesem Sinne die “Teilnahmevoraussetzungen” für Erstligisten beschließt, wird die Bundesspielkommission in die Diskussion mit den Zweitligisten über ähnliche Kritierien einsteigen. “Ob ein solches Konzept auch für die Zweite Schachbundesliga sinnvoll/gewünscht ist, wird sich dann zeigen”, sagt Bundesturnierdirektor Gregor Johann auf Anfrage dieser Seite. Auch auf die dritten und vierten Ligen wird eine solche Diskussion wahrscheinlich zukommen.

Bundesturnierdirektor Gregor Johann. | Foto: Schachbund

Ein Hintergrund möglicher Teilnahmevoraussetzungen für die hohen Spielklassen ist ein Missstand, der als solcher in offiziellen Verlautbarungen nicht benannt wird: Im Schach ist es mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln möglich, eine Riege von Meistern einzukaufen und mit diesen durch die Ligen zu klettern, eine Möglichkeit, von der mancher lokale Schachmäzen Gebrauch macht – und sich darauf beschränkt, anstatt mit einem Teil seines Geldes dem Verein und dem Schach Gutes zu tun.

Die Mittel solcher “Förderer” fließen in Honorare für meist osteuropäische Profis zweiten Ranges. Sie fließen nicht in die Vereinsstruktur, in den Nachwuchs, in die Öffentlichkeitsarbeit, sie helfen nicht, die Attraktivität des Clubs oder des Spiels generell zu steigern. Dem organisierten Schach nutzen solche “Förderer” nicht. Ihr “Engagement” ist nicht nachhaltig und ihr Geld verpufft, sobald sie sich ein neues Hobby suchen.

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Nicht nur in der Bundesliga verpufft seit Jahrzehnten Mäzenatengeld. In den hohen deutschen Spielklassen (auch unterhalb der zweiten Ligen) findet sich manches mehr oder weniger ausgeprägte Beispiel für Vereine ohne nennenswerten Unterbau, deren erste Mannschaft nicht gewachsen, sondern dazugekauft worden ist.

Offenbar fehlt in solchen Fällen den Vereinen der Antrieb, vom Mäzen einzufordern, dass er zumindest einen Teil seines Geldes für etwas Nachhaltiges im Sinne des Clubs ausgibt. Also erwägen jetzt die übergeordneten Organisationen, Regeln einzuführen, die Mäzene zwingen, sich die Bezeichnung “Förderer” oder “Sponsor” zu verdienen, beginnend mit der Bundesliga.

Die Intention ist eine gute, aber das Projekt stockt schon ganz oben. Wer gelegentlich beim DSB reinschaut, der kennt die Neigung der Schachverwaltung, sich mit Debatten über Regelwerke die Handlungsfähigkeit zu nehmen, die Neigung, mit dem Verfassen endloser Konzepte dem Papierkorb zuzuarbeiten. Und wer gelegentlich bei der Schachbundesliga reinschaut, der sieht eine ähnliche Tendenz.

Das Bundesliga-Meisterschaftsturnier 2020: Die weltweit einzige Weltklasseveranstaltung in jenen Monaten repräsentiert die Stärke des organisierten Schachs in Deutschland. Beim Organisieren von Veranstaltungen sind wir tatsächlich professionell. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Sogar der in Sachen Schachverwaltung stets um eine Meinung verlegene, notorisch neutrale André Schulz findet in Sachen Schachbundesliga zu einer klaren Bewertung: Auf der ChessBase-Homepage diagnostiziert Schulz angesichts einer Reihe von Rückzügen eine “anhaltende Krise der höchsten deutschen Spielklasse“.

Vier Mannschaften sind der Liga jetzt weggebrochen, vier individuelle Fälle, gleichwohl spielen in jedem dieser vier Finanzierungsprobleme eine Rolle. Vor diesem Hintergrund wäre es aus Sicht der Liga angebracht, sofort auf mehreren Ebenen umzusteuern. Stattdessen beschränkt sie sich darauf, dass eine gute Idee implementiert wird, die Jahre brauchen wird, um einen Effekt zu zeigen. Kurz- und mittelfristig macht sie weiter wie immer. Die “anhaltende Krise” scheint in den Reihen der Betroffenen niemand für akut zu halten.

In der Schachbundesliga steht seit Jahren ein Elefant im Raum (und im Leitbild), der mit dem akuten Problem zu tun hat: der kollektiv totgeschwiegene Umstand, dass die Liga mit ihrem Gründungsgedanken Saison für Saison von neuem scheitert. Vom DSB hat sie sich einst gelöst, um sich vermarkten zu können. Die Idee war, dass durch eine attraktive Liga Geld hereinkommt, das wiederum den Vereinen hilft, das Abenteuer Bundesliga zu finanzieren.

Wie sich die Zeiten ändern. Was im obigen Text über die Bundesliga steht, stimmt und gilt noch, was dort über den DSB steht, klingt wie aus einer längst vergangenen Zeit. Als im Juli 2020 Michael S. Langer forderte, die Bundesliga dem seinerzeit katastrophal geführten DSB zurückzugeben, hat der Schreiber dieser Zeilen einen Anfall von Schnappatmung erlitten. Und umgehend garstig zurückgeschrieben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wäre Langers Idee aus dem Juli 2020 nicht die schlechteste. Auch beim DSB stand lange ein Elefant im Raum (und im Leitbild), jetzt scheint jemand sein Tröten erhört zu haben.

Vielleicht war die Zeit noch nicht reif? Aber nun hat sich Schach tatsächlich zu einem Zuschauersport entwickelt – nicht in den Spiellokalen, sondern so, wie es Winfried Klimek, einst Sponsor des Lübecker SV, vor 20 Jahren vorhergesagt hat: im Internet. Der Elefant im Raum könnte sich als Goldesel entpuppen.

Das Produkt “stärkste Liga der Welt” ist anno 2021 werthaltiger denn je, es müsste nur von allen 18 Beteiligten wie ein solches entwickelt werden. Und, ein Glücksfall, einer der 18 Beteiligten hat jetzt sogar einen Schach-Fernsehsender gegründet und im 144. Jahr seines Bestehens die Öffentlichkeitsarbeit entdeckt. Und, noch ein Glücksfall, es waren lange 18 Monate Zeit, Dinge neu anzupacken: die günstigsten Voraussetzungen seit der Gründung des Schachbundesliga e.V., sich auf den Gründungsgedanken zu besinnen.


Kein Bezug zum Verein, zusammengewürfelt, wollen nur die Kohle – zwei Stimmen von unzähligen, die in dieselbe Kerbe schlagen: So sehen am Schach interessierte Beobachter die Bundesliga. Kein Wunder. Die große Mehrheit der Bundesligisten unternimmt nichts, um unter Beobachtern erst Neugierde, dann Identifikation zu erzeugen. Im digitalen Raum bewegt sich die große Mehrheit der Bundesligisten zwischen unsichtbar und peinlich. Mutmaßlich kein einziger Bundesligist verwendet auch nur einen Bruchteil seines Etats für eine Außendarstellung, die der ersten Mannschaft als Aushängeschild und Imageträger des Vereins kontinuierliche Sichtbarkeit verleiht. Von ihrer Liga wünschen sich die Vereine zwar “professionelle Öffentlichkeitsarbeit”, geben der Liga aber nichts, womit sie arbeiten könnte.

Die überwiegend altbacken-analogen Bundesligisten hatten eineinhalb Jahre ohne Wettkampf, um einander einen Spiegel vorzuhalten, sich zu verpflichten, in ihrem Umfeld Identifikation und Engagement zu generieren, dort präsent und präsentabel zu werden, wo bei weitem die meisten Schachfans sind, Meister und Vizemeister allen voran: im Internet. Sie hätten sich verpflichten sollen, ihre Spitzenspieler als Aushängeschilder einzusetzen, sie hätten für die Liga einen Marketing-Vorstand wählen sollen (seit Jahren vakant) und endlich gemeinsam den Prozess in Gang setzen, der mittelfristig dazu führt, dass Kohle für alle Beteiligten reinkommt.

Oder sie hätten einander eingestanden: Wir können und wollen das nicht, lasst uns den Vermarktungspassus aus dem Leitbild streichen. Auch okay. Aber dann wäre es an der Zeit, in die Debatte über eine grundsätzliche Ligareform einzusteigen. Das Konstrukt verkleinern, zweiteilen, den Modus ändern. In zehn Jahren, wenn dank Teilnahmevoraussetzungen in den hohen Ligen die spielstarken Vereine mehr Substanz haben, ließe sich vielleicht zur eingleisigen 16er-Liga zurückkehren.

Weder die eine noch die andere Debatte hat es gegeben, nicht einmal unter den günstigsten Umständen jemals, dem Existenzgrund des Schachbundesliga e.V. gerecht zu werden. In den 18 Monaten hat die Liga stattdessen als Ergebnis hunderter Arbeitsstunden zwei Papiere geboren, Leitbild und Teilnahmevoraussetzungen. Der Elefant im Raum kann noch so laut tröten, er wird ignoriert.

Lübecker SV, Deutscher Meister 2003: Sponsor Winfried Klimek (6.v.l.) prophezeite dem Schach einst, was jetzt wahr geworden ist, hunderttausende Zuschauer im Internet. Vor Beginn der Saison 2003/04 reihte sich der Verein aus dem Norden bei denen ein, die sich aus finanziellen Gründen aus der Bundesliga zurückziehen. Das Finanzamt wollte Reisekosten und Spesen der Spieler versteuern, und Klimek stieg aus, weil “der werbliche Gegenwert nicht annähernd gegeben ist”. Ein Jahr später wurde Klimek verhaftet: Betrug, Untreue. Auch das, was Klimek einst forderte, mehr Heimspiele nämlich, ließe sich heute verwirklichen. Die Bundesliga könnte ja die ersten 10 von 15 Runden hybrid spielen, dann hätte jede Mannschaft sogar zehn der ersehnten Heimkämpfe und würde obendrein Reise- und Übernachtungskosten erheblich redzuzieren. Und zum Abschluss der Saison gäbe es ein großes Treffen aller Beteiligten bei der zentralen Runde in Berlin. | Foto via Deutscher Schachbund

Was jetzt nach dem Leitbild und dem Erstentwurf der Teilnahmevoraussetzungen kommt, kostet Geld, anstatt welches einzubringen. Vor der abzusehenden Weiter-so-wie-immer-Saison 2022 führt der weitere Weg in die Verwaltung der Arbeitsergebnisse. Es liegt ein knapp 6.000 Euro teures Rechtsgutachten vor, und darin steht dem Vernehmen nach, dass die Teilnahmevoraussetzungen nicht vollständig rechtssicher sind. Also müssen Punkte aus dem Gutachten in die Voraussetzungen eingearbeitet werden. Mutmaßlich muss dann noch einmal jemand prüfen. Dann wird, vielleicht?, wahrscheinlich?, beschlossen.

Gregor Johann sieht die “gute Sache”: “Nicht einfach ein Leitbild definieren und dann ‘Business as usual” zu machen, sondern durch geeignete Maßnahmen auf dieses Leitbild hinzuarbeiten.” Mit “Leitbild” meint Johann vor allem die dort nun explizit verankerte Förderung des Nachwuchses und in Deutschland ausgebildeter Spieler.

Jörg Wengler. | Foto: Wolfgang Galow

Bis diese gute Sache im Spielbetrieb ganz oben eingesickert ist, wird noch einige Zeit vergehen. Wenn es dann soweit ist, soll der Bundesligabeschluss Signalwirkung nach unten haben. Die Vereine der zweiten Bundesliga hätten schon Informationen über die Teilnahmevoraussetzungen bekommen, teilt Johann mit. Außerdem habe Jörg Wengler, Chef der Schachabteilung des FC Bayern und Leiter der Bundesliga-Arbeitsgruppe Leitbild/Teilnahmevoraussetzungen, sein Projekt bei der Bundesspielkommission und im Arbeitskreis der Landesverbände vorgestellt.

Für dritte/vierte Ligen sind die Länder zuständig, nicht der DSB mit seiner Bundesspielkommission. Und die Chefs der Länder sitzen im Arbeitskreis der Landesverbände, dem AKLV. Im Gegensatz zum Schachbundesliga e.V. ist beim AKLV der Grund seiner Existenz nicht klar definiert. Als Folge einer Sinnkrise befindet er sich gerade in Auflösung.

Hier ist die Chance, der Existenz des AKLV einen Sinn zu geben: zur Abwechslung eine relevante Debatte führen.

Sollten hochklassige Vereine verpflichtet werden, den Nachwuchs zu fördern und auf in Deutschland ausgebildete Spieler zu setzen? Es wäre (auch für die Bundesspielkommission) erlaubt, darüber von sich aus zu reden, anstatt zu warten, ob aus dem kriselnden Oberhaus etwas einsickert.

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Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Monat zuvor

Conrad hat die Probleme perfekt auf den Punkt gebracht. Wieder mal. Offenbar ist die Bundesliga ein bisschen schwanger. Sie kreißt, aber niemand erwartet, dass sie mehr als eine Maus gebärt. Dabei habe ich nichts gegen Profi-Schachspieler*innen. Dank des Grenke-Geldes funktioniert das System in Baden-Baden und Deizisau. Chancengleichheit sieht indes anders aus.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
1 Monat zuvor

Unter Chancengleichheit verstehe ich, dass es nicht vom Geld abhängig sein darf, ob eine Mannschaft ihren sportlichen errungenen Platz einnehmen kann oder nicht. – Mit der OSG Baden-Baden gehst du meines Erachtens zu hart ins Gericht. Ich konnte mich selbst von deren Arbeit überzeugen, als mich der Vorsitzende Patrick Bittner im November 2016 zum 1. Helmut-Reefschläger-Gedächtnis-Turnier eingeladen hatte. Der Vorstand macht eine gute – meines Wissens ehrenamtliche – Arbeit. Der Verein besteht ja nicht nur aus einer Weltauswahl, die Jahr für Jahr etwa das gleiche Gesicht hat, sondern aus derzeit 388 Mitgliedern. Die Geldquelle namens Grenke ist für die Badener… Weiterlesen »

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Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Monat zuvor

“Die Mittel solcher “Förderer” fließen in Honorare für meist osteuropäische Profis zweiten Ranges. Sie fließen nicht in die Vereinsstruktur, in den Nachwuchs, in die Öffentlichkeitsarbeit, sie helfen nicht, die Attraktivität des Clubs oder des Spiels generell zu steigern. Dem organisierten Schach nutzen solche “Förderer” nicht. Ihr “Engagement” ist nicht nachhaltig und ihr Geld verpufft, sobald sie sich ein neues Hobby suchen.” Gut erkannt vom organisierten Schach leider hat das (zu) lang gedauert. Ein Mitgliederschwund Grund einer Pandemie hat alle wach geschüttelt. Jetzt kommt die Regelkeule raus. Eine vierteilige 2. Liga mit 40 Mannschaften beschäftigt allerdings ne menge Profis :-). Man… Weiterlesen »