Ein Streifen Schach

Vorzeigbare (Schach-)Fotos zu machen, ist nicht schwierig, jeder kann das. Fotografen und Fotografinnen müssen sich ja nur an zwei einfache Grundregeln halten, dann wird das Resultat stets ein ordentliches sein:

  1. Nahe ran!
  2. Auf die Knie!

Ein paar tausend Menschen haben unseren Beitrag über Schachfotografie gelesen. Darin sind diese beiden Regeln ein wenig erklärt und noch einige andere aufgeführt, die helfen sollen, Hingucker zu produzieren:

Was dort steht, gilt unverändert, und manche Rückmeldung zeigt, dass sich in der deutschsprachigen Turnierlandschaft mancher Hobbyfotograf diese beiden Regeln zu Herzen genommen hat – und sich seitdem an besseren Bildern erfreut. Nicht nur an besseren Bildern vom Schach.

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Allerdings hat sich auch offenbart, dass obiger Beitrag nicht ganz vollständig ist. Nicht erwähnt wird ein unbewusstes Verlangen unerfahrener Fotografen, das sich leider mit Regel 1) beißt: Der Wunsch, “alles draufzubekommen”. Und der ist leider kontraproduktiv. Wer in erster Linie alles draufbekommen will, macht schlechte Fotos.

Es muss nicht alles drauf!

Ein Foto, wie es beim Schach ständig zu sehen ist. Wir verstehen ja, was unser Fotograf im Sinn hatte. Er wollte zeigen, dass die Halle groß ist, dass viele Leute in coronakonformem Abstand mitspielen, dass es sogar eine Bühne gibt und eine Projektionswand, und das Banner des Schachverbands/Sponsors sollte auch mit drauf. Er wollte alles mit draufbekommen.

Was er tatsächlich draufbekommen hat, ist dieses: Das Bild besteht zu etwa 50 Prozent aus Fußboden, zu 20 Prozent aus Hallendecke, zu 20 Prozent aus Wand, und im Vordergrund sehen wir zwei Stühle sowie einen Tisch. Durch die Mitte des Bildes zieht sich ein Streifen Schach. Zu erkennen ist keiner der Abgebildeten, die Hälfte der Beteiligten sehen wir von hinten (Menschen fotografieren wir von vorne!).

Okay, und was hätte unser Fotograf stattdessen machen sollen?

Sich einen Vordergrund suchen!

Der schwarz gekleidete zweite Schachfreund von rechts zum Beispiel wäre dafür geeignet gewesen. An den geht der Fotograf nahe ran, dann in die Knie, und baut sich seinen Hintergrund so, dass die Dimension des Spielsaals, eine Reihe Teilnehmer, das Banner, die Projektion, die Bühne zu sehen sind. Entstanden wäre ein geschlossenes Bild, das nicht zu 10, sondern zu 100 Prozent aus Schach besteht.

Es hätte etwa so ausgesehen:

Viele Teilnehmer sind drauf, das Banner des Schachverbands, die Brettprojektionen, und die Dimension des Spielsaals erahnen wir auch. Wir haben sogar, ein fortgeschrittener Aspekt der Bildgestaltung, einen Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Und ein Hauptmotiv, einen Fokus, bestehend aus dem Wichtigsten überhaupt: ein Gesicht. Kurz: ein in sich geschlossenes, kompaktes, sehr gutes Schachfoto. | Foto: Anastasia Korolkova/FIDE

Was auf dem Bild zu sehen ist, auch und vor allem abseits des Hauptmotivs, muss eine Funktion haben. Es kann dem Bild Tiefe geben, eine Botschaft, Symbolcharakter haben oder auch nur ungewöhnlich aussehen. Was wir nicht brauchen, Fußboden oder Wand zum Beispiel, das hat auf dem Foto nichts zu suchen.

Ein ähnlicher Fall, außer dass es in diesem Raum keine Wand gibt. Und so besteht das Bild, das Schach zeigen soll, zu 40 Prozent aus Gebälk, zu 40 Prozent aus Fußboden und zu 10 Prozent aus Tisch.

Gesichter: keine. Menschen von vorne: keine. Menschen von hinten: drei.

Die Gefahr, beim Versuch, alles draufzukriegen, am Ende nur einen Streifen Wichtiges und dazu viel Unnützes zu fotografieren, lauert naturgemäß besonders da, wo Menschen aufgereiht an Tischen sitzen. Begegnen können wir dieser Gefahr, indem wir die Perspektive wechseln.

Um das Streifenproblem zu vermeiden, könnte ein Fotograf im Angesicht dieser Szenerie erwägen, auf einen Tisch zu klettern und vom ausgestreckten Arm auf die Anwesenden hinab zu fotografieren. Der Streifen würde breiter, der Fotograf würde ein Motiv mit viel Schach und wenig Balken finden.

Oder der Fotograf könnte eine andere Methode erwägen, eine, die wir schon kennen: sich einen Vordergrund suchen, auf etwas fokussieren. Der grübelnde Herr vorne im blauen Shirt schreit ja förmlich danach. Fokussieren wir analog zum FIDE-Foto oben auf diesen Herrn, dann haben wir ein Gesicht als Vordergrund, dahinter jede Menge Schach und kaum Holzbalken.

Ja, der Herr links im weißen Hemd wäre dann nicht im Bild. Das ist aber gar nicht schlimm. Warum? Ganz einfach:

Es muss nicht alles mit drauf!

Die Streifengefahr lauert vor allem, aber nicht nur da, wo Menschen aufgereiht an Tischen sitzen.

Bild

Hier wollte jemand zeigen, dass ganz viele Leute zum Jugendschach kommen. Was er tatsächlich zeigt? 30 Prozent Himmel, 20 Prozent Pflastersteine, 20 Prozent Baum, 10 Prozent Hauswand, 10 Prozent Treppe, dazu ein Streifen Menschen. Immerhin: Menschen von vorne. Leider ist kein Gesicht zu erkennen. Weil nur 10 Prozent des Motivs für Menschen reserviert sind, aber so viele unterzubringen waren, schrumpfen ihre Köpfe auf Stecknadelkopfgröße.

Was der Fotograf hätte tun sollen?

Der Herr mit Krawatte im Hintergrund demonstriert, wie es aussieht, wenn ein unerfahrener Fotograf einen Streifen Schach fotografiert. Das Motiv selbst wiederum ist recht gelungen. Wir haben einen Vordergrund, Tiefe, Perspektive und auf den zweiten Blick finden wir sogar im Hintergrund etwas, das nähere Betrachtung lohnt.

Ernsthaft? Das weißt du doch längst. Entweder er klettert die Treppe hinauf und verbreitert den Menschenstreifen, indem er von oben knipst. Oder er geht zum Mädchen ganz rechts, dann in die Knie, bittet sie um ein Lächeln – voilà, fertig ist das Gesicht für den Vordergrund mit ganz vielen Schachkindern im Hintergrund. Idealerweise verständigt sich der Fotograf kurz mit der Schachmutter oder dem Schachvater darüber, was mit dem Bild geschieht. In aller Regel sind Kinder stolz, abgelichtet zu werden – und ihre Eltern auch, aber das muss nicht sein.

Für diese drei gilt das ganz bestimmt:

Glückwunsch diesen drei Jungs zu ihren Erfolgen bei den EU-Meisterschaften. Leider gucken zwei von ihnen nicht in die Kamera. Warum? Weil der Fotograf den oben verlinkten Leitfaden für bessere Schachfotos nicht gelesen hat. Darin ist eine einfache Methode erklärt, wie Fotografen kreuz- und querguckende Leute auf Gruppenfotos vermeiden können.

Aber ansonsten alles prima, nahe dran, Gesichter auf AugenObjektivhöhe, ein wenig Emotion, alles gut. Klar, der Bursche links freut sich eher nach innen, aber so sind wir Schachspieler nun einmal.

Und was nun das Problem ist? Ganz einfach, dieses Bild ist von der zuständigen Schachverwaltung so nie veröffentlicht worden. Wir mussten es beschneiden, um es zu einem vorzeigbaren zu machen.

Im Original sah es so aus:

Was wir sehen? 40 Prozent Wand, 25 Prozent Parkett, 10 Prozent Banner, 10 Prozent Beine. Die Siegermienen der drei Jungs scheinen dem Fotografen nicht allzu wichtig gewesen zu sein.

Was hier passiert ist? Ihr ahnt es, der Fotograf wollte alles draufbekommen. Das galt insbesondere für das Logo der österreichischen Schachverwaltung oben rechts. Und damit die Jungs zumindest in der Mitte des Bildes stehen, hat er einfach links noch ein ordentliches Stück Wand und den Sicherungskasten mitfotografiert. Wieder gilt:

Es muss nicht alles mit drauf!

Auch nicht die österreichische Schachverwaltung, nicht einmal das Land Steiermark.

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Jochen
Jochen
10 Monate zuvor

Ein schöner Artikel, der weit über das Thema Schach und Schachfotos hinaus nutzbar ist. Ich sag mal so: Mit etwas Fantasie: Alles Gesagte gilt auch für Text. Texte über Schachergeignisse im Stil “5. Klasse und dann, und dann – Erzählung” kommen im Internet sowohl im Amateurbereich, als auch in dem Bereich, wo Leute mit solchen Texten Geld verdienen wollen, vor. Alles wird ein bißchen erzählt, Ergebnisse und Tabellen werden runtergerattert. Wenn jemand schreibt “spannendes Endspiel” bleibt das so lange eine Behauptung, bis es spannend (im Detail! wie im Film! wenig behauptende Adjektive, viele kräftige Verben!) erzählt ist. Dann kann man… Weiterlesen »

Pauli
Pauli
10 Monate zuvor
Reply to  Jochen

Jochen kann ich zur Text Analogie nur beipflichten.

Noch ein Schach-Streiflicht am Rande des Fotographie-Spektrums:

Zumindest der Kameramann beim Sinquefield Cup hat den “Perlen-vom-Bodensee”- Artikel höchstwahrscheinlich verinnerlicht und die zwei Hauptregeln daraus mustergültig umgesetzt:
https://de.chessbase.com/post/sinquefield-cup-beginnt-mit-siegen-fuer-mvl-caruana-und-dominguez.

Gruß, mwp

Last edited 10 Monate zuvor by Pauli
Pauli
Pauli
10 Monate zuvor

Vielen Dank an die Perlen für diesen sehr nützlichen Artikel, denn ich gehör(t)e in der Vergangenheit auch zu den Fotografendilettanten mit viel Wand, Himmel & Hinterköpfen. Zum Foto habe ich mit Erschrecken und viel zu langer Verzögerungsträgheit wahrgenommen, dass der eigentliche Star des oben verlinkten Bildes nicht der Kameramann, sondern der unsichtbare Fotograf(!) ist, der den Kameramann und die beiden Schachspieler auf Augenhöhe im Bild “festgehalten“ hat. Ihm gebührt also das eigentliche Lob. So etwas nennt man, glaube ich, Metaebene, und jene gibt es wiederum analog in der Literatur, womit sich der Kreis zu Jochens Beobachtung schließt… (Persönlich finde ich… Weiterlesen »

Krennwurzn
Krennwurzn
10 Monate zuvor

FM Peter Kranzl (Linz) macht schon jahrelang sehr gute Schachfotos auf seiner Homepage http://chezrene.at/

Philipp Müller
10 Monate zuvor

Fotografin ^^

Julian Maisch
Julian Maisch
10 Monate zuvor

Das zitierte Foto müsste von einem Fotografen sein 😉

In meinen Augen hat auch das Titelfoto seine Daseinsberechtigung. DIe Grundregeln sind natürlich sehr, sehr gute Faustregeln. Aber Regeln darf auch mal brechen 🙂 (wobei die Kunst natürlich darin liegt das “Mal” festzulegen)

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