Schachfreund Siegfried

Endlich wieder Schach am Brett! Für die, die es unter den derzeitigen Voraussetzungen wollen jedenfalls. Der Corona-Stillstand „isch over“, um es frei nach dem aus Baden-Württemberg stammenden Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble zu sagen.

Nicht nur „unser“ Schachpräsi Ullrich Krause hat seiner unbändigen Freude darüber auf Twitter kürzlich Ausdruck verliehen, auch Perlenpräsident Conrad Schormann inspirierte sein erstes mannschaftliches Live-Bretterlebnis nach 18 Monaten Pause beim Bodenseeliga-Wettkampf Überlingen-Steißlingen zu einem amüsant zu lesenden Drama in 31 Akten.

Facettenreich werden dort alle wichtigen sonntäglichen Details geschildert, von den (nun ebenfalls endlich wieder tagen dürfenden) Briefmarkenfreunden im Nebengebäude, energieraubenden und nervtötenden Vorabdiskussionen zur 3-G-Regel bis zur (Achtung: Spoileralarm) leider verloren gegangene Schachpartie.

„Wann kommst Du zurück“ wurde der Perlen-Boss vorher wie jedesmal beim Aufbruch zu einem Mannschaftswettkampf von seiner Liebsten gefragt und konnte darauf – ebenfalls wie immer – keine für sie zufriedenstellende Antwort aus dem Hut zaubern. Weil es beim Schach keinem möglich ist, den Zeitpunkt des Partieendes vorauszusagen.

Na ja, jedenfalls fast keinem. Speziell das zuletzt genannte Detail versetzte den Schreiber dieser Zeilen beim Lesen nämlich lebhaft zurück in die Zeit, als er gemeinsam mit dem tapferen Schachfreund Ernst, äh, Siegfried zum Drachentöten sonntagmorgens todesmutig durch die Lande reiste, um sich mit all den Steißlingens, Affalterbachs und Kötz-Ichenhausens der süddeutschen Hemisphäre am Schachbrett zu duellieren:

Schachfreund Siegfried

Schachfreund Siegfried ist integer,
Darum ist er Kassenwart;
Sein Beruf ist Schornsteinfeger,
Prachtvoll ist sein Backenbart.

Wenn wir an den Brettern sitzen,
Sonntagmorgens, kurz nach neun,
Hör’n wir Siegfried reinwärts flitzen,
Er nimmt Platz und sagt kurz „Moin“.

Siegfried spielt mir scharfer Klinge,
Niemals scheut er die Gefahr;
Englund, Morra, solche Dinge,
Hat er fest im Repertoire.

Sonntags lässt er’s gerne knallen,
Siegfried dürstet’s dann nach Blut;
Ständig stellt er Gegnern Fallen –
Manchmal klappt das auch ganz gut.

Doch manch and’re seiner Spiele
Schenkt er ab, oft reichlich schnell;
Leider sind das ziemlich viele,
Schon seit Jahren generell.

Neulich stellte ich die Frage:
„Warum ziehst du sonntags so?
Freitags bist du in der Lage,
Gut zu spielen, mit Niveau.“

Siegfried gab mir zu verstehen,
Dass es Gründe gibt durchaus:
„Sonntags muss ich stets schnell gehen,
Weil’s früh Essen gibt zuhaus.“

© Martin Hahn alias Nathan Rihm

Corona-Stillstand isch over. | Foto via FIDE

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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Andreas Lange (SCK)
14 Tage zuvor

Das Schachgedicht ist eine Perle.

Martin Hahn
Martin Hahn
12 Tage zuvor

Freut mich, vielen Dank.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
12 Tage zuvor
Reply to  Martin Hahn

Deine Gedichte sind großmeisterlich. Das regt zur Nachahmung an:
 
Schachfreund Conrad aus Überlingen
Ist mit Worten nicht zu bezwingen.
Doch fehlt am Schachbrett die Speis‘,
Verliert er sogar gegen Steiß‘.
Seiner Liebsten muss er die Pein überbringen.