Eine sizilianische Hinrichtung

Ende der 90er-Jahre hatte sich Schachgroßmeister Matthew Sadler bis in die Top 20 der Welt emporgespielt. Und er stand vor einer existenziellen Frage: Schach zum Beruf machen oder nicht?

Matthew Sadler, Schachamateur mit Elo 2694. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Sadler, ein Mittzwanziger damals, fragte sich, wie viel Luft nach oben er beim Schach noch hat. Könnte es ihm gelingen, sich in den Top 10 zu etablieren? „Dann habe ich mir die Namen der Leute angeschaut, die vor mir standen“, berichtet Sadler. Ein Blick auf die Weltrangliste offenbarte ihm dieses: Kasparov, Anand, Kramnik, Shirov, Morozevich, Adams, Gelfand, Ivanchuk….

„Wen von denen soll ich ernsthaft überholen?“, fragte sich Sadler. 1999 beendete er seine Karriere als Schachprofi und heuerte in den Niederlanden beim IT-Konzern Hewlett-Packard an. Heute lebt Sadler als freier IT-Berater in Großbritannien.

Unser Spiel hat ihn nicht losgelassen, vor allem im Kontext des Computerschachs. 2019 hat Großmeister Sadler zusammen mit WIM Natasha Regan das meistbeachtete Schachbuch seit langem geschrieben: „Game Changer“ (deutsch: „Zeitenwende im Schach“) bricht die revolutionären Strategien und Konzepte der Google-Maschine AlphaZero für Menschen herunter.

Wenn Matthew Sadler in diesen Wochen morgens aufwacht, dann beginnt er seinen Tag mit einem Besuch auf dieser Website. Zufällig läuft nämlich gerade das hochklassigste Schachmatch, das es jemals gegeben hat. Im mittlerweile 17. Superfinale der Engine-Weltmeisterschaft TCEC trifft Dauerbrenner Stockfish auf die kleine Schwester von AlphaZero, LeelaZero.

Das hochklassigsten Match jemals

In der Engine-Schachwelt stemmt sich Stockfish weiterhin gegen die oben zitierte Zeitenwende. Nachdem Leela vor knapp einem Jahr das 15. Superfinale gegen Stockfish gewonnen hatte, hieß es, die Tage traditioneller Rechenknechte seien gezählt, sie würden nun von den selbstlernenenden Neuronalen Netzen überholt. Aber in dem Maße, wie in den Monaten danach Leela immer besser wurde, gelang es auch den Stockfish-Machern, ihrer mittlerweile bei Version 11 angekommenen Engine Leistungssprünge zu verordnen. Das 16. Superfinale gewann Stockfish deutlich gegen Leela-Klon AllieStein.

Schach vom anderen Stern: Stockfish kündigt Leela ein Matt in 98 an. Das muss Stockfish allerdings nicht berechnen, es ließ sich aus der 7-Steiner-Endspieldatenbank abrufen.

Im 17. Superfinale trifft Stockfish nun wieder auf Leela. Nach Engine-Elo sind beide etwa gleichauf, nach Stil und Spielverständnis grundverschieden, und das führt zu reihenweise attraktiven, spektakulären Partien. 100 Partien sind zu spielen, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes waren davon 15 absolviert. Leela führt 8:7.

Wer am Ball bleiben will, ohne durchgehend zuzuschauen, der folgt Matthew Sadler auf Twitter. Dort teilt der britische Großmeister seine Begeisterung für dieses Schach vom anderen Stern.

Zeitnot, auch im Engine-Schach ein Faktor.

(Zum komfortablen Nachspielen findest du diese kommentierte Partie in der BodenseeBase.)

Stockfish (3851) – LeelaZero (3840)
TCEC 17, Superfinale, Sizlianisch (Keres-Angriff)

1. e4 c5 2. Nf3 e6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 d6 6. g4

Der Keres-Angriff, dem sich kaum ein Schachmeister freiwillig aussetzt – und wenn, dann nur, um ihn an dieser Stelle mit 6…h6 zu parieren. Weiß ungehindert am Königsflügel rollen zu lassen, gilt heute als zu riskant…

6… a6

…aber das war nicht immer so. In den 1950ern und 60ern, bevor jahrzehntelange Praxis zeigte, wie gefährlich Keres‘ Angriff ist, galt 6…a6 als der Zug. So hat unter anderem Schachfreund Najdorf 1960 gespielt.

Im TCEC-Superfinale repräsentiert 6…a6 die Eröffnungsvorgaben, mit denen die Engines zurechtkommen müssen. Ziel dieser Vorgaben ist, Stellungen im Ungleichgewicht zu kreieren, aus denen möglichst unterhaltsame Partien entstehen sollen. Beide Engines müssen beide Seiten dieser Stellung je ein Mal spielen, insofern bekommen sie auch Varianten gefüttert, die die eine oder andere Seite bevorzugen. In diesem Fall ist das gewählte Abspiel aus schwarzer Sicht minderwertig. Weiß sollte hier schon deutlichen Vorteil haben. Diese Partie bestätigt das, und die folgende mit vertauschten Farben bestätigte es auch. Leela tat sich zwar schwer, aber gewann.

(6… e5 Die „rumänische Variante“ ist mehr oder weniger die einzige Alternative, die neben 6…h6 stehengeblieben ist: Schwarz nimmt sofort das Heft des Handelns in die Hand, bevor Weiß losrollen kann. Allerdings tut der Schwarze das um den Preis der Kontrolle über d5. In der Megabase berichtet Mihail Marin, dieser Zug sei einst das Steckenpferd des rumänischen Großmeisters Mihai Suba gewesen. Seitdem haben sich viele Landsleute Subas dessen Vorliebe zu Eigen gemacht. Bis heute spielt der gebürtige Rumäne Liviu „Beton-Dieter“ Nisipeanu so – mit guten Ergebnissen.)

7. g5 Nfd7 8. a3

Bremst schwarzes Gegenspiel am Damenflügel, bevor Schwarz zu expandieren begonnen hat. Menschliche Meister empfinden diesen Einschub als nicht notwendig, 6.a3 ist schon fast eine Neuerung.

(8. h4 b5 9. Bg2 Bb7 10. f4 b4 Nd5!? 1/2-1/2 (39) Maze,S (2612)-Bauer,C (2636) Nimes 2018)

8… Nc6

(8… b5 9. Be3 Nb6 10. Qg4 N8d7 11. O-O-O Ne5 12. Qh3 Nec4 13. f4 Bd7 14. Bxc4
Nxc4 15. f5 e5 16. Ne6!
1-0 (32) Schenning,A (2007)-Tagsold,C ICCF email 2016)

9. Be3 Nde5 10. Be2 Nxd4 11. Qxd4 Nc6 12. Qd2 Be7 13. h4 b5 14. h5 Qa5 15. h6 g6 16. O-O O-O

Nun hat Stockfish den AlphaZero-Bauern auf h6 eingepflanzt, und das im Lager der AlphaZero-Schwester LeelaZero. Nachdem Stockfish derart den Königsflügel geschlossen hat, landet der weiße König etwas überraschend ebendort. Schwarz steht jetzt schon vor der schwierigen Frage, wann und wo und gegen was eigentlich er jemals Gegenspiel bekommen will.

17. f4 Qc7 18. Rf2 Rb8 19. Raf1 Bd7 20. Bg4 Rbc8 21. Bh3

Feinste Prophylaxe. Auf g4 stand der Läufer exponiert, nach dem geplanten f4-f5 würde ihn Schwarz per …Se5 mit Tempogewinn anrempeln. Also zieht sich der Läufer erst einmal zurück, Weiß hat ja Zeit. Aber jetzt ist alles mobilisiert und ideal aufgestellt, nun könnte es eigentlich losgehen…

21… Qb7 22. Na2

…nicht? Stockfish mit seinen 3851 Engine-Elo wird schon wissen, was er tut. Uns erschließt sich das nun folgende Trio von Zügen am Damenflügel nicht.

(22. f5 mit erheblichem weißen Vorteil sieht nach menschlichem Ermessen wie der logische weiße Zug aus.)

22… a5 23. Nc3 Rb8 24. b4 axb4 25. axb4 Rfc8 26. f5 Ne5 27. fxg6 fxg6 28. Bf4 Rf8 29. Qd4 Qc7

Schwarz hat keine Ziele gefunden, keinerlei Spiel. Er wartet nur auf die Exekution. Und die kommt jetzt. Weiß kann – bei vollem Brett! – die Partie per Figuren-Scheinopfer forciert in ein gewonnenes Bauernendspiel überführen.

(29… Rxf4 30. Rxf4 Bxg5 31. Rf7! Be3+ 32. Qxe3 Nxf7 33. Qf4 und Weiß gewinnt.)

30. Nd5!

Der Kollege, der eben noch nach a2 und zurück gesprungen war, entscheidet die Partie.

30… exd5 31. Bxd7 Qxd7 32. Qxd5+ Nf7 33. Qd4

Jetzt offenbart sich, dass 30.Sd5 ein Scheinopfer war.

33… Bf6 34. Qxf6 Ne5 35. Qg7+ Qxg7 36. hxg7 Rfe8

(36… Kxg7 37. Bxe5+ dxe5 38. Rxf8 Rxf8 39. Rxf8 Kxf8 +- wäre dasselbe für Weiß gewonnene Bauernendspiel.)

37. Bxe5 dxe5

38. Rf8+ Rxf8 39. Rxf8+ Rxf8 40. gxf8=Q+ Kxf8

30.Sd5! führte die Partie schnurstracks in dieses Bauernendspiel, das für Weiß leicht gewonnen ist (Matt in 22!). Schwarz kann kein Gegenspiel mit Hilfe seines h-Bauern aufziehen, weil der schwarze König im Quadrat des b-Bauern bleiben muss. Betritt der schwarze König die g-Linie, folgt sofort c2-c4, und Weiß gewinnt. Bleibt der schwarze König im Quadrat, überführt Weiß seinen König zum Damenflügel, dann c2-c4. und Weiß gewinnt auch.

41. Kf1 Kf7 42. Ke2 Kf8 43. c4 bxc4 44. Kd2 Kg7 45. b5 Kf8 46. b6 Kf7 47. b7 Ke8Kc3 Ke7 49. b8=Q h6 50. gxh6 Kf7 51. h7 g5 52. h8=Q Ke6 53. Qbxe5+ Kd7 1-0

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