Das Brett retten – und die Welt: Schach-Aliens mit Sendungsbewusstsein

In den unendlichen Weiten von Caissas digitalem Kosmos treffen wir emotionslos logische Strategen, wütend opferbereite Taktiker, hinterhältig tricksende Fallensteller und nahezu unbezwingbare Halbmaschinenwesen mit skandinavischen Namen. Auf der Suche nach Stellungen, die noch nie ein Schachspieler zuvor gesehen hat, tauchen aber nicht nur Vulkanier, Klingonen, Romulaner und Borg („Widerstand ist zwecklos!“) auf. Die Tiefen von YouTube bieten sozusagen als cosmic relief auch manch wunderliche Spezies, weniger zum Fürchten, mehr zur Belustigung virtueller Passanten. Eines dieser janusköpfigen Wesen wollen wir heute betrachten.  

Noch ein Video vor dem Wandertag?

Vom segensreichen schachlichen Wirken Ulrich van Suntums wissen aufmerksame Leser dieser Seite schon. Wenn Ende 2022 oder 2023 die Schach-WM in München gespielt wird, ist das nicht zuletzt den Twitterkünsten des Vereinsmeisters der SG Schloss-König 07 Nordkirchen zu verdanken, wie sich diesem Beitrag entnehmen lässt:

Den Youtuber Ulrich van Suntum sehen wir mit Basecap, Holzfällerhemd und Outdoorweste im Dachstudio, umgeben von einer Sammlung von Spielzeugautos. So gewandet, wirkt der freundlich-rüstige Senior wie ein Rentner, der zur morgendlichen Wanderung aufbrechen möchte, um Vogelstimmen zu lauschen, und vorher nur noch kurz im Kinderzimmer seines Enkels ein Schachvideo aufnimmt.

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Basstölpel, Blaumeise, Braunkehlchen und der, pardon, die Storch müssen warten, wenn der emeritierte Professor für Volkswirtschaft vor der Kamera doziert. Läuft einmal die Aufnahme, kennt der 2020 für die AfD angetretene (ohne ihr anzugehören) Direktkandidat bei der Kreistagswahl im Kreis Coesfeld keine Parteien mehr, nur noch Schachspieler.

Das Unikum vom Elfenbeinturm erklärt die von ihm entwickelte Bingotaktik (oder war es die Mangostrategie?), widerlegt anhand einer einzigen Partie eine von einem anderen Youtuber empfohlene Läufervariante und erklärt, wie schwarz bei der französischen Abtauschvariante praktisch zwangsläufig in Vorteil kommt. (Achtung, Spoiler: mit der langen Rochade!)

Keine Heimorgel!

Am liebsten berichtet der ehemalige Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Rat der Wirtschaftsweisen) mit stolzem Strahlen und einschmeichelnder Stimme von ehrenvollen Siegen über diverse Meister. Selbstredend sind hier keine FIDE-Titelträger gemeint, soweit reichen die Fähigkeiten des Akademikers auch wieder nicht. Aber Haus-, Vereins- und Bademeister tragen ihre Titel auch zurecht und müssen erst einmal erfolgreich gechlaachen werden. Und: Immerhin erreichen seine mit kindlicher Begeisterung vorgeführten Partien zumeist Vereinsniveau.

Wenn er nicht in der Schacharena antritt, kämpft van Bundturm auf dem Schlachtfeld der Social Media. Auf Twitter gabelt er unter dem empathischen Alias Pietbull47 die Doppelmoral der Grünen auf, verteidigt Flügel, beschützt in Maaßen Könige und analysiert das Parteiprogramm der Grünen ebenso messerscharf wie seine immergrünen… Entschuldigung, unsterblichen Partien: „Da kann auch gleich Frau Merkel weiterregieren“.

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Van Suntum zeigt selbst mit begrenzter Zeichenzahl den rechten Weg. Öffentlich ärgert er sich am meisten darüber, dass ihm in einem linken Steckbrief unterstellt wird, Heimorgel zu spielen. Gut, dass das geklärt wurde!  Die Perlen von Bodensee sind bekanntlich unabhängig, von der Gleichschaltung der Systemmedien nicht betroffen. Daher freuen wir uns, heute offiziell festzustellen: Der sympathische Wirtschaftsprofessor spielt keine Heimorgel! Er spielt nur Schach.

Auf dem Brett sind zum Glück bunte, irritierende Miss- und Zwischentöne, wie sie Gesellschaft und Social Media mitunter hervorbringen, völlig fremd. Für Schachspieler gibt es nur schlichtes Schwarz-Weiß-Denken, einen Gegner und Sieg oder Niederlage, gelegentlich auch ein Remis. Aber alles wunderbar konfliktfrei.


Dr. Franz Jürgen Schell, geb. 1961, lebt in Hamburg. Turnierschachspieler 1978-1982 (Ingo-Zahl 95), nur kurzes schachliches Comeback Anfang 2020 wegen Lockdown. Seit April 2020 Online-Spieler. Schreibt sonst auch auf aerzteschach.de

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Der Kurti
Der Kurti
1 Jahr zuvor

Schön, auch mal etwas über unbekanntere Schach-Youtuber zu erfahren. Allein: Wenn ich etwas über Politik, Verschwörungstheorien oder gar “gleichgeschaltete Systemmedien” lesen möchte, tu ich das auf den entsprechenden Seiten und nicht hier. Oder anders ausgedrückt: Ich finde es unsäglich, wenn unser liebstes Hobby jetzt auch schon für diesen Mist missbraucht wird. Bitte zukünftig wieder auf den schachlichen Bezug konzentrieren.

Eumelgnub
Eumelgnub
1 Jahr zuvor
Reply to  Der Kurti

Nö.

Ich finde es gut, wenn man auch mal liest, was diese Figuren sonst noch so treibt.

Weder Schachspieler noch Youtuber leben in einer abgeschlossenen Welt.

Ulrich van Suntum
Ulrich van Suntum
3 Monate zuvor

Ich bin gerade zufällig auf diesen Beitrag über mich gestossen und weiss ehrlich gesagt nicht, was das soll. Ich stehe zu allem, was ich tue und sage, aber man sollte Politik und Hobby voneinander trennen. Ihr werdet in meinen Schachvideos, die für Amateure wie mich selbst gedacht sind, niemals politische Statements finden. In diesem Sinne uns allen gute Spiele und vor allem weiterhin viel Spass am Schach!

Kommentator
Kommentator
3 Monate zuvor

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Ihr Beitrag soll: Wenn Sie zu allem stehen, was Sie tun und sagen, dann sollten doch kein Problem damit haben, wenn Ihnen jemand den Spiegel vorhält (und dass Sie darin einen widerwärtigen Nazi erblicken, scheint mir nicht der Fehler des Spiegels zu sein!)

Ulrich van Suntum
Ulrich van Suntum
3 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Ich denke, das geht jetzt zu weit. Ich werde Strafanzeige gegen Sie erstatten und diese Seite, die Ihren Kommentar freigeschaltet hat, nicht wieder besuchen.

Kommentator
Kommentator
3 Monate zuvor

Fassen wir mal die Tatsachen zusammen:

  1. Wer sich von einer rechtsextremen Partei wie der AfD aufstellen lässt, ist ein Nazi.
  2. Sie haben sich von jener Partei als Kandidat aufstellen lassen, waren also zu diesem Zeitpunkt ein Nazi.
  3. Sie schreiben:”Ich stehe zu allem, was ich tue und sage”, bestätigen also damit, dass Sie weiterhin ein Nazi sind.

Was ist also Ihr Problem? (Wenn es das Wort “widerwärtig” ist – das bezieht sich nicht auf Ihre Person, sondern auf das rechtsextreme Gedankengut, das Sie gemäß Ihrer eigenen Aussage immer noch vertreten.)

Ulrich van Suntum
Ulrich van Suntum
3 Monate zuvor
Reply to  Kommentator

Das können Sie ja dann alles dem Richter erzählen. Im Übrigen diffamieren Sie hier andere Leute im Schutz der Anonymität, statt sich zu Ihrem echten Namen zu bekennen. So viel zum Thema stehen zu dem, was man sagt. Man wird Sie dennoch ausfindig machen.

Noch ein Kommentator
Noch ein Kommentator
3 Monate zuvor

Soso, Herr Pietbull47, nach links und unten treten können Sie wie ein Weltmeister, aber wenn jemand Tacheles mit Ihnen redet, dann stellen Sie sich als Opfer dar und möchten dem Kritiker mundtot machen.
Ein kleiner Tipp für Sie: Wenn Sie nicht als Nazi bezeichnet werden möchten, dann seien Sie keiner. Distanzieren Sie sich glaubwürdig von den rechtsextremen Positionen, die Sie nachweislich vertreten haben und offenbar immer noch vertreten, klären Sie darüber auf, wie Ihre Buddies Tichy, Reitschuster und Konsorten Desinformation betreiben, unterstützen Sie Organisationen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und … und … und

Gast123
Gast123
1 Jahr zuvor

Dieser Artikel war ursprünglich doch länger, oder? Da wurden doch mehrere Leute vorgestellt. Wieso wurde denn da etwas rausgekürzt?

Conrad Schormann
Admin
1 Jahr zuvor
Reply to  Gast123

Ursprünglich waren es zwei. Einer hat darum gebeten, seinen Part zu löschen. Der Bitte haben wir entsprochen.