Besser am Brett als vor dem Bildschirm: das neue eONE

Mit den ersten Prototypen des eONE hat Thomas Karkosch schon vor mehr als einem Jahr gespielt. „Dann kamen Feintuning und Fehlersuche“, sagt der Millennium-Geschäftsführer. Und das dauerte. Wie aufwändig die Neuentwicklung eines elektronischen Schachbretts, eines eBoards, im Detail ist, lässt sich allein an Karkoschs Ausführungen dazu ablesen, wie die Beschichtung der Unterseite der Figuren entstanden ist.

Damit das elektronische Brett erkennt, ob auf einem Feld eine Figur steht oder nicht, bedarf es eines leitenden Materials – Metall. Also hatten die ersten Figuren eine metallene Unterseite, die einfachste Lösung, denn die Figuren sind am Fuß ohnehin mit einem Metallgewicht beschwert. Aber die einfachste Lösung fiel durch. „Metall kratzt, und es fühlt sich beim Spielen hart an, das haptische Erlebnis war nicht schön.“

Am Bodensee spielen wir mit einem voll funktionstüchtigen Prototypen – der sich in wenigen Details vom eONE, das Ende Januar in den Handel kommt, unterscheidet. Ein Unterschied: die gummierte Unterseite der Prototyp-Figuren repräsentiert den dritten Versuch von Millennium, die ideale Beschichtung zu entwickeln. Es bedurfte eines vierten Versuchs, um das Ideal zu erreichen. | Foto: Perlen vom Bodensee

Es folgte der zweite Versuch: Filz. Damit zu spielen, fühlte sich wunderbar an. Aber die Figuren rutschten, ein No-Go bei einem Brett, das auch für die Reise oder das Spielen auf dem Sofa gedacht ist, Umstände, unter denen es schon einmal wackelt. „Außerdem hat der Filz die Zugerkennung unzuverlässig gemacht.“

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Der dritte Versuch: eine Gummierung über dem Metall. Damit war purzelnden Figuren bei Erschütterungen vorgebeugt, die Figurenerkennung funktionierte wunderbar – aber das Spielen nicht. Figuren zu schleifen, sei unmöglich gewesen, sie hätten wegen des Gummis fast am Brett geklebt, berichtet Karkosch. „Dazu noch der Abrieb des Gummis auf dem Brett.“

Der vierte Versuch: Über dem Metall die Gummierung aus Versuch drei, veredelt mit einer Spezialbeschichtung (woraus genau die besteht, will Karkosch nicht verraten). Heureka! Haptisches Erlebnis sehr gut, Stabilität sehr gut, Leitfähigkeit unbeeinträchtigt, kein Abrieb. Wer sich jetzt das eONE zulegt und die Unterseite der Figuren inspiziert, der findet dort das Ergebnis wochenlangen Tüftelns, das schließlich zu diesem erfolgreichen vierten Versuch führte.

Als Thomas Karkosch im Juni 2020 die Fragen dieser Seite beantwortete, hatte die Entwicklung des eONE schon begonnen.

Die Vermutung liegt nahe, aber das eOne ist kein Resultat der Coronakrise und des Booms des Onlineschachs. Während sich draußen die Pandemie ausbreitete, während drinnen die Menschen nach einer sinnvollen Beschäftigung suchten, liefen in München längst die Planungen fürs neue E-Brett, die Masse der Onlinespieler war längst als Zielgruppe ausgemacht. „Wir hatten lange vor der Pandemie immer wieder gehört, dass Menschen, die online Schach spielen, das haptische Erlebnis fehlt“, sagt Karkosch.

Oder, einfacher: Am Brett macht Schach mehr Spaß als vor dem Bildschirm.

Aus dieser Erkenntnis erwuchs im Hause Millennium der Plan, Onlinespielern ein Brett anzubieten, bevor im Frühjahr 2020 das Onlineschach explodierte. „Diese Entwicklung ist uns natürlich sehr Recht“, sagt Karkosch, zeigt aber auch die Kehrseite der Medaille auf: Steigende Komponentenpreise, Lieferverzögerungen. Die in fast allen produzierenden Branchen beklagten abgerissenen Lieferketten trafen den Münchner Hersteller just in der Phase, als erstmals ein reines eBoard das Schachcomputer-Portfolio erweitern sollte.

Keine Pläne für heute? Wir wäre es mit ein paar Online-Schachpartien auf einem Brett? Das macht den meisten Schachspielern mehr Spaß als Partien am Bildschirm. | Foto: Millennium

Zur Erkenntnis, dass Schach am Brett am meisten Spaß macht, gesellte sich die Einsicht, dass das neue Produkt eine für Millennium neue Zielgruppe erreichen muss – keine Liebhaber mit Schachcomputerfaible, die sich ihr Hobby hohe dreistellige Beträge kosten lassen, sondern tendenziell junge Menschen, gaming- und technikaffin, von denen ein erheblicher Teil neu beim Schach ist.

Diese potenziellen Kunden haben noch nie Geld für Schach ausgegeben. Und so stand am Anfang der Entwicklung eine Vorgabe, die – Komponentenpreise hin, Lieferketten her – unbedingt einzuhalten war: Das Brett darf nicht mehr als 200 Euro kosten. „Wir wollen möglichst viele Leute ansprechen, darum muss die Einstiegshürde niedrig sein“, erklärt Karkosch.

Damit war die potenziell teuerste Komponente schon zu Beginn der Entwicklung keine Option mehr: die automatische Figurenerkennung. Allerdings war die gängigste Alternative auch keine Option: Drucksensortechnik. „Das ist einfach nicht sexy genug für die angepeilte Zielgruppe“, sagt Karkosch. Die Entwickler beschlossen, einen Kompromiss zur echten Figurenerkennung zu entwickeln: Figurenerkennung ja, aber eine, deren Erkenntnis sich darauf beschränkt, ob auf einem Feld eine Figur steht oder nicht.

Erste gewertete Lichess-Partie auf dem eONE.

Um welche Figur es sich handelt, weiß das eONE nicht. Damit trotzdem keine Fehler passieren, ist das eONE mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet, die interpretiert, was der Anwender tut – und im Zweifel eingreift. Die Maschine kennt die Schachregeln, sie vermag blinkend zu protestieren, wenn der Mensch einen regelwidrigen Zug ausführt oder etwas umschmeißt, und sie wird die Partie anstandslos fortsetzen, sobald alles wieder an Ort und Stelle steht. „Eine Herausforderung“ sei das Entwickeln dieser KI gewesen, eine, die sich über Monate zog, bis sichergestellt war, dass das Brett auch in allen Ausnahmesituationen (Unterverwandlung!) tut, was es soll.

Während auch hinsichtlich Design und Bedienelementen viel Entwicklungsarbeit vonnöten war, haben sich auf anderen Feldern die Antworten von selbst ergeben, darunter die Antwort auf die wichtigste Frage: Auf welcher Plattform kann der Benutzer mit dem eONE spielen? Die Entwicklung lief schon, da öffnete Lichess im Zuge der Regium-Affäre die Schnittstelle für Entwickler (API), und eine erste Antwort war gegeben. Wenig später folgte chess.com, seitdem sind die beiden mit Abstand größten Plattformen abgedeckt.

Die Millennium-Geschäftsführer Max Hegener (links) und Thomas Karkosch mit ihrem Baby, dem eONE. | Foto: Millennium

Ob weitere dazukommen (chess24, playchess), hänge alleine von denen ab, sagt Karkosch. „Wir würden uns über jede weitere freuen und sie gerne integrieren.“ Schon jetzt stehe eine ganze Reihe von Softwareanwendungen bereit, um via ChessLink-Protokoll mit dem eONE zu kommunizieren und etwa Schachtraining mit Hilfe der LEDs möglich zu machen. „Wir profitieren davon, dass es unsere API schon seit drei Jahren gibt. Im Lauf der Zeit haben sich immer mehr Communityprojekte ergeben, die unsere API in ihre Entwicklungen einbinden.“

Das eONE kommt nun auf den Markt, und es erfüllt alle Vorgaben, die am Beginn der Entwicklung standen: unter 200 Euro, einfach zu bedienen, alles integriert, zu allen ChessLink-fähigen Anwendungen kompatibel. Bleibt die Frage, was als nächstes kommt. „Auf jeden Fall geht die eBoard-Entwicklung weiter“, sagt Karkosch. Und sie sei jetzt einfacher, weil mit der kompletten Neuentwicklung des eONE die Basis für Nachfolger gelegt sei.

„Es liegt an uns, auf dieser Basis neue Hardware zu produzieren.“ Ein größeres eONE etwa ließe sich jetzt schnell verwirklichen. Aber ob das gebaut werde, hänge davon ab, was die Kunden sich wünschen.

Das Datenblatt des eONE:

M841_eOne_Datenblatt

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Sven Schacht
Sven Schacht
2 Jahre zuvor

Schade, aber das Sponsoring verhindert eine ordentlche, unabhängige Vorstellung des Produkts. Meine Einschätzung fällt nüchtern aus. Ein viel zu kleines Plastikbrett mit dem Charme eines Millennium-Discount-Schachcomputers. Eine lieblose Farbgebung, wenn man bei schwarz und weiß überhaupt davon reden kann. Langweilige rote LED in den Ecken der Felder. Dazu völlig überteuert. Rein garnichts ist von dem genialen Hersteller Hegener+Glaser übrig geblieben.
Das Geschwurbel über die Beschichtung der Unterseite ist Unsinn: Metallplatte und Velours drüber: Fertig.
Positiv: Das Millennium-Logo, welches bei mir Kinderspielzeug assoziiert, ist endlich weg.
Im Artikel wird es angedeutet: Besser auf die Nachfolger warten.

Johannes Schach
Johannes Schach
2 Jahre zuvor

War das jetzt Werbung oder ein Journalistischer Beitrag von perlen? Würde gerne eine richtige Rewiew des boards bekommen

Frank
Frank
2 Jahre zuvor

Ich frage mich wie ich in einem Setup aus eBoard und Lichess die Spielzeit verfolge? Wenn ich dazu ein mobile Device benötige, dann kann ich auch gleich ein herkömmliches Brett verwenden und die Züge dort ausführen!

Dümper
Dümper
2 Jahre zuvor

Der Autor dieser Werbung und auch Millennium haben ganz klar ein Problem damit, die Fedgröße anzugeben. Überall liest man nur, daß das Brett 31,5 x 31,5 cm groß ist. Teilt man das durch acht Felder, kommt man auf 3,9 cm. Tatsächlich hat dieser eOne aber nur eine Feldgröße von 3 cm!!! Das wird nirgendwo gesagt. Das eigentliche Schachbrett ist damit tatsächlich nur 24cm groß und hat 7,5cm Rand, den niemand braucht und wohl nur aus Werbegründen vorhanden ist. 31,5 x 31,5 klingt halt besser als 24 x 24. Der Sockel der Figuren und Bauern ist dazu auch noch viel zu… Weiterlesen »

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[…] GM Huschenbeth und IM Souleidis, mit jeweils mehr als 100.000 Abonnenten die größten deutschsprachigen Schach-YouTuber, spielen ihr vom Münchner Unternehmen gesponsertes Match nicht am Bildschirm, sondern jeweils am elektronischen Brett, dem Einsteigermodell eONE. […]

Matthias Mathofer
Matthias Mathofer
11 Monate zuvor

Ich mag das Brett. Schade nur, dass meine bevorzugte Plattform chess.com bislang nur in der Android-Version der App das ChessLink-Protokoll unterstützt. Und diese Information kann man zwar im Vorfeld finden, aber “offensiv kommuniziert wird dies leider nicht. Es heißt einfach nur, das Board unterstütze lichess und chess.com, was eben nur bedingt richtig ist.

Auch schade, dass chess.com keinerlei Informationen bereitstellt, ob eine Implementierung in der iOS Version geplant ist.

Weiß irgendwer vielleicht mehr darüber?

Christian
Christian
2 Jahre zuvor

Vielen Dank für den tollen Beitrag und die Hintergründe zur Entwicklung. Ich bin 50 und habe mehr als 30 Jahre nicht mehr Schach gespielt. Seit letztem Jahr wieder mehrmals Täglich online über Chess.com. Aber irgendwie ist das komisch und wenn ich Partien auf einem echten Brett nachspiele, fehlt mir die Übersicht – 2D ist eben anders. Daher habe ich mir im Dezember einen Chess Genius Pro gekauft. Tolles Gerät – net ich kann meine Spiele nicht analysieren, was gerade für mich als Anfänger/Wiedereinsteiger ein großes Plus für Onlineplattformen ist. Dann habe ich erste Berichte über das DGT Board Pegasus gelesen… Weiterlesen »