Speyer ist draußen, Aachen bleibt drin

Die SG Speyer-Schwegenheim zieht sich aus der Schachbundesliga zurück. Das bestätigte auf Anfrage dieser Seite Richard Sommer, Teamchef der ersten Mannschaft und zweiter Vorsitzender des Vereins. Für den Tabellenletzten Aachener SV eröffnet sich damit die Chance, in der Liga zu bleiben. Diese Chance werden die Aachener nutzen: “Wenn Speyer zurückzieht, so wie sie es angekündigt haben, dann wollen wir den Platz einnehmen”, sagt auf Anfrage dieser Seite Vereinspräsident Philipp Lamby. Diese Absicht habe er dem Schachbundesliga e.V. schon mitgeteilt.

Bundesliga 2019-21, Schlussrunde: SG Speyer-Schwegenheim gegen die OSG Baden-Baden. Dieses Match wird es in der kommenden Saison nicht geben. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga

Am Ende der jetzt in Berlin mit dem 15. Meistertitel der OSG Baden-Baden abgeschlossenen Serie 2019-21 hatte sich anfangs abgezeichnet, dass nur eine statt vier Mannschaften absteigen würde: Nach dem Rückzug Lingens, dem Verzicht des Aufsteigers Heusenstamm und dem Rückzug Hockenheims würde am Ende der längsten Saison in der Geschichte der Liga nur eine Mannschaft unter dem Strich stehen:

Im Lauf der Versammlung des Schachbundesliga e.V. am vergangenen Samstag kündigte Sommer nun an, dass auch Speyer-Schwegenheim an der kommenden Bundesligasaison (die Mitte Januar beginnen soll) nicht teilnimmt. Damit haben sich alle vier Abstiegsfragen nicht sportlich, sondern am grünen Tisch geklärt: Drei Mannschaften verlassen die Liga, eine will nicht aufsteigen. Nun bleibt selbst der abgeschlagene Tabellenletzte drin.

Werbung

Hat gut Lachen: IM Thomas Koch, Nummer zwei des Aachener SV, freut sich auf eine weitere Saison, in der er reihenweise Spitzengroßmeister vorgesetzt bekommt. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga

Sommer legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass seine Mannschaft abgestiegen ist, nicht zurückgezogen hat: “Wir haben die Bundesligasaison auf Platz 13 beendet und sind somit sportlich abgestiegen. Nun haben wir als ‘Bester unter den Schlechten’ als erstes einen Nachrückerplatz für die Startplätze der zurückgezogenen und nicht aufstiegswilligen Mannschaften bekommen und diesen abgelehnt. Somit sind wir ganz offiziell abgestiegen und haben nicht zurückgezogen, was dann formaljuristisch ja einen Unterschied darstellt.”

Die Speyrer Offenbarung erreichte Vereine und Bundesligavorstand inmitten einer kontroversen Debatte um die “Teilnahmevoraussetzungen”, die die Liga beschließen will (und die an dieser Stelle demnächst ausführlich beleuchtet werden sollen), siehe dazu bis dahin das Gespräch mit Schachbundesliga-Präsident Markus Schäfer auf schachbundesliga.de, später gekürzt auch auf dieser Seite veröffentlicht:

Dem Vernehmen nach sind drei Vereine strikt gegen die neue Regelung: Der SV Hockenheim, der schon in seinem Abschiedsbrief an die Liga die Teilnahmevoraussetzungen scharf kritisert hat, außerdem die SG Speyer-Schwegenheim sowie Aufsteiger Münchner SC 1836. Ein Ausschnitt aus der Debatte (auch um das von der Liga eingeholte juristische Gutachten zu der geplanten Regelung) lässt sich im Zwiegespräch der Präsidenten zweier Aufsteiger auf Twitter besichtigen, ein Austauch zwischen (mutmaßlich) Michael Reiss (München 36) und Jan Werner (Düsseldorfer SK):

Sommer nennt die Teilnahmevoraussetzungen als einen von drei Gründen, warum sich die SG Speyer-Schwegenheim aus der höchsten Spielklasse verabschiedet. Es handele sich um ein “Bürokratiemonster”, das aus Speyrer Sicht nicht gebraucht wird: “Man bleibt ja selbst mit einem Mannschaftspunkt in der Liga, weil sonst keiner will, kann oder darf.” Außerdem verfehle die geplante Regel das Ziel: “Für vernünftige Jugendarbeit soll die deutsche Schachjugend sorgen und nicht die Schachbundesliga, die soll Profispielbetrieb durchführen.”

Außerdem fehlten der SG Speyer-Schwegenheim die personellen Ressourcen für die kommende Saison, bei der Hygienekonzepte gebraucht werden, dazu das straffe Programm von sieben Spielwochenenden in weniger als fünf Monaten. Und letztlich fehle es am Geld, durch Corona sei das ohnehin knappe Budget noch knapper geworden: “Für 9 Runden zweite Liga reicht es, bei 15 Runden Bundesliga ist das fraglich.” Zur Endrunde in Berlin war die Delegation aus Speyer-Schwegenheim nicht im Endrundenhotel Maritim abgestiegen: “Bei einem Einzelzimmerpreis von 95 Euro hätten uns alleine die Übernachtungen 5.000 Euro gekostet.”

https://youtu.be/yoAHne93Pd8

Der Verein Schachbundesliga hat nicht, wie ursprünglich geplant, während des großen Finales in Berlin über die Teilnahmevoraussetzungen abgestimmt. Erst einmal stand das Rechtsgutachten zur Debatte, das aufzeigen soll, ob die geplante Regelung juristisch wasserdicht wäre. Aber wie das nun einmal so ist mit Rechtsgutachten: Von Kritikern der Teilnahmevoraussetzungen hören wir, das Gutachten bestätige tendenziell ihre Sicht, Befürworter sehen das Gutachten tendenziell nicht als Hindernis für alles Weitere.

Unabhängig davon, wie lange Liga und Vereine nun um dieses Gutachten kreisen: Markus Schäfer hat angekündigt, Teilnahmevoraussetzungen seien auch für die (zu verschlankenden?) zweiten Bundesligen in Arbeit, es gebe bereits Gespräche.

Für Teilnahmevoraussetzungen in zweiten/dritten Ligen wäre der Deutsche Schachbund zuständig. Bei dem haben wir am heutigen Vormittag nachgefragt: “… Was ist der Sachstand, wer spricht mit wem? Und gibt es dazu eine DSB-Position? Ist es aus Sicht des DSB generell erstrebenswert, von höherklassigen Teams zu verlangen, dass sie auf dem Fundament eines organisch gewachsenen Vereins stehen?”

Die Antwort von Bundesturnierdirektor Gregor Johann haben wir in diesen Beitrag eingearbeitet:

3.9 8 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
8 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Monat zuvor

Die Schachbundesliga ist eine Plattform für den wettkampforientierten Spitzensport im Schach. Sie hat den Anspruch, die „stärkste Schachliga der Welt“ zu sein. Der Punkt(die Kernaussage) vom Leitbild schließt viele andere Punkte vom Leitbild aus. Dass ist die Botschaft an unserem Nachwuchs. Im Prinzip bleibt es bei einer Kaufliga von Legionären auf Weltniveau ohne Öffentlichkeit. Wenn das der Ansatz einer Reform ist den nationalen Spitzensport und Auswahlmannschaften zu fördern ,frage ich mich was soll sich ändern ?In der neuen Saison haben drei Mannschaften verzichtet in der nahen Vergangenheit haben X-Mannschaften zurück gezogen und wie viele Mannschaften/Vereine werden noch folgen. Eine Lizensierung,… Weiterlesen »

trackback

[…] (in den blauen Trikots) zieht sich aus der Bundesliga zurück. Chance damit für … Aachen (gelbe Trikots!), ein weiteres Jahr im Oberhaus zu […]

Uwe Böhm
Uwe Böhm
1 Monat zuvor

Respekt für den Herrn Sommer. Der bringt es auf den Punkt. Ergänzend sei hinzugefügt. Über Auf- und Abstieg sollen die Mannschafts- oder gegebenenfalls die Brettpunkte entscheiden, aber doch nicht Buchhalterpunkte, die über einen Fragebogen ermittelt werden. Ein Fragebogen, mit dem zusätzliche bürokratische Hürden aufgebaut werden, löst sicherlich nicht das Problem der Schachbundesliga, das durch den Rückzug so einiger Vereine bzw. durch Vereine, die auf den Aufstieg verzichten, schon länger offenbar geworden ist. Anstatt Fragebogen zu entwerfen, hätte man besser.Überlegungen angestellt, wie die Schachbundesliga reformiert werden kann. Eine Verschlankung der zweiten Bundesliga, wie sie angedacht wird, wird da gar nichts bringen.… Weiterlesen »

Michael Reiß
Michael Reiß
1 Monat zuvor

Kurz nochmal gegoogelt, ausweislich seiner Homepage betreibt die SG Speyer-Schwegenheim rege Jugendarbeit (https://www.sg-speyer-schwegenheim.de). Und der Herr Sommer ist in seinem Verein dabei sogar persönlich engagiert (https://www.rheinpfalz.de/lokal/speyer_artikel,-schach-sg-jugend-trainiert-wieder-_arid,5215333.html).
Vielen Dank Herrn Sommer, dass Sie solcherart Verantwortung für’s Schach übernehmen.

Uwe Böhm
Uwe Böhm
1 Monat zuvor

Wenn ich das richtig sehe, macht Speyer doch Jugendarbeit. Die Vorstände sind doch nicht blöd, die wissen, dass der Verein langfristig junge Leute braucht. Das gilt auch für Speyer. Aber es gilt nunmal, jeder nach seinen Möglichkeiten. Jeder Verein in der Bundesliga wird sich auch bemühen junge Spieler in der Bundesliga einzusetzen, übrigens auch deutsche. Welchen Handlungsbedarf gibt es denn? Alle Jugendlichen, die die nötige Spielstärke haben, spielen doch heute schon in der Bundesliga, der 2. Bundesliga oder der Oberliga. Wer gut genug ist, kann sich doch bei einem Verein bewerben und das würde doch sicher von mindestens einem oder… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Ja, Jugendarbeit ist vor allem Aufgabe der Vereine – auch Schulschach ist wohl oft an Vereine gebunden, und die Deutsche Schachjugend kann erst ab einem gewissen, ziemlich gehobenen Niveau “mitmischen”. Aber es müssen nicht unbedingt die Bundesliga-Vereine sein. Was das Punktesystem genau beinhaltet/beinhalten soll ist wohl unklar-unbekannt. Minimale Anforderungen, “mehr als nichts” – einverstanden. Aber, und nun spricht der Jugendleiter eines Münchner Landesliga-Vereins mit seit Jahren (schon vor meiner Zeit) erfolgreicher Jugendarbeit: Es kann nicht sein, dass ein BL-Verein Jugendliche von anderen Vereinen abwerben müsste, um die Spielberechtigung der ersten Mannschaft zu sichern. Es reicht schon, dass das in München… Weiterlesen »

trackback

[…] Mannschaften sind der Liga jetzt weggebrochen, vier individuelle Fälle, gleichwohl spielen in jedem dieser vier Finanzierungsprobleme eine […]