Aufsteiger im zweiten Versuch

Das Königsgambit ist nicht totzukriegen. Mehr noch als das, alle paar Monate drängelt es mit Macht ins Scheinwerferlicht. Zuletzt ist das wieder passiert: Erst widmete Daniel King seinen neuesten Fritztrainer dem Königsgambit, wenig später stand beim Magnus Invitational zwischen Magnus Carlsen und Ding Liren, der Nummer eins und drei der Welt, 1.e4 e5 2.f4 auf dem Brett. Jetzt in der Quarantäne-Liga zwei fegte IM Patrick Zelbel mal eben die Nummer 44 der Welt vom Brett – mit dem Königsgambit und aus einem Guss, gekrönt von einem hübschen taktischen Finale. GM Bassem Amin, stärkster Spieler des afrikanischen Kontinents, bekam kein Bein an die Erde.

Patrick Zelbel dürfte zu den führenden Königsgambit-Experten überhaupt zählen, das bekam jetzt Großmeister Bassem Amin zu spüren. Zelbel hat sein Wissen und seine Ideen unlängst in einem Chessemy-Repertoire veröffentlicht: „Killer Königsgambit„.

Zuletzt brach in unserer Kommentarspalte eine kurze Debatte aus, ob die Quarantäne-Bundesliga als Welt-Quarantäne-Bundesliga Sinn ergibt: Manche internationale Spielgemeinschaft mit manchem Meister darin mischt munter mit, und kleine deutsche Vereine haben kaum eine Chance, sich aus der neunten Liga nach ganz oben hochzukämpfen. Andererseits: Ist das in unserem Offline-Spielbetrieb nicht genau so? Die reguläre Bundesliga besteht zu einem wesentlichen Teil aus internationalen Spielgemeinschaften, auf den Aufstiegsrängen der zweiten Ligen sieht das kaum anders aus. Aus eigener Kraft und mit eigenem Personal wird sich der SC Kleinkleckersdorf immer unten einreihen müssen.

Begehrtester Spieler der Quarantäneligen

Aber niemand hält Schachbezirke davon ab, sich zu Spielgemeinschaften zusammenzuschließen und nach Höherem zu streben. Der Schachbezirk Sauerland zum Beispiel glänzt nicht nur mit seiner Öffentlichkeitsarbeit (siehe Ende dieses Beitrags), die Sauerländer sind auch sportlich bestens dabei. Angeführt von Blitz-Spezialist Marc Schulze, gelang ihnen jetzt der Sprung in Liga vier. Selbiges gelang den benachbarten Schachfreunden aus dem Schachbezirk Hochsauerland und denen von der Schachgemeinschaft Enneppe. „Südwestfalen rockt jetzt die vierte Liga“, stellt Sauerland-Kapitän Christian Midderhoff angesichts des Dreifach-Aufstiegs fest.

Dazu kommt, dass niemand derartige Vereine oder Spielgemeinschaften davon abhält, sich für die Quarantäneliga die Dienste eines ihnen freundschaftlich verbundenen Meisterspielers zu sichern. In Reihen der Sauerländer finden wir zum Beispiel GM Thorsten Haub. IM Dirk Schuh aus Bielefeld wurde vor Wochenfrist gar zum begehrtesten Legionär der Liga, als wir ihn an dieser Stelle aufforderten, doch bitte mal für den Brackweder SK aus Bielefeld zu spielen, schließlich wohnt und trainiert er dort.

Offline spielt Dirk Schuh für den Düsseldorfer SK 1914/25 in der zweiten Liga. Online hat er jetzt seinen Brackwedern zum Aufstieg in die vierte Quarantäne-Liga verholfen. | Foto: Georgios Souleidis/Schachbundesliga

Seine Antwort, er spiele für die, die ihn fragen, führte dazu, dass in den Sozialen Medien ein Verein nach dem anderen um Schuhs Dienste buhlte. Wir stellen zufrieden fest, dass er sich jetzt zumindest für einen Spieltag dem 16-Mann-Team aus Brackwede angeschlossen und zum dritten Aufstieg in Folge beigetragen hat – noch ein westfälisches Team, das jetzt die vierte Liga rockt.

Spricht hier jemand Spanisch? Der Schreiber dieser Zeilen jedenfalls nicht, darum hat er auf maschinelle Hilfe gesetzt, um zu entschlüsseln, wofür der Name des Teams steht, das jetzt die erste Liga gewonnen hat.

Huch.

Wir haben an der Stelle nicht weiter nachgeforscht, aber immerhin herausgefunden, dass es sich um ein galizisches Team handelt. Dank der Hilfe des Hamburger Teamkapitäns Andreas Albers offenbarten sich uns sogar einige Namen (der einzige GM im Team wollte seinen nicht sagen):

IM Julio Suárez
IM Roi Reinaldo
FM Pablo Borrego
FM Antonio Pazos
FM Jesus Lúpez Rivera
FM Alberto Portela
FM Lucas Abal
FM Alejandro Domingo
FM Rubén Domingo

Für Erstligaverhältnisse in der Breite enorm stark besetzt, ähnlich wie die nigerianischen Prinzen übrigens, die zu einem erheblichen Teil deutsche Spieler in ihren Reihen haben, die einstige U16-Weltmeisterin Annmarie Mütsch zum Beispiel oder manchen Vertreter der Talentschmiede der Schachfreunde Brackel.

Lichess-Neuling Daniel Fridman

Beste deutsche Mannschaft wurde der altehrwürdige Hamburger SK, der nach GM Nils Grandelius nun mit GM Sune Berg Hansen einen weiteren Nordmann aus dem Bundesliga-Team für die Quarantäneligen gewinnen konnte. Dazu GM Rasmus Svane, der dieses Mal gar eine 2900-Performance hinlegte – ob es am Sonntag für den Titel reicht? Nominell sieht es allemal von Spieltag zu Spieltag besser aus.

Punktgleich mit dem KSK Dr. Lasker beendete Bundesligist Mülheim-Nord die zweite Liga. Vor den Lakseranern landeten die Mülheimer dank des besten Enzelspielers. Hinter dem Lichess-Namen „ledinavelosipede“ („Frau auf dem Fahrrad“) verbirgt sich der deutsche Nationalspieler Daniel Fridman, der sich gerade erst auf Lichess angemeldet hat.

Zuletzt hatten wir voreilig gemeldet, mit dem SV Mülheim-Nord sei nach den Hamburgern nun der zweite Offline-Bundesligist in die erste Quarantäneliga aufgestiegen. Das war voreilig. Weil sich durch einen Cheating-Fall Auf- und Abstiege ein wenig verschoben hatten, waren die Mülheimer doch in Liga zwei geblieben. Aber das hat sich nun geändert. Die Mülheimer haben einen zweiten Anlauf genommen, wieder mit dem Lichess-Neuling Daniel Fridman im Team, und dieses Mal hat es geklappt. Am Sonntag spielt Mühlheim auch online erste Liga.

Dem Namen nach war Daniel King prädestiniert für eine Veröffentlichung über das Königsgambit. Eine solche hat er jetzt mit fast sechs Stunden Videospielzeit vorgelegt.
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