En passant in Berlin? Eher nicht.

Kann sein, dass ab Donnerstag beim großen Bundesligafinale in Berlin Baden-Baden und Hockenheim unter sich ausmachen, wer Deutscher Mannschaftsmeister 2019-21 wird. Kann auch sein, dass noch einer der beiden Verfolger ins Meisterschaftsrennen eingreift. Welcher das sein könnte, Deizisau oder Viernheim, wird sich am Donnerstag ab 17 Uhr entscheiden, wenn diese beiden aufeinandertreffen: Wer verliert, ist definitiv raus.

Tabelle via schachbundesliga.de

Gute Nachricht für Viernheim: Deizisau wird bei diesem wichtigen Kampf wahrscheinlich ohne Top-Scorer Vincent Keymer antreten. Der 16-Jährige hat im Angesicht der Terminüberschneidung entschieden, nicht zugunsten der Schachbundesliga auf das Finale der Challengers Chess Tour zu verzichten. Dort wird er ab Donnerstag im Wettstreit mit sieben der besten Junioren der Welt versuchen, ein Tickt für die kommende Carlsen-Tour der Weltelite zu ergattern. Nebenbei geht es um 40.000 Dollar Preisgeld.

Bild
via chess24

Die acht Erstplatzierten der Challengers Chess Tour spielen jetzt im K.o.-System, bis nach Viertel- und Halbfinale sowie dem Finale am kommenden Sonntag der Gewinner feststeht. Zwei illustre Namen fehlen im Feld: die beiden Inder Gukesh und Nihal Sarin. Zwei andere sind dabei: der Usbeke Nodirbek Abdusattorov teilt sich mit Praggnanandhaa und Vincent Keymer den Status des Top-Favoriten.

Im Viertelfinale trifft Keymer am Freitag ab 16 Uhr auf den Inder Leon Luke Mendonca. Gespielt werden vier Schnellpartien 10+5. Sollte es danach unentschieden stehen, folgen zwei Blitzpartien, danach im Zweifel eine Armageddon-Partie.

Samstag, 16 Uhr, steht das Halbfinale auf dem Programm, Sonntag, 16 Uhr, das Finale. Sollte sich Keymer am Donnerstag gegen Mendonca durchsetzen, würde er sein Halbfinalmatch am Samstag voraussichtlich gegen Praggnandhaa bestreiten, ein neuerliches Aufeinandertreffen dieser beiden, die in den kommenden Jahren wahrscheinlich manchen Strauß ausfechten werden. Zuletzt bei der Hou-Yifan-Challenge setzte sich Keymer durch, die für seinen späteren Turniersieg vorentscheidende Partie:

Der entscheidende Moment, in dem Praggnanandhaa nach langer, zäher Verteidigung doch noch das Endspiel gegen Vincent Keymer entglitt.

Theoretisch könnte Keymer neben dem Finale der Challengers-Tour auch das eine oder andere Bundesliga-Match für seine Deizisauer bestreiten. Er wäre nicht der erste Spieler, der Wettbewerbe am Brett und solche online unter einen Hut bringt, indem er parallel beide bestreitet.

Die Bundesliga spielt ihre Doppelrunden donnerstags bis samstags jeweils ab 10 und 17 Uhr, außerdem am Sonntag ab 10 Uhr. Am Freitag hätte Keymer theoretisch Zeit, eine Bundesliga-Doppelrunde einzuschieben, bevor am Samstag (Weiterkommen vorausgesetzt) das Challengers-Halbfinale ansteht. Ob das nur eine theoretische oder eine praktikable Option ist, wird sich definitiv erst zeigen, wenn sich in Berlin die Mannschaften materialisieren. Die Bundesligisten werden/dürfen ihre ihre Aufstellungen kurzfristig verkünden.

Aus dem Grenke-Schach-Umfeld ist derweil zu hören, mit einem Einsatz Keymers beim großen Bundesligafinale sei nicht zu rechnen. Das Carlsen-Turnier sei eine Riesenchance, die den ganzen Fokus des hoffnungsvollsten deutschen Schachspielers verdiene. En passant Bundesliga spielen? Das gehe nicht.

Im Kampf um die Deutsche Meisterschaft wird viel davon abhängen, wen speziell Baden-Baden und Hockenheim an die Bretter bringen. In den Reihen des Titelverteidigers zum Beispiel wird voraussichtlich der stärkste Mann fehlen: Der WM-Herausforderer 2018 Fabiano Caruana müsste die laufenden US-Meisterschaft unterbrechen, um in Berlin mit von der Partie zu sein. Angesichts eines Elo-Verlusts von mehr als 15 Punkten und des Absackens auf Rang drei der Weltrangliste würde er seine nationale Meisterschaft wahrscheinlich gerne so schnell wie möglich abhaken und vergessen, aber er wird sie kaum abbrechen, in den Flieger steigen und nach Berlin jetten.

Gleichwohl können die Baden-Badener aus einem bemerkenswerten Fundus von Elitegroßmeistern schöpfen. Würden in Berlin die Schachfreunde Anand, MVL oder der Ungar Richard Rapport, seit neuestem Mitglied der Top 10 der Welt, auf Seiten der Baden-Badener Platz nehmen, das wäre keine Überraschung.

Richard Rapport (links, OSG Baden-Baden), seit neuestem Top-10-Spieler, und Alexander Donchenko (SF Deizisau) bei der Bundesliga-Meisterschaftsrunde 2020. Gut möglich, dass sie auch ab Donnerstag in Berlin am Brett sitzen, wenn die Bundesliga die Saison 19-21 beschließt. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Ein erster zentraler Kampf auf der Mission Titelverteidigung erwartet die Baden-Badener gleich zum Auftakt am Donnerstag um 10: Es geht gegen den starken Verfolger Viernheim, angeführt von (wahrscheinlich/womöglich) Shakh Mamedyarov. Der womöglich entscheidende Kampf um den Titel ist in der vorletzten Runde am Samstag ab 17 Uhr angesetzt. Mit Baden-Baden und Hockenheim treffen die beiden nach jetzigem Stand einzigen verlustpunktfreien Teams aufeinander.

Der WM-Herausforderer 2021 wird auf Seiten des Herausforderers aller Voraussicht nach fehlen. Ian Nepomniachtchi, Teil des Hockenheimer Kaders, ist in der fürs Berliner Finale aktualisierten Spielerliste auf der Schachbundesliga-Website nicht aufgeführt:

Die Spitze des Hockenheimer Kaders für Berlin: Der den Hockenheimer Schach-Machern eng verbundene Anatoly Karpov (70) steht dort wahrscheinlich aus repräsentativen Gründen. Dass er zum Hockenheimer Abschied aus der Liga spielt, ist möglich, aber unwahrscheinlich. Überraschend an Position zwei: Mannschaftsführer Blerim Kuci, der nach Spielstärke nicht in die Bundesliga und schon gar nicht ans erste/zweite Brett gehört. Das wird wahrscheinlich auch nicht der Russe Nikita Vitiugov besetzen. Der spielt ja gerade das erste Superfinale in der Geschichte des russischen Schachs, an dem mit Aleksandra Goryachkina eine Frau teilnimmt.

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[…] gewiss nicht senken. Beim großen Bundesligafinale in Berlin wird Keymer aller Voraussicht nach nicht spielen. | Foto: Thorstein Magnusson/Reykjavik […]