Den Boom einfangen, bitte

Wie viele Menschen die Pandemie wohl allein in Deutschland zum Schach spült? Tausende? Zehntausende? Mehr noch? Der Betrieb auf den Schachservern hat sich binnen weniger Wochen verdoppelt. Ben Curtis, Technikchef von chess.com, erwartet in drei Monaten das Wachstum, das sich sein Unternehmen eigentlich für die kommenden zehn Jahre ausgerechnet hatte.

Nie zuvor waren in den Sozialen Medien so viele Leute präsent, die Schach entdecken oder wiederentdecken:

https://twitter.com/astro_hippie/status/1258704629220749318

Diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, you get the idea. Schach erlebt einen nie dagewesenen Boom. Würden wir die Besucherzahlen von Schachwebsites grafisch darstellen, wir sähen Kurven, die ab März 2020 rasant ansteigen, Abbilder des Booms.

Und wir sähen eine Ausnahme:

Während das Schach brummt, verliert die Website des Deutschen Schachbunds signifikant Besucher. Das hat zum einen damit zu tun, dass gerade niemand seine DWZ nachguckt, der größte Besucherbringer, zum anderen damit, dass tausende, zehntausende oder noch mehr Schach-Neulinge diesen Abwärtstrend nicht kompensieren. Sie interessieren sich nicht für das organisierte Schach, wissen in vielen Fällen nicht einmal, dass es das gibt.

Offensichtlich ist dieses die Zeit, auf sich aufmerksam zu machen. Soll das organisierte Schach nachhaltig wachsen, muss es die neuen Schachfreunde einfangen und den gegenwärtigen Boom in seine Richtung kanalisieren. Wir haben beim Pressesprecher des Schachbunds angefragt, ob es Überlegungen/Pläne gibt, das organisierte Schach vom Boom unseres Spiels profitieren zu lassen. Eine Antwort haben wir nicht bekommen.

Die Franzosen machen vor, wie es geht

Die Endrunde der Deutschen Internetmeisterschaft wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, dafür zu sorgen, dass sich Schach herumspricht. Es nahmen ja sogar die einzigen beiden Schachspieler teil, die die Leute kennen. Offensichtlich hätten die Schachfreunde Keymer und Pähtz eingesetzt werden müssen, um kontinuierlich fürs Turnier zu trommeln, um Spannung aufzubauen, bis das Stelldichein der Nationalspieler im Internet beginnt. Und dann, ein Glück, hätte es sich sogar ergeben, dass die Zuschauer eine Dramaturgie wie aus dem Lehrbuch erleben: Elf Runden lang sitzt der Jungstar dem Altmeister im Nacken, zum Schluss der Showdown zwischen diesen beiden.

Nachdem der Schachbund am Beispiel der Internetmeisterschaft gezeigt hätte, wie spannend Schach ist, wäre der zweite Schritt, die Zuschauer selbst ans Brett zu bringen. So ein Ereignis verkaufen wir als Wohltätigkeitsturnier, das gibt den Leuten ein gutes Gefühl und dient nebenbei unserem Image. Mitmachen darf jeder, die Teilnahme ist natürlich kostenlos. Und wir garnieren die Veranstaltung mit einer Perle, indem wir unsere Spitzenleute mitspielen lassen. Die Teilnehmer täten nicht nur Gutes, sie hätten obendrein die Chance, sich mit den Stars unseres Sports zu messen.

Kein Hexenwerk, sondern ein simples Konzept, das der französische Schachbund genau so umgesetzt hat: Ein 24-Stunden-Wohltätigkeitsturnier auf Lichess, garniert mit Anatoli Karpov als Teilnehmer, dazu einige der besten Großmeister Frankreichs. 3.000 Menschen haben für einen guten Zweck mitgespielt – und für die Chance, sich mit Karpov zu messen.

Unser Schach bekommt stattdessen dieses:

Grafik: Frank Hoppe/Deutscher Schachbund

Eine weitere Veranstaltung ohne sportlichen Wert, die einzig dem Zweck dient, playchess Kunden zuzuführen, benannt nach einem Offline-Turnier, das einzig dem Zweck dient, Dirk Jordan Kunden wegzunehmen (mehr zur Posse um den Deutschland-Cup in diesem Beitrag). Anstatt den Cup mit Spitzenspielern zu garnieren, werden die Top 600 der DWZ-Rangliste gezielt ausgeschlossen. Anstatt zumindest zu versuchen, im prall gefüllten Pool der Schach-Neulinge zu fischen, werden Nicht-Vereinsspieler gezielt ausgeschlossen. Anstatt zumindest zu versuchen, eine DWZ-Lizenz mit dem Turnier zu verknüpfen, gibt es diese Lizenz weiterhin nur hier anstatt an offizieller Stelle.

Weil Compliance-Verstöße beim Schachbund abgeschafft sind, gehen wir einfach mal davon aus, dass es rechtens ist, wenn ein gemeinnütziger Verband wiederholt einem einzigen kommerziellen Anbieter Kunden zuschustert. Doof aussehen tut es trotzdem. Und, wichtiger, so ein Vorgehen lässt die Chance liegen, all die neuen Schachfreunde da draußen einzufangen.

Die neuen Schachfreunde sind mehrheitlich dort, wo sie keine Hürde überwinden müssen, um Schach zu spielen. Wo sie keinen Client herunterladen und keine 4,99 Euro überweisen müssen. Eben dort, wo der französische Schachverband sein Wohltätigkeitsturnier mit 3000 Teilnehmern veranstaltet hat.

Wir haben beim Pressesprecher des Schachbunds gefragt, ob geplant ist, ein Turnier auch auf einem anderen Server als playchess zu veranstalten. Eine Antwort haben wir nicht bekommen.

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